Martin Luthers Einzug im Vatikan – Chronologie der lutherisch-katholischen Annäherung seit 2013

Papst Franziskus mit Martin Luther
Papst Franziskus mit Martin Luther: "Schwamm-drüber"-Ökumene?

(Rom) Eine Statue Martin Luthers im Vatikan, wo sonst Christus- und Marienfiguren und Heiligendarstellungen stehen, Kardinäle, die erklären: „Luther hatte recht“ und „Katholiken können von Luther lernen“, ein gemeinsames Reformations-Gedenken mit Beteiligung des Papstes, obwohl der Glaubenspräfekt der katholischen Kirche, Kardinal Gerhard Müller meinte, 500 Jahre Reformation seien „für Katholiken kein Grund zum Feiern“, kryptische Aussagen von Papst Franziskus zur Frage der Interkommunion. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß es höchste katholische Vertreter drängt, einen Schlußstrich unter 500 Jahre Luther-Protest zu ziehen.

Am liebsten, zumindest könnte man einen solchen Eindruck gewinnen, würde man den 1546 gestorbenen sächsischen Hitzkopf in einem Sonderspezialverfahren durch Heiligsprechung vereinnahmen. Dem steht die Exkommunikation Luthers durch Papst Leo X. entgegen und die Verurteilung von zentralen Thesen Luthers durch das Konzil von Trient, die damit dogmatischen, das heißt definitiven Charakter hat.

Die Luthermanie scheint viel vergessen zu lassen, etwa Luthers Lebenswandel, seinen maßlosen Größenwahn, seine grenzenlose Selbstüberschätzung, seinen Ungehorsam, sein Sich-Aufspielen über seinen Orden, dem er sich durch Gelübde verpflichtet hatte, über das Konzil, über den Papst, über sein Priestertum, über die Tradition und sogar über die Heilige Schrift. Er verkündete zwar sein „sola scriptura“, doch ganz ernst meinte er es damit nicht. Er warf selbstherrlich ganze Bücher und Apostelbriefe aus der Bibel, die ihm nicht in sein Konzept paßten, tadelte sogar den Apostelfürsten Paulus und widersprach selbst Aussagen von Jesus Christus, wenn sie seinen Auffassungen im Weg standen. Luther postulierte zwar seine „Sola“-Grundsätze, doch das „sola fide“ (allein durch Glauben) war Luthers eigenmächtige Bibelfälschung. Über allen und allem stand letztlich nur ein Grundsatz: „solo Luthere“ (allein durch Luther).

Doch das alles, sein Stolz, sein Hochmut, seine Irrlehren, sein selbstgebasteltes Kirchenverständnis, sein Kahlschlag der Sakramente, von denen er statt der sieben nur mehr anderthalb übrigließ, scheint vergessen, als wäre es Schnee von gestern. Als würde die lutherische Kirche von heute nicht auf dieses, wenn auch im Relativismus verblassende Erbe beharren. Vergessen scheinen alle historischen Folgen, die tiefe Spaltung des deutschen Volkes, die Spaltung des Abendlandes, der schreckliche Bruderkrieg, der Gnadenstoß für das römisch-deutsche Reich, die Entgleisung der deutschen Geschichte, die sich nur mehr auf Notgeleisen fortbewegen konnte.

Chronologie der lutherisch-katholischen Annäherung seit 2013

Ein kurze und unvollständige Chronologie der katholisch-lutherischen Annäherungen seit 2013.

Ausgangspunkt (2016):
Katholische Kirche: 1,3 Milliarden Katholiken
Lutherischer Weltbund: 70 Millionen Lutheraner

Stärkste Religionsgemeinschaft sind die Lutheraner heute in Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Island, Lettland und Namibia.

 17. Juni 2013 – „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“

Während einer Tagung des Lutherischen Weltbundes wird ein „Studiendokument“ der Lutherisch/Römisch-katholischen Kommission für die Einheit des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen vorgestellt. Es trägt den Titel: „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“. Auf 90 Seiten wird die Idee ausgebreitet, im Jahr 2017 gemeinsam „500 Jahre Reformation“ zu feiern. Nicht die Kirchenspaltung solle gefeiert werden, sondern die „theologischen Einsichten“ der „Reformatoren“ und die Antworten, die das Konzil von Trient darauf gab, denn es gehe im heutigen „ökumenischen Zeitalter“ nicht mehr um Trennendes, sondern Gemeinsames. Die inhaltlichen Fragen spielen seither in den öffentlichen Aussagen aber eine erstaunlich unbedeutende Rolle, weder die „Einsichten“ Luthers noch die Antworten des Konzils von Trient, dessen Erwähnung selbst in manchen katholischen Kreisen verpönt ist.

2. Januar 2015 – Kardinal Marx: Katholiken können von Luther lernen

Das Lutherbild von Kardinal Marx
Das Lutherbild von Kardinal Marx

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München-Freising, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Vorsitzender der Kommission der Bischofskonferenzen der EU (COMECE) und Mitglied des C9-Kardinalsrates ist ein wichtiger Mann in der katholischen Kirche. In einem Beitrag für die Zeitung „Politik & Kultur“ des Deutschen Kulturrates streut er der evangelisch-lutherischen Kirche mit Blick auf das Luther-Jahr 2017 Blumen, indem er Martin Luther „exkulpiert“.

Martin Luther habe „nicht die Spaltung der Kirche angezielt“, sondern „wollte mit seinen Reformbestrebungen“ nur „auf Missstände aufmerksam machen, die die Botschaft des Evangeliums verdunkelten“. Nach einem halben Jahrhundert des „gemeinsamen ökumenischen Dialogs“ sei es auch für Katholiken möglich, Luther „mit Anerkennung zu lesen und von seinen Gedanken zu lernen“. Diese Entwicklung sei „nicht hoch genug zu schätzen“.

Zugleich verteilt der Kardinal Ohrfeigen an die Katholiken der vergangenen Jahrhunderte, deren „Bild des Wittenberger Reformators“ nur durch „Verurteilungen und Polemiken“ gekennzeichnet gewesen sei. Die „Lutherforschung der letzten Jahrzehnte“ habe aber ein „Umdenken“ gebracht.
Worin die Unterschiede zwischen Luthers Lehre und der Lehre der Kirche bestehen, sagte der Kardinal nicht. Die US-Seite Rorate Caeli kommentiert den Marx-Artikel mit den Worten:

„Nun, von dem, was man jeden Tag liest, scheint es, dass der wichtige deutsche Häresiarch selbst am Ende seines Lebens immer noch ‚orthodoxer‘ war als ein guter Teil der heutigen deutschsprachigen katholischen Bischöfe und Kleriker, die an überhaupt nichts zu glauben scheinen. Vielleicht ist es das, was der Kardinal mit ‚von Luther lernen‘ meint?“

4. Mai 2015 – Antje Jackelen im Vatikan: „Gemeinsame ökumenische Feier in Lund“

Die Erzbischöfin der lutherischen Schwedischen Kirche, Antje Jackelen, Ratsmitglied des Lutherischen Weltbundes (LWB) wird von Papst Franziskus in Audienz empfangen. Aus Anlaß des Besuches von Papst Johannes Paul II. vor 25 Jahren in Schweden sei eine „gemeinsame ökumenische Vesper in Lund“ geplant. Jackelen erinnert an das „Studiendokument“ von 2013: „Vom Konflikt zur Gemeinschaft – Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017“. Gerüchte tauchen auf, Papst Franziskus könnte am Reformationsgedenken teilnehmen.

16. September 2015 – Martin-Luther-Park in Rom

Die römische Stadtverwaltung benennt einen kleinen Park in der Nähe des Kolosseums nach Martin Luther. Ein verspäteter Dank für die wenig freundliche Betitelung Roms durch Luther als „Hure Babylon“? Am Festakt nahmen Roms linkskatholischer Bürgermeister Ignazio und ein offizieller Vertreter des Deutschen Bundestages teil. Der Antrag zur Umbenennung war von den Lutheranern und den Adventisten gestellt worden.

15. November 2015 – Papst Franziskus besucht evangelisch-lutherische Kirche in Rom

Papst Franziskus und Pastor Kruse (Lutherkirche Rom)
Papst Franziskus und Pastor Kruse (Lutherkirche Rom)

Am 15. November besucht Papst Franziskus die evangelisch-lutherische Kirche von Rom. Auf die Frage einer Lutheranerin, die mit einem Katholiken verheiratet ist, ob und wann es zwischen Katholiken und Lutheranern die Interkommunion geben werde, antwortet der Papst mit einem ausgiebigen Wortschwall, der aber nichts erklärt, sondern allen möglichen Interpretationen Tür und Tor öffnet. Mit wenig väterlicher Klarheit sagt das Kirchenoberhaupt zuerst „Nein“, darauf „Jein“ und schließlich ein faktisches „Ja“. Um genau zu sein, sagt der Papst, es sei eine Entscheidung des subjektiven Gewissens, weshalb er „nie“ ein „Ja“ sagen werde, aber … (siehe Nein, Jein, entscheidet selbst).

Damit nimmt er den „Lösungsansatz“ vorweg, den er am 8. April im nachsynodalen Schreiben Amoris Laetitia im Zusammenhang mit einer anderen die Kommunion betreffenden Frage wiederholen wird. In der Frage, ob wiederverheiratet Geschiedene die Kommunion empfangen dürfen, verweist er letztlich auf das Forum internum. Die inoffizielle Ergänzung dazu, die als Papst-Anweisung im Raum steht, lautete bereits Monate vorher: Und wenn ein Priester die Kommunion verweigert, dann solle man einfach zu einem anderen Priester gehen. Ein entsprechendes Telefongespräch des Papstes mit einer Argentinierin wurde nach seinem Bekanntwerden vom Vatikan bestätigt, und der behauptete Inhalt nie dementiert.

12. Januar 2016 – Gemeinsames Reformationsgedenken

Lutherischer Weltbund und Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen geben zeitgleich in Genf und Rom bekannt, daß sie Initiatoren eines gemeinsamen Reformationsgedenkens am 31. Oktober 2016 im schwedischen Lund sind. Die katholischen Bischofskonferenzen werden „eingeladen“, den „Leitfaden“ zur Vorbereitung des Gedenkens an Luthers Reformation zu verwenden, so Kardinal Kurt Koch in Rom. Ziel sei es, „um Vergebung zu bitten und die Wunden der Kirchenspaltung hinter sich zu lassen.“ Wie das abgesehen von der „Schwamm-drüber“-Methode geschehen soll, da die inhaltlichen Differenzen bleiben, die Luther unversöhnlich postulierte, wird nicht gesagt.

19. Januar 2016 – Pastor Kruse interpretiert Papst-Aussage

Das zustimmende Nicken der Zuhörerschaft und der kräftige Applaus ließen bereits am 15. November 2015 erkennen, wie das Publikum in der evangelisch-lutherischen Kirche in Rom die Botschaft auffaßte. Jens-Martin Kruse, der Pastor an der römischen Luther-Kirche, der Papst Franziskus damals empfangen hatte, faßt diesen Eindruck in einem Interview mit der katholischen Presseagentur Zenit mit den Worten zusammen:

„Der Papst hat jeden Gläubigen eingeladen, seine Verantwortung vor Gott zu übernehmen, um nach seinem Gewissen zu entscheiden, ob die gemeinsame Teilnahme an der Eucharistie zwischen Katholiken und Protestanten möglich ist. Es gibt keine theologischen Gründe, warum dem nicht so sein könnte.“

Am selben Tag wird eine lutherische Delegation aus Finnland von Papst Franziskus in Audienz empfangen. Im Anschluß daran nahmen die Delegationsteilnehmer an einer im Petersdom zelebrierten Heiligen Messe teil. Obwohl die Zelebranten wissen, wen sie vor sich haben, spenden sie auch den Lutheranern, darunter der ultraliberalen Bischöfin Irja Askola, die Kommunion (siehe Von den Worten zu den Taten – Interkommunion für Lutheraner im Petersdom).

20. Januar 2016 – Generalaudienz: Papst-Worte an die Protestanten

Am 20. Januar spricht Papst Franziskus bei der Generalaudienz, an der die lutherische Delegation teilnimmt, über die Ökumene und sagt:

„Wir alle, Katholiken, Orthodoxe und Protestanten, bilden ein königliches Priestertum und ein heiliges Volk“.

25. Januar 2016 – Papst Franziskus wird nach Lund reisen – „Neue ökumenische Liturgie“

Der Vatikan gibt bekannt, daß Papst Franziskus am 31. Oktober in das schwedische Lund reisen wird, um gemeinsam mit dem Lutherischen Weltbund (LWB) der 500 Jahre Reformation zu gedenken. Das Datum entspricht dem 499. Jahrestag, an dem Luther zusammen mit Schreiben 95 Thesen an den Bischof von Brandenburg und den Erzbischof von Mainz und Magdeburg schickte, was als „Thesenanschlag von Wittenberg“ in die reichhaltige protestantische Legendenbildung um die Figur Luthers Eingang fand. Der LWB begeht zugleich den 70. Jahrestag seiner Gründung 1947 in der schwedischen Stadt.

Franziskus, der amtierende LWB-Präsident Bischof Munib Younan sowie Generalsekretär Martin Junge werden im Dom von Lund gemeinsam einen „ökumenischen Gottesdienst“ feiern, der sich nach der kürzlich vorgestellten ökumenischen „Common Prayer“-Liturgie richten wird. Zudem soll eine gemeinsame Konferenz katholischer und lutherischer Kirchenleiter stattfinden.
Der Dom von Lund war von 1060-1536 Sitz eines katholischen Bischofs. Seit 1537 ist er Sitz eines lutherischen Superintendenten und seit 1638 eines lutherischen Bischofs.

Ein Besuch der Katholiken Schwedens ist nicht vorgesehen.

14. März 2016 – Kardinal Kaspers Buch über Martin Luther

Kardinal Kaspers Luther-Buch
Kardinal Kaspers Luther-Buch

Kardinal Walter Kasper, der „Theologe des Papstes“, legt das revisionistische Buch „Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive“ (Patmos) vor, das inzwischen in mehreren Sprachen erschienen ist. Darin gerät der ehemalige Vorsitzende des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen ins Schwärmen für Martin Luther. Er vertritt die These, daß Luther recht hatte. Was im Umkehrschluß bedeutet, daß die katholische Kirche 1517/1521 irrte und bis heute irrt. Luther habe vergeblich einen halsstarrigen Papst zu überzeugen versucht und habe deshalb – nachdem Rom „Luthers Aufruf zur Buße“ nicht angenommen habe – in einem „Notstand“ wider Willen eine neue Kirchenordnung („Notordnung“) schaffen müssen. Anstatt „Buße“ zu tun, habe Rom mit einer „Verurteilung“ Luthers reagiert.

Im Klartext: Luther war der katholischen Kirche, besonders Rom, moralisch weit überlegen und wollte das Gute, während die katholische Kirche, gemeint ist besonders die Römische Kurie, die in progressiven Kirchenkreisen als Feindbild gilt, moralisch verworfen war und daher das Böse wollte (und implizit nach dieser Vorstellung wohl immer noch will). Kein protestantischer Vertreter hätte es protestantischer sagen können.

Damit nicht genug: Kardinal Kasper entfaltet in seinem Buch noch weitergehende Geschichtsphantasien und stellte Luther in eine Reihe mit dem heiligen Franz von Assisi. Katholisches.info kommentierte damals:

„Luther also als zweiter Franz von Assisi? Kaspers Phantasie scheinen keine Grenzen gesetzt. Spätestens an dieser Stelle wird es allerdings ärgerlich, selbst für den theologisch und kirchenhistorisch Unkundigen. Den lebensfrohen, dem Essen und Trinken unmäßig frönenden und entsprechend feisten Luther kann man sich schwerlich in der Gesellschaft des in größter Armut und Enthaltsamkeit, aszetisch lebenden Franz von Assisi vorstellen. Das für Luther als ‚Vorläufer‘ weit zutreffendere Gegenmodell zu Franz von Assisi, nämlich Petrus Valdes oder auch Jan Hus, erwähnt Kasper nicht. Das locker-leicht aufgetürmte Kartenhaus der Kasperschen Geschichtsdarstellung würde ansonsten jäh in sich zusammenbrechen.“

25. März 2016 – Karfreitagspredigt im Petersdom: Luther „hat Wahrheit wieder ans Licht gebracht“

Wie gewohnt hält der Päpstliche Hausprediger P. Raniero Cantalamessa OFMCap in Anwesenheit des Papstes die Karfreitagspredigt im Petersdom. Dabei verkündet er Erstaunliches. Es sei das „Verdienst“ Martin Luthers gewesen, die „Wahrheit“ über die „Gerechtigkeit Gottes“ wieder „ans Licht gebracht zu haben“. Vor Luther hätte die Kirche „jahrhundertelang den Sinn dafür verloren“ gehabt. Zugleich zitiert der päpstliche Hausprediger Luthers spätere Darstellung: „Da fühlt ich mich wie ganz und gar neu geboren und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein“. Mit anderen Worten sagte Pater Cantalamessa im Beisein des Papstes, daß Luther mehr „Wahrheit“ besaß als die katholische Kirche, und damit Luthers „Reformation“ mehr als berechtigt war, da die katholische Kirche (hatte das Luther nicht auch behauptet?) im Dunkeln getappt und sich auf Abwegen befunden habe.

Bereits 2013 hatte Cantalamessa in seiner ersten Karfreitagspredigt vor Papst Franziskus gefordert, „Trennwände“ zwischen den „verschiedenen christlichen Kirchen“ einzureißen und „Überbleibsel der Rituale“ zu beseitigen.

7. Mai 2016 – Margot Käßmann: Papst Franziskus ein Reformator wie Luther

Der Osservatore Romano, die Tageszeitung des Papstes, veröffentlicht einen Kommentar der offiziellen „Luther-Botschafterin“ Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), mit dem sie sich für die katholischen „Blumen“ für Luther bedankt und im Gegenzug Papst Franziskus als „Reformator so wie Martin Luther“ bezeichnet.

1. Juni 2016 – Auch katholische Messe in Schweden

Im Tagesbulletin gibt der Vatikan bekannt, daß Papst Franziskus einen Tag länger als ursprünglich beabsichtigt in Schweden bleiben wird. Das katholische Kirchenoberhaupt wird nicht nur am gemeinsamen Reformationsgedenken mit den Lutheranern teilnehmen, sondern auch die katholische Gemeinschaft des skandinavischen Landes besuchen. Am 1. November, dem Fest Allerheiligen, wird der Papst „mit der katholischen Gemeinschaft“ die heilige Messe zelebrieren. Skandinaviens Katholiken zeigten sich zuvor enttäuscht, daß der Papst nur für das umstrittene Reformationsgedenken ins Land komme, sie aber nicht besuche.

26. Juni 2016 – Papst Franziskus wiederholt Kaspers These: „Luther hatte recht“

Papst Franziskus wiederholt auf die Frage eines ARD-Journalisten die Skandalthese von Kardinal Kasper, daß Luther recht gehabt hätte. Auf dem Rückflug von Armenien sagte das Kirchenoberhaupt:

„Heute sind wir Protestanten und Katholiken uns einig über die Rechtfertigungslehre: zu diesem so wichtigen Punkt lag er nicht falsch. Er machte eine Medizin für die Kirche, dann hat sich diese Medizin konsolidiert, zu einer Disziplin, in eine Art, zu machen, zu glauben.“

Zuvor wiederholte Franziskus das gängige Geschichtsklischee, daß Luther „protestiert“ habe, weil damals die Kirche „nicht gerade ein nachahmenswertes Vorbild war: es gab Korruption, Weltlichkeit, Anhänglichkeit an Geld und Macht“. Der sozialromantische Ansatz streift bestenfalls die historischen Fakten und scheint wenig hilfreich, die Gründe zu verstehen, die Luther angetrieben haben. Von evangelisch-lutherischer Seite wurde „Freude“ über diese Papst-Worte geäußert.

16. September 2016 – Kardinal Marx: Luther „ist eine bombastische Gestalt“

Kardinal Marx über Luther in Tutzing
Kardinal Marx über Luther in Tutzing

Mit den historischen Fakten scheinen sich derzeit maßgebliche Kirchenvertreter in Bonn, München und Rom nicht aufhalten zu wollen. Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, erklärt Luther auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem amtierenden EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm in Tutzing, ohne jeden ironischen Anflug zur „bombastischen Gestalt“. Unterschiede und Gegensätze zwischen lutherischer und katholischer Lehre bezeichnet Kardinal Marx als „lange gehegte Vorurteile“. Marx und Bedford-Strohm verkünden das gemeinsame Ziel einer „versöhnten Verschiedenheit“ ohne „einheitliche Organisation“.

13. Oktober 2016 – „Mit Luther zum Papst“

Papst Franziskus empfängt die Teilnehmer eines skurril anmutenden „ökumenischen Projektes“: „Mit Luther zum Papst“. Diese gemeinsame Wallfahrt von Katholiken und Lutheranern wurde in Zusammenarbeit mit einigen Bischöfen organisiert.
Der noch ganz mittelalterlich und vor allem nominalistisch geprägte Luther besuchte Rom nur ein einziges Mal im Winter 1510/1511 und war vom Rückgriff der Renaissance auf die heidnische Antike entsetzt. Später fand er so wenig schmeichelhafte Worte für Rom und das Papsttum, daß es selbst seinen humanistischen Gesprächspartner zu bunt wurde.
Die Teilnehmer von „Mit Luther zum Papst“ machten ernst mit ihrem Motto und brachten eine rotfarbene Luther-Statue in den Vatikan. „Wird Luther bald heiliggesprochen?“ fragte daher die traditionsverbundene Seite Messa in Latino.

Papst Franziskus sagt zu den Teilnehmern:

„Das, was uns eint, ist schon viel mehr als das, was uns trennt!“

14. Oktober 2016: Bundespräsident Gauck: „Luther hat eine welthistorische Leistung vollbracht“

Bundespräsident Joachim Gauck, selbst ehemaliger evangelischer Pastor, sagt in einem EPD-Interview:

„Luther hat eine welthistorische Leistung vollbracht“

Bleibt die Frage: Welche? Dazu Gauck: Luther habe einen „Epochenwandel hin zur Moderne angestoßen“. Und weiter: „So ein mittelalterlich geformter Christ, noch geprägt von der Furcht vor dem Teufel, entwickelt Schritt für Schritt eine Sicht auf den einzelnen Menschen, die mit einem ganzen Weltbild bricht. Das ist eigentlich der Beginn der Moderne. Er rückt die Rolle des Individuums ins Zentrum. Auch seine Idee des Priestertums aller Gläubigen ist ein unglaublicher Protest gegen eine Jahrhunderte lang fest gefügte Institution und gegen kirchliche Obrigkeit. Er hat damit den Weg zur Idee der Würde jedes einzelnen Menschen gebahnt.“

Wie weit das Lutherbild des Bundespräsidenten den historischen Fakten entspricht, oder einem von lutherischer Seite gepflegten Wunschdenken, sei dahingestellt. Der ehemalige Pastors weiß zumindest noch Gegensätze zu formulieren.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Radio Vatikan/Reuters (Screenshot)

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9 Comments

  1. Der selige Papst Johannes Paul II. würdigte schon bei seinem Deutschlandbesuch im November 1980 Martin Luther als einen „Lehrer im Glauben“. Bischof Karl Lehmann griff diese Formulierung auf und verwendete sie danach öfters.

  2. Mehr Verklärung geht nicht, als die die Luther in diesen Zeiten zuteil wird. Die Kirchenfürsten müssen das gläubige Volk ja wirklich für außerordentlich dumm und naiv halten, sonst würden sie ihnen nicht Martin Luther als angeblich lobenswertes Vorbild hinstellen. Luther zu loben gehört ja in progressiven Kirchenkreisen zum guten Ton.

  3. „Viele Anzeichen sprechen dafür, daß es höchste katholische Vertreter drängt, einen Schlußstrich unter 500 Jahre Luther-Protest zu ziehen.“
    Ja so wird es wohl sein. Am liebsten würden sie wohl Katharina von Bora als die Frau des Erlösers über die Mutter Gottes stellen.
    Per Mariam ad Christum.

  4. Warum so viel Häme gegenüber einem gottesfürchtigen und treuen Reformator wie Martin Luther. Wer weiss, wie lange der Ablasshandel der röm./kath.Kirche in der Form ohne das Eingreifen Gottes und der wahrheitsuchenden Seele M. Luthers noch gedauert hätte. Er hat die Bibel für das Volk übersetzt. Zum ersten Mal konnten die Menschen selbst das ihnen von der röm.kath Kirche vorenthaltene Wort Gottes hören oder lesen. Das ist eine anerkennenswerte und unschätzbare Leistung, auch weil Luther die Sprache hierzulande reformierte. Mutig, entschlossen und ohne Furcht trat er vor dem damaligen „hohen Rat“ auf und bekannte sich zu Gott. Er deckte vieles auf, was der röm./kath. Kirche ein Dorn im Auge war und wohl immer noch ist. Ich zitiere aus dem Gebet für die Bekehrung Deutschlands: -“Dennoch wurde durch die protestantische Irrlehre unser Volk im Glauben gespalten und hat an seiner großen Berufung in der Geschichte des Heils gefrevelt. Unermeßliche Demütigungen und Züchtigungen haben uns daher heimgesucht. Lügengeister und falsche Idole haben unser Land verführt. Schwer lastete deswegen die Hand Gottes auf uns“-.Zitatende. Seltsam, warum so ein doch recht „antikes“ Ansinnen noch ganz aktuell oben aufgeführt ist. Sei s drum, Jesus hat gelehrt, dass wir dem Nächsten von Herzen vergeben und auch unsere Feinde lieben sollen….

  5. Das kommt davon, wenn man Spielfilme wie „Luther“ als historisch betrachtet.

    Nach der ersten überlieferten Übersetzung einer biblischen Schrift ins Deutsche im Jahre 748 entstanden in den folgenden Jahrhunderten viele weitere Übersetzungen von Teilen der Bibel. Insgesamt sind etwa 70 deutsche Übersetzungen vor der Reformation nachweisbar, darunter verschiedene Evangelienharmonien. (Nach der ersten überlieferten Übersetzung einer biblischen Schrift ins Deutsche im Jahre 748 entstanden in den folgenden Jahrhunderten viele weitere Übersetzungen von Teilen der Bibel. Insgesamt sind etwa 70 deutsche Übersetzungen vor der Reformation nachweisbar, darunter verschiedene Evangelienharmonien. (Quelle Wikipedia)

    Luther entwickelte in der Tat eigene Interpretationen, die auf den Lehren der damaligen Philosophie gründete. Er übersetzte seine eigene Bibel, weil er durch
    Hinzufügungen und Abänderungen „seine Lehre“ plausibler machen konnte. Das war
    zugleich der Einbruch in den Subjektivismus. Jeder legt sich die Bibel aus, wie es ihm einleuchtet. (subjektiv) Und setzt sich damit als letztgültige Autorität am Schluß sogar über die Schrift selbst, mit der er letztlich dann frei hantiert. Der Mensch richtet sich final nicht mehr nach der Schrift, sondern er biegt sich die Schrift nach seinem Gutdünken zurecht. Dabei sortiert er vor allem das aus, was ihm Mühe macht, oder für ihn unangenehm ist.

  6. Dabei hat er einige Zirkelschlüsse übersehen. So geht er unter Anderem von der völligen Verderbtheit der menschlichen Natur aus, welche von sich aus zu Nichts Gutem fähig sei, auf der anderen Seite traut er ihm bei dieser Voraussetzung aber doch zu, die Hl.Schrift auf Anhieb und selbst richtig zu interpretieren. Während in Wahrheit Gott bereits der frühen Kirche begandete Lehrer zur Entfaltung der bereits von den Aposteln überlieferten, und vorhandenen Lehre schenkte, welche frühe Glaubenssubstanzzerstörungen erfolgreich abwehrten.

  7. Was treibt unsere Kirchenfürsten eigentlich an die Gestalt Luthers derartig zu verklären und völlig an der Wirklichkeit vorbei zu beurteilen?
    Es fehlt noch, dass sie von Luther sagen, wie bei den Protestanten üblich, dieser sei ein Werkzeug Gottes um die Kirche zu reformieren.

    Kurioserweise hat Kardinal Marx mit der Bezeichnung bombastisch ungewollt einen Volltreffer gelandet, das Adjektiv wird mit den Synonymen: übertrieben viel Aufwand aufweisend, schwülstig; pompös im Duden angeführt und ist im Gebrauch eher abwertend gemeint.

    Wirklich ungeheuer ist, den armseligen Luther wider besseren Wissens überschwänglich zu loben, als hätte er nur hehre Ziele verfolgt und die Tugenden eines Heiligen.

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