Die marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens – Von Arturo Sosa Abascal (1978), dem neuen Jesuitengeneral

"Die marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens" ist ein Schlüsseldokument zur jüngsten Geschichte des Jesuitenordens und den Sympathien eines Teiles der Jesuiten für die marxistische Befreiungstheologie. Pater Sosa wurde am 14. Oktober 2016 zum neuen Generaloberen des Jesuitenordens gewählt, dem auch Papst Franziskus angehört ("Ich bin ein Jesuit").
"Die marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens" (1978) ist ein Schlüsseldokument der jüngsten Geschichte des Jesuitenordens und der Sympathien eines Teiles der Jesuiten für die marxistische Befreiungstheologie. Pater Sosa wurde am 14. Oktober 2016 zum neuen Generaloberen des Jesuitenordens gewählt, dem auch Papst Franziskus angehört ("Ich bin ein Jesuit").

Am vergangenen 14. Oktober wurde Pater Arturo Marcelino Sosa Abascal zum neuen Generaloberen des Jesuitenordens gewählt. Damit geriet sein Aufsatz „Die marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens“ (La mediacion marxista de la Fe cristiana) in die Aufmerksamkeit, den der nunmehrige „Schwarze Papst“ 1978 verfaßt hatte. Es ist Prof. Endre A. Bardossy zu verdanken, daß dieser Aufsatz nun in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht werden kann. Es läßt sich nicht sagen, wie Pater Sosa heute zu seinen damaligen Aussagen steht. Sein Aufsatz stellt in jedem Fall ein Zeitdokument dar, das Einblick in die damaligen Wirrnisse und in den Jesuitenorden gibt.

1978 – Ein bedeutender Wendepunkt im Leben der Kirche

Einführung von Endre A. Bardossy*

1978 war ein bedeutender Wendepunkt im Leben der Kirche. Drei Päpste regierten in einem einzigen Jahr. Paul VI. entschlief Anfang August. Sein Nachfolger Johannes Paul I. konnte das Schiff Petri nur 33 Tage lang steuern, da er ebenfalls verstarb, aber ziemlich unerwartet. Nach den Verdächtigungen einer Verschwörungstheorie ließ ihn vielleicht die Mafia ermorden. Am 16. Oktober übernahm dann Johannes Paul II. das Amt für die folgenden, langen und sorgenschweren 26 Jahre und 5 Monate. In jener historischen Zeit tobten bereits europaweit die Roten Brigaden. Man denke nur an den tragischen Tod von Aldo Moro (1978), dem ehemaligen Ministerpräsidenten Italiens. Auch Papst Johannes Paul II. entging nur knapp einem lebensgefährlichen Mordanschlag (1981). Währenddessen stand die Welt in Lateinamerika bereits seit langem auf dem Kopf. Fidel Castro gelang in Kuba auf den Gipfel der absoluten Macht. Zu gleicher Zeit hielten Militärregierungen in Chile (1973–1985), Uruguay (1973–1985), Argentinien (1976–1985), El Salvador (1979–1992) die Verbreitung des Marxismus mit eiserner Faust auf.

Pater Arturo Sosa SJ, 31. Ordensgeneral der Jesuiten
Pater Arturo Sosa SJ, 31. Ordensgeneral der Jesuiten

Das Zeitbild kann durch die folgende Studie im großen und ganzen treffend komplettiert werden. Der Autor, ein Jesuit aus Venezuela, erläutert darin seine mit politischen Träumereien gemischte BEFREIUNGSTHEOLOGIE, was nicht nur von Joseph Kardinal Ratzinger – ab 1981 Präfekt der Glaubenskongregation und ab 2005 als Benedikt XVI. Papst – und Johannes Paul II. scharf abgelehnt wurde, sondern längst auch von der viel gerühmten historischen „Praxis“ als Holzweg widerlegt wurde. Die frische Aktualität ist heute darin wiederzusehen, daß der seinerzeit „junge“, rund 30jährige Autor heute, seit dem 14. Oktober 2016, als „alter Veteran“ zum General des Jesuitenordens gewählt worden ist, was seinen Worten viel Gewicht verleiht. Kraft seines Amtes zählt er auch dann zum Kreis der Persönlichkeiten mit einer gewissen Autorität, wenn seine Behauptungen mit der überlieferten Lehre, Judikatur und den bewährten pastoralen Gewohnheiten der Kirche definitiv inkompatibel sind. Die Unvereinbarkeit kann auch dann von einem intelligenten Leser prima facie erkannt werden, wenn er in Theologie und Geschichtswissenschaften unerfahren ist. Der Autor plaudert so aufrichtig aus der Schule, daß er sich ohne weitere Kommentare selbst enthüllt.

Die Päpste Johannes Paul II. (1978–2005) und Benedikt XVI. (2005–2013) verloren jedoch eine Schlacht gegen die Befreiungstheologie, da diese unter dem gegenwärtigen Triumvirat Bergoglio – Spandaro – Sosa1 vom abtrünnigen Jesuitenorden intensiv weitergeschürt wird. Mit vollem Recht können die Jesuiten seit dem Generalat von Pedro Arrupe „abtrünnig“ genannt werden, da der Orden von Johannes Paul II. mit einem persönlichen Päpstlichen Delegaten unter Kuratel (1981–1983) gestellt werden mußte. Was ausgerechnet bei Jesuiten auf einen außergewöhnlichen Verrat schließen läßt, der eine solche Strafe ohne Präzedenz nach sich zog.

1983: Johannes Paul II. fordert den "Befreiungstheologen" und Kuturminister der marxistisch-leninistischen FSLN-Regimes von Nicaragua, den Priester Ernesto Cardenal, zum Rücktritt auf. Sein Bruder, der Jesuit Fernando Cardenal war Bildungsminister.
1983: Johannes Paul II. fordert in Managua den Kulturminister der revolutionär-sozialistischen FSLN-Regierung von Nicaragua, den Priester Ernesto Cardenal, zum Rücktritt auf. Sein Bruder, der Jesuit Fernando Cardenal, war Bildungsminister. Beide waren namhafte Vertreter der marxistischen  „Befreiungstheologie“.

Die für die Öffentlichkeit diskret verschwiegenen Hintergründe waren im langen Sündenregister der Befreiungstheologie verankert. Seither hat sich der rebellische Orden bis heute nicht erholen können. Erwähnenswert ist die Agitation von Carlo Maria Martini, dem Erzbischof von Mailand (1980–2012), der nach der Aufhebung der päpstlichen Sanktionen gegen seinen Orden (1983) zum Kardinal kreiert wurde. Der mächtige Jesuitenkardinal mauserte sich nicht nur zum ständigen Opponenten von Johannes Paul, sondern laut seinem von ihm selbst verkündeten Selbstverständnis war er zwar nicht ein „Anti-Papst“ (Gegenpapst), aber ein „Ante-Papst“ (der nächste Papst). Nur die Vorsehung und seine Krankheit durchkreuzten seine Pläne, teilweise zumindest. Kurz vor seinem Ableben war er noch einflußreich genug für die Isolierung, Verdrängung und Emeritierung von Papst Benedikt. Der Ungehorsam des Jesuitenordens organisierte sich solange, bis in der Person Jorge Mario Bergoglios ein konformistischer Prätendent aus den Reihen der argentinischen Befreiungstheologie den Thron bestieg (2013).

Eine Renaissance der Befreiungstheologie wird nicht mehr so grobschlächtig wie ehedem, aber umso verdeckter, philosophischer, psychologischer und somit auch systematischer vorangetrieben. Somit wird die Propaganda unter die Haut und ins Unterbewußtsein wirksamer „vermittelt“ als mit der polternden, unvermittelten Gehirnwäsche. Neuerdings wird versucht, die antiquierte Befreiungstheologie im Schafspelz der VOLKSTHEOLOGIE zu verharmlosen. Wenn lediglich Marxens Name gestrichen wird, aber die Postulate gleichbleiben, dann ist das bloß ein Etikettenschwindel. Der vorliegende, aus dem spanischen Original übersetzte Aufsatz beleuchtet die Streitpunkte von damals, die heute immer noch die gleichen sind.

Die marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens

von Arturo Marcelino Sosa Abascal2

In Lateinamerika ist die Präsenz von Christen und christlichen Gruppen, die ihren Glauben mit einem engen Kompromiß3 für den Aufbau des Sozialismus leben und die marxistische Sprache und Ideologie in einer breit gefächerten Vielfalt übernehmen, eine unvermeidbare Realität. Das Engagement für die Verwandlung der venezolanischen Gesellschaft in sozialistische Strukturen auf der Grundlage einer marxistischen Analyse unserer aktuellen sozialen Situation verbreitet sich immer stärker unter solchen Gruppen, die sich als Christen bekennen, und in diesem Kompromiß sehen sie die volle Realisierung ihres Glaubens unter den aktuellen Umständen der gegenwärtigen historischen Stunde.
Das praktische Leben dieser christlichen Gruppen hat jene Reflexion wirklich überwunden, welche über das Verhältnis „Marxismus-Christentum“ sowohl von der offiziellen Kirche als auch vom orthodoxen Marxismus gepflegt wird. Der sogenannte „Dialog“ unter Marxisten und Christen, der sich vor allem in europäischen intellektuellen Kreisen entwickelt hat, kann die Positionen und die Probleme der lateinamerikanischen christlich-marxistischen Gruppen weder tangieren noch beantworten.
Aus der Perspektive der lateinamerikanischen Theologie liegt die theologische Reflexion erst „in der zweiten Ebene“ hinter der christlichen Praxis und erfordert die Prüfung dieser Situation für den Versuch, auf der Grundlage des Kompromisses dieser christlichen Gruppen Theologie zu machen. Nach der fundamentalen Intuition des konsequenten Marxismus, wonach die „Theorie“ nur aus der „Praxis“ geboren und verstanden werden kann, muß sich die Theorie gleichermaßen dialektisch modifizieren mit dem ständigen Wechsel dieser erleuchtenden Praxis, die durch ihre Theorie verstanden wird. Somit handelt es sich um eine Problematik, die für jene Sektoren des Christentums und des Marxismus schöpferisch wird, die beiderseitig noch in der Minderheit sind, aber tiefsinnig versuchen, ihren eigenen historischen Augenblick zu leben, aus dieser Quelle entweder eine „Theologie“ oder eine „Theorie“ zu entwerfen, die ihren historischen Praktiken entspricht, und sie bewußt und kritisch gestaltet, sowie die integrale Transformation der Gesellschaft, und nicht bloß den intellektualistischen Fortschritt des Denkens, sicherstellt.4
Freilich die Option dieser christlich-marxistischen Mischung fordert Probleme in zwei Größenordnungen heraus:
a. Einerseits mit Bezug auf jene Probleme, den Glauben durch die Ideologien und die gegenwärtigen historischen Situationen zu vermitteln, und
b. andererseits mit konkretem Bezug auf den Marxismus, der für diese christlichen Gruppen als vermittelnde Ideologie dient.
Das heißt, von welchem Marxismus und in welchem Sinn spricht man von einer vermittelnden Ideologie des christlichen Glaubens?
Mit diesen Zeilen versuchen wir lediglich eine erste Annäherung an eine umfassende Problematik, deren Systematisierung weder komplett noch erschöpfend behandelt worden ist. Wir versuchen nur einige Linien der Reflexion auf Grund der konkreten Erfahrung und der Realität dieser christlichen Gruppen aufzuzeigen, die in Venezuela und Lateinamerika für den Aufbau des Sozialismus einen Kompromiß eingegangen sind. Der wechselseitige Austausch mit anderen Erfahrungen und der eigene Reifungsprozeß desselben Kompromisses würden diese Reflexion vervollständigen, korrigieren und vertiefen, um den „Weg“ dieser Christen weiter zu verfolgen.

1. Der Glaube des Christen ist ein fleischgewordener Glaube in der Geschichte

Wir haben bereits gesagt, daß unser Ausgangspunkt die Option jener christlichen Gruppen ist, die sich in der strukturellen Transformation der venezolanischen und lateinamerikanischen Gesellschaft engagieren. In der aktuellen historischen Stunde impliziert diese Option die Ablehnung des Kapitalismus als unfähiges Sozialsystem, um Gerechtigkeit für unsere Völker zu verschaffen. Der Kapitalismus ist als Sozialsystem zu verstehen, das auf allen Ebenen unseres Subkontinents den Zustand der Unterdrückung, des Neokolonialismus, der Abhängigkeit und Beherrschung erzeugt und konserviert samt allen Mechanismen der Beherrschung, die das ungerechte internationale Wirtschaftssystem in Schwung halten, womit die „entwickelten“ Völker ihre Position eroberten und die Völker der „Dritten Welt“ zu einem Leben in einer unterentwickelten Abhängigkeit verurteilten.
Innerhalb dieser Option lebt der christliche Glaube. Wir können dann fragen, wie verhält sich diese Option zum Evangelium, die Quelle und Norm des christlichen Lebens ist. Löst sich eine solche Option unmittelbar vom Evangelium oder vom Leben Jesu Christi los? Wie gelangt man zu einer solchen Option aus einem inspirierten Leben durch das Evangelium und die Nachfolge von Jesus Christus, dem Herrn?
Gewiß können wir bestätigen, daß sich eine Option dieser Natur nicht unmittelbar vom Evangelium loslöst, aber es ist ebenfalls unmöglich sie aus den evangelischen Prämissen abzuleiten. Weder in der Aktualität noch in der Vergangenheit gab das Evangelium den Christen die „Formeln“ für ihre soziale Aktivität oder für die Strukturierung des politischen und wirtschaftlichen Lebens in die Hand. Die evangelische Botschaft befindet sich auf einem anderen, fundamentaleren Niveau, aber nimmt den Menschen aller Zeiten nicht ihre Aufgabe ab, zu unterscheiden, auf welche Art und Weise ihr christliches Leben nach den Bedingungen, Kenntnissen und Alternativen jedes einzelnen historischen Augenblicks zu realisieren ist.
Die Tatsache Christ zu sein, verändert nicht die Bedingungen und Möglichkeiten, aber auch nicht die Begrenztheit der menschlichen Existenz. Jedem anderen Menschen gleich, ist der Christ konditioniert in seiner Modalität, wie er die Realität erkennen kann, er hat bestimmte, und nicht andere Instrumente der Interpretation und Transformation zur Hand. Jedem anderen Menschen gleich, muß der Christ seine Rolle in der Geschichte entdecken. Dafür hat er zu den Werkzeugen zu greifen, die von der Kultur seiner Zeit geboten werden. Seine Kenntnisse, wie eines jeden Menschen, sind „vermittelt“ durch den jeweiligen Stand der menschlichen Wissenschaft, wie dieser eben im Augenblick verfaßt sein mag, als er seine Option zu treffen hat.
Ergo hängt die Entscheidung des Christen von der erlebten Situation der Ausbeutung ab, von einem Erleben auf Grund des realen Kompromisses mit den Unterdrückten aus der Sicht, welche ihm die menschliche Wissenschaft für das Verständnis dieser Realität erlaubt, viel mehr als aus der Vermittlung der Evangelien oder aus der Inspiration, die er vom direkten Draht des Heiligen Geistes empfangen kann.
Innerhalb des Verständnisses der Realität mit Hilfe der Instrumente, die von der Kultur und menschlicher Wissenschaft geboten werden können, vollzieht sich eine Konfrontation mit dem anerkannten Evangelium als „Wort Gottes“, und mit dem Leben Jesu, der die „Wahrheit“ und darum der „Weg“ ist.
Wäre das eine reduktionistische „Minimierung“ des christlichen Glaubens? Was bliebe dann noch vom christlichen Glauben übrig? Beinahe spontan ergibt sich aus unserer Überlegung die Antwort, daß der christliche Glaube, in sich genommen, nichts ist. Vom christlichen Glauben kann man nur in einer Relation zu etwas oder besser zu jemandem reden. Dieser jemand ist Jesus von Nazareth, der Christus – nur deshalb ist der Glaube „christlich“ – den wir als Gottes Gegenwart in der Geschichte anerkennen, in dem einzigen historischen Zusammenhang, der die Geschichte von uns Menschen ist. In dieser Geschichte entdecken wir Gott gegenwärtig, stiften wir Liebesbeziehungen und Engagement mit diesem Gott, und das heißt dann Glaube.
Für Christen ist Gott kein beliebiger Name mit einem beliebigen Inhalt. Er ist der Vater Jesu, gegenwärtig in Jesus und gegenwärtig im Geiste Jesu, dessen Realität wir in unserem Leben von heute erfahren. Dieser Gott ist ein Gott, der durch die Humanität „vermittelt“ wird. Er ist der Gott, der sich inmitten der Brüder befindet, die die einzige Geschichte konstruieren. Er ist der Gott, der sich uns in der Humanität Jesu von Nazareth radikal manifestiert, der der einzige Sohn ist, der uns Kunde gebracht hat (Johannes 1,18).
Glauben zu haben, heißt, fähig zu sein (oder nach Johannes 1,12 befähigt worden zu sein) diese Beziehung mit Gott, der in der menschlichen Geschichte gegenwärtig ist, zu errichten. Eine Beziehung, welche simultan eine Bewegung, einen Gesichtspunkt und eine Bedingung verlangt: die Bewegung heißt, aus sich selbst herauszugehen, den eigenen Schwerpunkt aus sich selbst in die Richtung des Anderen zu verschieben. Aber dieser Andere ist nicht irgend jemand, sondern der „Arme“ in der evangelischen Sprache, der Unterdrückte, der uns keine Sicherheit bieten kann und uns erlaubt, unsere Sicherheit in diesem Gott zu gründen, der hierbei transparent wird. Das ist der Gesichtspunkt: der Arme, allein auf Grund dieser Macht können wir diese Beziehung mit Gott errichten, der sich arm gemacht hat, damit wir mit seiner Armut reich werden (2 Korintherbrief 8,9). Und die Bedingung ist, keine andere Grundlage zu haben, als Gottes verheißenes Wort für die Finalisierung der Geschichte. Uns im Anderen wiederzufinden, heißt uns selbst wiederzuerlangen, im Paradox das eigene Leben zu verlieren, um es zu gewinnen (Johannes 12,25). Der christliche Glaube ist nur möglich, wenn er in der Geschichte inkarniert wird.

2. Der christliche Glaube ist ein vermittelter Glaube

Die Inkarnation der Beziehung mit Gott in der Geschichte und der christliche Glaube ziehen als Konsequenz nach sich, daß sie allen Vermittlungen unterworfen werden, die der menschlichen Kondition eigen sind. Diese können wir grundsätzlich zweifach synthetisieren: die erkenntnismäßige und die praktische Vermittlung.
Wenn der Glaube an Gott eine Beziehung ist, welche sich in der Geschichte ereignet, dann hat dies eine Kenntnis der Geschichte zur Voraussetzung, die weder durch direkte Inspiration kommt, noch bequem vom Wort Gottes in objektivistischer Weise deduzierbar ist. Unsere Kenntnis der Realität ergibt sich durch normale Kanäle der menschlichen Erkenntnis. Die menschliche Wissenschaft bietet uns nicht einen einzigen Weg für den Zutritt zur Realität; im Gegenteil, wir begegnen einer Vielfalt von Interpretationsmöglichkeiten der gegenwärtigen Stunde und der historischen Prozesse. Der Christ muß bezüglich des wissenschaftlichen Instrumentariums auch seine Option treffen, womit er die Realität, worin er lebt, interpretieren kann. Sein Glaube wird also erkenntnismäßig durch die Analyse der Realität vermittelt.
Die Autonomie der wissenschaftlichen Instrumente, womit die erlebte Realität verstanden wird, ist nicht absolut, sondern relativ. Die Realität erkennen wir aus der Sicht einer konkreten Situation und aus einem Gesichtspunkt, der vom Glauben verlangt wird: das ist der Arme. Das bedeutet, daß der Christ aus der Vielfalt der wissenschaftlichen Wege, die einen Zutritt an die Realität ermöglichen, jene Option ergreifen muß, deren Analyse sich in jedem historischen Augenblick für die privilegierten Interessen entlarvend und für den Kampf der Armen um eine gerechtere und menschliche Gesellschaft am besten orientierend, und somit an die Realisierung der evangelischen Botschaft der aus der Liebe strömenden Brüderlichkeit am nächsten erweist.
Die Liebe, welche das Leben des Christen begründet, ist eine Liebe, die danach trachtet effizient zu sein. Das heißt, die Struktur des christlichen Glaubens – die Liebesbeziehung mit den Menschen und mit Gott in der Geschichte – ist nicht kontemplativ, sondern praxisorientiert. Sie begnügt sich nicht mit einer Erkenntnis der Realität, obwohl diese in jedem historischen Augenblick die beste aller möglichen sein mag. Es handelt sich nicht um die beste Erkenntnis der Realität, sondern um ihre Transformation gemäß der Forderungen dieser effizienten Liebe. Der christliche Glaube wird durch eine determinierte historische Praxis vermittelt.
Die Theologie des Johannes ist ziemlich klar in diesem Sinn. Für Johannes ist „kommet zu mir“ identisch mit dem „Glauben an Jesus Christus“, das heißt mit dem „Tun, was ich euch befehle“, was in der „tätigen Wahrheit“ konkretisiert wird und nichts anderes ist, als „den Bruder zu lieben“. Dieser Zusammenhang der Termini der Johanneischen Theologie ist in Stein gemeißelt in einer der tiefsten Intuitionen der Propheten: „Gott zu erkennen heißt Gerechtigkeit walten zu lassen.“ Der christliche Glaube passiert daher durch den Kompromiß des Kampfes in der Realität, wo man zugunsten der Schwächsten lebt entsprechend der Schöpfung des neuen Menschen. Das verlangt eine praxisorientierte Vermittlung. Das ist es, was den revolutionären Kompromiß der lateinamerikanischen Christen begründet. Die in Medellín versammelte lateinamerikanische Kirche5 hervor akzeptierte diese praktische Beharrlichkeit des christlichen Glaubens (Cf. das Friedensdokument Nr. 18 und 27 oder das Dokument der Armut Nr. 10).
Aus dieser Realität des vermittelten Glaubens folgt eine Konsequenz, welche diejenigen erzittern läßt, die das Christentum statisch begreifen möchten: die historische Fehlbarkeit des christlichen Glaubens. Das heißt, die Möglichkeit in der Unterscheidung zu irren und folglich die Möglichkeit des „Scheiterns“ der historischen Aktion in einem bestimmten Augenblick des Prozesses, der diese effiziente Liebe realisiert und von der eigenen Option des Glaubens verlangt wird.
Die Bestätigung, daß der christliche Glaube ein vermittelter Glaube ist, bedeutet, daß der Christ allen Kontingenzen der menschlichen Situation unterworfen bleibt, daß er weder Erkenntnis-Privilegien noch Rezepte für erfolgreiche Handlungen besitzt. Seine Haltung ist eine ständige „Unterscheidung mit der Autorität des Glaubens“, aber eines Glaubens, der eine „unsichere Sicherheit“ verschafft. Eine Sicherheit der Gegenwart Gottes in der Geschichte, und Unsicherheit des Weges, der in jedem Augenblick für die volle Gegenwart Gottes inmitten der Menschen einzuschlagen ist. Die Erwartung des Reiches ist keine Verschiebung dieser Zielsetzung „solange Gott will“, sondern das Einsetzen der Mittel für die Kräfte der Liebe, die mächtiger sind als jene des Egoismus, wohl bewußt, daß sogar die Grenze des Scheiterns auf irgendeine Weise überwindbar wird, wie der Tod durch die Auferstehung Jesu überwunden worden ist.

3. Die Inkarnation des christlichen Glaubens in den Ideologien

Der Leitfaden unserer Überlegungen führt uns zur Bestätigung der Notwendigkeit, daß der beschriebene, in der Geschichte inkarnierte und durch Erkenntnis und Praxis vermittelte Glaube in der gegenwärtigen Situation der Christen seinen Ausdruck in konkreten Ideologien finden möge, in Übereinstimmung mit der Option, welche angestrebt wird.
Diese Bestätigung verlangt die Klärung: In welchem Sinn verwenden wir den Begriff der „Ideologie“? Die Bedeutungen, welche diesem Terminus zugeschrieben werden, lauten angefangen von einer Weltanschauung oder einem philosophischen System der Weltinterpretation, verbunden mit einem wissenschaftlichen Systemanalyse der Realität oder mit einem Programm der politischen Aktion, die für die Machtergreifung jeweils Ideen, Strategien und Taktiken inkludiert, erstrecken sich bis zur typischsten Version des Ideologiebegriffes, der vom Marxismus verwendet wird, um Verschleierungen und Rechtfertigungen der realen Unterdrückung die Maske zu entreißen, die von der herrschenden Klasse ausgehen und der ganzen Gesellschaft auferlegt werden als falsche Repräsentation der Realität. Eine Diskussion all dieser Bedeutungen würde den Rahmen unserer Reflexion sprengen.
Für unsere Zwecke verstehen wir hier in diesem Aufsatz Ideologie als „ein System von Mitteln und Ziele für die Konfrontation mit einer bestimmten historischen Epoche, um sie einer Wandlung entgegenzuführen“. In dieser Perspektive entwerfen wir die Notwendigkeit eines Glaubens, der sich handlungsfähig macht, der sich für eine effiziente Aktion kraft der Ideologien Hände und Füße anschafft.
Diese Forderung wird im Neuen Testament bestätigt, wonach ein Glaube ohne Werke ein toter Glaube sei (Jakobusbrief 2,14–18). Mit anderen Worten können wir sagen, daß eine unfähige Liebe keine Liebe ist, zumindest aus der christlichen Perspektive. Um „Werke“ zu erschaffen, sind Vermittlungen nötig, wie wir bereits erwähnt haben. Eine Aktion im Rahmen der eigenen historischen Situation verlangt die Kenntnis der Lage und die Festlegung von Absichten und Mitteln für die Erlangung der vorgeschlagenen Ziele für die Aktion. Sie verlangt eine Ideologie. Ein Glaube, der sich nicht inkarniert, und somit ideologisch einfach unpraktikabel und zugleich inkonsistent bleibt, also ein Glaube ohne Werke, ist ein toter Glaube.
Die Geschichte Israels ist ein klares Beispiel für die Notwendigkeit der Inkarnation des Glaubens in Ideologien. Die Treue an den Bund mit Gott durchläuft verschiedene Modalitäten der historischen Verwirklichung. Der Exodus ist die Ablehnung einer Gesellschaft mit Sklavenhalterei und die Gründung einer Gesellschaft freier Menschen (Exodus 7–12). Später sieht das Volk in der Monarchie die beste Form, um seine Ziele zu erreichen (1 Samuel 8). Der Prophet Isaias erachtet in der Invasion des persischen Königs Cyrus die Möglichkeit für die Erneuerung der Treue des Volkes zu Gott, und deshalb nennt er ihn den „Retter“ Israels (Isaias 45,1–6). Der Prophet Jeremias nimmt ebenfalls aktiven Anteil an der Diskussion über eine eventuelle Allianz mit den Ägyptern zur Abwehr der babylonischen Invasion (Jeremias 37). Schließlich und endlich verlangt die Treue zum Gott der Geschichte eine ständige Unterscheidung der Mittel und Ziele für die erfolgreiche Inkarnation des Glaubens in den Ideologien.

4. Der Marxismus als Geschichtswissenschaft

Als zweite Ordnung von Problemen haben wir bereits jene erwähnt, die sich auf den Marxismus als Ideologie beziehen, und dem christlichen Glauben als Sprungbett dienen. Die Rede über den Marxismus ist eine komplexe Sache. Es gibt keinen einheitlichen Marxismus, nicht einmal einen mehr oder minder monolithischen Block von Marxismen. Daher ist es ebenfalls notwendig, zu spezifizieren, in welchem Sinn wir vom Marxismus und von welchem Marxismus wir reden?
Wir beziehen uns auf den Marxismus von Marx. Die Feststellung scheint eine Dummheit zu sein, aber sie ist angesichts der Diskussionslage im Schoße des Marxismus nötig. Die Mehrheit der lateinamerikanischen und venezolanischen Parteien und der revolutionären Bewegungen definieren sich selber als marxistisch-leninistisch. Manche beziehen sich auch auf Mao-tse-tung, um das revolutionäre Trinom zu vervollständigen. Wir sprechen aber von einem Marxismus ohne Bindestrich, der in den Werken von Marx und Engels zum Ausdruck gekommen ist, und versuchen sowohl dem Buchstaben wie auch dem Geist nach konsequent zu bleiben. Das heißt, wir reden von einem Marxismus, der die Sache dialektisch angeht, sodaß die Theorie der Praxis untergeordnet werden muß wie ein lebendiger Organismus, der jedes theoretische Moment dank des Vormarsches der Praxis übersteigt und darauf verzichtet, in einen Katalog der vorgefertigten Antworten verwandelt zu werden, die sich in jeder beliebigen Situation „anwenden“ lassen.
Somit ist der Marxismus als eine „historische Bewegung“ zu verstehen, der aus einem bestimmten historischen Kontext geboren wird, und der einen Grad der Entwicklung der wissenschaftlichen Instrumente erreicht, welche die Realität wirklich interpretieren können.
Der Marxismus trägt zur menschlichen Wissenschaft den Versuch bei, die Geschichte und ihre Gesetze zu verstehen, welche nicht aus einer bloßen „Interpretation“ oder intellektualistischen Weltanschauung, sondern aus der Praxis startet, um die Welt zu verändern. Deshalb entwirft Marx die Untrennbarkeit und die dialektische Beziehung zwischen Theorie und Praxis und zertrümmert alle „Orthodoxien“ und „Doktrinen“, die einmal für alle Zeiten festgelegt worden sind. Außerdem besteht er auf die dialektische Methode für die Erhaltung der ständigen Erneuerung, welche von der Praxis zur Theorie viceversa hin und her geht.
Das fundamentale Anliegen des Marxismus ist das Verständnis der menschlichen Geschichte. Ein wissenschaftliches Verständnis der Entwicklungsgesetze der Menschheit, das über ihre eigene Evolution und Dynamik aus dem eigentlichen Inneren des Prozesses Rechnung zu legen vermag, ohne auf außerhalb liegende „Mächte und Götter“ zurückzugreifen, welche die Situationen und Prozesse erklären sollten, die die Menschheit hat passieren müssen. Der Marxismus definiert sich daher als Wissenschaft im Gegensatz zur mythologischen Erkenntnis, welche die Ursachen inexistenten, eingebildeten Seienden zuordnet, im Gegensatz zur theologischen Erkenntnis, welche alle jene Gründe in Gott synthetisiert, die der Mensch selber nicht knacken kann, und auf den er seine unerfüllten Wünsche projiziert. Der Materialismus des Marxismus bestätigt daher den Menschen als einzigen Protagonisten seiner Geschichte, und der Mensch muß auch derjenige sein, der die Wissenschaft der Geschichte konstruiert.
Aus dieser Perspektive ist es nötig, den „Atheismus“ und die marxistische, kritische Theorie der Religion zu lesen. Nachdem der Marxismus die Wissenschaft der Geschichte ist, liegt die Proposition des Atheismus eher als politische und nicht als theologische Frage vor uns. In einer Situation der bürgerlichen Domination über das Proletariat deckt die marxistische Analyse auf, daß die Religion eines der ideologischen Elemente ist, welche die Ausbeutung zu rechtfertigen suchen, und erhebt Anklage gegen sie. In der kapitalistischen Gesellschaft ist der Staat seinem Wesen nach religiös, da er sich gleich wie Gott als etwas Höheres und Universales ausgibt und nicht als Institution der dominanten sozialen Klasse für die Sicherung der Herrschaft über die ganze Gesellschaft. Innerhalb dieses Kontextes ist der Atheismus nicht nur die Negation eines Gottes, der aus den Interessen einiger konkreter Menschen geschaffen und als universale Offenbarung präsentiert worden ist, sondern darüber hinaus auch die Negation des bürgerlichen Zustandes, der sich für die Protektion der herrschenden Ausbeutung selber vergöttert.
Ein konsequenter Marxismus müßte kraft seiner eigenen Postulate seine eigene „Theorie der Religion“ nach Maßgabe dessen neu formulieren, insoweit religiöse Praktiken auftauchen, die von den oben analysierten verschieden sind. Das Christentum als gelebtes Befreiungsorgan muß eine religiöse Befreiungstheorie hervorbringen. Der eigene Stand des Sozialismus muß der Kritik der marxistischen Theorie unterworfen werden, um die „religiösen“ Formen ausfindig zu machen, welche diese in ihrer täglichen Praxis erfüllen könnten.
Der Marxismus als Inbegriff der analytischen Instrumente und Methoden, der sich fortwährend im Kompromiß um die Transformation der ungerechten Realität in eine gerechtere Gesellschaft neu gestaltet, legt die Notwendigkeit der Unterscheidung nahe, ob und inwieweit der Glaube die beste Methode der Analyse, der Erkenntnis der gegenwärtigen Realität und des historischen Prozesses und der Orientierung des Kampfes ist.

5. Die marxistische Vermittlung hier und heute

Die oben aufgezeigte Beziehung zwischen dem christliche Glauben und den Ideologien erlaubt uns die Konklusion über die Legitimität einer marxistischen „Ideologisierung“ des Glaubens. Das heißt, sie erlaubt uns die Existenz von Christen zu verstehen, die sich gleichzeitig als Marxisten proklamieren und sich kompromittieren für die Transformation der kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische Gesellschaft. Es wäre nicht fehl am Platz, die Frage zu stellen, ob es außer der Legitimität auch die Notwendigkeit einer marxistischen Vermittlung des christlichen Glaubens gäbe, nämlich in der aktuellen Situation in Lateinamerika und angesichts der realen, historischen Alternativen, die wir in Venezuela haben.
Eine eindeutig klare Frage ist die Notwendigkeit – ja oder nein – der marxistischen Vermittlung, daß wir im aktuellen Stand der Entwicklung der Sozialwissenschaften und der lateinamerikanischen Kultur gewissermaßen auf sie nicht verzichten können. Die Präsenz und die wachsende Verbreitung des Marxismus in der Welt von heute ist ein unbezweifelbares Faktum. Zahlreiche Kategorien gingen aus dem Marxismus ins kulturelle Patrimonium der Humanität ein und wurden in Soziologie und Ökonomie inkorporiert. Aus der Sicht der Politik kann man die zunehmende Zahl der Länder nicht verleugnen, die sich für ihre soziale Organisation auf marxistische Prinzipien stützen, ebenfalls groß ist die Zahl von Parteien und politischen Bewegungen, die sich für ihre Aktivität der Transformation vom Marxismus inspirieren lassen.
Wenn also die weltweite Realität so ausschaut, fällt die Präsenz des Marxismus in der „Dritten Welt“ und konkret in Lateinamerika noch mehr ins Gewicht. Unsere Kultur ist schon voll mit marxistischen Elementen durchdrungen. Wer versuchen will, den lateinamerikanischen Prozeß zu verstehen, kann nicht auf die Realität des Marxismus als inspirierende Idee für die Politik, Bewegungen und Aktionen verzichten.
Andererseits lassen sich in der gegenwärtigen Konjunktur der Welt, unter den gegebenen strukturellen Beziehungen, welche die Welt von heute beherrschen, die historischen Alternativen auf zwei reduzieren: Kapitalismus oder Sozialismus. Gewissermaßen fühlt sich niemand befriedigt mit den konkreten Realisierungen, von keinem der beiden Systeme. Wenn ein historisches Projekt des Kapitalismus skizziert wird, redet man vom Reform-Kapitalismus, der seine eigene Kapazität der Selbstkorrektur und seine Dotierung der Freiheiten potenziert. Wenn man vom Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft redet, geht man von der Kritik der aktuellen sozialistischen Länder aus und postuliert ein Sozialismusmodell, das aus der eigenen Kultur jenes Landes geboren wird, wo es errichtet werden und die Einschränkungen überwinden soll, die anderswo im aktuellen Realsozialismus zu beobachten sind. Alle Versuche des „Dritten Weges“ sind sich wie Ableitungen vorgekommen, je nach Unterstützung, die sie für ihre Option – entweder vom „reformkapitalistischen“ oder „sozialdemokratischen“ Typ –  erhalten haben.
Die Option für eine marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens ist also für viele christliche Gruppen präsent, die sich in der historischen Gegenwart unseres Kontinentes in der notwendigen Option mit den lateinamerikanischen Unterdrückten kompromittieren; marxistische Vermittlung bedeutet ihren Einsatz als Methode zur Analyse der Realität und als Inspiration des sozialistischen Modells der Gesellschaft, deren Aufbau man anstrebt.
Die Umsetzung dieser Option oder die Anerkennung ihrer Legitimität und Notwendigkeit besagt nicht, daß von den Christen wie durch die Kunst der Magie alle Probleme gelöst werden. Im Gegenteil, ihre Kapazität für die Unterscheidung sollte wachsen, und das Bewußtwerden der Relativität der Ideologien sollte verhindern, die Sicherheit in das Instrument zu legen und nicht in jene Liebesbeziehung, die mit den allerärmsten Brüdern und Gott aufrechterhalten wird, die sich uns in der Geschichte darbieten.
Die marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens wird hier und heute problematisch, speziell wenn man in die Versuchung fällt, an den Marxismus als Weltanschauung zu appellieren, als ob er eine „Ersatzreligion“ wäre mit eigener Orthodoxie und fixen und unveränderlichen Doktrinen, sobald der Klassenkampf als einziges Erklärungskriterium für die Entwicklung der menschlichen Geschichte erachtet wird, und die Grenzen der Sozialwissenschaft, oder die eines politischen Projektes, überschritten werden, und man den Marxismus in ein philosophisches System verwandeln will, das imstande ist, alle Dinge der Welt in ihren letzten Ursachen erklären zu können.
Wir haben festgestellt, daß die Tatsache nicht zu leugnen ist, daß der christliche Glaube, und somit eine Theologie, die von sich fordert, diesen Glauben rationell auszudrücken, viele, sowohl theoretische als auch praktische „Vermittlungen“ braucht. Diese Feststellung ist bereits in den Charakteristiken der menschlichen Erkenntnisaktivität und in seiner eigenen „Natur“ oder im Sein des Menschen grundgelegt. Gleichzeitig können bekräftigen, daß es notwendig ist, wachsam zu sein, um zu vermeiden, daß sich die notwendigen Vermittlungen nicht in versklavende Vermittlungen verwandeln, und dazu führen, den Glauben und die Theologie zu Instrumenten der Legitimierung einer bestimmten soziopolitischen Situation zu machen.
Eine marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens wurde von vielen lateinamerikanischen Christen als Quelle der Inspiration für ihr Handeln unter den aktuellen Umständen des Kontinents entdeckt und hat ein kreatives Christentum gefördert und hat im Kampf für die Ärmsten Gestalt angenommen. Eine marxistische Mediatisierung des christlichen Glaubens wäre die schlimmste Instrumentalisierung, die einer Religion – Beziehung zu Gott – widerfahren könnte, die, indem sie den gekreuzigten Jesus in den Mittelpunkt stellt, mit jedwedem Versuch eines menschlichen Konstruktes von Gott bricht und Ihn als den bestätigt, der immer der in seinen Möglichkeiten Unbekannte bleibt.

Übersetzung: *Endre A. Bárdossy war o. Universitätsprofessor in San Salvador de Jujuy, Argentinien, für Landwirtschaftliche Betriebswirtschafts­lehre und Leiter eines Seminario de Aplicación Interdisciplinaria im Departamento de Ciencias Socio-Económicas an der Universidad Nacional de Cuyo, Mendoza. Zuletzt schrieb er bei Katholisches.info den Aufsatz Kapitalismus ja? Liberalismus nein? – Erweiterte Fassung.
Bild: SIC/Centro Gumilla/MiL (Screenshots)

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Zuwendungsübersicht
  1. Jorge Bergoglio S.J., ehemaliger Befreiungstheologe, zur Zeit Papst; Antonio Spadaro S.J., Schriftleiter der römischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica und Papstvertrauter, einer der Chefideologen des Ordens; Arturo Marcelino Sosa Abascal S.J., seit dem 14. Oktober 2016 neugewählter Ordensgeneral. Der Jesuitenorden, aber auch die Kirche rücken mit ihm politisch weiter nach links. []
  2. Arturo Sosa S.J.: La mediación marxista de la Fe cristiana, in: SIC (Revista del Centro Gumilla), Nr. 402, Februar 1978 (41. Jg./1978), S. 64-67. Übersetzung aus dem Spanischen: Endre A. Bárdossy. Das spanische Original wurde als Beilage veröffentlicht:
    a) www.katholisches.info/2016/10/17/schwarzer-papst-mit-marxistischer-vergangenheit-jesuiten-haben-neuen-ordensgeral/
    b) gumilla.org/biblioteca/bases/biblo/texto/SIC1978202_64-67.pdf
    1977 wurde Pater Sosa Redaktionsmitglied der venezolanischen Jesuitenzeitschrift SIC. Im Jahr nach der Veröffentlichung dieses Aufsatzes wurde er verantwortlicher Direktor der Zeitschrift. Eine Aufgabe, die er von 1979 bis 1996 bekleidete. Von 1996-2004 war der Provinzial der Jesuitenprovinz Venezuela. Seit 1998 gehörte er der Generalleitung (Rat des Generalsuperiors) des Jesuitenordens an. Seit dem 14. Oktober 2016 ist er 31. Generalsuperior des Ordens. []
  3. Kompromiß (spanisch compromiso vom lat. compromittere) bedeutet in den romanischen Sprachen ein „gegenseitiges Versprechen, Verpflichtung, Ausgleich“. Im Deutschen herrscht aber eher der Wortsinn eines „faulen Kompromisses“ vor, und damit ein „Verrat, Kuhhandel, Roßtäuscherei“ mit dem Feind. „Kompromittieren“ bedeutet dann auch „bloßstellen“. Wie im vorliegenden Fall. []
  4. Immer wieder, wenn die Argumentation des Autors besonders schwach untermauert bzw. irrtumsanfällig wird, greift er zu einem auffälligen Stilmittel. Er schaltet gewundene Schachtelsätze ein, die freilich schwer lesbar sind, aber dafür die Schwäche der Argumentation gut verschleiern können. In der Übersetzung sind sie fett hervorgehoben, im Original nicht. []
  5. Parteinahme der Zweiten Allgemeinen Lateinamerikanischen Bischofskonferenz CELAM von 1968 in Medellín für die Armen, Anm. d. Red. []

6 Comments

  1. JESUS CHRISTUS, das Haupt SEINER Kirche spricht (Joh 8,31 f):
    „Wenn ihr in MEINEM WORTE bleibt, dann werdet ihr wirklich MEINE JÜNGER sein;
    und ihr werdet die WAHRHEIT ERKENNEN, und die WAHRHEIT WIRD EUCH FREI MACHEN“ [NICHT die "BEFREIUNGS-Theologie"!]

  2. Der politische Linksruck der Römisch Katholischen Kirche ist Ausdruck der geistigen Verwirrung, die Top Down aufoktroiert wird. Um so unverständlicher,
    weil die marxistisch/sozialistische Ideologie bereits mit Pauken und Trompeten gescheitert ist. Nach diesem katastrophalen Scheitern als Kirche auch noch auf
    dieses tote Pferd aufzusteigen, ist selbstmörderisch, und Ausdruck dessen, dass
    man die Wahrheit aus den Augen verloren hat.

  3. JESUS CHRISTUS, das Haupt SEINER Kirche spricht (Joh 8,31 f):
    „Wenn ihr in MEINEM WORTE bleibt, dann werdet ihr wirklich MEINE JÜNGER sein;
    und ihr werdet die WAHRHEIT ERKENNEN, und die WAHRHEIT WIRD EUCH FREI MACHEN“
    - NICHT die „BeFREIungs-Theologie“!

  4. „In der kapitalistischen Gesellschaft ist der Staat seinem Wesen nach religiös, da er sich gleich wie Gott als etwas Höheres und Universales ausgibt und nicht als Institution der dominanten sozialen Klasse für die Sicherung der Herrschaft über die ganze Gesellschaft.“

    Das sieht er ganz richtig und bei allen Irrtümern, hier redet einer noch von Gott. Wobei die geradezu gnostisch gefährdet daherkommende Volk-Gottes-Apologetik im demokratischen Staat nicht nur diesen, sondern den Demos selbst als Gott ansieht. Im Absolutismus hat sich der König zum Staat gemacht und selbst die Kirche unterworfen. Dagegen war der Aufruhr des Volkes ganz richtig. Nur hat man ihm dann eingeredet, sich selbst, als ebenso abstrakte Entität (Demos) wie den Staat oder Gott, zu solchem zu machen; anstatt Ihn, den Herrn wieder einzusetzen, auch über die weltliche Macht.
    Ganz falsch ist deshalb die heutige Politik der staatlich alimentierten Nationalkirche deutscher Provenienz, besagte Sicherung der (demokratischen) Herrschaft zu betreiben, anstatt Seine Sache gegenüber den Hohepriestern des Demos entschieden zu vertreten. Die Kirche ist Gegner nicht der weltlichen Ordnungskräfte, doch der des sich selbst überhöhenden modernen Staates. Da möge sich der Nebel angeblicher völkischer/demokratischer „Legitimation“ doch allmählich einmal verziehen.

    Und der marxistischen Geschichtsdeutung, die durchaus ihre Stärken hat, gilt es entgegenzuhalten, daß es nicht nur den Glauben an Gott, sondern Ihn selbst nicht nur wirklich, sondern tatsächlich gibt. Und der Befreiungstheologie sei gesagt: Wir müssen uns einsperren in Ihn.

  5. Die Muttergottes hat in Fatima gesagt: „…Wenn man meine Bitte erfüllt, wird Rußland sich bekehren und es wird Friede sein. Wenn nicht, wird es seine Irrtümer in der Welt verbreiten….“ Nun, diesen Irrtum, den Marxismus, hat letztendlich auch die Hl. Kirche erfasst…

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