Botschaft von Kardinal Ruini an Papst Franziskus: „Für die Suche nach verirrten Schafen, nicht die treuen Schafe in Gefahr bringen“

Kardinal Camillo Ruinis Botschaft an Papst Franziskus: Bitte an den Herrn, daß die päpstliche Suche nach verirrten Schaffen nicht die treuen Schafe in Schwierigkeiten bringt
Kardinal Camillo Ruinis Botschaft an Papst Franziskus: Bitte an den Herrn, daß die päpstliche Suche nach verirrten Schaffen nicht die treuen Schafe in Schwierigkeiten bringt

(Rom) Der Corriere della Sera veröffentlichte gestern ein ausführliches Interview mit Camillo Kardinal Ruini. Anlaß war die Veröffentlichung seines neuen Buches C’è un dopo? La morte e la speranza (Gibt es ein danach? Der Tod und die Hoffnung) erschienen im Verlag Mondadori. Am Ende des Interviews machte der Kardinal eine Aussage, „die mit dem großen Fragezeichen über dem aktuellen Pontifikat zu tun hat“, so die Tageszeitung Il Foglio:

„Ich bitte den Herrn, daß die unerläßliche Suche nach den verirrten Schafen nicht das Gewissen der treuen Schafe in Schwierigkeiten bringt.“

Die Bitte äußert den Wunsch, daß die mißverständlichen und zweideutigen Gesten und Worte des amtierenden Papstes mit Blick auf die Nicht-Gläubigen nicht tatsächlich mißverstanden werden und zwar von den Gläubigen. Die Suche nach verirrten Schafen dürfe nicht dazu führen, die treuen Schafe in Gefahr zu bringen.

Gemeint sind spontane Aussagen von Franziskus gegenüber der Presse wie jene über den (islamischen) Terrorismus, der nichts sei im Vergleich zu Kriegen. Oder die nicht minder irritierende Aussage über getaufte Christen, die mit Worten die Schwiegermütter „töten“, und daher nicht viel besser seien als die beiden islamischen Dschihadisten, die in Rouen während der Heiligen Messe einen katholischen Priester am Altar rituell die Kehle aufschlitzten und ihn dann enthaupteten.

Die Bitte von Kardinal Ruini äußert die Sorge, daß solche irritierenden, päpstlichen Wortmeldungen die Fernstehenden nicht zum Glauben führen, sondern die Gläubigen in Verwirrung stürzen und Anlaß zu mehr oder weniger intensiven, innerkirchlichen Disputen und Konflikten sind. Dadurch werde eine im Westen immer apathischer wirkende Kirche nicht erneuert, sondern vielmehr von einer Erneuerung abgehalten, so Il Foglio.

Kardinl Ruini mit Kardinal Müller (rechts)
Kardinl Ruini mit Kardinal Müller (rechts)

„Die Worte von Ruini verdienen noch eine weitere Feststellung: Die vom Bischof von Rom ausgelöste tägliche Revolution – der immer geneigter scheint, in einen Dialog mit der nicht-katholischen Welt zu treten und die Katholiken nicht immer mit väterlichem Ton zu ermahnen – verursacht ein Unbehagen, das nicht nur Kolumnisten oder sogenannte nostalgische Traditionalisten erfaßt, sondern auch viele Katholiken, die keine Summa Theologiae des heiligen Thomas von Aquin auf ihrem Nachtkästchen liegen haben. Ruinis Glosse ist das Indiz für eine Orientierungslosigkeit, die den italienischen Episkopat dumpf beschleicht, den Ruini bestens kennt, auch jetzt noch, wo ihm frische Kräfte aufgepfropft wurden, die dem neuen Kurs nahestehen, der nach Hirten mit dem Geruch der Schafe sucht“, so Matteo Matzuzzi, der Vatikanist von Il Foglio.

Kardinal Ruini war der engste Mitarbeiter von Papst Johannes Paul II. in Italien. Von 1991-2008 war er Kardinalvikar von Rom und zugleich von 1991-2007 Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz. Ruinis innerkirchlicher Aufstieg begann, als der damalige Weihbischof des Bistums Reggio Emilia und Guastalla sich 1985 in Loreto beim zweiten italienischen „Kirchenkongreß“, der noch eine Spätfolge des nachkonziliaren „Schwungs“ war, unerschrocken der damaligen progressiven Mehrheit im italienischen Episkopat entgegenstellte, die von den Kardinälen Anastasio Ballestrero OCD und Carlo Maria Martini SJ sowie dem jungen Bruno Forte angeführt wurde, der damals das Einführungsreferat halten durfte, wie Kardinal Walter Kasper beim Kardinalskonsistorium im Februar 2014. Ballestrero war von Papst Paul VI. 1977 zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz ernannt worden. Ruini vertrat gegen die vorherrschende progressive Mehrheit die innerkirchliche Wende, die Papst Johannes Paul II. eingeleitet hatte und die von den Progressiven als „Rastaurationsversuch“ empört zurückgewiesen wurde. Bereits im Jahr darauf wurde Ruini von Johannes Paul II. zum Generalsekretär der Bischofskonferenz ernannt.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL

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3 Comments

  1. Kardinal Ruini ist -wie man sieht- schon sehr betagt. Er hat daher die innere Freiheit, sich so zu äussern, wie er es tat. Er kann nicht mehr davon gejagt werden.
    Ob Papst Franziskus reagieren wird oder er den Kardinal durch Schweigen straft?

  2. „…dass die unerläßliche Suche nach den verirrten Schafen…“
    Ich habe bisweilen sogar den Eindruck, dass die verirrten Schafe schon erst gar nicht gesucht, sondern noch ermuntert, getätschelt, bestärkt und angefüttert werden.

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