Sturm gegen den Priesterzölibat aufgeschoben, aber nicht aufgehoben – Unerwartete Lanze für den Zölibat

Priesterzölibat wird nicht Thema der Bischofssynode 2018 sein. Die Forderung nach Abschaffung des Zölibats wird damit aber nicht vom Tisch sein. Von unerwarteter Seite wurde eine Lanze für den Priesterzölibat gebrochen.
Priesterzölibat wird nicht Thema der Bischofssynode 2018 sein. Die Forderung nach Abschaffung des Zölibats wird damit aber nicht vom Tisch sein. Von unerwarteter Seite wurde eine Lanze für den Priesterzölibat gebrochen.

(Rom) Die nächste Bischofssynode wird sich nicht mit dem Priestertum und dem Zölibat befassen. Darauf hatten in den vergangenen Monate eine ganze Reihe von Zeichen hingewiesen. Der Generalsekretär der Bischofssynode und Papst-Vertraute, Kardinal Lorenzo Baldisseri, gab nun dem Avvenire, der Tageszeitung der Italienischen Bischofskonferenz bekannt, daß Papst Franziskus die nächste Bischofssynode zum Thema „Jugend, Glauben und Berufung“ versammeln wird. Das sei das erste Thema „ganz oben“ auf der Liste möglicher Themen gewesen. Die nächste Bischofssynode wird 2018 stattfinden.

Kardinal Baldisseri gab zugleich bekannt, daß in der Themenliste für die nächste Synode das Priestertum gleich an zweiter Stelle stand. Das Thema steht damit für die übernächste Bischofssynode bereit.

Bischofssynode 1971: erster Anlauf den Priesterzölibat abzuschaffen

Der Vatikanist Sandro Magister hatte im Dezember 2015 die Indizien dafür zusammengetragen, daß sich rund um Papst Franziskus die Zeichen verdichten, daß das Priestertum und die Abschaffung des Zölibats Thema der nächsten Bischofssynode sein könnte.

Bereits 1971 hatte eine Bischofssynode, damals eine noch ganz junge, erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geschaffene Einrichtung, sich mit dem Thema Priestertum befaßt. Es war die Zeit, als Tausende von katholischen Priestern ihr Priestertum aufgaben, um zu heiraten. Im deutschen Sprachraum waren bereits während des Zweiten Vatikanischen Konzils manche überzeugt, diese allgemeine Kirchenversammlung werde den Zölibat abschaffen.

Es hält sich das Gerücht, daß damals im deutschen Sprachraum Kleinanzeigen von Pfarrern von der Art veröffentlicht wurden: „Pfarrhaushälterin gesucht, bei entsprechendem Ausgang des Konzils, spätere Heirat möglich.“ Ob Tatsache oder Gerücht, die Erzählung vermittelt einen Eindruck von der damals herrschenden Stimmung.

Film (1971): "Die Ehefrau des Priesters"
Film (1971): „Die Ehefrau des Priesters“

In Italien kam im selben Jahr, in dem die Bischofssynode stattfand, der Film „La moglie del prete“ (Die Ehefrau des Priesters) in die Kinos, mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni in den Hauptrollen.

Auf der Bischofssynode 1971 traten zahlreiche Stimmen auf, die sich für die Priesterweihe von viri provati, von reifen, bewährten, verheirateten Männern aussprachen. Das Abstimmungsergebnis der Synodalen fiel mit 107 gegen 87 Stimmen, das sind 55,2 Prozent gegen 44,8 Prozent denkbar knapp aus. Das Ergebnis wäre für Papst Paul VI. zwar nicht bindend gewesen, liefert aber eine Momentaufnahme vom Zustand des katholischen Weltepiskopats in den unruhigen Jahren nach dem Konzil.

Heute sind die Forderungen nach Zulassung eines verheirateten Klerus erneut sehr stark

„Heute sind die Forderungen erneut sehr stark, auf breiter Basis in der lateinischen Kirche einen verheirateten Klerus einzuführen mit Papst Franziskus, der bereits mehrfach zu verstehen gab, daß der bereit ist diese Forderungen zu hören“, so Magister.

Wie nun bekannt wurde, wird es aber nicht die nächste Bischofssynode sein wird, die nach dem Sturm auf das Ehesakrament den Sturm auf das Weihesakrament versuchen soll.

Laut dem, was Kardinal Baldisseri durchblicken ließ, habe Papst Franziskus, dem die Entscheidung zusteht, es schließlich vorgezogen, das Thema Priestertum und Zölibat vorerst fallenzulassen und das „harmlosere“ Thema Jugend aufzugreifen. Der anhaltende innerkirchliche Widerstand gegen die Aufweichung des Ehesakraments scheinen eine bremsende und ernüchternde Wirkung auf den Papst zu haben. Dazu gehört auch, daß Sandro Magister frühzeitig auf die Bestrebungen hinter den Kulissen aufmerksam machte, den Priesterzölibat abschaffen zu wollen. Diese Bestrebungen laufen über die „Amazonas-Werkstatt“, zeigen aber erneut die Kirche im deutschen Sprachraum stark involviert.

Magister schrieb zum päpstlichen Verzicht auf eine Bischofssynode in Sachen Zölibat:

„Um nicht einen neuen innerkirchlichen Konflikt zu dem immer dramatischeren hinzuzufügen, der bereits von der jüngsten Bischofssynode und dem nachsynodalen Schreiben Amoris Laetitia ausgelöst wurde.“

Der Aufsatz „Den Priesterzölibat überdenken?“

Der Aufschub in Sachen Priesterzölibat bedeute aber nicht, so Magister, daß damit das Thema der verheirateten Priester vom Tisch sei. Einer der bekanntesten italienischen Theologen, Msgr. Giacomo Canobbio, Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät von Mailand, Vorsitzender der Italienischen Theologenvereinigung und Bischofsvikar für Pastoral und Kultur der Diözese Brescia, legte dazu in der einflußreichen Rivista del Clero Italiano (Zeitschrift des Italienischen Klerus) einen Aufsatz vor. Die Zeitschrift wird von der Katholischen Universität vom Heiligen Kreuz in Mailand herausgegeben. Die Herausgeberschaft haben drei Bischöfe von Bedeutung: Bischof Franco Giulio Brambilla von Novara, Bischof Gianni Ambrosio von Piacenza-Bobbio und Claudio Giuliodori, der ehemalige Bischof von Macerata-Tolentino-Racanati-Cingoli-Treia, der von Papst Benedikt XVI. in einer seiner letzten Personalentscheidungen zum Assessor und Generalkaplan der Katholischen Universität von Mailand ernannt wurde.

Msgr. Giacomo Canobbio
Msgr. Giacomo Canobbio

Mit dem Aufsatz Canobbios wird von unerwarteter Seite eine Lanze für das Priestertum gebrochen. Sein Aufsatz trägt den Titel: „Den Priesterzölibat überdenken?“ Ein solches Überdenken sei, so der Autor, vom amtierenden Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in seiner Rede im vergangenen Februar an der Päpstlichen Universität Gregoriana für „legitim“ erklärt worden.

Die eigentliche Absicht Canobbios ist es, Allgemeinplätze zum Thema Priesterzölibat zu zerlegen, sodaß die Leser zu ganz unerwarteten Schlüssen geführt werden. „Daß die Verantwortlichen der Gemeinschaften in der Frühzeit des Christentums verheiratet waren, scheint sich kaum leugnen zu lassen. Daraus jedoch zu schließen, daß es deshalb auch heute so sein müsse, ist zumindest naiv.“

Lese man die Kirchengeschichte unvoreingenommen, „kann man sagen, daß die Entscheidung, das Priestertum an den Zölibat zu koppeln, nichts anderes als eine Aktualisierung dessen ist, was bereits im Neuen Testament grundgelegt ist, wenn es auch etwas gedauert hat, bis eine endgültige Entscheidung dafür getroffen und diese nicht immer beachtet wurde.“

Verheiratete Priester kein Heilmittel gegen Berufungskrise

Der Autor räumt mit der Illusion auf, ein verheirateter Klerus sei das Heilmittel gegen den Rückgang der Priesterberufungen. Es genüge, so Canobbio, zu sehen, was bei den Orthodoxen und vor allem den Protestanten geschehe, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Dort seien Weltklerus und Pastoren verheiratet, und dennoch befinden sich die Berufungen auch dort in der Krise. Die Ursache der Krise sei nicht der Zusammenhang zwischen Priestertum und Zölibat, sondern die „Entchristlichung“.

Canobbio stellt daher die Frage, welche Bedeutung der Priesterzölibat in einem entchristlichten Umfeld für die Evangelisierung gewinnt. „Oder sei es angebrachter, angesichts eines Missionsnotstandes, auf den Papst Franziskus ständig hinweise, die Zölibatsverpflichtung abzuschwächen?“ Letzteres wird vom Autor verneint.

Canobbio skizziert die historische Entwicklung des Zölibats, der in engster Beziehung zum Priester stehe, der in persona Christi handelt, was eine Ganzhingabe an Christus und an die Menschen verlange. Diese „ekklesiologische Dimension“ im Verhältnis zwischen sakramentalem Priestertum und Zölibat könne daher nicht einfach beiseite gelegt werden, so der Autor.

„Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen hat nicht nur das Leben der Priester geformt, sondern die Gesamtausrichtung der lateinischen Kirche. Es ist daher in Rechnung zu stellen, daß eine andere Figur des geweihten Priesters auch zu einer Neuausrichtung des gesamten Lebens der Kirche selbst führen würde.“

Man solle sich nicht auf die Zölibatsfrage versteifen, denn für das Priestertum seien alle Aspekte der imitatio Christi von entscheidender Bedeutung, dazu allerdings gehöre auch die Ehelosigkeit, aber auch die Armut.

„Die Hingabe für das Reich Gottes hat bereits in sich eine evangelisierende Kraft“.

Das Priestertum bedürfe daher der „mystischen Dimension“, wenn es nicht zu einer „edlen, aber bürokratischen Funktion“ werden solle, so Canobbio

Nein zur Duldung von „Geheimehen“ von Priestern

Weder sei die Aufhebung des Zölibats eine Lösung für die Berufungskrise noch der Verzicht auf eine ausreichende Prüfung der Kandidaten, um genügend Priester weihen zu können. Der Schaden durch die spätere Aufgabe des Priestertums oder durch sexuelle Verfehlungen sei in jedem Fall größer als der vermeintliche Nutzen. Canobbio verurteilt aber auch die Duldung von „Geheimehen“ von Priestern, um nicht weitere Priester zu verlieren. Das fördere weder den Frieden in der Gemeinschaft noch die Evangelisierung. Schon gar nicht helfe es dabei, den Wert des Zölibats für das Priestertum zu verstehen. Der Autor geht nicht näher darauf ein, doch klingt durch, daß damit die Autorität und die Glaubwürdigkeit des Priesterstandes im gläubigen Volk und auch gegenüber den Nichtgläubigen untergraben wird. Erst recht werden dadurch keine Berufungen gefördert.

„Für“ ein „Überdenken“ des Priestertums, um den „Wert des Zölibats“ wiederzuentdecken

Canobbio spricht sich in seinen Schlußfolgerung entschieden für ein „Überdenken“ des Priesterzölibats aus, allerdings nicht im Sinne der Zölibatsgegner, sondern um den „Wert des Zölibats“ wiederzuentdecken und die Gründe wiederzugewinnen, die in der lateinischen Kirche dazu geführt haben, nur Männer zu Priestern zu weihen, die bereit sind, „um des Himmelreiches willen“ zölibatär zu leben.

Der Vatikanist Sandro Magister erinnert im Zusammenhang mit Canobbios Aufsatz für den Priesterzölibat daran, daß vor allem aus Deutschland „mit Nachdruck“ eine Abschaffung des Zölibats gefordert wird, und dies auch von offiziellen Organismen wie dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) betrieben wird. Die Insistenz, mit der 2010/2011 das ZdK gegen den Zölibat mobilmachte, löste allerdings auch Gegenreaktionen aus. Eine davon war die Veröffentlichung des Buches „Reizthema Zölibat“ (Fe-Medienverlag, 2011). Herausgeber war Armin Schwibach, die Einführung stammt von Kardinal Walter Brandmüller. Das Buch würde eine aktualisierte Neuauflage verdienen. Vor allem sind Kardinal Brandmüllers Worte von unveränderter Aktualität.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Periodistadigital(Cine.it/Brescia Oggi (Screenshots)

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1 Comment

  1. Jugend und Berufung heißt doch das Thema der nächsten Bischofssynode. Liegt es da nicht sehr nahe, den sog. „Pflichtzölibat“ als das Hindernis für sich zum Priestertum berufen Fühlender zu dysqualifizieren, um dann in einem postsynodalen Schreiben festzuhalten, daß es im Prinzip beim Zölibat bleibt, um in einer kleinen Fußnote dann bei Einzelfällen Ausnahmen zu ermöglichen?
    Uwe C. Lay Pro Theol Blogspot

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