Der Maler Raffael und der Reformator Luther – Eine Gegenüberstellung

Eine Gegenüberstellung des Malers Raffael und des Reformator Luther. Raffaels "Der Disput über das Sakrament" (Stanza della Segnatura, Vatikan).
Eine Gegenüberstellung des Malers Raffael und des Reformator Luther. Raffaels "Der Disput über das Sakrament" (Stanza della Segnatura, Vatikan).

Eine Gegenüberstellung nach einer Ausarbeitung von Jean-Blaise Fellay SJ.

Von Hubert Hecker

Raffaello Sanzio und Martin Luther waren Zeitgenossen. Beide wurden im Jahre 1483 geboren. Der Maler Raffael war der Frühreife. Bereits mit 17 Jahren wurde der Sohn eines Malers als Meister zugelassen. Sein erster größerer Auftrag bestand in der Fertigung eines Altarbilds, das den heiligen Nikolaus von Talentino darstellte. Das war der Patron der Augustiner-Eremiten, des Ordens von Martin Luther.

Nach Arbeiten in Perugia wechselte Raffael im Jahr 1504 nach Florenz ins Atelier von Leonardo da Vinci über. Von dort rief Papst Julius II. (+1513) den herausragenden Künstler 1508 nach Rom. Der Vorgänger Sixtus IV. hatte für die Ausmalung der nach ihm benannten Kapelle Michelangelo beauftragt. Julius betraute den damals 25jährigen Raffael mit der Ausmalung seiner Privat- und Amtsgemächer, beginnend mit der Stanza della Segnatura. Das war das Amtszimmer zur Signatur von päpstlichen Schreiben, ursprünglich aber wohl der Bibliotheksraum des Papstes.

In enger Abstimmung mit Julius II. und seinem Nachfolger Leo X. konzipierte Raffael in seinen Wandfresken ein wohldurchdachtes Programm. In den Darstellungen von theologischen und philosophischen Themen, den Künsten, dem Recht und moralisch relevanten Themen ließ er ästhetisch eine Summe des spätmittelalterlichen christlichen Humanismus’ erstehen. Diese Inhalte sollte Luther später bekämpfen und verdammen.

Christlicher Humanismus, bekämpft von der lutherischen Gegenformation

Bei Raffaels Themen-Programm zur kirchlich-theologischen Spiritualität zum Beispiel setzte er die kirchliche und paulinische Sicht von den göttlichen Tugenden ins Bild, also Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Formel des von Liebe geformten und vollendeten Glauben fasst die damalige Lehrtradition der Kirche zusammen, die später im Konzil von Trient in dem Begriff fides caritate formata kanonisiert wurde. Auch diese biblisch-theologische Basisaussage feindete Luther mit seiner Reduktion auf die Sola-fide-Lehre erbittert an.

Jean-Blaise Fellay SJ, der Schweizer Autor des Aufsatzes: „Der Maler Raffael und der Reformator Luther“ in Stimmen der Zeit (1/2017) kommt in diesem Zusammenhang zu einer interessanten Einschätzung: Wenn man sich die  Prinzipien der Stanza-Ausmalung vor Augen führe, dann sei das lutherische Programm eine „Gegenreformation“ zur römischen Theologie seiner Zeit. Anders gesagt, setze Luther den „augustinischen Fundamentalismus gegen den christlichen Humanismus“, der seit dem 13. Jahrhundert von Italien aus die Kultur Europas entscheidend beeinflusste.

Raffael Sanzio war seit seiner Kindheit mit dem italienischen Humanismus vertraut. Sein Vater gehörte zu einer Gruppe von Künstlern und Intellektuellen am Palast des Herzogs von Urbino, eines humanistischen Mäzens, der sich für antike Schriften und Architektur begeisterte. Mittelpunkt des Palastes war die mit Bildern ausgeschmückte Bibliothek. Die Liebe zu ausgewogener Schönheit charakterisierte die vom Herzog von Urbino geförderte Künstlerschule.

Das Schöne als Abglanz des Guten und Wahren

Die künstlerische Blüte der Maler des italienischen Humanismus’ war eng verbunden mit der Transzendentalien-Lehre der klassischen Philosophie: Aufbauend auf den Ideen von Platon und Aristoteles, verweisen die Prinzipien des Wahren und Vollkommenen sowie der Schönheit als deren Abglanz auf das Göttliche, in dem sie ihren Ursprung und ihre Vollendung haben. In Abgrenzung von der katharischen These zu der Verderbtheit alles Geschöpflichen bestärkte die scholastische Theologie die kirchliche Lehre von der guten Schöpfung Gottes: Alles geschaffene Seiende partizipiert am vollkommenen Sein Gottes, insbesondere der Mensch als Ebenbild des Schöpfers. Zwar ist diese Teilhabe nur mit der Einschränkung verwirklicht, nach der die Transzendental-Kategorien für die Menschenwelt analog gelten, also der analogia entis. Gleichwohl zeigen sich in den Schöpfungswerken die Spuren Gottes als Anlage zum Guten und Schönen. Da die menschliche Natur durch die Erbsünde geschwächt ist, braucht sie allerdings die göttlichen Gnadengaben, damit der Mensch seine Bestimmung zum Guten verwirklichen kann.

Die sixtinische Madonna
Die sixtinische Madonna

Maria, frei von der Erbsünde, „voll der Gnade“, steht im Urstand der „guten Schöpfung“ und wird daher als „Schönste von allen“ gepriesen. Diese theologische Aussage hat Raffael 1512/13 kongenial ins Bild gesetzt.

Diese scholastisch-kirchliche Lehre wurde insbesondere von dem Renaissance-Philosophen Giovanni Pico – genannt nach dem Herkunftsort seiner Familie della Mirandola – für die humanistische Philosophie des Quattrocento fruchtbar gemacht. Die Päpste Julius II. und Leo X., dem Sohn von Lorenzo di Medici, bezogen sich auf ihn und inspirierten damit Raffael.

Die humanistische Philosophie des Pico della Mirandola

Der Gelehrte hatte sich in seiner ersten Studienphase mit den alten Sprachen sowie mit griechischen, jüdischer und arabischer Philosophie beschäftigt. So wie er selbst Platon aus der Perspektive von Aristoteles interpretierte, so wollte er verschiedene philosophische Strömungen zusammenführen. Darüber hinaus sah er in vielen Philosophien die adventlichen Vor-Boten des Christentums bzw. ihre Kernaussage im Christentum enthalten.

Diesen Ansatz setzte Raffael in dem bekannten Stanzen-Fresko „Die Schule von Athen“ ins Bild. Um die beiden Großphilosophen Platon und Aristoteles im Bildzentrum sind Sokrates, Demokrit, Heraklit (mit dem Gesicht von Michelangelo), Epikur, Diogenes und der arabische Aristoteles-Kommentator Averroes versammelt. Raffael selbst hat sich in einer Gruppe von Astronomen, Geografen und Geometern wie Euklid (mit den Zügen von Bramante) dargestellt. Als Bildaussage einschließlich der Aktualisierungen ist zu deuten: Die Weisheitslehrer, Wissenschaftler und Künstler erkannten und erkennen immer besser die Gesetze und Gegenstände der Welt – und damit im Geschaffenen die Macht des Schöpfers. Ausdrücklich fordert die Philosophiegestalt an der Saaldecke die Suche nach den Ursachen – um sich der Erstursache, Gott, anzunähern.

Die Schule von Athen, gemalt von Raffael 1510/11
Die Schule von Athen, gemalt von Raffael 1510/11

Pico della Mirandola hatte weitverzweigte Forschungen angestellt. Über seine Sprachstudien in Griechisch, Hebräisch, Aramäisch und Arabisch suchte er das Beste in den Kulturen der Griechen, Ägypter, Juden, Chaldäer und Arabern sowie aus den Schriften der Kirchenvätern und Scholastikern. In einer Zusammenfassung von ‚Neunhundert Thesen“, 1486 publiziert, versuchte er eine große Synthese herauszuarbeiten, die im Christentum gipfelt. Seine „Conclusiones“ wollte er auf einem europäischen Kongress mit den damaligen Gelehrten erörtern. Sein Ziel war dabei, zur weltweiten Verständigung und zum Frieden beizutragen. Dieses Anliegen führte der Humanist Erasmus von Rotterdam weiter.

Wenn auch Pico mit teilweise synkretistischen Tendenzen über sein Ziel hinausschoss, so bleibt sein Verdienst: Ausgehend von dem Pauluswort: „Prüfet alles, das Gute behaltet“ (1 Thess 5,21) und in der Tradition der Kirchenväter und Scholastiker suchte er das Weltwissen seiner Zeit prüfend zu sichten und für die Verständigung der Völker fruchtbar zu machen.

Der Maler Raffael nahm diese Logik auf, die schon in der „Schule von Athen“ zum Ausdruck kam. In anderen Fresken stellt er die Künste dar (Musik und Poesie), das Recht (weltliches und Kirchenrecht) sowie die Tugenden (die theologischen und Kardinaltugenden).

Gegenüber diesem weiten Horizont eines christlich-humanistischen Studienprogramms zeigt sich Luthers Ansatz eher als ein Tunnelblick. Sowohl für die Scholastik wie auch bei den meisten Kirchenvätern lehnte er die oben erwähnte Methode ab, aus dem Wissens- und Kulturschatz der Antike das Beste zu übernehmen.

Luthers Tunnelblick auf Kultur und Geschichte

Die frühe Kirche hatte ihre gesamte Glaubensdogmatik in Denkformen der griechischen Philosophie ausgedrückt. Von den Römern übernahm und erweiterte sie das hochentwickelte Rechts- und Verwaltungssystem. Die Kirche war nach dem Zusammenbruch des römischen Weltreiches die einzige Vermittlungsinstitution, die dessen Überlieferungen sichtete, verwandelte und tradierte. In diesem Sinne wurde Europa auf den geistig-rechtlichen Fundamenten der Antike aufgebaut.

Indem Luther die kirchlichen und weltlichen Traditionslinien der europäischen Geschichte abschneiden wollte sowie die damals aktuelle europaweite Kultur von Renaissance und Humanismus ablehnte, verfolgte der Reformator ein zutiefst antieuropäisches Programm, wie Thomas Mann feststellte.

Auch in seinem anthropologischen Denken entfernte sich Luther von der in der Antike gegründeten christlichen Tradition. Seine Lehren von der totalen Verderbtheit der menschlichen Natur durch die Erbsünde, die daraus folgende Behauptung von der menschlichen Unfähigkeit zu irgendwelchen guten Taten sowie die Bestreitung von Willens- und Entscheidungsfreiheit des Menschen hatten weder in der Bibel noch in der christlichen Tradition eine Basis. Das war lutherischer Denk-Extremismus, der aus seiner theologischen Engführung in Fixierung auf die Sola-gratia-These folgte.

Picos Werte-Programm für die europäische Zivilisation

Anknüpfend an die scholastische Lehre vom freien Willen, legte Pico della Mirandola eine Schrift „über die Würde des Menschen“ vor. Sie gilt als Programmschrift der Renaissance, in der die Prinzipien einer neuzeitlichen humanistischen Anthropologie verkündet werden: Der Mensch ist von Gott als „das nicht festgelegte“ Wesen frei in die Mitte der Welt gestellt. Seine Sonderstellung in der Schöpfung, seine Würde besteht darin, ein Ebenbild Gottes zu sein. Neu war Picos Gedanke, dass die Würde und Ebenbildlichkeit nicht nur in der menschlichen Ratio besteht. Sondern von Natur aus könne der Mensch im freien Willen seine Vernunft gebrauchen und damit über sein Leben selbst verfügen sowie seine Umwelt gestalten. Dieser Grundsatz schließt die möglichen Entscheidungen ein, zum Verbrecher und Tier zu entarten oder zum Aufstieg zur engelhaften Vollkommenheit zu gelangen.

Mit der Würde des Menschen, die sich insbesondere in seiner freien Selbstverfügung verwirklicht, also als „Freiheit der Person“ (vgl. GG Art. 2,2), formulierte der italienische Humanist vor 500 Jahren das anthropologische Grundprinzip der christlich geprägten westlichen Zivilisation. Erasmus von Rotterdam bestätigte dreißig Jahre später diesen humanistischen Ansatz, der auch in der Scholastik seine Wurzeln hatte. Luthers pessimistische Anthropologie als negativer Sündendeterminismus erwies sich dagegen als religionsideologische Sackgasse.

Handeln und Verwandeln

Den freien Willen als inneres Entscheidungszentrum kann ein Maler nicht darstellen. Aber aus der Freiheit der Person und ihren Entscheidungen folgen Handlungen. Diesen Prozess malte Raffael aus – an geschichtlichen, biblischen und kirchlichen Gestalten. Er stellte die Bekehrung des Kaisers Konstantin zum Christentum dar, das Einschreiten des heiligen Leo gegen Attila, die Krönung Karls des Großen, den Abwehrkampf in Italien gegen die muslimischen Sarazenen.

Gewissermaßen in Detail-Ansichten schildert der geniale Meister, wie sich die göttlich-geistliche Inspiration  in den Personen durch eine innere Umwandlung auswirkt. Wiederum steht ein antikes Thema am Anfang: Im Fresko von Parnass spielt Apollo, umgeben von den Musen, Dichtern und Musikern, eine überwältigende Musik. Homer, Vergil, Horaz, aber auch Dante werden von dieser himmlischen Musik berührt, um daraus schöpferische Kräfte zu entwickeln. In der „Ekstase der heiligen Cäcilia“ zeigt Raffael, wie die Patronin der Musiker durch das Hören der Musik der Engel in eine innere Bewegung und Entzückung verfällt, die sie verwandelt. In dem Gemälde von  der „Befreiung des heiligen Petrus“ wird eine ähnlich innere Bewegtheit bildlich ausgedrückt.

Göttliche Gnade und menschliche Mitwirkung

Luther behauptete mit seiner Sola-gratia-These, zum Heil der Menschen könne nur Gott wirken, der Mensch sei ausschließlich ein passiv Empfangender. Dagegen lehrt die Kirche seit frühchristlichen Zeiten, dass die Gnade den Christen verwandelt und befähigt zur Mitwirkung an seinem Heil. Darüber hinaus können die verschiedenen Kräfte, Charismen und Fähigkeiten des Menschen beitragen zu seiner Heiligung. Dem entspricht die katholische Lehre des Zusammenwirkens von Natur und Gnade. Luther dagegen reduzierte heilswirksame menschliche Aktivität allein auf den Glaubensakt. Dadurch werde der Mensch von Gott forensisch begnadigt (nicht begnadet) durch Zudecken der Sünde. Jedenfalls bleibt die von Luther behauptete Unfähigkeit zu guten Werken immer bestehen. Die Christus-Weisung: „Seid vollkommen, wie auch der Vater vollkommen ist“ (Mt 5,48) ist nach Luthers Lehre unerfüllbar und sinnlos, das Streben nach Heiligung und Vollkommenheit verteufelte er sogar als verderblich.

Pico della Mirandola fasst den Weg der Christen zur Heiligung als dreistufigen Prozess: Die Wissenschaften tragen zur Reinigung (purgatio) bei – etwa durch Moralphilosophie zur Bändigung der Leidenschaften oder Logik zum rechten Gebrauch der Vernunft. Die Erforschung und Erkenntnisse der Natur bringen die Erleuchtung (illuminatio), im Geschaffenen die Macht des Schöpfers zu erkennen. Zur Vollendung (perfectio) führen Theologie und Religion/Kirche. Sie leiten den Menschen an, sich mit allen Kräften um die Erkenntnis Gottes und seines Heilswirkens zu bemühen, um seine Heiligung zu vollenden.

Die Theologie von Kardinal Josef Ratzinger / Papst Benedikt XVI. kann man als Anknüpfung an die Tradition dieser theologischen Denkschule verstehen – wenn auch mit anderen Akzenten. Laut Peter Seewald zeigte Papst Benedikt XVI. insbesondere in seiner Regensburger Rede auf, „dass Religion und Wissenschaft, Glaube und Vernunft keine Gegensätze sein dürfen“ (Die Tagespost, 15. 4. 2017).

Das Altarssakrament als Mitte der Kirche Christi

Analog zu Picos christlichem Humanismus wird in dem Freskenzyklus der Stanzen ein Zusammenwirken von Philosophie und Theologie, den Künsten und dem Recht sowie den Tugenden dargestellt. Die menschlichen Kräfte und Talente, die Vertreter aller Professionen und der Kirche wirken vereint zur Ehre Gottes und für die Heiligung der Menschen.

In der Stanza „Disput des Altarsakraments“ geht es um die Verherrlichung des Altarsakraments, Bindeglied zwischen Himmel und Erde. Bildlich in der Mitte des Himmels thront Christus, der Auferstandene, ihm zur Seite seine Mutter und Johannes der Täufer; im weiteren Kreis die Hauptzeugen des Alten und Neuen Bundes. Der dreieine Gott ist nicht in sich abgeschlossen. Der Vater wirkt durch den Sohn und den Hl. Geist auf die Erde hin – durch die vier von Engeln gehaltenen Evangelien und das Altarsakrament.

Den Altar umgibt eine Versammlung von vierzig Personen: Doktoren, Päpste, Mystiker, Ordensleute und Gläubige. Sie kommentieren, feiern und beten das göttliche Geheimnis des Altarsakraments an. Fellay resümiert: „Sie erhalten das Geschenk des Himmels und lassen im Gegenzug ihr Lob zum Himmel steigen. Die Eucharistie ist eine Art Jakobsleiter, auf welcher die Gnaden herab- und die Opfergaben emporsteigen. Dieser Austausch, Fortsetzung der Inkarnation, ist das zentrale Mysterium der Kirche.“ Die Kirche lebt aus der Eucharistie. Sie ist zugleich die höchste Realisierung von Kirche, die nach der Missio / Sendung in der gelebten Liebe des Alltags ihre Fortsetzung findet.

Das Personen-Panorama zeigt alle großen Vertreter des Glaubens: biblische Persönlichkeiten, Apostel, Kirchenväter, Gelehrte, Künstler wie Dante Alighieri und sogar den Prediger Girolamo Savonarola, zu dessen Anhängern Pico della Mirandola gehörte, bevor der Dominikaner als Häretiker verbrannt wurde. Alle sind vereint in Lob und Dank für das Altarsakrament. Das ist sinnfällig als Mitte der Kirche in der Horizontalen dargestellt, wie es im vertikalen Zentrum vom Heils- und Gnadenwirkens des dreieinen Gottes steht.

Von Vasari zugeschriebener Titel: ‚Disputa del Sacramento’
Von Vasari zugeschriebener Titel: ‚Disputa del Sacramento’

In diesem 1509/10 gemalten Fresko ist alles enthalten, was Luther Jahre später erbittert bekämpfen wird: die wesenhafte Realpräsenz des Herrn, die sakramentale Anbetung und Verherrlichung Christi durch die Gläubigen, das Altarsakrament als Mitte der Kirche, in Einheit mit Papst und Bischöfen, in Gemeinschaft mit den Heiligen und Verstorbenen. In der Feier des Altarsakraments ist zugleich die Gegenwärtigsetzung des einmaligen Kreuzesopfers des Herrn gesetzt, also des Erlösungstodes zu unserem Heil.  Dieses Heilswerk Christi als sakramentales Vermächtnis an seine Kirche verbannte Luther aus seiner neugläubigen Gemeinschaft.

Raffaels Bild-Vermächtnis zur kirchlichen Glaubens- und Tugendlehre

Ein letzter Höhepunkt von Raffaels Schaffen ist das Altarbild zur „Verklärung Christi“, an dem der Meister von 1517 bis zu seinem Tod 1520 arbeitete. Es sind die Jahre, in denen die kirchliche Auseinandersetzung mit Luthers neuen Lehren ablief. Man kann das Gemälde als Raffaels persönlichen Beitrag zur kirchlichen Glaubens- und Tugendlehre lesen.

Im oberen Bildteil stellt der Maler die biblische Aufklärungsgeschichte so dar, dass er die Verklärung Christi zugleich mit der Auferstehung und Himmelfahrt zusammenschaut. Mit Recht, wie Fellay bemerkt: „Denn die drei Geheimnisse bezeichnen die gleiche Wirklichkeit: Der Sohn offenbart seine wahre Natur vor den Augen der Menschen, wie es die Stimme aus der Wolke sagt: ‚Dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören‘.“

Das „Transfiguration“ genannte Verklärungsbild von Raffael, 1517/20
Das „Transfiguration“ genannte Verklärungsbild von Raffael, 1517/20

Das wirklich Neue an diesem Bild aber ist, dass Raffael die Verklärungsgeschichte mit der   im Markustext folgende Heilung des besessenen Knaben in theologische Beziehung setzt. Beim Abstieg vom Berg findet Jesus die Jünger in einem Menschenauflauf. Der Vater eines besessenen Jungen wendet sich an Jesus: Deine Jünger haben den bösen Geist nicht austreiben können. „Doch wenn du kannst, hilf uns, habe Mitleid mit uns“. „Wenn du kannst?“, entgegnet Jesus, „alles kann, wer glaubt.“ Da rief der Vater des Knaben: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Raffael stellt in den Personen am Fuße des Verklärungsberges die Debatte um Glauben und Heil dar: Einige diskutieren untereinander, ein Jünger hat ein Buch vor sich, zwei Männer weisen auf den verklärten Auferstandenen hin, zwei Frauen zeigen auf den kranken Knaben, Petrus und Johannes schauen voll Bewunderung auf die Szene in Erwartung der Heilung. Der Vater hält voll Angst und Schmerz seinen Sohn, die Augen auf die Jünger gerichtet. Er hat den Auferstandenen noch nicht erblickt, er ist noch nicht vom Glauben ergriffen und umgeformt worden. Der Knabe dagegen hat seinen Erlöser entdeckt und streckt seinen Arm nach ihm aus.

Zusammenwirken von Glaube, Hoffnung, Liebe

Die Bild-Deutung von Pater Fellay sei vollständig wiedergegeben: „Die Heilung (oder das Heil – im Griechischen ist es dasselbe Wort) braucht den Glauben, um wirksam zu werden, und diese ruht auf der Sicht des verherrlichten Christus.“ Die glaubende Bitte des Menschen – hier des Vaters – brauche aber eine Motivation: In diesem Fall bringe die verzweifelte Liebe für seinen Sohn den Vater zu einem Mehr an Glauben. „Wie die Transzendentalien sind auch die theologischen Tugenden untrennbar miteinander verbunden: Die Hoffnung kommt der Liebe zu Hilfe, und die Liebe bewirkt die Überwindung der Glaubensschwäche. Das Heil kommt von Christus, aber Christus verlangt das Mitwirken des Menschen, und nur dann kann das Wunder geschehen: Der böse Geist flieht und der Knabe ist befreit.“

Die Evangeliengeschichte von der Heilung des besessenen Knaben veranschaulicht und strukturiert das Pauluswort des ersten Korintherbriefs: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“ (1 Kor 3,13). Für Raffael ist das Zusammenwirken der drei göttlichen Tugenden genauso wesentlich wie die Einheit des Schönen und des Guten als Hinführung zu Gott. Er macht aus biblischen und dogmatischen Aussagen gemalte und nacherlebbare Heilswirklichkeit.

Mit Raffaels theologisch-bildlicher Darstellung zum Thema Glauben und Heil erweist sich Luthers  Behandlung der göttlichen Tugenden als Verkürzung und Engführung des Evangeliums. Der Reformator interpretierte alle Schriften des NT einseitig aus der Römerbriefstelle 3,28, dass der Mensch (allein) „durch Glauben“ das Heil erlange. Luther hatte das allein/sola als seine persönliche „Dolmetschung“ hinzugefügt. Bis heute enthält die Lutherbibel diese Textfälschung. Sie ist zugleich auch eine theologische Bibelfälschung. Denn in anderen NT-Briefen, in Evangelien-Berichten (wie oben gezeigt) und Jesusworten werden der Glaube mit Liebe und Werken sowie mit Verdiensten zum Heil in unlösbare Verbindung gebracht.

In Auftrag gegeben war das Altarbild zur Verklärung / Heilung von Kardinal Julius von Medici, der als späterer Papst den Namen Clemens VII. trug. Als Raffael am Karfreitag des Jahres 1520 starb, hatte er das Werk noch nicht vollendet. Zu seinem Tod holte man das gemalte Bekenntnis zu Glaube, Hoffnung, Liebe aus dem Atelier und stellt es hinter dem Aufgebahrten auf.

Im Todesjahr von Raffael verfasste Luther seine reformatorischen Hauptschriften, mit denen er die Abspaltung seiner Anhängerschaft von der katholischen Kirche, Tradition und Lehre betrieb.

Was die Kirche im Konzil von Trient als dogmatische Zentralaussagen formulierte: der von Liebe durchformte Glaube, die Mitwirkung des Menschen am Heil, das Zusammenwirken von Natur und Gnade hatte Raffael schon eine Generation vorher in seinem malerischen Lebenswerk dargestellt.

Literatur: Jean-Blaise Fellay SJ: Der Maler Raffael und der Reformator Luther, in: Stimmen der Zeit, Heft 1, Januar 2017, S. 17-29

Text: Hubert Hecker
Bilder: Wikicommons

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