Marius Reiser, Die Autorität der Heiligen Schrift im Wandel der Zeiten – Studien zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik

Eine bemerkenswerte Veröffentlichung

Von Wolfram Schrems*

Marius Reiser, aus Baden-Württemberg gebürtiger Theologe und Philologe, wurde 2009 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als er aus Protest gegen den Niveauverfall an den Universitäten durch den diktatorisch implementierten „Bologna-Prozeß“ seinen Lehrstuhl für Neues Testament an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz aufgab. Da Reiser Geburtsjahrgang 1954 ist, geschah dieser Schritt noch lange vor einer möglichen Emeritierung und ist von daher sehr ernst zu nehmen.

Er wandte sich vor etwa zwei Monaten mit einer sehr lesenswerten Publikation an eine nicht nur fachtheologische Leserschaft.

Sie sei hier ausführlich gewürdigt.

Die Botschaft eines katholischen Wissenschaftlers zwischen Glaube, Kritik und „Aufklärung“

Marius Reiser: Die Autoritaet der Heiligen Schrift im Wandel der Zeiten
Marius Reiser: Die Autorität der Heiligen Schrift im Wandel der Zeiten

Reiser legt vierzehn Aufsätze vor, die Fragen des Verständnisses der Hl. Schrift thematisieren. Die meisten der Aufsätze sind ursprünglich Ansprachen, die für die vorliegende Publikation überarbeitet und erweitert wurden. Die Themen reichen von einer kurzen Geschichte der Exegese zur Frage der allegorischen Deutung der Bibel. Sie behandeln die Schriftdeutung Goethes, der „aufgeklärten“ Marquise von Châtelet (1706 – 1749) und Annette von Droste-Hülshoffs (1797 – 1848), sowie die Darstellung Jesu Christi bei Dorothy L. Sayers (1893 – 1957) und die Lehre des II. Vaticanums über die Offenbarung. Auch der französische Exegese-Pionier Richard Simon (1638 – 1712), Priester und zeitweise Oratorianer, wird gewürdigt. Spirituell interessierte Leser werden besonders für Beiträge über die geistliche Schriftbetrachtung und über Romano Guardinis Jahrhundertwerk Der Herr (1937) dankbar sein.

„Aufklärung“ ist nicht wissenschaftliche Erforschung sondern Ideologie

Im Aufsatz über die Auswirkung der „Aufklärung“ (bei Reiser manchmal in Anführungszeichen, manchmal nicht) auf die Bibelexegese am Beispiel Goethes, stellt Reiser grundsätzlich fest:

„Gehören denn aufklärerische Theologie und kritische Untersuchung der Bibel von der Sache her notwendig zusammen? Und auf diese Frage antworte ich mit einem klaren Nein. (…) Kritik aber ist, recht verstanden, nichts anderes als wissenschaftliche Untersuchung. Keine geisteswissenschaftliche Disziplin kann darauf verzichten. Geht es allerdings um eine Textdeutung, deren Ziel Verstehen ist oder gar aktualisierendes Verstehen, wie es bei einer christlichen Bibellektüre immer der Fall sein wird, dann kann Kritik nicht alles sein, auch nicht alles in einer wissenschaftlichen Untersuchung. Die Beschränkung der Exegese auf Kritik ist aber nun eine weitere Auswirkung der sogenannten Aufklärung“ (101).

Reiser kritisiert in einem anderen Text die zynische Oberflächlichkeit der Marquise von Châtelet, die für viele ihrer – und unserer – Zeitgenossen symptomatisch ist, und entgegnet dieser:

„Aus rein historischen Gründen jedenfalls wird man an der Wundertätigkeit Jesu und seiner eigenen Auferstehung schwerlich zweifeln können. Sie sind so gut, ja besser bezeugt als manche Ereignisse der antiken Geschichte, die wir ohne weiteres für historisch nehmen. Ich sehe auch keine rein philosophischen oder naturwissenschaftlichen Gründe, die uns zwingen würden, Wunder im strengen Sinn für unmöglich zu halten“ (117).

Im Aufsatz über David Friedrich Strauß und Franz Overbeck stellt Reiser den skeptischen Bibelforschern Strauß und Bultmann (die die historische Zuverlässigkeit der Evangelien bestreiten) die Frage:

„Von welcher großen Persönlichkeit der Antike besitzen wir denn vier verschiedene biographische Erzählungen, die in solcher Nähe zu den dargestellten Ereignissen stehen?“ (134)

Diese Frage ist angesichts neuester Forschungsergebnisse zur zeitnahen Datierung der Evangelien (Karl Jaroš datiert Mk in Das Neue Testament und seine Autoren, UTB, Köln 2008, beispielsweise auf das Jahr 44) mehr als berechtigt.

Eine ungläubige Exegese ist allenfalls Religionswissenschaft, aber nicht Theologie (oder überhaupt unsinnig)

Reiser verteidigt die traditionelle allegorische Bibelauslegung, die ja Grundlage jeder katholischen Spiritualität sein muß. Da die historisch-kritische Methode die Allegorese ausblendet, kommt es zu diesem eigenartigen Vertrocknen der Schriftauslegung:

„[Die moderne Exegese vom Fach] legt ein ungebührliches Gewicht darauf, zu irgendwelchen historischen oder literaturwissenschaftlichen Fragen etwas Neues zu bieten, und stellt nicht selten mehr oder weniger belanglose Fragen als hochwichtig hin. Das macht die Lektüre entsprechender Untersuchungen auch so öde und langweilig. Die eigentlich wichtigen Fragen kommen dabei zu kurz oder werden gar nicht gestellt“ (102).

Die Bibel spricht aber hier und jetzt zu uns. Ein katholischer Exeget darf nicht nur die Genese der Schrift untersuchen, sondern muß sich auch mit ihrer Geltung befassen. Sonst hat er seinen Beruf verfehlt.

Reiser schreibt über die geistliche Schriftauslegung im Essay über die Leben-Jesu-Betrachtung gut zusammengefaßt:

„Die Begebenheiten, die in der Heiligen Schrift erzählt werden, haben symbolischen und typischen Charakter. Sie ereignen sich auf die eine oder andere Art mit wechselnden Personen immer wieder aufs Neue. (…) Das Leben Jesu erfüllt sich erst in der Aneignung, wie Origenes mit Pauluszitaten verdeutlicht. Es erhält seine volle Wahrheit und seine eigentliche Bedeutung deshalb erst im Nachvollzug oder, wie es in der Tradition gewöhnlich heißt: in der Nachahmung Christi. Man wollte den Begriff der Nachahmung nach dem Konzil aus dem Verkehr ziehen und durch den der Nachfolge ersetzt sehen, aber er ist gut biblisch und kann mehr erfassen als der Begriff der Nachfolge. Beide Begriffe haben ihren Sinn [1 Kor 11, 1; Phil 2,5ff]“ (157).

Das ist nun wirklich bemerkenswert. Denn die Imitatio Christi des Thomas von Kempen, wörtlich „Nachahmung Christi“, steht ja sozusagen auf dem nachkonziliaren Index der verbotenen Bücher (wie der Rezensent selbst erfahren mußte).

Romano Guardinis Der Herr – bleibend gültige Darstellung Jesu Christi

Romano Guardini: Der Herr
Romano Guardini: Der Herr

Für den Rezensenten besonders erfreulich ist die ausführliche Besprechung des Meisterwerkes von Romano Guardini Der Herr. Dieses wird vom Rezensenten ausdrücklich zur Lektüre empfohlen. Reiser empfiehlt es (mit einem Vorbehalt) auch (175).

Zum Grundgedanken Guardinis:

„[Hinter] der Theorie, daß der historische Jesus und der Christus des Glaubens zwei ganz verschiedene Figuren seien“, steht nach Romano Guardini, den Reiser hier wohlwollend zitiert, ein Dogma, das „eine unbewiesene und unbeweisbare philosophische Annahme“ ist, „die den christlichen Glauben ‚zerstört‘“ (171).

Reiser resümiert so deutlich, daß es förmlich in den Ohren hallt:

„Man kann aus exegetischer Sicht manches an Guardinis Darstellung bemängeln, aber seine Kritik an der üblichen Methode zur Rekonstruktion des historischen Jesus bleibt ebenso im Recht wie sein Einwand, daß von diesen Rekonstruktionen her die historischen Wirkungen, die tatsächlich von Jesus ausgegangen sind und noch immer ausgehen, nicht erklärbar sind. Die Hoffnung, man könne mit Hilfe der Sonderung von authentischem und nicht authentischem Gut innerhalb der Überlieferung zum historischen Jesus gelangen, hat der große Historiker Henri-Iréné Marrou bereits 1954 für ‚naiv‘ erklärt. Aber solche Urteile von wirklichen Historikern ignoriert die historisch-kritische Exegese geflissentlich“ (183).

Und zuletzt eine Bemerkung, die die Präpotenz aller „Fortschrittlichen“ und „Neuerer“ aufs Korn nimmt:

„Die aufgeklärte Exegese trat von Anfang an mit dem typischen Hochmut der Neuerer vor die Öffentlichkeit. Sie erklärt alles, was vor der Aufklärung war, für ‚vorkritisch‘ und damit obsolet. Das Etikett ‚vorkritisch‘ dient heute freilich oft nur zum Vorwand dafür, daß man sich mit der Exegese und Hermeneutik früherer Zeiten nicht befassen will“ (215).

Gut gesagt.

Das alles ist sehr erfrischend zu lesen.

Resümee: untergeordnete Kritikpunkte in einem äußerst lesenswerten Buch

Die vierzehn Aufsätze sind spannend geschrieben und atmen einen frischen, gläubigen Geist. Die Bandbreite der behandelten Themen verrät einen offenen, vielseitigen und agilen Autor, der „alles prüft und das Gute behält“.

Die Hauptaussage ist, daß die historisch-kritische Methoden der Bibelforschung ihre – begrenzte – Berechtigung hat, daß die Bibel aber Heilige Schrift ist und somit mit dem ihr entsprechenden kirchlichen Vertrauensvorschuß und der entsprechenden Ehrerbietung gelesen werden muß und nur so wirklich verstanden werden kann.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, müssen vier Kritikpunkte angeführt werden. Sie seien auch deswegen genannt, weil Reiser einer sorgfältigen Auseinandersetzung würdig ist.

- Reiser macht dem „modernen“ Zeitgeist doch Konzessionen. Das Konzil und seine Texte sind aber nun einmal problematisch. Die Rolle des Bibelgelehrten Kardinal Augustin Bea SJ bei der konspirativen Einflußnahme jüdischer Organisationen auf die Formulierung einiger Konzilstexte (so Nostra aetate und Dignitatis humanae) harrt einer kritischen Aufarbeitung durch die „offizielle“ Kirchengeschichtsschreibung. Auch Kardinal Henri de Lubac SJ mag ein großer Wissenschaftler gewesen sein, aber Pius XII. hatte in Humani generis (1950) dessen Vermischung von Natur und Übernatur verurteilt. Und inzwischen hat sich die ganze nouvelle théologie ja ad absurdum geführt und ist in der Gnosis gelandet. Auch wenn all das nicht direkt Thema des Buches ist, so wäre ein Hinweis Reisers auf die Problematik des Konzils und auf die Rollen Beas und de Lubacs und seiner Schüler durchaus angezeigt gewesen.

- Unglücklich ist der Rezensent auch über Reisers Ausführungen zur Modernismuskrise (216, 243). Reiser erwähnt mit keinem Wort den konspirativen Charakter der modernistischen Kreise des 19. und 20. Jahrhunderts. Den Modernismus auf kirchliche Unterdrückungsmaßnahmen gegen „moderne“ Exegese zurückzuführen, heißt Ursache und Wirkung zu verwechseln. Allenfalls mag es so sein, daß die römische Disziplinierung nicht immer die Richtigen erwischt hat.

- Daß wir „diese Art der betrachtenden Lektüre nicht mehr mit derselben Naivität nachvollziehen [können] wie noch Ignatius von Loyola oder die große Theresia“ und daß wir sie „in einer zweiten Naivität“ nachvollziehen könnten (163), ist eine Formulierung, die nach Ansicht des Rezensenten dem Zeitgeist illegitime Konzessionen macht. Was haben konkret die „Erkenntnisse der kritischen Exegese“ tatsächlich für verläßliche Ergebnisse gebracht? Reiser verweist zwar auf einen Aufsatz Gerhard Lohfinks, in dem dieser Mt 2 behandelt. Aber was dort geschrieben steht, erfährt man nicht. Geht es dort eventuell um die „Legenden“, von denen man in der Katholischen Integrierten Gemeinde in Bezug auf die Kindheitsgeschichte Jesu schrieb und was vor etwa 15 Jahren zu Aufruhr bei der Leserschaft der Tagespost führte? Also: Sind die Kindheitsgeschichten historisch oder nicht? Haben die Evangelisten bei den damals Beteiligten und Augenzeugen nachgefragt oder nicht? Darf man so fragen oder ist das „naiv“? Im übrigen gibt es Exerzitienmeister, auch Jesuiten, die die Geschichtlichkeit der biblischen Berichte überhaupt in Zweifel ziehen. Wozu sollen dann die Ignatianischen Exerzitien noch gut sein?

- Schließlich ist es sinnlos zu sagen, daß man die Gottesknechtslieder auf das jüdische Volk anwenden kann, wenige Sätze später das dann aber mit biblischer Begründung zu verneinen (37). Nein, die Gottesknechtslieder machen ausschließlich Sinn, wenn sie auf Jesus Christus bezogen sind (was etwa Eugenio Zolli gegen Ende seines Lebens deutlich aussprach). Reiser muß sich hier entscheiden. Jede Konzession an eine nationaljüdische Hermeneutik der Bibel durch einen katholischen Exegeten muß zudem sowieso vermieden werden.

Diese zu beanstandenden Punkte sind zwar in der Ansicht des Rezensenten legitime Kritikpunkte, die einer Klärung bedürfen. Sie können das Buch aber deswegen nicht entwerten, weil Reiser erkennbar im Glauben der Kirche steht. Daher kann man diese Punkte richtig einordnen.

Dank und Anerkennung daher einem großen Gelehrten, von dem man gerne noch mehr lesen möchte. Dank und Anerkennung auch dem Carthusianus-Verlag, der wieder ein schönes, wertvolles und ansprechend gestaltetes Buch auf den Markt gebracht hat. Man möge dort die Neuedition älterer Abhandlungen Reisers überlegen.

(Nachsatz: Im Internet findet sich ein bemerkenswertes Interview mit Reiser zur Bildungsideologie, wie sie vom Bologna-Prozeß vertreten wird. Reiser stellt dem das klassische Bildungsideal entgegen. Das Interview sei ausdrücklich zur Konsultation empfohlen.)

Marius Reiser, Die Autorität der Heiligen Schrift im Wandel der Zeiten – Studien zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik, Carthusianus Verlag, Fohren-Linden 2016, 252 S.

*MMag. Wolfram Schrems, Wien, katholischer Theologe, Philosoph, Katechist, Interesse an liturgischen Fragen

Bild: Sursum Corda

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Michael
Nun was Reiser beschreibt ist genau der Vorgang welcher sich momentan vollzieht, die Bevölkerung wird zu unmündigen Befehlsempfängern zu modernen Sklaven erzogen. Erziehung ist nun aber ein Zielgerichteter Vorgang, so dass man sich fragen sollte Wer erzieht und welche Mittel werden benützt. Welche Kräfte dahinterstehen war früher leider nicht so gut zu sehen wie heute. Heute können wir erkennen dass dieselben Kräfte welche an den Bankengriesen verdienen und diese auch in regelmäßigen Abständen herbeiführen dahinter stehen. Die Große Masse der Politiker hat das Volk schon lange zum eigenwohl verkauft, oder bemerkt nicht zu was man sie missbraucht. Nun sollten wir… weiter lesen »
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