Kardinal Caffarra: „Nur ein Blinder kann leugnen, daß wegen Amoris laetitia in der Kirche die größte Verwirrung herrscht“

"Nur Blinde können leugnen, daß in der Kirche durch Amoris laetitia die größte Verwirrung herrscht"
"Nur Blinde können leugnen, daß in der Kirche durch Amoris laetitia die größte Verwirrung herrscht"

(Rom) Mit klaren Worten meldete sich erstmals Kardinal Carlo Caffarra, einer der vier Unterzeichner der Dubia (Zweifel) über das umstrittene nachsynodale Schreiben Amoris laetitia zu Wort, seit diese öffentlich bekannt gemacht wurden. „Eine Kirche mit wenig Aufmerksamkeit für die Lehre ist nicht pastoraler, sondern nur ignoranter.“ Die Tageszeitung Il Foglio veröffentlichte am vergangenen Samstag ein Interview mit dem Kardinal.

„Eine Kirche, die die Lehre wenig achtet, ist nicht pastoraler, sondern nur ignoranter“

Die Sorge wegen der Spaltung unter den Hirten habe die vier Kardinäle zu ihrem Schritt veranlaßt. Nur „Blinde“ könnten bestreiten, daß durch Amoris laetitia eine große Verwirrung in die Kirche gekommen ist. Worte, die nach einer Frontalkritik am päpstlichen Umfeld und durch das Schweigen auch an Papst Franziskus klingen.

„Die Spaltung unter den Hirten ist der Grund für den Brief, den wir Franziskus übermittelt haben.“

Mit diesen Worten begründete Kardinal Caffarra die Dubia. Der ehemalige Erzbischof von Bologna reagierte auch auf Beleidigungen und die Drohung, ihnen die Kardinalswürde abzuerkennen: „Beleidigungen und die Androhung kanonischer Sanktionen sind unwürdige Dinge.“

„Ich denke, daß verschiedene Dinge zu klären sind.“ Über den inzwischen berühmten Brief und die dazugehörenden Dubia wurde „sehr lange nachgedacht, monatelang, und sehr lange unter uns diskutiert. Was mich betrifft, wurde auch sehr lange darüber vor dem Allerheiligsten gebetet.“

„Wir waren uns bewußt, daß dieser Schritt, den wir setzten, sehr ernst ist. Unsere Sorgen waren zwei. Die erste, nicht die Kleingläubigen zu verunsichern. Für uns Hirten ist das eine grundlegende Pflicht. Die zweite Sorge war, daß kein Mensch, gläubig oder nicht, im Brief Ausdrücke finden könnte, die auch nur im entferntesten nach dem kleinsten Mangel an Respekt gegenüber dem Papst klingen könnten.“

Und was drängte die vier Kardinäle zu ihrem weitreichenden Schritt? Caffarra nennt zwei Gründe, einen der Form und einen des Inhaltes:

„Für uns Kardinäle gilt die schwerwiegende Pflicht, den Papst bei der Leitung der Kirche zu beraten. Es ist eine Pflicht und die Pflichten zwingen.“

„Es ist eine Tatsache, daß nur ein Blinder leugnen kann, daß in der Kirche die größte Verwirrung, Ungewißheit und Unsicherheit herrschen, verursacht durch einige Paragraphen von Amoris laetitia.“

„Interpretationskonflikt“ verlangt nach Klärung

„In diesen Monaten geschieht es, daß in der Absicht dieselben Texte zu interpretieren, die einen Bischöfe zu denselben grundlegenden Fragen der sakramentalen Ökonomie (Ehe, Beichte und Eucharistie) und zum christlichen Leben etwas gesagt haben und andere das genaue Gegenteil.“ Dieser Zustand sei unleugbar, denn „die Fakten sind Sturschädel, wie David Hume sagte“.

"Dubia aus Gehorsam zum Papst übermittelt."
„Dubia aus Gehorsam zum Papst übermittelt.“

In diesem „Interpretationskonflikt“ bedürfe es einer Klärung. Er selbst habe gegenüber Priestern und Laien konsequent die Linie einer Interpretation gemäß Famliaris consortio betrieben, mußte aber feststellen, daß das „nicht ausreicht.“

„Der Gegensatz zwischen diesen beiden Interpretationen bestand fort. Es gab nur einen Weg, um zur Klärung zu gelangen: den Autor zu fragen, welches die richtige Interpretation ist“.

Zur Kritik, zuletzt von Glaubenspräfekt Kardinal Gerhard Müller geäußert, daß die vier Unterzeichner ihr Schreiben und die Dubia der Öffentlichkeit bekannt machten, sagte Kardinal Caffarra: „Wir haben das Schweigen [des Papstes] als Ermächtigung gesehen, die theologische Auseinandersetzung fortzusetzen.“

„Das Problem betrifft so grundlegend sowohl das Lehramt der Bischöfe als auch das Leben der Gläubigen. Die einen wie die anderen haben ein Recht, zu wissen.“

Den Vorwurf des Ungehorsams oder der Auflehnung gegen den Papst weist der Kardinal entschieden zurück. „Das ist falsch und verleumderisch. Gerade weil wir gehorsam sein wollen, haben wir geschrieben.“

„Lehramt des Papstes muß klar sein“

Das eigentliche Problem sei jedoch, „daß man zu grundlegenden Punkten nicht genau versteht, was der Papst lehrt, wie der Interpretationskonflikt unter den Bischöfen beweist.“

„Wir wollen dem Lehramt des Papstes gehorsam sein, aber das Lehramt des Papstes muß klar und verständlich sein.“

Man habe den Papst in keiner Weise zu einer Antwort zwingen wollen. Man habe aber berechtigte Fragen und könne daher berechtigt hoffen, daß er eine Antwort gibt.

Auch den Vorwurf, die Kirche „spalten“ zu wollen, weist Kardinal Caffarra mit Entschiedenheit zurück, denn die Spaltung gebe es bereits in der Kirche:

„Die bereits existierende Spaltung in der Kirche ist der Grund des Schreibens und nicht die Folge.“

„Unwürdige Dinge in der Kirche sind in einem Zusammenhang wie diesem die Beleidigungen und die Androhung kanonischer Sanktionen.“

Zur inhaltlichen „Verwirrung“, die in der Kirche herrsche, führt Kardinal Caffarra den Brief eines Pfarrers an, der sich an ihn wandte, weil er weder in der „spirituellen Richtung noch im Beichtstuhl“ weiter wisse. Gläubige sagen in- und außerhalb der Beichte, daß sie in einer irregulären Situation als wiederverheiratete Geschiedene zusammenleben. Wenn er als Pfarrer dann einen Bußweg vorschlage, um die Sache in Ordnung zu bringen, würden die Gläubigen unter Verweis auf Papst Franziskus abblocken, denn der habe gesagt, man könne nun „auch so“ zur Kommunion gehen. Das seien „schwerwiegende Entwicklungen“, denn hier gehe es um „Dinge des ewigen Lebens“, so der Kardinal.

„Pastorale Praxis, die nicht in der Lehre begründet und verwurzelt ist, ist Willkür“

Die „Spaltung“, von der Kardinal Caffarra spricht, beziehe sich vor allem auf die Interpretation der Paragraphen 300-305 von Amoris laetitia.

„Eine pastorale Praxis sich auszudenken, die nicht in der Lehre begründet und verwurzelt ist, bedeutet die pastorale Praxis auf Willkür zu gründen und darin zu verwurzeln.“

„Eine Kirche mit wenig Aufmerksamkeit für die Lehre ist nicht pastoraler, sondern nur ignoranter. Die Wahrheit, von der wir sprechen, ist nicht eine formale Wahrheit, sondern eine Wahrheit, die ewiges Heil schenkt: Veritas salutaris.“ Bereits im Mittelalter habe man zu sagen gewußt, daß eine Praxis ohne Theorie in eine Sackgasse führt: „Theoria sine praxi, currus sine axi; praxis sine theoria, caecus in via.“

Da in der Diskussion eine „Weiterentwicklung“ der Lehre in Anspruch genommen wird, verweist Kardinal Caffarra auf den Seligen John Henry Newman, der selbst Kardinal war. „Wenn es einen eindeutigen Punkt gibt, dann den, daß es dort keine Evolution gibt, wo Widersprüchlichkeit herrscht.“ Zur Beschreibung der Logik des christlichen Lebens eigne sich ein Wort von Kierkegaard: „Sich immer bewegen, indem man immer auf demselben Punkt bleibt.“

Amoris laetitia in der Sache „zweideutig“

In Sachen wiederverheirateten Geschiedenen betont Kardinal Caffarra die Pflicht der Hirten, den „Unwissenden zu lehren und den Irrenden zu korrigieren“. Amoris laetitia sei in der Sache zweideutig. Das gelte für die genannten Paragraphen und besonders für die Fußnote 351. Neu und positiv in dem nachsynodalen Schreiben sei die Aufforderung an die Hirten, nicht nur Nein zu sagen, sondern „die Betroffenen bei der Hand zu nehmen, und mit ihnen den Weg der Änderung zu gehen“. Es sei hingegen „unlogisch“, solchen Menschen zu sagen, eigentlich dürften sie keinen Geschlechtsverkehr haben, aber weil es nun mal so sei wie ist es sei, könnten sie statt fünfmal die Woche nur mehr dreimal Geschlechtsverkehr haben. In der Sache gehe es um die Kernfrage. „Kann jemand die Eucharistie gespendet werden, der more uxorio mit einer ihm nicht angetrauten Person zusammenlebt. Es gibt nur zwei mögliche Antworten: Ja oder Nein.“ Diese Frage müsse jeder sicher beantworten können, deshalb brauche es Klarheit, die der Papst schaffen müsse.

In der Frage stehe nicht nur Familiaris consortio auf dem Spiel, sondern auch Veritatis splendor mit noch weitreichenderen Konsequenzen. Johannes Paul II., der sich damit – was eine Ausnahme darstellt – nur an die Bischöfe wandte, forderte sie dazu auf, wachsam gegen Irrtümer vorzugehen, damit sich diese in der Kirche nicht ausbreiten könnten. Eine Schwammdrüber-Mentalität dürfe keinen Einzug in der Kirche halten. Das gelte auch für die wiederverheiratet Geschiedenen:

„Jesus begnügt sich nicht zur Ehebrecherin zu sagen: ‚Auch ich verurteile dich nicht‘. Er sagt ihr auch: ‚Geh hin und sündige von nun an nicht mehr‘ (Joh 8,10).

Mißverstandene Bedeutung des Gewissens

Der Kardinal wird auch gefragt, ob die Verwirrung in der Kirche bis zu einem bestimmten Grad nicht auch daher rühre, daß „sogar viele Hirten“ der festen Überzeugung seien, daß „das Gewissen eine Befähigung sei, autonom zu entscheiden, was gut und was böse ist, und daß das letzte Wort dem individuellen Gewissen zusteht“.

„Ich bin der Meinung, daß das sogar der wichtigste Punkt von allen ist“, so der Kardinal in seiner Antwort. „Das ist der Ort, wo wir der tragenden Säule der Moderne begegnen und mit ihr zusammenprallen. Zuerst eine sprachliche Klärung. Das Gewissen entscheidet nicht, es ist ein Akt der Vernunft. Die Entscheidung ist ein Akt der Freiheit und des Willens.“ Das Gewissen ist ein Urteil, mit dem die moralische Qualifikation einer zu treffenden oder bereits getroffenen Entscheidung beurteilt wird. „Das Gewissen ist also ein Urteil und keine Entscheidung.“ Das Konzept der Moderne eines losgelösten, selbständigen Gewissens stehe im direkten Widerspruch zum Verständnis der Kirche vom Gewissen, das sich verpflichtend am Göttlichen Gesetz auszurichten habe, denn nur so habe der Mensch Anteil am Licht und könne wachsen.

„Auch dazu haben wir unsere Dubia formuliert. Paragraph 303 von Amoris laetitia ist dazu unklar. Er scheint die Möglichkeit einer wahren Gewissensentscheidung im Widerspruch zur geoffenbarten Lehre der Kirche“ anzuerkennen. Das aber sei undenkbar:

„Das sind Dinge von einer erschütternden Schwere. Man würde das private Urteil zum Letztkriterium der moralischen Wahrheit erheben. Man kann nie einem Menschen sagen: ‚Folge immer deinem Gewissen‘, ohne immer hinzuzufügen: ‚Liebe und suche die Wahrheit bezüglich des Guten‘. Man würde ihm ansonsten die zerstörerischste Waffe gegen seine Menschlichkeit in die Hand geben.“

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Il Foglio (Screenshot)

 

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Christoph Rhein
„Eine pastorale Praxis sich auszudenken, die nicht in der Lehre begründet und verwurzelt ist, bedeutet die pastorale Praxis auf Willkür zu gründen und darin zu verwurzeln.“ Willkür – das ist die Maxime des Pontifikats von Papst Franziskus. Das ist dieselbe Willkür mit der sich einige Päpste des 14. bis 16. Jahrhunderts um moralische Grundvollzüge geschert haben, wie etwa Alexander VI. Wer Menschen in Gewissensnöte zwingt, ihnen die Verantwortung über ihr Schuldig-Sein und Schuldig-Machen überliefert, zerstört jegliche Gemeinschaft. Selbst der deuterovatikanische „Volk-Gottes“-Begriff als Charakterisierung, als Appropriation der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche, läßt eine solche Willkürlichkeit seitens der Morallehre und… weiter lesen »
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