Päpste und Kirchenväter – wertvolles Buch in verwirrter Zeit

Die Lektüre der Kirchenväter ist ein großer Gewinne: Man wird eine erhebliche Spannung zwischen einigen „Päpsten und Kirchenvätern“ feststellen müssen.
Die Lektüre der Kirchenvätertexte ist ein großer Gewinn: Man wird eine erhebliche Spannung zwischen einigen „Päpsten und Kirchenvätern“ feststellen müssen.

von Wolfram Schrems*

Wer sich mit den Lehren der Kirchenväter beschäftigt, wird reich belohnt. Das ist die Erfahrung vieler – einschließlich des Rezensenten. Im deutschen Sprachraum ist etwa die „Bibliothek der Kirchenväter“ greifbar. Sie bietet einen Einblick in die Glaubensstärke, den Verkündigungseifer, die Tapferkeit, die Sprachgewandtheit und die oft außerordentliche Bildung großer Männer der ersten sieben Jahrhunderte der Kirche. Deren Konsultation hilft somit dem Glaubenden, den Glauben zu vertiefen und zu festigen, dem Suchenden, das Licht der Wahrheit zu sehen.

Das Lektüreerlebnis ist oft von Überraschungen gekennzeichnet: Da den Kirchenvätern und -schriftstellern als heilige Schrift nicht die „Einheitsübersetzung“ mit ihren ideologischen Vorentscheidungen zur Verfügung stand, ist man von der Art und Weise der biblischen Argumentation manchmal verblüfft. Man ist in einer Zeit schnoddriger Enuntiationen von Theologen und Hierarchen von der dem Glauben angemessenen Sprache angetan. Schließlich ist es eine Überraschung, daß die Kirchenväter aus dem Glauben Konsequenzen ziehen und daher die Irrtümer der Juden und Heiden anprangern, wobei sie die Irrenden in großem Wohlwollen für die Wahrheit gewinnen wollen. Allerdings werden in der Verhärtung verstorbene Gegner des Christentums, klassisch Julian Apostata, nicht schöngeredet.

Kurzum, die Lektüre der Kirchenvätertexte ist ein großer Gewinn.

Von daher ist die von dem bekannten Trierer Universitätstheologen, Berliner Diözesanpriester, Philologen, Übersetzer, Autor und Herausgeber Hw. Michael Fiedrowicz vorgelegte Sammlung von päpstlichen Aussagen zu einzelnen Kirchenvätern als überaus wertvolle Anregung zum intensiveren Eigenstudium zu betrachten.

Das Buch: zeitlos gültige Weisungen – von besonderem Wert in verwirrter Zeit

Fiedrowicz bietet längere und kürzere Texte von zwölf Päpsten, von Bonifaz VIII. (1298) bis Benedikt XVI. (2007), zu einzelnen Vätern (Gregor der Große, Augustinus, Ambrosius, Johannes Chrysostomus u. a.). Das Grundanliegen des Buches ist der Aufweis, daß das Werk der Väter von der offiziellen Kirche geschätzt worden ist. Die Kirche bestätigte die Lehren der Väter als rechtgläubig und legt sie den Gläubigen vor.

Päpste und Kirchenväter. Gesammelte Texte über die Glaubenslehrer der frühen Kirche
Päpste und Kirchenväter. Gesammelte Texte über die Glaubenslehrer der frühen Kirche

Wie üblich werden die Texte ausführlich eingeleitet und erläutert.

Es wird auch deren bleibende Bedeutung gewürdigt.

Diese Bedeutung erstreckt sich somit klarerweise auch auf die Gegenwart. Unser westlicher „Zeitgeist“ ist radikal relativistisch und glaubt, besonders „aufgeklärt“ zu sein. Das wird häufig unter dem – fälschlich so bezeichneten – „Rationalismus“ gefaßt. Dieser baut aber nicht auf der ratio auf sondern auf Ideologien und Vorurteilen. Daraus kann nur Verwirrung entstehen.

Die Kirchenväter bieten dagegen ein hervorragendes Beispiel für das Zusammenwirken von Glauben und Vernunft. Sie sind selbst durch Krisen hindurchgegangen, in denen beides auf die Probe gestellt wurde. Das bleibt einem echten Gottsucher nicht erspart.

Einer der größten von ihnen ist der hl. Augustinus (354 – 430).

So sagt Johannes Paul II. über ihn im Apostolischen Schreiben Augustinum Hipponensem (1986) programmatisch:

„Wir glauben, es ist in der Tat vieles, was er uns sowohl durch sein Beispiel als auch durch seine Lehre zeigen könnte. Den, der die Wahrheit sucht, lehrt er, nicht die Hoffnung aufzugeben, daß er sie einmal finden werde. Das erläutert er durch sein Beispiel – nach vielen Jahren intensiven Suchens hat er sie schließlich entdeckt – sowie durch seine schriftstellerische Tätigkeit (…). Er mahnt daher, ‚fromm, uneigennützig und eifrig‘ die Wahrheit zu suchen, und zu überwinden: jeden Skeptizismus durch die Rückkehr zum inneren Menschen, wo die Wahrheit wohnt, den Materialismus, der den Geist daran hindert, seine unauflösliche Verbundenheit mit der erkennbaren Wirklichkeit zu erfassen, den Rationalismus, der dadurch, daß er sich dem unterstützenden Wirken des Glaubens verweigert, sich in die Lage bringt, das ‚Geheimnis‘ des Menschen überhaupt nicht zu verstehen“ (312).

Diese Sätze kann man auch als programmatisch für das vorliegende Buch bezeichnen.

Aus der Fülle der Themen seien drei von besonderer Relevanz für unsere Zeit herausgegriffen:

Theologie und Heiligkeit

Lehre und Leben müssen bei den Lehrern des Glaubens zusammenpassen. Die Kirche ist überzeugt, „daß persönliche Heiligkeit das Erkenntnisvermögen erleuchtet und die Kenntnis der Lehre wiederum ein Voranschreiten in der Heiligkeit ermöglicht“ (14).

Die Kirchenväter als Vertreter der „Rückkehrökumene“

Die Beschäftigung mit den Kirchenvätern wird als Strategie zur Wiedergewinnung der christlichen Einheit das nahelegen, was man heute negativ „Rückkehrökumene“ nennt.

Benedikt XV. sagt in seiner Enzyklika Spiritus Paraklitus (1920) zur 1500-Jahrfeier des heiligen Kirchenlehrers Hieronymus:

„[Hieronymus] ruft laut dazu auf, jene christlichen Völker, die von der Kirche, ihrer Mutter, zu ihrem Unglück abgefallen sind, möchten erneut ihre Zuflucht zu ihr nehmen, bei der alle Hoffnung auf ewiges Heil begründet liegt. Möchten doch diesen Mahnungen insbesondere die orientalischen Kirchen Folge leisten, die sich schon allzu lange von dem Stuhl Petri abgewandt haben!“ (110f.)

Die Kirchenväter, auch die östlichen, sind Zeugen der einen, ungeteilten Kirche und verteidigen den römischen Primat: Athanasius, Basilius, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomus als die vier „großen“ östlichen Väter und Ephräm der Syrer.

Letzterer wurde von Benedikt XV. 1920 mit der Enzyklika Principi Apostolorum Petro zum Kirchenlehrer erhoben. Heute würde er als besonders eifriger Prediger der „Rückkehrökumene“ gelten können:

„Und nicht weniger Begeisterung empfindet [Ephräm], wenn er vom weit entfernten Edessa nach Rom blickt, um dem Primat Petri zu lobpreisen: ‚(…) Sei gegrüßt, Petrus, Pforte der Sünder, Zunge der Jünger, Stimme der Prediger, Auge der Apostel, Wächter des Himmels, Erstgeborener der Schlüsselträger (…). Du bist das Haupt der Quelle, aus der meine Lehre geschöpft wird; du bis das Haupt meiner Jünger; durch dich will ich alle Völker tränken.‘ (…) Als Wir selbst all dies bei uns nochmals bedachten, flehten Wir demütig unter Tränen zu Gott in seiner übergroßen Güte, er möchte die Orientalen, die entgegen der von Uns erwähnten Gesinnung ihrer alten Väter ein schon überaus lange währender Riß traurigerweise von diesem Sitz des seligen Petrus trennt, endlich in den Schoß und die Umarmung der römischen Kirche zurückführen (124)“.

Es ist daher völlig verfehlt, die Väter zur Zementierung der – teilweise schon sehr alten – Schismen heranzuziehen. Nein, der Osten möge lesen und die Konsequenzen daraus ziehen!

Der Westen übrigens auch. In der aktuellen Situation kann das nur segensreich sein.

Kirchenväter gegen den Modernismus

Man hat – das kommt dem Leser theologischer Werke immer wieder unter – in der „nouvelle théologie“, also im Modernismus des 20. Jahrhunderts, gerne die Kirchenväter gegen die Schultheologie („Scholastik“) ausgespielt. Man sagte, man wollte „zurück zu den Wurzeln“ gehen und die „Haarspalterei“ des Thomismus überwinden. Aber offensichtlich las man die Väter doch nur durch die eigene, ideologische Brille. Zudem liegt – selbstverständlich – kein inhaltlicher Gegensatz zwischen Kirchenvätern und Scholastikern vor. Lediglich die Darstellungsweise ist bei Thomas und seinen Nachfolgern systematischer und „trockener“ als bei den älteren Autoren, gleichzeitig wurden wichtige theologische Klärungen getroffen. Aber alle teilen denselben Glauben!

Das ist gerade das Wunder der Kirchenväter, der westlichen und östlichen, der Aristokraten und derjenigen einfacher Herkunft, der Päpste (Leo und Gregor) und des Diakons (Ephräm), der Dichter und der Tüftler unter ihnen, daß sie alle denselben Glauben hatten. Diesen stellten sie methodisch verschieden dar und setzten jeweils andere Schwerpunkte.

Dieser Glaube ist normativ. Er wurde von den Päpsten und den alten Konzilien bestätigt. Er gilt auch jetzt noch.

Er ist allerdings durch das II. Vatikanische Konzil verdunkelt worden. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das jüngste Konzil atmet einen anderen Geist.

Inhaltliche Schlußfolgerung: Es wird – wenig überraschend – ein Bruch sichtbar

Ob der Herausgeber es direkt beabsichtigte oder nicht: Der Leser, der die Texte des II. Vaticanums kennt, spürt, daß die Theologie der Kirchenväter mit der Mentalität des jüngsten Konzils nicht zusammenpaßt. „Hermeneutik der Kontinuität“ hin oder her – hier befindet sich objektiv ein Bruch.

Noch etwas fällt auf:

Die abgedruckten Texte der Päpste ab Johannes XXIII. sind zweifellos schön und verlangen unsere Zustimmung. Die betreffenden Kirchenväter wären jedoch über die doktrinären Verirrungen der Konzilspäpste und ihres Konzils und der daraus abgeleiteten Liturgie-„Reform“ entsetzt gewesen. Sie hätten die Enzyklika von Johannes XXIII. Pacem in terris (1963) als (zumindest) sträflich naiv-optimistisch zurückgewiesen und die 1986 einsetzenden interreligiöse Gebete und Anbiederungen „bei Juden und Heiden“ verurteilt.

Die Väter bekannten „die göttliche Kraft der Kirche (…), um private und öffentliche Übel entweder abzuwenden oder zu heilen“ (Leo XIII. über Gregor d. Gr., 40). Es geht also auch um öffentliche Übel, um eine falsche Politik, die aus falschen Meinungen, auch aus falschen Religionen gespeist wird. Die Väter hätten daher in der Lehre vom Sozialen Königtum Jesu nach Pius XI. (1925) ihre eigenen Überzeugungen erkannt und wären gegen die Konzilserklärung Dignitatis humanae (1965) eingetreten.

Insofern wird man eine erhebliche Spannung zwischen einigen „Päpsten und Kirchenvätern“ feststellen müssen.

Kontrast zwischen den Kirchenvätern und dem derzeit von einem Papst auf die Spitze getriebenen „Geist des Konzils“
Kontrast zwischen den Kirchenvätern und dem derzeit von einem Papst auf die Spitze getriebenen „Geist des Konzils“

Da sich nachkonziliare Päpste immerhin noch ausdrücklich den Kirchenvätern widmeten und deren Lehren positiv thematisierten, wird der Leser auch einen weiteren Riß bemerken, nämlich zum derzeitigen Pontifikat. Von diesem sind keine Lehraussagen zu Kirchenvätern bekannt. Die Abkoppelung von der Überlieferung, die für den kirchlichen Glauben wesentlich ist, ist für den Leser in diesem Zusammenhang besonders schmerzlich erkennbar.

Hätte Papst Franziskus zudem eine Ahnung etwa vom Werk des hl. Augustinus, dann würde er wissen, daß die Lehre des von diesem bekämpften Pelagius nichts mit dem zu tun hat, was er selbst immer wieder fälschlich als „Pelagianismus“ bezeichnet.

Damit stellt das Buch aus sich heraus den Kontrast zwischen den Kirchenvätern und dem derzeit von einem Papst auf die Spitze getriebenen „Geist des Konzils“, einer Renaissance des Modernismus und Ausbruch profunder doktrinärer Verwirrung, dar.

Alles das ist nicht explizit Thema des Buches. Aber es spricht in seiner Klarheit zwangsläufig auf diese Weise in unsere verwirrte Zeit: Es kann – wie es im Klappentext heißt – tatsächlich „der Kirche der Gegenwart verläßliche Orientierung und ermutigende Impulse bieten, um die Herausforderungen der modernen Epoche zu bestehen“.

Wer Ohren hat, der wird hören.

Resümee

Wie üblich haben Prof. Fiedrowicz und der Carthusianus-Verlag wiederum ein wertvolles Buch herausgebracht. Es entspricht mit umfangreichen Einleitungen, Bibliographien und Registern allen wissenschaftlichen Standards, ist schön gestaltet und atmet den Geist geschichtsbewußter Frömmigkeit und eines gesunden Glaubenssinns. Fides und ratio finden hier auf harmonische Weise zueinander.

Es wird ein würdiger Teil einer wertbeständigen Bibliothek sein. Dank und Anerkennung allen, die es möglich gemacht haben.

Es ist insbesondere denjenigen Gläubigen zu empfehlen, die über theologische und historische Grundkenntnisse verfügen und ein Gegengift zu den Plattheiten und Häresien der jetzigen Hierarchie suchen.

Von daher kann und soll das Buch ein Tor zur weiteren Beschäftigung mit den Kirchenvätern sein. Möge es vor allem „Päpste und Kirchenväter“ in unserer Zeit wieder zusammenbringen.

Päpste und Kirchenväter, Gesammelte Texte über die Glaubenslehrer der frühen Kirche, herausgegeben von Michael Fiedrowicz unter Mitarbeit von Claudia Barthold und Jörg Thurn, Carthusianus Verlag, Fohren-Linden 2016 (1. Auflage Libreria Editrice Vaticana 2014), 400 S.

*MMag. Wolfram Schrems, Linz und Wien, katholischer Theologe, Philosoph, Katechist, Interesse an den Kirchenvätern

Bild: Wikicommons/Carthusianus/MiL

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1 Comment

  1. Vor allem der hl. Augustinus kann ein vorzüglicher Ratgeber zur Überwindung der aktuelle Krise des Glaubens und jeden suchenden Christen sein und wohl nicht ohne Grund ist er von den beiden vorigen Päpsten so hochgeschätzt worden.
    Die Kirche war in den 1950er Jahren irgendwie an einem Ende angelangt und es konnte so wie gehabt nicht mehr weitergehen. Der Christ im 20. Jahrhundert konnte geistig nicht mehr im Mittelalter leben. Wenn Zeiten und Umstände sich so stark ändern, und wo atheistische, materialistische Ideologien die Kirche fundamental herausfordern, allein schon im Sozialen, mußte sich die Kirche auch mehr um das Irdische und „Zwischenmenschliche“ kümmern, und den Menschen nicht ausschließlich allein auf das Himmelreich vorbereiten. Die sog. Arbeiterfrage u.a.m. aber hatte bereits die Kirche im 19. Jahrhundert aufgegriffen und Papst Leo XIII. nahm dazu ja ausführlich Stellung.
    Das Übernatürliche und das Weltliche gut miteinander in Einklang zu bringen zum Wohle das ganzen Menschen, das ist, meine ich, Papst Benedikt XVI. doch sehr gut gelungen.

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