Amoris laetitia und das Auslegungschaos: Erzbischof Lori von Baltimore und Kardinal Coccopalmerio

Erzbischof Lori von Baltimore: Wiederverheirateten Geschiedenen ist der Zugang zu den Sakramenten nicht möglich.
Erzbischof Lori von Baltimore: Wiederverheirateten Geschiedenen ist der Zugang zu den Sakramenten nicht möglich.

(Washington) Die Verwirrung rund um das umstrittene nachsynodale Schreiben Amoris laetitia ist um eine Runde „reicher“. Während in Rom Kurienkardinal Francesco Coccopalmerio eine Kleinschrift für die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion veröffentlichte, und sich dabei auf Amoris laetitia und Papst Franziskus beruft, erteilte Erbischof William E. Lori von Baltimore die Anweisung, daß eine solche Zulassung nicht möglich ist und auch von Amoris laetitia nicht behauptet werden könne.

Amoris laetitia zusammen mit Familiaris consortio und Sacramentum caritatis lesen

Erzbischof William E. Lori veröffentlichte für seine Diözese, das Erzbistum Baltimore, Richtlinien zur Umsetzung des umstrittenen nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia. Seine „Hilfe, um ‚Die Freude der Liebe‘ im Erzbistum Baltimore zu leben“ (Support for Live „The Joy of Love“ in the Archdiocesis of Baltimore) bekräftigt zum hart umstrittenen VIII. Kapitel von Amoris laetitia die Lehre der Kirche. Wiederverheiratete Geschiedene, so Erzbischof Lori, sind nicht zu den Sakramenten zugelassen.

Erzbischof Lori von Baltimore
Erzbischof Lori von Baltimore

Der Erzbischof von Baltimore fordert die Priester und Gläubigen auf, das VIII. Kapitel von Amoris laetitia mit dem Paragraphen 305 und der dazugehörenden Fußnote 351, die seit Monaten große Verwirrung stiften, zusammen mit dem Paragraphen 84 von Familiaris consortio von Papst Johannes Paul II. und dem Paragraphen 29 von Sacramentum caritatis von Papst Benedikt XVI. zu lesen.

Aus den genannten Dokumenten ergebe sich die klare Notwendigkeit, so der Erzbischof, daß wiederverheiratete Geschiedene eine Nichtigkeitserklärung brauchen, daß ihre erste Ehe sakramental nicht gültig war, um zu den Sakramenten zugelassen zu sein. Ist die erste Ehe als gültig zu erachten, ist ihnen, solange sie in ihrer neuen Beziehung leben, und dies nicht in völliger Enthaltsamkeit tun, kein Zutritt zu den Sakramenten erlaubt.

Im Gegensatz zur Diözese Rom und zu den Kirchenprovinzen von Buenos Aires, Malta und der Bundesrepublik Deutschland bekräftigte Erzbischof Lori die überlieferte Lehre der katholischen Kirche.

Papst Benedikt XVI. hatte Msgr. Lori im Frühjahr 2012 zum Erzbischof von Baltimore ernannt. Obwohl der Erzbischofsstuhl traditionell mit der Kardinalswürde verbunden ist, wurde der 66 Jahre alte Oberhirte von Papst Franziskus bisher nicht mit dem Purpur bedacht.

Kardinal Coccopalmerios Kleinschrift, die „keine offizielle Antwort“ des Vatikans auf die „Dubia“ ist

In Italien legte ein Franziskus-Wähler unter den Kardinälen, Francesco Coccopalmerio, eine Kleinschrift von 51 Seiten über das umstrittene VIII. Kapitel von Amoris laetitia vor. Das Büchlein ist am 8. Februar im Vatikanverlag erschienen und wurde gestern von Radio Vatikan ausführlich vorgestellt. Der Osservatore Romano widmet ihm in seiner heutigen Ausgabe breiten Raum.

Kardinal Coccopalmerios Amoris-Laetitia-Interpretation
Kardinal Coccopalmerios Amoris-Laetitia-Interpretation

Seit Veröffentlichung von Amoris laetitia am 8. April 2016 werden von den offiziellen vatikanischen Medien ausschließlich Stellungnahmen zugunsten einer einseitigen Lesart des päpstlichen Schreibens veröffentlicht. Es werden ausschließlich solche Äußerungen publiziert, die sich der Forderung von Kardinal Walter Kasper anschließen, daß wiederverheiratete Geschiedene zu den Sakramenten zugelassen sein sollen. Eine Forderung, die der bisherigen Lehre der Kirche widerspricht. Kirchenvertreter, die die katholische Ehelehre und Sakramentenordnung verteidigen, werden vom Osservatore Romano und anderen Vatikanmedien ganz oder weitgehend ignoriert. Diese einseitige Informationspolitik, die einer schwerwiegenden Manipulation gleichkommt, wäre ohne eine entsprechende Order oder Parteinahme von Papst Franziskus undenkbar. Auf welcher Seite Franziskus steht, ist seit langem bekannt, auch wenn er nicht den Mut aufbringt, es offen und ehrlich zu sagen. Seit seinem Lob für die Richtlinien zur Umsetzung von Amoris laetitia in der Kirchenprovinz Buenos Aires vom September 2016, ist seine Parteinahme eindeutig belegt.

Die Folge dieses Lobes waren die von vier namhaften Kardinälen formulierten Dubia (Zweifel), mit denen sie eine klare Antwort von Papst Franziskus zu den umstrittenen und zweideutigen Formulierungen von Amoris laetitia erreichen wollten. Franziskus weigert sich jedoch eine solche Klärung herbeizuführen, weil er sich damit entweder selbst ins Unrecht setzen oder die beabsichtigte Revolutionierung der Ehelehre gefährden würde. Er spielt daher auf Zeit. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr kann mit einer Wirkung durch die Macht des Faktischen gerechnet werden. Für diese sorgen ihm nahestehende Bischöfe wie jene Deutschlands, die alles ins Rollen gebracht hatten, einschließlich eines maßgeblichen Beitrages zur Wahl von Kardinal Bergoglio zum Papst, Maltas oder von Buenos Aires.

„Ich möchte ja, kann aber nicht, darum gebt mir die Eucharistie“

Welche Position Kardinal Coccopalmerio in seiner Kleinschrift einnimmt, steht aufgrund der wohlwollenden und umfangreichen Berichterstattung durch die vatikanischen Medien fest. Zusammenfassen läßt sich seine These für die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion mit dem Satz: „Ich möchte mich ja ändern, kann es aber nicht, darum gebt mir die Eucharistie“.

Im Zusammenhang mit der Vorstellung des Büchleins wurde von einigen Medien der Eindruck erweckt, es handle sich dabei um eine „offizielle“ Antwort des Heiligen Stuhls auf die Dubia (Zweifel) der Kardinäle Brandmüller, Burke, Caffarra und Meisner. Eine solche Irreführung versuchte beispielweise La Croix, die notorisch bergoglianische Tageszeitung der Französischen Bischofskonferenz, indem sie bereits im Titel von einer „autorisierten Interpretation“ schrieb. Die Behauptung, Papst Franziskus habe Coccopalmerio mit der Abfassung einer „Antwort“ auf die Dubia beauftragt, hatte das Wochenmagazin Panorama am 10. Februar ausgestreut.

Die Stellungnahme von Kardinal Coccopalmerio erschien zwar im Vatikanverlag und findet in den vatikanischen Medien große Beachtung, sie hat aber keinen offiziellen Charakter und beansprucht einen solchen auch nicht. Die Internetseite der Diözese Rom Roma Sette meldete dazu:

„Handelt es sich um eine offizielle Stellungnahme zu den von vier Kardinälen aufgeworfenen ‚Dubia‘? ‚Nein, es ist keine Antwort des Vatikans‘, antwortet der Leiter des Vatikanverlages, Pater Giuseppe Costa. ‚Kardinal Coccopalmerio schrieb seine Überlegungen nieder, und wir haben diesen Kommentar veröffentlicht mit der Absicht, die Diskussion zu beleben. Der Text richtet sich an die einfachen Leute mit dem Ziel, es ihnen so einfach als möglich zu erklären‘.“

Gleiches bestätigte der Nachrichtendienst SIR der Italienischen Bischofskonferenz:

„‘Nein, es ist keine Antwort des Vatikans auf die Dubia‘, so Don Giuseppe Costa, der Direktor des Vatikanverlags. Kardinal Coccopalmerio trage selbst die Verantwortung für den Text. ‚Als Verleger geben wir namhaften Gesprächspartnern das Wort, aber das Buch von Kardinal Coccopalmerio ist keine offizielle Antwort des Vatikans. Die Debatte ist offen, wir ermutigen sie und bieten Instrumente zu ihrer Vertiefung.‘“

Kardinal Coccopalmerio wurde 2007 von Papst Benedikt XVI. zum Vorsitzenden des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte ernannt und 2012 zum Kardinal erhoben. Er war vor seiner Berufung nach Rom Weihbischof von Kardinal Carlo Maria Martini SJ in Mailand. Obwohl Coccopalmerio und Martini sich inhaltlich nicht unähnlich waren, standen sie sich gegenseitig etwas im Weg, weshalb ihn Martini aus Mailand „wegempfahl“.

Im Konklave 2013 fand Coccopalmerio schnell an die Seite von Kardinal Bergoglio, weil es sein Hauptanliegen war, die Wahl von Kardinal Angelo Scola zum Papst zu verhindern. Scola, der zuvor bereits Patriarch von Venedig war, wurde 2011 von Papst Benedikt XVI. zum Erzbischof von Mailand ernannt, was in dem noch immer stark von Martini geprägten Erzbistum, der von 1979-2002 Erzbischof von Mailand war, als Richtungsentscheidung gegen den im August 2012 verstorbenen Jesuitenkardinal verstanden und entsprechend abgelehnt wurde. Kardinal Scola hatte im Konklave neben Kardinal Bergoglio die meisten Stimmen erhalten.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: The Catholic Review/LEV (Screenshots)

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Ingrid Mueller

Es ist einfach so,den Alltagschrist interessiert dies nicht.
Auch Priester kennen nicht die persönlichen Lebensumstände der Kirchgänger,daher stellt sich dieses Problem im normalen Leben überhaupt nicht,alle Diskussionen darüber sind vollkommen sinnlos.

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