Amazonas-Synode zur Aufhebung des Zölibats – Missionare für Amazonien? „Nein, nein, das will der Papst nicht“

Papst Franziskus: Fototermin mit jungen Priestern am Rande einer Generalaudienz
Papst Franziskus: Fototermin mit jungen Priestern am Rande einer Generalaudienz


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(Rom) Der Vatikanist Marco Tosatti, seit 35 Jahren aufmerksamer Chronist der kirchlichen Entwicklungen, ist in seinen Formulierungen ein Mann der leisten Töne. Auf seinem neuen Blog Stilum Curiae bestätigte er, was ein anderer namhafter Vatikanist Ende 2015 ankündigt hatte: Papst Franziskus bereite „in aller Stille“ eine Synode zur Abschaffung des Priesterzölibats vor.

Am deutschen Wesen soll die Kirche genesen?

Der Vatikanist Sandro Magister schrieb erstmals nur wenige Wochen nach dem Ende der zweiten Bischofssynode über die Familie darüber, als die gesamte Aufmerksamkeit noch auf das völlig unklare Ergebnis der Doppel-Synode gerichtet war. Am 9. Dezember schrieb er, daß Papst Franziskus bereits die „Baustelle“ zur nächsten Bischofssynode eröffnet habe, die sich mit dem Thema der verheirateten Priester befassen werde.

Am 12. Januar legte Magister nach und schrieb, daß es sich dabei um mehr als nur eine „Intuiton“ sei, daß Papst Franziskus den Priesterzölibat abschaffen wolle. Eine „deutsch-brasilianische Achse“ bereite die Aufweichung des Zölibatsgebots in der lateinischen Kirche vor.

Die Verpflichtung zur Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ steht im Westen seit der „sexuellen Revolution“ von 1968 unter Beschuß. Nur die lateinische Kirche hielt das Zölibatsgebot im Laufe der Geschichte durch. Die Ostkirche weichte es für den Weltklerus auf und hielt ihn nur für die Bischöfe die Mönche aufrecht. Die protestantischen Denominationen verwarfen ihn ganz, da sie kein Weihesakrament kennen.

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die deutsch-brasilianische Zusammenarbeit als deutsches Heimspiel mit brasilianischen Einsprengseln, denn die beiden Hauptfiguren der „brasilianischen“ Seite sind der österreichische Missionsbischof Erwin Kräutler und der deutschstämmige, brasilianische Kardinal Claudio Hummes.

Die Überwindung des Zölibats als nächster „deutscher“ Beitrag zum Umbau der Kirche, nachdem der deutsche Kardinal Walter Kasper im Juni 2012 die „neue Barmherzigkeit“ und im Februar 2014 die Forderung nach Zulassung der wiederverheiratet Geschiedenen zur Kommunion formuliert hatte (siehe Die Bischofssynode, der Regisseur, die Akteure – Chronologie eines versuchten Paradigmenwechsels)?

Insgesamt erweist sich das lateinamerikanische Pontifikat von Papst Franziskus inhaltlich als erstaunlich „deutschlastig“. Der Grund dürfte im Zustandekommen des Pontifikats zu suchen sein. Von den vier Promotoren seiner Wahl, dem sogenannten Team Bergoglio (Austen Ivereigh), sind drei im weiteren Sinn Deutsche (Kasper, Lehmann, Danneels) und einer Brite (Murphy-O‘Connor).

Die „Amazonas-Synode“

Marco Tosatti bestätigte nun die Ankündigung Magisters. Tosatti sagt nichts über eine Bischofssynode zum Thema Zölibat. Er berichtet aber von den Vorbereitungen einer „Amazonas-Synode“ mit einem Hauptthema zölibatloses Priestertum. Im Mittelpunkt von Tosattis Bericht steht der brasilianische Franziskaner und Kardinal Claudio Hummes.

Claudio Hummes, damals Bischof von Santo Andres 1989 mit Luiz Lula, dem Vorsitzenden der sozialistischen Arbeiterpartei im Wahlkampf.
Claudio Hummes, damals Bischof von Santo André 1989 mit Luiz Lula, dem Vorsitzenden der sozialistischen Arbeiterpartei im Wahlkampf um das Präsidentenamt.

Hummes Großvater war aus dem Hunsrück nach Brasilien ausgewandert. Auch seine Mutter, eine geborene Frank war deutscher Abstammung. Die Familie lebte in einer von deutschen Einwanderern geprägten Gegend im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul. Deutsch geprägt war auch sein weiteres, stark befreiungstheologisch durchtränktes Umfeld. Zum Priester geweiht wurde Hummes vom Franziskaner Aloisio Lorscheider, auch er Sohn deutscher Einwanderer. Der Befreiungstheologe Lorscheider gehörte 1965 zu den Erstunterzeichnern des „Katakombenpaktes“. Von 1968-1979 war er zunächst Generalsekretär, dann Vorsitzender der Brasilianischen Bischofskonferenz und des Lateinamerikanischen Bischofsrates. 1976 erhob ihn Paul VI. in den Kardinalsrang.

Hummes wurde 2006 überraschend von Papst Benedikt XVI. zum Präfekten der Kleruskongregation nach Rom berufen. Der Einstand war überschattet von Hummes-Aussagen, der Priesterzölibat stünde zur Disposition. Kaum in Rom gelandet, mußte der Kardinal seine Aussagen dementieren.

Hummes war in Rom maßgeblich beteiligt, die Absicht Benedikts XVI. zu boykottieren, den heiligen Pfarrer von Ars, Johannes Maria Vianney, zum Patron und Vorbild für das Priestertum der Zukunft zu erheben. Die starken Widerstände im Ausmaß von Behinderung, Intrige und Widerspruch, gegen das von Hummes und anderen Progressiven abgelehnte „vorkonziliare“ Priestermodell, veranlaßten Benedikt XVI., seinen Plan aufzugeben. Zum Abschluß des von ihm ausgerufenen Priesterjahres legte er  – wenn auch ohne offizielle Erhebung zum Patron – Vianney den Priestern als Vorbild nahe. Zugleich ersetzte er Hummes durch Kardinal Mauro Piacenza, der seinem Verständnis vom Priestertum deutlich näherstand.

Kardinal Hummes‘  Projekt

Diese „Demütigung“ für Hummes führte dazu, daß Kardinal Piacenza als einer der ersten von Papst Franziskus aus seinem Amt entfernt wurde.

Der brasilianische Kardinal gehört zu den Vertrauten des argentinischen Papstes. Er war es, der dem neuen Papst empfohlen hatte, sich Franziskus zu nennen. Nach dessen Wahl zum Papst sprach Hummes wieder freimütig von der Abschaffung des Priesterzölibats, der Anerkennung der Homosexualität und der Zulassung von Frauen zum Priestertum.

Letzteres gilt seit einer dogmatischen Entscheidung von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1994 als ausgeschlossen. Anders sieht es beim Zölibat aus.

Formal wird er nicht als Gesetz Gottes, sondern als ein Gesetz der Kirche gesehen. Als solches könnte er, so die Argumentation der Zölibatsgegner, geändert oder sogar abgeschafft werden. Der sich unter Franziskus zuspitzende Konflikt könnte nun die nötige Klärung herbeiführen.

Unterdessen führt der Angriff gegen den Priesterzölibat über den Amazonas. Magister spricht von der „Amazonas-Werkstatt“ für ein anderes Priestertum.

„Claudio Hummes arbeitet intensiv an seinem Projekt“, so Tosatti. Dieses „Projekt“ ist eine Synode der Amazonas-Diözesen, die über viel „Ökologie“ und „natürlich auch und vielleicht vor allem über die Umwandlung der ständigen Diakone in ‚viri probati‘ diskutieren soll. Eine Art von Laienverwalter der Sakramente als Ersatz für die Priester. Es gibt aber auch Stimmen, die in diesem Projekt nur die Spitze des Eisbergs zur Änderung der Regeln des Priesterzölibats im lateinischen Ritus sehen.“

„Im Namen des Papstes“

Tosatti erinnert daran, daß Hummes seit der Wahl von Franziskus „häufig und gerne“ betont, „im Namen des Papstes“ zu sprechen. Das geschieht sogar in den Versammlungen der Bischofskonferenz. An diesen darf er seit seiner 2006 erfolgten Emeritierung als Erzbischof von Sao Paulo eigentlich nicht mehr teilnehmen. Seine Nähe zum amtierenden Papst verschaffte ihm jedoch eine permanente, persönliche Einladung.

Hummes‘ Auftreten als „Sprecher des Papstes“ ging einigen Mitbrüdern jüngst zu weit. „Vor kurzem wurde er darauf aufmerksam gemacht, daß die Bischöfe katholisch sind: Wenn der Papst ihnen etwas mitzuteilen habe, dann würden sie es vorziehen, wenn er es direkt täte“, so Tosatti.

Der Bischof von Osasco, ein Suffragan von Sao Paulo, ist ein franziskanischer Mitbruder von Hummes. Der „sehr befreiungstheologisch“ ausgerichtete Bischof namens João Bosco Barbosa de Sousa wurde 2014 von Papst Franziskus in dieses Amt berufen. Laut Bischof Bosco ist im Amazonas-Gebiet bereits alles für eine „Amazonas-Synode“ vorbereitet.

Instrumentalisierter Priestermangel im Amazonas

Im Amazonas ist das Verhältnis zwischen der Bevölkerungsstärke und der Anzahl der Priester eine Herausforderung. In Wirklichkeit ist das Ungleichgewicht nicht ungünstiger als in etlichen anderen Teilen der Welt. Problematisch ist vor allem die riesige Ausdehnung des abzudeckenden Gebiets. Die dünne, verstreute Besiedelung setzt eine Mindestanzahl an Priestern voraus, um die regelmäßige Spendung der Sakramente sicherzustellen. Es gibt kaum einen einheimischen Klerus, da den Indios der Zugang zum Priestertum und zum Zölibat fehlt. Ein indigenes Phänomen, das insgesamt ein Problem für Lateinamerika darstellt.

Der inzwischen emeritierte Missionsbischof Erwin Kräutler mit Amazonas-Indianern
Der inzwischen emeritierte Missionsbischof Erwin Kräutler mit Amazonas-Indios

Der Priestermangel in Amazonien wird, so Kritiker der Kräutler-Hummes-Werkstatt, von den Vertretern der Zölibatsaufhebung allerdings dramatisiert. Der Amazonas ist für die meisten Menschen, auch die meisten Kirchenvertreter ein fernes, unbekanntes Land. Kaum jemand ist mit den dortigen Verhältnissen vertraut. Dieser Umstand scheint ausgenützt zu werden.

Der Amazonas weckt im Westen ökosoziale Assoziationen von unberührte Natur und unberührten „Wilden“. Beides sei bedroht durch kapitalistischen Raubbau und kulturellen Kolonialismus. Diese sozialromantische und ideologische Überfrachtung erklärt die Nähe des zweiten „brasilianischen“ Hauptakteurs in Sachen Zölibatsaufhebung, des österreichischen Missionsbischofs Erwin Kräutler, zu linken Kreisen in seiner europäischen Heimat und die stets wohlwollende Berichterstattung in den Medien, von der viele europäische Bischöfe nur träumen können.

Der Priestermangel im Amazonas-Gebiet scheint als Brecheisen zur Aufhebung des Priesterzölibats instrumentalisiert zu werden. Bestätigung fand dieser Vorwurf jüngst bei einem Treffen in Brasilien. Bischof Bosco von Osasco hatte Kardinal Hummes zu einer Tagung eingeladen. Als Hummes den Priestermangel im Amazonasbecken beklagte, machte ein Teilnehmer den Vorschlag, einen Appell an alle Missionsorden der Kirche zu richten. Jeder sollte zwei Priester zur Verfügung stellen. Damit könne der notwendige Bedarf an Priester, von dem Hummes gesprochen hatte, gedeckt werden.

„Nein, nein, das ist nicht, was der Papst will“ – „Weiht eine große Anzahl ständiger Diakone“

Kardinal Hummes reagierte darauf sichtlich erregt und sagte: „Nein, nein“, das sei nicht das, was der Papst wolle. Nach dem Konzil dürfe es keine Missionare mehr geben. Jedes Volk müsse sich allein evangelisieren. Es dürfe nur mehr einen einheimischen Klerus geben, nur mehr einheimische Priester und Bischöfe, auch ohne akademische Bildung.

Damit war die Katze aus dem Sack.

Hummes fuhr dann fort und kam auf das zu sprechen, worum es eigentlich geht: die „Überwindung von Tabus“. Früher sei es ein „Tabu“ gewesen, so Hummes, über verheiratete Priester zu sprechen. Heute können man darüber sprechen. „Sprecht untereinander darüber“, habe ihm Papst Franziskus gesagt. Und damit trat Hummes wieder in seine Rolle als „Sprecher“ des Papstes: Papst Franziskus habe ihm geraten, „den Bischöfen zu sagen, sie sollen eine große Anzahl ständiger Diakone weihen.“

Das Ziel dieses päpstlichen „Ratschlags“ sei es, so Hummes, den Weg für die Priesterweihe von verheirateten Laien zu ebnen, „um den Priestermangel auszugleichen“, wie Tosatti seinen Gewährsmann zitiert, der an dem Treffen in Osasco teilnahm.

Anfang September fand ein Treffen der Bischöfe des Amazonas-Gebietes mit zwei Theologen statt, die Hummes empfohlen hatte. Zweck des Treffens war die Auswahl der Themen für eine Amazonas-Synode.

Die Namen der beiden Theologen sind nicht bekannt. Es wird aber angenommen, daß einer davon der Priester und Theologe Antonio Joé de Almeida, Professor an der Päpstlichen Katholischen Universität von Paraná (PUCPR) ist. Von ihm stammt das Dokument „Presbíteros para as comunidades sem Eucaristia: em busca de propostas concretas e corajosas“ (Priester für die Gemeinschaften ohne Eucharistie: Auf der Suche nach konkreten und mutigen Vorschlägen). Ein Dokument, das – laut Antonio Joé de Almeida – durch die Aufforderung von Papst Franziskus an Bischof Erwin Kräutler entstanden sei, „mutige Vorschläge“ zu machen.

Antonio Joé de Almeida stützt sich dabei auf die Thesen des deutschen Missionsbischofs Fritz Lobinger und akzentuiert diese. Lobingers Thesen zielen darauf ab, daß allen „gläubigen Gemeinschaften“ die Spendung der Sakramente sichergestellt werden müsse. Um dies zu erreichen schlägt er die Aufhebung des Zölibats und die Weihe von verheirateten Laien vor.

„In Kürze werden Gesuche um Genehmigung einer Synode abgeschickt“

Zur Bewerbung der Idee einer Synode besuchte Hummes bereits 22 der 38 Diözesen, die Anteil am brasilianischen Amazonas-Becken haben. Laut eigenen Angaben habe ihn Papst Franziskus angespornt, die verbleibenden Diözesen „rasch“ zu besuchen. „In Kürze sollten die Briefe abgeschickt werden, mit denen die Diözesen Rom um die Genehmigung zur Abhaltung einer Synode ersuchen“, so Tosatti.

„Die Idee, den Priestermangel mit ständigen Diakonen, die in ‚Laienpriester‘ verwandelt werden, auszugleichen, die auch in Deutschland Unterstützung findet, wird von Hummes seit langem studiert“, so Tosatti.

Als Präfekt der Kleruskongregation hatte Hummes den deutschen und US-amerikanischen Bischöfen den Rat erteilt, die künftigen Diakone dieselbe Ausbildung der künftigen Priester absolvieren zu lassen.

Hummes ist inzwischen 82 Jahre alt. Papst Franziskus wird in drei Monaten 80. Der brasilianische Kardinal scheint vom Gefühl getrieben, daß die Zeit knapp werden könnte. „Deshalb wäre er inzwischen bereit“, die neuen „Laienpriester“ – de facto die Vorstufe zum Priestertum ohne Zölibat – „auch mit einer nur sehr verkürzten Ausbildung zu akzeptieren.“

Nimmt man die Angaben Sandro Magisters dazu, wäre die Amazonas-Synode die Vorstufe zu einer Bischofssynode zum Thema Priestertum und Zölibat. Wie diese ablaufen dürfte, darüber besteht seit der umstrittenen Regie der Doppel-Synode über die Familie und ihrem nicht minder umstrittenen Ergebnis eine konkrete Ahnung.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL/Forosdelavirgen

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1 Comment on Amazonas-Synode zur Aufhebung des Zölibats – Missionare für Amazonien? „Nein, nein, das will der Papst nicht“

  1. Man man das liest, dann kann man schnell denken: das stimmt ja alles, aber betrifft das einen auch selbst? Und dann gibt`s noch andere Sorgen und schnell ist man bereit um des lieben Friedens willen und weil man doch nichts ändern kann, alles hinzunehmen. So denken doch wohl anscheinlich die meisten Christen, wenn sie überhaupt interessiert sind. Und genau das Desinteresse hilft denjenigen, die alles aus den Angeln heben wollen.
    Ich meine, daß jetzt die Zeit der Laien ist, aufzustehen und sich nicht mehr abfertigen lassen. Auch wenn man in seinem persönlichen Umfeld so gut wie allein dasteht- fast ohne Möglichkeit zum Gedankenaustausch- und auf Gleichgesinnte wie hier bei Katholisches.info angewiesen ist.

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