Umbau der Päpstlichen Akademie für das Leben – Mitgliedsstand wird zum Jahresende auf Null gesetzt

Päpstliche Akademie für das Leben erhält neue Statuten. Was ändert sich?
Päpstliche Akademie für das Leben erhält neue Statuten. Was ändert sich?

(Rom) Die Päpstliche Akademie für das Leben (Pontificia Academia Pro Vita, PAV) wurde 1994 von Papst Johannes Paul II. gegründet, weil er in der Lebensrechtsfrage die Herausforderung erkannte, die über die Zukunft der Menschheit entscheidet. Eine Überzeugung, die von Papst Benedikt XVI. geteilt wurde. Er formulierte die „nicht verhandelbaren Grundsätze“. Unter Papst Franziskus steht der Akademie nach drei Jahren der Bedeutungslosigkeit eine völlige Neuausrichtung bevor. Wohin soll die Reise gehen?

Vom Desinteresse zur Disziplinierung

Mit zunehmender Unruhe registrierten Kirchenkreise nach der Wahl von Franziskus, daß der neue Papst das Lebensrecht der ungeborenen Kinder und die Abtreibung nicht erwähnte. Der Druck wurde so groß, daß das Thema beim ersten Interview von Pater Antonio Spadaro, Schriftleiter der römischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica und enger Papst-Vertrauter, angesprochen wurde. Franziskus gab nun – wenn nicht offiziell, so doch öffentlich – bekannt, daß bioethische Fragen wie Abtreibung für ihn nicht vorrangig seien (siehe Und er weinte über seinen Papst – Papst Franziskus schweigt zu Abtreibung und Homosexualität, und findet das gut so).

Dementsprechend fristete die Päpstliche Akademie für das Leben ein vom Kirchenoberhaupt weitgehend unbeachtetes Dasein. Bis zum Sommer 2016. Im Zuge des Kurienumbaus wurde der bisherige Päpstliche Rat für die Familie aufgelöst und zu einem Teil des neuen Dikasteriums für die Laien, die Familie und das Leben.

Der bisherige Vorsitzende des Päpstlichen Familienrates, Kurienerzbischof Vincenzo Paglia, wurde vom Papst zum Großkanzler des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie und zum Präsidenten der Akademie ernannt. Beobachter sprechen von einem Auftrag, beide Einrichtungen zu disziplinieren.

Das Institut Johannes Paul II. für Ehe und Familie war von Papst Franziskus bei der Doppel-Bischofssynode über die Familie, obwohl die hauseigene Fachabteilung, völlig übergangen worden. Sie hatte sich bereits im Vorfeld gegen die Kasper-Thesen zur Aufweichung der Ehe- und Morallehre ausgesprochen. Vertreter des Instituts, obwohl ausgewiesene Experten, wurden weder als Berater noch Beobachter hinzugezogen, geschweige denn in die Ausarbeitung des nachsynodalen Schreibens Amoris laetitia eingebunden.

Durch Absetzung des Direktors und Austausch des Großkanzlers soll nun das Institut auf Papst-Kurs gebracht werden. Gleiches gilt für die Päpstliche Akademie für das Leben. Unerwünschte Querschüsse, und seien sie auch fundiert, sollen unterbunden werden, und das konsequent.

Die neue Satzung: Entlassung aller Mitglieder

Der Akademie wurde ein neues Statut gegeben, das jenes des Gründungspräsidenten und französischen Genetikers Jerome Lejeune ersetzt. Am 1. Januar 2017 tritt es in Kraft und bedeutet in seinen Hauptkonsequenzen drei Eingriffe: die Säuberung aller Akademiemitglieder, die Streichung des Lejeune-Eides und die Ausgrenzung der Glaubenskongregation.

Gruppenbild mit Papst Franziskus. Die aktuellen Akademiemitglieder
Gruppenbild mit Papst Franziskus. Die aktuellen Akademiemitglieder

Vincenzo Paglia sagte am 5. November in einem Interview mit Radio Vatikan: „Die neue Satzung gehört zum neuen Horizont der Römischen Kurie.“

Sie sieht vor, daß die ordentlichen Akademiemitglieder nicht mehr auf Lebenszeit ernannt werden. Die Ernennung erfolgt künftig auf fünf Jahre mit der Möglichkeit einer Verlängerung. Die Mitgliedschaft endet mit Vollendung des 80. Lebensjahres.

Die Beschränkungen scheinen nur Nebensache im Vergleich zum völligen Kahlschlag, der am 31. Dezember erfolgt. Mit Jahresende 2016 verfallen alle Akademiemitglieder ihres Amtes, auch wenn sie auf Lebenszeit ernannt sind. Mit dem 1. Januar 2017 ist Papst Franziskus völlig frei, die Akademie von Grund auf neu zu besetzen. Damit wird ein Bruch mit der Kontinuität vollzogen, die die Akademie seit ihrer Gründung prägte.

„Notwendige Erneuerung“

Paglia, seit 15. August Präsident der Akademie, rechtfertige den radikalen Eingriff mit den Worten, daß dadurch „eine notwendige Erneuerung“ erleichtert werde. „Nach 22 Jahren“ gehe es um „neue Impulse“ und neue Horizonte“, so Paglia gegenüber Radio Vatikan.

Den bisherigen Akademiemitgliedern wurde bereits mitgeteilt, daß ihre Mitgliedschaft mit 31. Dezember erlischt. Zu ihnen gehören zum Großteil Persönlichkeiten, die dem Kurs von Papst Franziskus kritisch gegenüberstehen. Einige von ihnen haben dies auch öffentlich kundgetan, darunter der österreichische Philosoph Josef Seifert, der Amoris laetitia einer vernichtenden Kritik unterzog. Ebenso der britische Bioethiker Luke Gormally und der italienische Kardinal Carlo Caffarra, der am Montag zusammen mit drei anderen Kardinälen Dubia (Zweifel) gegen Amoris laetitia bekanntmachte, die am 19. September offiziell bei der Glaubenskongregation eingebracht wurden.

Die neuen Akademiestatuten wirken daher mehr wie eine Säuberungsaktion, weil die Akademie für das Leben als Hort gegen die päpstlichen „neuen Horizonte“ gilt. Die Formulierung „notwendige Erneuerung“ wird von Kritikern als Chiffre für eine Kursänderung gelesen. Es wird befürchtet, daß sie von Franziskus vernachlässigten „nicht verhandelbaren Werte“ aktiv aufgegeben werden könnten. Papst Franziskus ist für das Lebensrecht ungeborener Kinder, das hat er, wenn auch an kaum hörbarer Stelle, betont. Er lehnt jedoch eine Verurteilung der Abtreibung ab, ebenso einen kulturellen oder politischen Kampf gegen die Abtreibungsgesetzgebung. Lebensrechtsorganisationen fühlen sich im Stich gelassen.

Abkoppelung von Glaubenskongregation

Eine weitere Neuerung betrifft die Glaubenskongregation. Die von Jerome Lejeune ausgearbeiteten Statuten sahen eine enge Zusammenarbeit vor. In der neuen Satzung ist nur mehr von einer Zusammenarbeit mit dem Staatssekretariat und dem Dikasterium für Laien, Familie und Leben die Rede, das erst neu geschaffen wurde, und dessen Aufgabenbereiche noch nicht näher definiert sind. Offensichtlich soll die Akademie von doktrinellem Einfluß abgekoppelt werden.

Völlig gestrichen wurde die bisherige Verpflichtung der Akademiemitglieder, den von Lejeune auf der Grundlage des Eides des Hippokrates erarbeiteten Eid der Diener des Lebens zu leisten. Die Ablegung des detaillierten Eides war bisher Voraussetzung für die Aufnahme in die Akademie. „Vor Gott und den Menschen“ erklärten die Mitglieder unter Eid, „daß jedes menschliche Wesen für uns eine Person ist“, und zwar von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Der „absolute Respekt für den Patienten“ dürfe weder vom Alter noch der Krankheit abhängen. Die Medizin habe uneingeschränkt auch am Beginn und am Ende des Lebens „im Dienst des Lebens“ zu stehen. Soweit ein Auszug.

In Zukunft genügt ein allgemeines Bekenntnis zum Schutz des Lebens in Übereinstimmung mit der katholischen Doktrin. Ein Eid ist nicht mehr vorgesehen.

„Authentische Humanökologie“

Laut Akademiepräsident Paglia sollen ab 1. Januar „junge Forscher“ verschiedener Disziplinen zu Akademiemitgliedern ernannt werden, die höchstens 35 Jahre alt sind und in Bereichen forschen, die von „Interesse“ für die Akademie sind. Ausgewählt und ernannt werden sie vom Verwaltungsrat der Akademie für eine Amtszeit von fünf Jahren mit der Möglichkeit, für eine weitere Amtszeit verlängert zu werden.

Was ist unter „Interesse“ für die Akademie gemeint? Das neue Statut beansprucht „die Horizonte der Forschung über das Leben“ zu erweitern, wie Paglia erklärte. Artikel 1 Absatz 3 sieht vor, daß sich die Akademie verpflichtet, die Achtung der Menschenwürde in allen Phasen der menschlichen Existenz zu studieren, ebenso „den gegenseitigen Respekt zwischen den Geschlechtern und Generationen“ mit der Perspektive einer authentischen „Humanökologie“. Humanökologie gilt als Fachbereich, der zwischen Sozial- und Naturwissenschaften eingeordnet ist und im Zuge der „nachhaltigen Entwicklung“ und der globalen Klimapolitik an Bedeutung gewonnen hat.

Wer an Generalversammlungen verhindert ist, muß seine Abwesenheit künftig begründen. Wer zweimal unentschuldigt fehlt verliert seine Mitgliedschaft in der Akademie.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: PAV (Screenshots)

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