Jesuitenzeitschrift dementiert Papst Franziskus – Nicht Waffenproduzenten sind für Unfrieden in der Welt verantwortlich

Römische Jesuitenzeitschrift dementiert Papst Franziskus. Nicht die Waffenproduzenten und Waffenhändler sind Schuld, daß der Weltfrieden nicht zustandekommt.
Römische Jesuitenzeitschrift dementiert Papst Franziskus. Nicht die Waffenproduzenten und Waffenhändler sind Schuld, daß der Weltfrieden nicht zustandekommt.

(Rom) Die römische Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica dementiert Papst Franziskus. Der Papst hatte die Karwoche und das Osterfest genützt, um seine Stimme gegen die Waffenproduktion und den Waffenhandel zu erheben. Darin sieht er die Hauptursache und die Hauptverantwortlichen, daß der Weltfrieden ständig bedroht und in vielen Teilen der Erde mißachtet wird.

Die „materialistische Erklärung mit marxistischem Beigeschmack“ des Papstes

Mehrfach kam er im Laufe seines Pontifikats auf das Thema Waffen zu sprechen. Ein Dritter Weltkrieg sei wegen der Atomwaffen nicht möglich, dessen seien sich alle Seiten bewußt. Dennoch werde der Dritte Weltkrieg geführt, und sei bereits im Gange, nur eben konventionell und stückchenweise.

Die Letztverantwortlichen für diesen „Dritten Weltkrieg in Stücken“ sind, laut Franziskus, immer und einzig und allein „jene, die Waffen herstellen und handeln“ und „mit dem Blut der Männer und Frauen verdienen“.

„Das ist eine sehr materialistische und ökonomistische Erklärung mit einem vagen marxistischen Geschmack“, so der Vatikanist Sandro Magister. Diese Lesart wendet Papst Franziskus auch auf den Terrorismus an, der zahlreiche Staaten im Nahen und Mittleren Osten, aber auch in Europa derzeit erschüttert. Daß es sich dabei um einen islamischen Terrorismus handelt, kommt dem Papst nicht über die Lippen. Eine solche Lesart lehnt er strikt ab. Der muslimische Terrorismus habe die oben genannten Ursachen, aber nichts mit der Religion zu tun, auch nicht der islamischen.

Umso erstaunlicher ist ein soeben erschienener Artikel, der Franziskus dementiert. Gerade die römische Jesuitenzeitschrift Civiltà Cattolica, die unter der Leitung des Beraters und Ghostwriters des Papstes, Pater Antonio Spadaro SJ, das päpstliche Denken zur Perfektion wiederzugeben und zu unterstützen bemüht ist, widerspricht der vom Papst mit solchem Nachdruck vertretene Behauptung.

Bewaffnete Konflikte in Afrika

In der vorletzten Ausgabe der Zeitschrift (Nr. 4003) veröffentlichte der afrikanische Jesuit Arsène Brice Bado einen Artikel über „Bewaffnete Konflikte in Afrika“ und „das Scheitern der traditionellen Analyseansätze“.

Pater Brice Bado, geboren an der Elfenbeinküste, studierte an der Yale University in den USA und der Laval University in Kanada. Er führte in verschiedenen afrikanischen Staaten, in denen bewaffnete Konflikte stattfanden, Feldforschungen durch und unterzog diese Konflikte einer gründlichen Analyse. Dabei fällt auf, daß er die Lesart des Papstes, derzufolgen die eigentlichen Schuldigen die Waffenproduzenten und Waffenhändler seien, nicht einmal erwähnt. Stattdessen führt er die Konflikte auf ganz unterschiedliche Gründe zurück.

Waffen werden im Artikel nur ein einziges Mal erwähnt, und das nur am Rande und ohne eine kausalen Zusammenhang zum Ausbruch oder der Fortdauer der Konflikte.

Ausgangspunkt der Überlegungen von Brice Bado ist „die Schwierigkeit der internationalen Staatengemeinschaft, zur Beendigung von Konflikten beizutragen“. Den Grund dafür sieht er in der „Unfähigkeit, die Gründe, Ursachen und Akteure dieser Konflikte zu verstehen“, aber auch ihre Entwicklung und die Fragen, die dabei im Spiel sind.

In einem zweiten Schritt analysiert der Autor die gängigen Erklärungen, die zu den Kriegen in Afrika gegeben werden. Er faßt sie zu sechs Faktoren zusammen, die er der Reihe nach auf ihre Stichhaltigkeit überprüft: identitäre, ökonomische, institutionelle, geopolitische, sequentielle Faktoren und schließlich noch Resentiments.

Holistischer Ansatz um Unfähigkeit zu überwinden, afrikanische Konflikte zu verstehen

Alle diese Erklärungen hätten im Grunde etwas Wahres an sich, seien aber jeweils nicht imstande, die Komplexität der bewaffneten Konflikte Afrikas als Ganzes wiederzugeben. Es sei daher ein „holistischer Ansatz notwendig“, so Brice Bado, der imstande ist, die verschiedenen Aspekte der Konflikte zu integrieren.

Völkermord in Ruanda (1994), weder Panzer noch Gewehre, nur Macheten und Feuer.
Völkermord in Ruanda (1994), weder Panzer noch Gewehre, nur Macheten und Feuer.

Ein „zusätzliches Element der Komplexität“ sei dadurch gegeben, daß die ursprünglichen Motive im Zuge des Konfliktes Veränderungen erleben, wie dies in der Zentralafrikanischen Republik der Fall gewesen sei, die von Papst Franziskus 2015 besucht wurde. Im Zuge des Konfliktes seien interkonfessionelle Aspekte in den Vordergrund gerückt und neue Akteure aufgetreten wie die „Anti-Balaka“ und „christliche Milizen“.

Für eine „holistische und dynamische“ Konfliktanalyse seien daher „strukturelle Gründe, verstärkende Faktoren und die Elemente, die einen bewaffneten Konflikt entfesseln“, zu kombinieren.

Als „strukturelle Gründe“ mit jeweils verstärkenden Elementen nennt Brice Bado „sowohl die Position Afrikas im internationalen System als auch die institutionelle Fragilität der afrikanischen Staaten auf politischer, ökonomischer, sozialer, demographischer und ökologischer Ebene“.

Das allein genüge aber noch nicht.

„Damit ein Konflikt tatsächlich ausbricht, sind Aktivisten notwendig, die imstande sind, ideologisch die latent vorhandenen Konfliktpunkte durch Ereignisse, die wir als ‚Katalysatoren‘ bezeichnen können, in Bewegung zu setzen.“

Als Beispiel nennt Brice Bado Niger, wo eine vom Heer verübte Gewalttat gegen drei alte Tuareg ausreichte, einen Bürgerkrieg zwischen den Tuareg auf der einen Seite und der Armee und dem Rest der Bevölkerung auf der anderen Seite zu entfesseln, der vom Februar 2007 bis Oktober 2009 dauerte. Der Tuareg-Aufstand in Niger wiederum löste 2009 einen Bürgerkrieg in Nordmali aus. In Kenia kam es 2007 zum Bürgerkrieg wegen der Wahlergebnisse. Dasselbe geschah in der Elfenbeinküste anläßlich der Wahlen von 2010. Ein weiteres Beispiel sei der Fall Mohammed Bouazizi in Tunesien. Der Selbstmord dieses Wanderhändlers löste Proteste aus, die 2011 zum Ausbruch des „Arabischen Frühlings“ führten.

Wie die einzelnen Beispiel und ihre Aspekte im Einzelnen auch zu bewerten sind: Brice Bado nennt in keinem Fall die „Herren der Waffen“, von denen Papst Franziskus spricht, als Ursache oder Motor der afrikanischen Kriege. Auch wirtschaftliche Gründe stehen für den Autor im Mittelpunkt, weshalb er sie nur mit großer Zurückhaltung nennt. „Ein Vorrang ökonomischer Fragen findet keineswegs einhelligen Konsens“ unter den Analysten, so der Jesuit. In Liberia und Sierra Leone habe der Diamantenhandel zwar vor allem für die Finanzierung des Krieges eine Rolle gespielt, sei für den Ausbruch des Konflikts aber  nicht ursächlich gewesen. „Diese Feststellung gilt auch für die Elfenbeinküste, die Zentralafrikanische Republik, Angola, Mosambik usw.“ Wenn schon, so Brice Bado, hätten da und dort beim Ausbruch von Bürgerkriegen die Kontrolle über Ressourcen wie Land und Wasser eine Rolle gespielt. Die Akteure seien dabei innerafrikanische Parteien gewesen, nicht außerafrikanischer Mächte oder internationaler Konzerne.

Völkermord in Ruanda – keine Panzer und Gewehre, nur Macheten und Feuer

In der jüngsten Ausgabe (Nr. 4004) veröffentlichte die Civiltà Cattolica auch einen Aufsatz über den Völkermord in Ruanda. Autor ist der einheimische Jesuit Pater Marcel Uniweza. Auch in diesem Fall „findet sich nicht der geringste Hinweis auf die ‚Herren der Waffen‘ als Grund für das Massaker, das 1994 in nur drei Monaten fast eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu sterben sah, die aufgrund ethnischer Konflikte getötet wurden“, so Sandro Magister.

In Ruanda bedurfte es weder Panzer noch Granaten oder Schnellfeuerwaffen. Der entfesselte Völkermord wurde mit Macheten, Messern und Feuer verübt.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Civiltà Cattolica (Screenshots)

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Uwe Lay

Kurz und bündig
Noch nie hat eine Waffe einen Menschen getötet, sondern Menschen töten Menschen -oft auch mit und durch Waffen. Es ist kein Zufall, daß die erste Tat nach dem Sündenfall im Paradies, von der die Bibel berichtet, ein Brudermord war. Den hat kein Waffenhändler
verschuldet. Zudem, ein Staat, der sich nicht militärisch gegen seine Nachbarn verteidgen kann,kann schnell das Opfer eines Militärangriffes werden. So sind Staaten, die über keine eigene
Rüstungsindustrie verfügen, auf Waffenhändler angewiesen, wollen sie nicht wehrlos und somit jederzeit angreifbar sein!
Uwe C. Lay Pro Theol Blogspot

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