Chile und die Abtreibung – Wie der Kurs von Papst Franziskus die Stimme der Kirche schwächt

Erzbischof Kardinal Ezzati, Primas von Chile, und der ehemalige Abgeordnete Saffirio, der aus Protest die christdemokratische Partei verlassen hat.
Erzbischof Kardinal Ezzati, Primas von Chile, und der ehemalige Abgeordnete Saffirio, der aus Protest die christdemokratische Partei verlassen hat.

(Rom) In Chile drängt die sozialistische Staatspräsidentin Michelle Bachelet das Parlament zur Legalisierung der Abtreibung. Chile ist eines der wenigen Länder, in denen das Lebensrecht ungeborener Kinder noch gilt. Der Abtreibungslobby ist der weiße Fleck auf der Landkarte hingegen ein Dorn im Auge. Die Abtreibungsdebatte ist in vollem Gange, doch Papst Franziskus schwächt die Stimme der Kirche.

Abtreibungsideologin als Staatspräsidentin

Michelle Bachelet ist die Tochter des Brigadegenerals Alberto Bachelet. Ihr Vater war Sozialist, Freimaurer der Großloge von Chile und Mitglied der Volksfrontregierung von Salvador Allende. Beim Allendes Sturz wurde er verhaftet, während die Tochter in die DDR flüchtete.

Michelle Bachelet
Michelle Bachelet

Bachelet war bereits von 2006–2010 Staatspräsidentin. Zwischen ihren beiden Amtszeiten wurde sie von ihren politischen Freunden, allen voran dem damalige US-Präsidenten Barack Obama, zur ersten Leiterin von UN Women bestellt. Mit der damals neugegründeten UNO-Frauenagentur bekam die Abtreibungslobby ein weiteres UNO-Instrument zur weltweiten Durchsetzung der Tötung ungeborener Kinder in die Hand. Bachelet, selbst überzeugte Abtreibungsideologin, hatte im Präsidentschaftswahlkampf 2013 die Einführung der Abtreibung in ihrem Wahlprogramm stehen.

Im Januar 2018 wird Papst Franziskus das lateinamerikanische Land besuchen. Zahlreiche katholische Parlamentsabgeordnete und viele junge Katholiken haben sich in Appellen an ihn mit der Bitte gewandt, mit Blick auf die aktuelle Debatte und auch im Rahmen seines Chile-Besuches die Tötung ungeborener Kinder zu verurteilen. Nun kam eine erste kalte Dusche, und das überraschenderweise vom Primas von Chile, Kardinal Ricardo Ezzati.

Papst besucht Chile „pastoral“ und „nicht politisch“

Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) verurteilt die Abtreibung als „moralisch verwerflich“ und nennt sie ein „schweres Vergehen gegen das sittliche Gesetz“.

„Abtreibung und Tötung des Kindes sind verabscheuungswürdige Verbrechen.“

Kardinal Ezzati
Kardinal Ezzati

Der Katechismus erklärt zudem, daß „diese Lehre“ der Kirche „unveränderlich“ ist. Jede „formelle Mitwirkung“ an einer Abtreibung, dazu gehört auch ihre Unterstützung durch Politiker, gilt als „schweres Vergehen“, das automatisch zur Kirchenstrafe der Exkommunikation führt.

Der Katechismus betont daher, daß es sich bei der Abtreibung nicht um eine politische, sondern um eine moralische Frage handelt. Das genaue Gegenteil behauptete nun aber der Erzbischof von Santiago de Chile.

Kardinal Ezzati antwortete den Parlamentsabgeordneten und den jungen Katholiken, daß der Papstbesuch im kommenden Januar „ein pastoraler Besuch“ sei und „kein politischer“. „Als wäre die Tötung ungeborener Kinder im Mutterleib irgendein politisches Scharmützel und nicht ein schwerwiegendes Verbrechen, dem entschieden entgegengetreten werden muß“, so Mauro Faverzani in der Corrispondenza Romana.

Politik ist für Franziskus nicht gleich Politik

Die Abgeordneten und die jungen Katholiken hatten sich eine Unterstützung aus Rom erwartet. Wenn sie stattdessen eine Antwort vom Primas von Chile erhalten, signalisiert das, daß Papst Franziskus seinen Chile-Besuch nicht mit der Abtreibungsdebatte in Zusammenhang bringen will. Es ist auch ein Signal, daß der Papst, wie schon in der Vergangenheit, zum Thema Kindermord in der aktuellen chilenischen Auseinandersetzung schweigen will.

Der Philosoph und ehemalige italienische Senatspräsident Marcello Pera warf Franziskus vor wenigen Tagen vor, seit seinem Amtsantritt „nur Politik gemacht“ zu haben. Um so befremdlicher wirkt die Begründung von Kardinal Ezzati, daß der Papst nicht nach Chile komme, um Politik zu machen. Bereits in der Vergangenheit zeigte sich beim argentinischen Papst ein seltsames Politikverständnis: Wenn der Papst zu einem Thema nicht Stellung nehmen will, heißt es, das sei „Politik“. Wenn der Papst aber zu hochpolitischen Themen zu Wort meldet und sich zum Teil sogar massiv in die Politik einmischt, sind keine „Politik“, sondern „moralische Fragen“.

Gemäß dieser Logik ist nicht klar, warum die schrankenlose Einwanderung in die westliche Welt, die Franziskus mit Nachdruck fordert, kein politisches, sondern ein moralisches Thema ist, weshalb der Papst dazu Stellung nehmen könne und müsse, die Abtreibung aber offenbar ein politisches und kein moralisches Thema sei, weshalb man sich nicht einzumischen habe.

Kein Konflikt mit der politischen Linken

Die Stellungnahme von Kardinal Ezzati, mit der er den notwendigen katholischen Widerstand abblockte, geht offenbar auf eine entsprechende Weisung Roms zurück. Dieser einseitige Umgang mit der Politik wurde von Franziskus bereits als Erzbischof von Buenos Aires praktiziert. Mit seiner Wahl zum Papst hat er ihn der Weltkirche übergestülpt. Wann immer zu einer gesellschaftspolitischen und damit häufig eminent moralischen Frage ein Konflikt mit der politischen Linken droht, verzichtet Franziskus darauf, die katholische Position zu verdeutlichen. Nicht nur das: Er drängt die katholischen Kräfte ebenfalls zu schweigen. So hielt er es, als die argentinische Linksregierung die „Homo-Ehe“ legalisierte. Dieselbe kalte Schulter bekamen die zwei Millionen Italiener zu spüren, die gegen die Regierungsvorlage zur Einführung der „Homo-Ehe“ und der Gender-Ideologie an den Schulen auf die Straße gingen. Für die Vorsitzende von Manif pour tous, jener französischen Bürgerrechtsbewegung, die ebenfalls Millionen Franzosen gegen die sozialistische Regierungspolitik gegen die Ehe mobilisiert hatte, fand Papst Franziskus mit großer zeitlicher Distanz gerade einmal wenige Minuten Zeit, und das nicht im Rahmen einer offiziellen oder privaten Audienz, sondern nur am Rande der morgendlichen Messe in Santa Marta.

Diese unverständlich Haltung scheint nur dann einen Sinn zu ergeben, wenn man davon ausgeht, daß für ihn eine offenbar angestrebte Allianz oder zumindest ein Burgfrieden mit der meist kirchenfernen, häufig sogar kirchenfeindlichen Linken wichtiger ist. Das setzt wieder voraus, so scheint man schließen zu müssen, daß für die soziale Frage wichtiger ist als die moralische, ganz nach dem effekthaschenden Spruch von Bertold Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!“ Der Satz mag für Kommunisten taugen, katholisch ist er jedenfalls nicht.

Widersprüchlichkeit Ezzatis schwächt Position der Kirche

Die Begründung von Kardinal Ezzati steht in einem so offensichtlichen Widerspruch zum Katechismus, daß dies von Carlos Peña, einem überzeugten Atheisten und Vertreter der politischen Linken, Professor des Zivilrechts und der Rechtsphilosophie an der Privatuniversität Diego Portales, in seiner Kolumne in der Tageszeitung El Mercurio herausgestrichen wurde.

Die schwache Reaktion des Kardinals auf die peinliche Bloßstellung erlaubte Peña einen weiteren Angriff gegen die Kirche und ihre Rolle im gesellschaftspolitischen Ringen. Andere Kolumnisten bemühten sich, den Kardinal aus dem Schlamassel zu retten, in das ihn seine „Treue“ zum Kurs von Papst Franziskus gebracht hatte, konnten damit aber nicht überzeugen.

Das päpstliche Schweigen zum Massenmord an den ungeborenen Kindern, der bisher von Chile ferngehalten werden konnte, kompromittiert die katholische Kirche des Landes. Die unglückliche Wortmeldung von Kardinal Ezzati hat sie zur Genugtuung der Kirchengegner und der Abtreibungsbefürworter weiter geschwächt. „Die schlechte Figur des Kardinals, machte beachtlichen Eindruck auf die öffentliche Meinung, die den Kardinal in die Ecke getrieben erlebte, indem er in flagranti bei einem Widerspruch zum Lehramt der Kirche ertappt wurde“, so Faverzani.

SENAME-Skandal

Sename
Sename

Weiteres Benzin wurde durch einen Skandal von sexuellem Mißbrauch von Kindern ins Feuer geschüttet. Dieser betrifft in erster Linie den Staat, nämlich den nationalen Kinderdienst SENAME. Die Vorwürfe sind enorm. Es gäbe 1.303 ungeklärte Todesfälle von Kindern, die sich in der Obhut der SENAME befanden. Nur an 80 von ihnen sei eine Autopsie durchgeführt worden. Die Mitte-links-Regierung von Michelle Bachelet lehnte den Bericht der eingesetzten Untersuchungskommission ab. Darauf erklärte der ehemalige christdemokratische Abgeordnete René Saffirio, der die Untersuchung ins Rollen gebracht hatte, aus Protest den Austritt aus seiner Partei. Die Christdemokraten, die traditionell der kirchlichen Hierarchie besonders nahestehen, sichern – wie bereits zur Zeit Allendes – durch ein Bündnis der politischen Linken die Macht. Saffirio wirft dem Partido Demócrata Cristiano (PDC) vor, die Untersuchungskommission behindert zu haben.

Die Kirche wird indirekt vom SENAME-Skandal getroffen, weil sich rund 45 Prozent der vom staatlichen SENAME finanzierten Kindereinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft befinden. Kardinal Ezzati tat bisher Anfragen mit knappen Wortmeldungen ab: „Ich bin nicht der Aufpasser anderer“; „Die Sache entzieht sich meiner Verantwortung“; er wisse „persönlich“ nichts davon.

Der Skandal ist nun erneut in der Öffentlichkeit explodiert, und es werden Verantwortlichkeiten zu klären sein. Mit saloppen Sätzen wird Kardinal Ezzati die Sache nicht mehr abtun können. Vielmehr muß eine Aufklärung im Interesse der Kirche sein, um mögliche Verdachtsmomente ausschließen zu können.

Der Erzbischof, Primas und Kardinal steht wegen einer weiteren Sache im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Eine chilenische Familie beschuldigt ihn und das Erzbistum, sich widerrechtlich 201 Millionen Dollar aus einer Stiftung angeeignet zu haben. Der vor Gericht anhängige Streit geht bereits auf das Jahr 2013 zurück, als die Witwe von Juan Undurraga gegen den Erzbischof und das Erzbistum klagte. Ihr Mann, ein Unternehmer, hatte nach dem Verkauf seiner Unternehmensanteile  mit einem Teil seines Vermögens in enger Verbindung mit dem Erzbistum eine Stiftung gegründet. Nach dem Tod ihres Mannes möchte die Witwe das Geld aus der Stiftung zurückhaben. Das Erzbistum erklärte, daß dies nicht im Sinne des Stifter sei und „alles in völliger Transparenz“ abgewickelt wurde. Die lange Dauer des Verfahrens spricht, nach Meinung chilenischer Beobachter, eher für die These des Erzbistums. Die Richter haben aber noch nicht entschieden, und solange kein Urteil vorliegt, schadet der Fall dem Ansehen des Erzbischofs.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana/Wikipedia/InfoVaticana/Sename (Screenshots)

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2 Kommentare

  1. Immer nur reden und schreiben, aber nie handeln – soll das etwa christlich bzw. katholisch sein?

    „Jede „formelle Mitwirkung“ an einer Abtreibung, dazu gehört auch ihre Unterstützung durch Politiker, gilt als „schweres Vergehen“, das automatisch zur Kirchenstrafe der Exkommunikation führt.“, so der Katechismus.

    Werfen wir einen Blick in den Bundesstag mit seinen derzeit 630 Volksvertretern, von denen nicht wenige katholisch sind.

    Noch nie hat man gehört oder gelesen, daß einer von denen, der dort grauenvolle und gemeinwohlschädliche Dinge wie u.a. den als medizinischen Schwangerschaftsabbruch beschönigten Massenmord an Ungeborenen, die sog. Ehe für alle usw. usf. gutgeheißen hat, exkommuniziert wurde mit allen Konsequenzen.

    Im Gegenteil: Man muß immer wieder erleben, daß solche Politiker im Kirchenchor singen, sich selbst lobend in kirchlichen Zeitschriften darstellen können, von Bischöfen, Kardinälen und Päpsten herzlich empfangen und gelobt werden usw. Oder daß sie wie im Fall der CSD-Schirmherrin A. Schavan zur Vatikanbotschafterin ernannt werden.

    Da kann man nur noch S. Kierkegaard zustimmen, der feststellte: „Das Christentum ist doch gar nicht da!“

    • Barmherzigkeit über alles. Warum denn noch zur Beichte gehen? Es gibt doch keine Sünde! Es findet sich kaum noch ein katholischer Pfarrer der offen diese Fehlentwicklungen anprangert. Ganz zu schweigen von den Bischöfen. Es wird alles immer noch beliebiger.

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