Regierungsjournalismus beim NDR – medienethisches Versagen ARD (9)

NDR 3 - Der Irrsinn der Woche
NDR 3 - Der Irrsinn der Woche

Als Rechtfertigung zu einem einseitigen Filmbericht über die Stuttgarter ‚Demo für alle’ im März 2015 bekennt sich die verantwortliche NDR-Redaktion ganz offen dazu, das damalige politische Programm der rot-grünen Landesregierung in Baden-Württemberg vorbehaltlos unterstützen zu wollen. So deutlich hat bisher noch kein ARD-Sender den Vorwurf von Kritikern bestätigt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich auf dem Weg zum Staatsfunk bewegen.

Ein Gastbeitrag von Mathias Ebert und Hubert Hecker.

Zu dem NDR-Film Caro Korneli bei den ‚besorgten Eltern’ vom 23. 4. 2015 hatten wir, zwei medienkritische Autoren, eine differenzierte Programm-Beschwerde eingereicht. Darin haben wir die einseitig-parteiische und unausgewogene Darstellung des Filmberichts über die Demo für alle kritisiert.

Außerdem konnten wir zahlreiche falsche Tatsachenbehauptungen und fehlerhafte Interpretationen aufdecken. Weiterhin mussten wir die Beleidigungen und Verleumdungen der Demonstranten am Schluss des Sendebeitrags zurückweisen. Schließlich haben wir gegen die Umwertung eines Grundwerts unserer Verfassung, nämlich Ehe und Familie im Art. 6, Protest eingelegt.

Der NDR-Chefredakteur bekennt sich dazu, auf dem Weg zum Staatsfunk zu sein

Zu unserer Beschwerde bekamen wir von der verantwortlichen Redaktion ein aufschlussreiches Antwortschreiben. Ein Fachredakteur sowie der Chefredakteur für das NDR-Fernsehen,  Andreas Cichowicz, bekannten sich darin ganz offen zum affirmativen Regierungsjournalismus: Die Redaktion unterstützt die Idee des baden-württembergischen Bildungsplans… In diesem Sinne sei der Filmbeitrag eine zugespitzte Meinungsäußerung gegen die Ziele der Stuttgarter Demonstranten, die pauschal als christliche Fundamentalisten denunziert werden. Im Film selbst beleidigt die NDR-Reporterin die regierungskritischen Demonstrationsteilnehmer als falsche Moralapostel, elende Spießer und homophobe A….löcher. Mit diesem Film hat der NDR eine bisher nicht gekannte Niveaulosigkeit an Boulevard- oder Fäkaljournalismus erreicht. Trotzdem steht die Redaktion weiterhin zu dem Korneli-Beitrag …, heißt es in dem Antwortschreiben, das uns der damalige NDR-Intendant Lutz Marmor übermittelte.

Vorurteile als erkenntnisleitendes Recherche-Interesse

Aus den Selbstbekenntnissen der Redaktion geht deutlich hervor, dass die NDR-Journalisten mit Voreingenommenheit an ihre Recherche herangegangen sind. Das geben die Redakteure auch zu mit dem Eingeständnis, sie hätten sich bei der Planung des Filmberichts an dem Streifen Die Schwulenheiler orientiert. Selbst der NDR-Intendant rechtfertigt diesen einseitigen Rechercheansatz damit, dass auch in den privatwirtschaftlichen Medien wie z. B. dem SPIEGEL  die Demo für alle kritisiert worden sei.

Aus diesen Hinweisen ergibt sich, dass die Redaktion den Ansatz ihres Filmberichts von anderen meinungsmachenden Medienbeiträgen übernommen hat, um deren Meinungstendenz dann der Stuttgarter Demonstration überzustülpen. Damit ist ein klassischer Fall von Vorurteil gegeben, der die unbefangene Sicht auf die Realität verstellt.  Mit der Voreinstellung aus Sekundärmedien konnten oder wollten die Redakteure dann gar nicht mehr die Wirklichkeit der Originaldemonstration wahrnehmen.

Bezüglich des Hinweises von Herrn Marmor ist der inzwischen abgelöste  ARD-Vorsitzende daran zu erinnern, dass die ARD-Sender – im Gegensatz zu privatwirtschaftlichen Medien – durch staatsvertragliche Regelungen auf ausgewogene, neutrale und objektive Berichterstattung festgelegt sind. Darüber hinaus haben sich die ARD-Anstalten auf die Qualitätskriterien Meinungsvielfalt, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und journalistische Fairness selbstverpflichtet.

Selbst bei der Faktenerhebung schlampige Recherche

Die redaktionelle Fixierung bei der Vorabrecherche aus der einseitigen Sicht der Homo-Lobby hat bei der Sendung zu katastrophalen Fehlleistungen geführt. Im Film wurden nicht einmal  die Demonstrationsveranstalter der Demo für alle richtig benannt. Stattdessen heißt es im  Untertext zu dem Video in der ARD-Mediathek wie auch zu Beginn der Reportage, dass die Demonstration von besorgten Eltern organisiert worden sei. Diese Veranstaltergruppe hatte die Redaktion einfach aus dem Schwulenheilerfilm übernommen. Wie beim linken Meinungsjournalismus üblich, degradierte man auch noch die tatsächlichen Eltern zu selbsternannten.  In Wirklichkeit war der Verein Besorgte Eltern e. V. gar nicht an der Demo-Organisation beteiligt und erst recht nicht Veranstalter. Er gehörte nicht einmal zu den 24 Mitgliedsorganisationen des Aktionsbündnisses von CDU-Vereinigungen, Familien- und Kinderschutzverbänden sowie Frauen- und Müttergruppen.

Nach dem Motto: Niemals werden wir irgendeinen Fehler zugeben oder uns gar entschuldigen, rechtfertigt die Redaktion ihre Fehlleistung mit der Begründung: Neben der ‚Demo für alle’ gebe es eine weitere Gruppe von Initiatoren, die ihre Demo-Reihe ‚Besorgte Eltern’ genannt hätten. Diese Demonstrationen hätten fast identische Ziele und Inhalte wie die ‚Demo für alle’.
Mit dieser abenteuerlichen Rechtfertigung könnte man etwa einen Streik der GDL (Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer) als Arbeitskampf der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrs-Gewerkschaft (EVG) ausgeben – mit der Begründung, dass die beiden Gewerkschaften ja doch ‚fast identische Ziele’ hätten.

Wenn in einer Reportagesendung nicht einmal Wert auf das Minimalniveau von richtiger Deklarierung der Akteure gelegt wird, dann drängt sich das Urteil auf, von einer schlampigen Nachrichten-Redaktion beim NDR zu sprechen.

Nicht einmal die Demonstrationsforderungen werden den Zuschauern mitgeteilt

Da sich die NDR-Journalisten nicht für die wirklichen Demonstrationsveranstalter  interessierten, ließen sie auch deren Demonstrationsziele unter den Tisch fallen. Dabei waren die Hauptparolen der Demo für alle sowohl auf der Internetseite wie auf den Transparenten des Aktionstages unübersehbar: Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder!

NDR
NDR

In dem Filmbericht phantasiert die Reporterin Caro Korneli etwas völlig anderes in die Demonstration hinein: 2400 Menschen demonstrieren hier gegen den moralischen Verfall unserer Gesellschaft. Im Antwortschreiben bestätigt die Redaktion die Halluzination ihrer Verfallsthese – sogar als Zerfalls-Version: Die Angst vor dem moralischen Zerfall unserer Gesellschaft habe die Demonstranten angetrieben. Mit  der Einführung des Begriffs ‚Angst’ sollte wohl die später behauptete Angststörung vor Homosexuellen (= Homophobie)  suggeriert werden.

Die Redaktion behauptete weiter: Beim Dreh vor Ort habe sich diese Angst den Reportern vermittelt. Bei dieser gestelzten Antwort hätte man als Zuschauer allerdings gern gewusst, auf welche Weise denn diese angebliche Dekadenz-Angst der Demonstranten zum Ausdruck gekommen sein soll. Denn im Filmbeitrag selbst gibt es dafür keine Anhaltspunkte, weder bei den Interviews und Plakaten noch sieht man irgendwo angstvolle Gesichter.

Es ist beim NDR offensichtlich nicht mehr selbstverständlich, dass man als Journalist schon im Volontariat lernt, bei solchen Großveranstaltungen wie Streiks, Demonstrationen etc. zuerst die Rahmendaten von den Veranstaltern und den wirklichen Aktionszielen zu sichern.

Gegen den Einfluss der Homo-Lobby zur Frühsexualisierung der Kinder

Die inhaltliche Intention des Filmberichts war es offensichtlich, den Demonstranten eine krankhafte Angststörung gegenüber Homosexuellen unterzuschieben. Nach dem Konzept des Schwulenheilerfilmes sollte den Demo-Teilnehmer Schwulenfeindlichkeit angedichtet werden. Aber das zu belegen gelingt der Reporterin nicht: Sie fragt einen älteren Mann: Warum sind Sie hier? Der Gefragte antwortet entsprechend dem Motto der Demonstration: Weil ich gegen den Gender-Wahnsinn bin. Bei der nächsten Antwort stellt sich heraus, dass der Mann weder eine Phobie vor Homosexuellen hat noch irgendwelche Aggressionen gegen das spezifische Sexualleben von Schwulen und Lesben: Was ein Schwuler oder eine Lesbe in ihren Zimmern machen, ist mir vollkommen egal. Aber dass damit unsere Kinder verdorben werden und alles in die Schule reingezogen wird von einer Minderheit von 5 Prozent – das ist unmöglich.

Der ältere Mann wendet sich allerdings  gegen den nach seiner Meinung unangemessenen Einfluss der Homo-Lobby, einer Minderheit von fünf Prozent, auf Lehrplan und schulische Erziehung von Kindern. Der Mann wendet sich also gegen die (Früh-)Sexualisierung unserer Kinder entsprechend dem Programm der Demo, in dem es heißt: Der Staat hat zu respektieren, daß an erster Stelle Mutter und Vater für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich sind. Dieses natürliche Recht der Eltern darf auch in Schulen und Kitas – insbesondere in Erziehungsfragen zur Sexualität – nicht mißachtet werden. Zum Schutz der Kinder ist auf scham- und persönlichkeitsverletzende Unterrichtsinhalte in Wort, Bild und Ton zu verzichten. Jede aktive Indoktrination der Kinder im Sinne des Gender-Mainstreaming, z.B. durch Infragestellung der natürlichen Geschlechter und Familienbilder, muß gestoppt werden.

Frau Korneli fasst diese differenzierte Meinung des Mannes etwas später in dem Satz zusammen: Homosexuelle Lehrer verderben unsere Kinder….. Für diese Interpretation wendet sie einen miesen Trick an: Sie nimmt die Aussage des Demonstranten auf: …unsere Kinder verderben, vertauscht aber das Subjekt: Der Mann hatte davon gesprochen, dass das Hereinziehen von intimen Sexualpraktiken Homosexueller in die Schule ‚unsere Kinder verderben’ würde. Zu der sexuellen Ausrichtung von Lehrern sagte er nichts. Die Journalistin dagegen schiebt als Subjekt homosexuelle Lehrer ein, die unser Kinder verderben würden. Sie verfälscht damit die Aussage des Demonstranten – offensichtlich mit der Absicht, ihm und den anderen Kundgebungsteilnehmern homophobe Angststörungen  gegen Homosexuelle in die Schuhe zu schieben. Anscheinend hat Frau Corneli eine solche Verdrehung einer Aussage nötig, um ihre eigenen Vorurteile gegenüber den Demonstranten zu bestätigen. Ein solches unredliches Vorgehen verstößt gegen die journalistische Pflicht zur wahrheitsgetreuen Vermittlung der Realität bzw. von getätigten Aussagen anderer.

Die Reporterin behauptet: Schwule könnten sich heilen lassen!

An einem zweiten Beispiel gelingt es der Redaktion ebenfalls nur mit Verfälschung, den Demonstranten schwulen- und lesbenfeindliches Auftreten zu unterstellen. Ein Gespräch mit einer älteren Dame habe gezeigt, dass unter den Demonstrierenden die Auffassung von Homosexualität als Krankheit verbreitet sei: Was halten sie von homosexuellen Lehrern? – Ich bin davon nicht erbaut. Diese Antwort zeigt keine Anzeichen von Angststörung oder Aggression gegen Homosexuelle.  Dann macht die Reporterin der Frau einen Vorhalt mit der These: Ein Schwuler (Lehrer) könnte sich ja heilen lassen und wenn er dann gesund ist, dann kann er doch wieder unterrichten – oder? – Ich denke schon.

Hier steckt schon in der Fragestellung eine unlautere Methode, nämlich einen Vorhalt  mit zwei impliziten Behauptungen zu stellen. Denn die Befragte hat in der Kürze der Zeit keine Chance, sich zu beiden Aussagen (Schwule sind heilbar. Und: Gesunde dürfen unterrichten) eine Meinung zu bilden und entsprechend differenziert zu antworten. Unter diesen Umständen muss die bejahende Antwort der Frau fairerweise auf den letzteren Konditionalsatz bezogen werden und  ist damit nachvollziehbar: ‚Wenn ein Lehrer gesundet ist, kann er wieder unterrichten’ – logisch. Der erste Teil des Doppelsatzes, also die These der Reporterin von der Schwulen-Heilung, darf hingegen nicht  automatisch als bejaht angesehen werden, zumal dieser Satz von Frau Korneli ebenfalls noch zwei Aussagen impliziert: 1. Schwule seien krank. 2. Diese Kranken seien heilbar, was die Homo-Lobby bekanntlich bestreitet.

Damit ist festzustellen: Die These von den heilbaren Schwulen ist von Frau Korneli aufgestellt worden und nicht von einer Demonstrantin. Die Reporterin versuchte auf unseriöse Weise, einer Demonstrantin diese Meinung unterzuschieben. Später verwandelte die Redaktion die These der Reporterin in den O-Ton der älteren Dame, die damit angeblich den Beweis für die Auffassung von Homosexualität als Krankheit erbracht habe. Die anschließende Verallgemeinerung der unterstellten Meinung auf viele Demonstranten, wie das sowohl die Journalistin im Film suggeriert und auch die Redaktion aussagt, ist eine weitere Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht bei der Darstellung. Im übrigen hatte Frau Kornelis These von kranken bzw. heilbaren Schwulen mit Motto und Programm der Demonstration nichts zu tun (s. o.).

Filmische Selbstbestätigung von Vorurteilen

Die NDR-Redakteure rechtfertigen die Unterstellungen von Homophobie in ihrem Antwortschreiben: Die Bezeichnung aller Demonstranten als homophob sei berechtigt in Anbetracht des Themas und der von vielen Demonstrationsteilnehmern geäußerten Meinung gegenüber Schwulen und Lesben – auch im Rahmen der genannten „Panorama“-Recherche .

Mit dieser Rechtfertigung stellt sich die NDR-Redaktion ein argumentatives Armutszeugnis aus. Denn:
- Das Thema der Demonstration war offensichtlich nicht auf Schwule und Lesben fokussiert.
- Die beiden interviewten Demonstranten haben sich nicht homophob gegen Homosexuelle ausgesprochen, wie oben gezeigt.
- Eine pauschale Verallgemeinerung der angeblichen Homophob-Aussage einer älteren Frau  auf viele Demonstranten ist sachlich unzulässig.
- Die Redakteure rechtfertigen ihr Homophobie-Urteil über diese Demonstration auch mit dem Hinweis auf ihre Recherche einer Panorama-Sendung, die ebenfalls die Ansicht darlegte, dass bei einer anderen Demonstration homophobe Äußerungen getätigt worden seien.
Eine solche Meinungs- und Urteilsübertragung von einer anderen Sendung und über eine andere Veranstaltung auf die aktuelle im Film gezeigte Demonstration kann man nur als drittklassige journalistische Meinungsmache kennzeichnen – glaubwürdig und überzeugend ist sie sowieso nicht.

Siegmund Freud als Kronzeuge gegen Frühsexualisierung der Kinder

Dass es den Veranstaltern und Demonstranten nicht darum ging, gegen Homosexuelle aufzutreten, sondern gegen die geplante  Sexualisierung des Unterrichts, insbesondere gegen die Frühsexualisierung der Kinder in Kita und Schule, macht der Film (wohl unbeabsichtigt) selbst deutlich: Unmittelbar nach dem Gespräch mit den beiden Demonstranten schwenkt die Kamera auf ein Plakat. Frau Korneli liest den Text vor: Schamlosigkeit ist das erste Anzeichen von Schwachsinn. Sie erwähnt nicht den darunterstehenden Autor des Zitats, nämlich den Psychotherapie-Begründer Siegmund Freud. Die Fortsetzung des Zitats aus den Ges. Werken VII, S. 149 wendet sich ausdrücklich gegen die Frühsexualisierung: Kinder, die sexuell stimuliert werden, sind nicht mehr erziehungsfähig … Die Zerstörung der Scham bewirkt eine Enthemmung auf allen anderen Gebieten, eine Brutalität und Missachtung der Persönlichkeit des Mitmenschen.  Dieses Freud-Zitat ist eine gewichtige Begründung für eine Programm-Forderung der ‚Demo für alle’: Zum Schutz der Kinder ist auf scham- und persönlichkeitsverletzende Unterrichtsinhalte in Wort, Bild und Ton zu verzichten. Genau das hatte auch der befragte ältere Mann gefordert.

Dass diese Forderung gegenüber dem damals geplanten sexuellen Vielfalts-Unterricht berechtigt ist, zeigen zwei Artikel der Frankfurter Allgemeinen. Im FAS-Artikel vom 12. 10. 2014 mit dem Titel Unter dem Deckmantel der Vielfalt heißt es: Kinder sollen ihre ‚Lieblingsstellung’ zeigen, Puffs planen, Massagen üben. Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen. Kinderschützer schlagen Alarm. Ein zweiter Artikel Aufklärung oder Anleitung zum Sex (FAZ 23. 10. ’14) fasst zusammen: Die Sexualpädagogik in den neuen Lehrplänen ist geeignet, den Kindesmissbrauch zu fördern. Die gesamte Gesellschaft soll umerzogen werden. Das Ergebnis einer scham- und persönlichkeitsverletzenden Sexualpädagogik zeigen Bernd Siggelkow u. a. in ihrem Buch: Deutschlands sexuelle Tragödie anhand der sexuellen Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen.

Zu einer Demonstration, bei der ein Bildungsplan im Zentrum steht, wäre es die journalistische Pflicht der Redaktion gewesen, sich nicht nur bei ‚Panorama’ und ‚Schwulenheiler’-Filmen zu informieren, sondern zu der Ausweitung der umstrittenen Sexualpädagogik auch die andere Seite zu hören.

Die unwitzige Ironie ging in die Hose …

Der Chefredakteur Fernsehen, Andreas Cichowicz, führt in seinem Rechtfertigungsschreiben aus: Die Autoren von ‚Extra 3’ haben (…) eine ironische Erzählidee für ihre Kritik gewählt, in der an der Echtheit der Demonstration gezweifelt und alles als große Inszenierung mit (2.400?) Schauspielern dargestellt wird. Diese Idee werde auch an den On- und Off-Kommentaren der Reporterin deutlich.

Eine Idee zu haben ist die eine Sache, aber sie ist im Film nicht überzeugend umgesetzt worden. Insgesamt vier Mal setzt Frau Korneli an, ihre Schwindel-Idee den Demonstranten bzw. Zuschauern herüberzubringen – jedes Mal scheitert sie mit ihrem Ansatz:

  • Am Anfang ihrer Reportage sagt sie: Auf den ersten Blick sieht alles ganz normal aus, aber irgendwie ist es hier anders als sonst. Man sieht aber nur die Bilder einer ganz normalen Demonstration wie überall sonst.
  • Erst beim fünften Gesprächskontakt rückt Frau Korneli heraus mit ihrer Schwindel-Idee: Die ganze Demo – ein Riesenschwindel! Mit dieser Aussage wendet sie sich an einen Demonstranten. Der fragt zurück: Wie kommen sie denn darauf? – Korneli: Ich habe das gemerkt an den Plakaten, an dem, wie sich die Leute verstellen, an den Perücken. – Demonstrant: Wo sind denn die geschwindelten Plakate, die Leute, die sich verstellen oder Perücken tragen? Daraufhin muss Frau Karolin passen, denn es gab sie nicht, die Reporterin hatte sich ihre Vorstellungen erschwindelt:  Keine Perücken? Na gut.
  • Direkt nach diesem Eingeständnis ihres Fehlers glaubt sie, ein Schwindel-Plakat gefunden zu haben: Es schleichen sich immer wieder kleine Fehler ein. Dies Transparent ist spiegelverkehrt geschrieben. Dabei zeigt sie auf die Rückseite eines Transparents, auf dem die durchscheinende Schrift natürlich spiegelverkehrt zu sehen ist: Für unsere Kinder nur das Beste: Mama & Papa.  Offensichtlich will die Reporterin die Zuschauer für dumm verkaufen mit ihrer Behauptung, der Text sei spiegelverkehrt geschrieben worden. Also auch dieser Beweis für eine Schwindel-Demo erweist sich als – Schwindel von Frau Korneli.
  • Die Versuche, die Demo als einen Riesenschwindel zu beweisen, gingen bei Frau Korneli in die Hose. Die Ansätze der Reporterin, den Demonstranten bzw. den Zuschauern die Demonstration als Reisenschwindel anzudrehen, erweisen sich selbst als misslungene Schwindel-Versuche – witzig waren sie sowieso nicht.

… und endete mit Beschimpfung der Demonstranten

Direkt nach dem freundlichen Gespräch mit dem bibelfesten und überzeugten Christen verhärtet Frau Korneli ihren Tonfall, indem sie die Demonstranten und Veranstalter als Schwindler abkanzelt, sie als falsche Moralapostel hinstellt, als Menschen, die den angeblichen Schwindel nicht offen zugeben wollten, schließlich beschimpft sie sie als elende Spießer. Nachdem sie mit ihrem ironisierenden Versuchen bei Einzelbeispielen nicht durchkommt, setzt sie die brachiale Keule des beleidigenden Rundumschlags an. Jedenfalls hat die Reporterin mit diesen gänzlich unwitzigen Verleumdungen die ironische Idee vom Anfang  in einen unmoralischen Tiefschlag gegen die Demo-Teilnehmer münden lassen.

Mit dem Vorwurf der ‚Moralapostel’ können die Demonstranten wohl noch leben. Denn sie treten für ethische Werte wie Ehe und Familie ein und wenden sich gegen die unmoralische Schamlosigkeit und Persönlichkeitsverletzungen von Kindern durch die Frühsexualisierung. Die Apostrophierung als schwindelnde‚ falsche Moralapostel’ ist dagegen ebenso übel wie lächerlich, wenn ihnen die Ernsthaftigkeit ihrer Überzeugung abgesprochen wird.

Als Spießer wird ein Mensch charakterisiert, der geistig und sozial unbeweglich stur auf seinen eingefahrenen Meinungen oder Ritualen besteht. Mit der Brandmarkung als elende Spießer werden in diesem Fall die Demonstranten als diskussionsunwillig und diskursunfähig abgekanzelt, obwohl sie sich in den Film-Interviews als hellwach und diskutierend gezeigt hatten. Solche ehrverletzende Urteile über Menschen in der Reportage des NDR verstoßen gegen die ARD-Leitlinien eines seriösen und fairen Journalismus. Angesichts dieser Beleidigungen ist die nass-forsche Behauptung der NDR-Journalisten, dass die Redaktion die Demonstranten respektieren würde, eine besondere Frechheit.

Gegen die Hauptforderung der Demo für alle: Ehe und Familie vor!

In einem weiteren Punkt unserer Beschwerde ging es um das Hauptziel der Demonstration: Ehe und Familie vor! sowie den Protest gegen die Relativierung der ehebasierten Familie durch den baden-württembergischen Bildungsplan.

Die grün-rote Regierung in Baden-Württemberg hatte in ihrem Bildungsplan auch eine Vielfalt der Familien vorgesehen. In der Schule soll jede Lebensgemeinschaft von Erwachsenen und Kindern als Familie propagiert werden, insbesondere auch in lesbischen und schwulen Partnerschaften. Dagegen richtet sich die Hauptforderung der Demo für alle: Ehe und Familie vor! Dabei stützten sich die Demonstrationsveranstalter auf die ehebasierte Familie, die nach dem Grundgesetz, Artikel 6, allein unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung steht. In Bild und Textzeilen wurde die klassische Familie als Vater, Mutter und zwei Kinder auf der Demonstration überall sichtbar gemacht – auf den Plakaten, Luftballons und Transparenten. In einem Filmausschnitt wird ein Plakat gezeigt mit der Aufschrift: Vater + Mutter = Kind(er). Der Plakatträger sagt dazu im Film:  Jeder Mensch hat Vater und Mutter…

NDR-Angriff auf eine grundrechtlich geschützte Werte-Institution

Diese Aussage und die Konzentration der Demonstration auf die klassische Familie erregten anscheinend den Zorn der Reporterin. Direkt nach der Beschimpfung der Demonstrationsteilnehmer als elende Spießer zeigt die NDR-Journalistin ihre Verachtung für das Demonstrationsziel: die ehebasierte Familie. In ihrem Schluss-Satz verkündete sie ihr Vorurteil: Also ehrlich – nur Vater, Mutter, Kind im Jahr 2015? – leichtes Kopfschütteln und danach mit einem süffisanten Ausdruck: Ein Fake bleibt immer ein Fake.

Ein (englisch) Fake bedeutet ein Imitat, ein Schwindel oder eine Vortäuschung falscher Tatsachen. Im weiteren Sinne ist Fake auch ein Begriff für den damit verbundenen Betrug. Demnach soll laut Frau Korneli die klassische Familie eine imitierte Fälschung sein – aber was wäre dann das Original? Oder: Die Vater-Mutter-Kind(er)-Familie soll eine geschwindelte Vortäuschung – wovon denn?

Tatsächlich ist die ehebasierte Familie in allen Kulturen und Geschichtsepochen die originale, klassische Familie, weil nur die von Natur aus fruchtbare Verbindung von Mann und Frau die familiale Keimzelle zur Reproduktion der Gesellschaft sein kann. Frau Korneli dagegen will mit ihrem Fake-Satz diese historischen und naturgesetzlichen Verhältnisse ins unsinnige Gegenteil umkehren: die klassische Familie von Vater, Mutter und Kind(er) sei ein Imitat, das Original von Familie – so die unausgesprochene, aber logische Folgerung – müsste die postmoderne variationsoffene Gemeinschaften von Erwachsenen und Kindern sein. Geht es noch verrückter?

Verstoß gegen die ARD-Richtlinien zur Vermittlung von Werten

Nun könnte der Einwand kommen: Wie jeder Mensch haben auch Journalisten der ARD-Anstalten die Meinungsfreiheit, in ihren Sendungen mal Unsinn zu verbreiten. Das mag bei solchen Nischen-Themen wie Ufos oder wiederkehrende Götter noch zutreffen, aber nicht bei einem zentralen gesellschaftlichen Thema wie Familie.

Schwerer wiegt, dass die beiden letzten Sätze der Extra 3-Sendung als ein Angriff auf einen gesellschaftlichen Grundwert anzusehen ist. Denn in dieser Form ist die Behauptung der NDR-Journalistin, dass die ehebasierte, grundgesetzlich geschützte Familie ein Fake sei, eine Ungeheuerlichkeit. Sie verstößt damit gegen Auftrag und Prinzipien der öffentlich-rechtlichen Anstalten: In den ARD-Leitlinien 2015/16 wird bei den genrespezifischen Qualitätskriterien im Bereich Kultur / Kinder und Familie von ARD-Sendungen gefordert: Vermittlung ethischer Werte sowie verantwortungsbewusste Information und Orientierung. Auch bei dem Genre Unterhaltung sollen die ARD-Sendungen Wertevermittlung enthalten. Die Familie, so wie sie im Grundgesetz definiert ist, gehört unbestreitbar zu den grundlegenden Werten unserer Gesellschaft. Die Polemik von Frau Korneli gegen die klassische Familie ist ein frontaler Angriff gegen einen Grundwert unseres verfassten Gemeinwesens.

Das mögliche Argument, die besagte Aussage sei doch nur ironisch-satirisch und damit nicht ernst gemeint gewesen, ist nicht stichhaltig. Allein mit einem spöttischen Gesichtsausdruck wird noch kein ironischer Hinter- oder Gegensinn erzeugt. Entscheidend ist, dass der normale Zuschauer die Behauptung so auffassen musste, wie sie gesagt wurde. Diese Annahme wird auch durch den Kontext des Filmberichts bestätigt, der nach dem Berichtsformat aufgebaut ist und dessen intendierte satirische Form kaum zur Geltung gekommen ist, wie oben gezeigt. Für den normalen Zuschauer musste der Film als  Reportage-Sendung von einer normalen Demonstration wahrgenommen werden – einschließlich des Schlusskommentars von Frau Korneli.

NDR-Trashniveau mit Fäkalausdrücken vor johlendem Studio-Publikum

Ein Höhepunkt von Niedertracht ist die Behauptung von Frau Korneli, viele Demonstranten wären als homophobe A…löcher aufgetreten. In der Wortverbindung soll die Negativ-Konnotation des Adjektivs homophob mit dem Substantiv A….loch wohl noch gesteigert werden. Unabhängig davon ist die öffentliche  Bezeichnung eines Mitmenschen als A….loch auf jeden Fall als ehrverletzende Beleidigung anzusehen. Mit der viermaligen Wiederholung dieser Beleidigung im Film und dem anschließenden Clip scheint die Redaktion die Provokation der Verleumdung noch steigern zu wollen:

Bei dem Film-Nachspann mimt  der Schauspieler Sky Dumont einen ARD-Satirebeauftragten. Diese Szene ist deutlich als satirisches Imitat oder Fake zu erkennen. Damit sind aber auch die dort gemachten Behauptungen als Fake-Aussagen zu verstehen, die einen anderen, in diesem Falle gegenteiligen Sinn haben. Wenn der gefakte ARD-Beauftragte augenzwinkernd den fälschlichen Eindruck von Extra 3 zurückweist mit den Worten, als hätten wir etwas gegen homophobe A…löcher, so versteht der Zuschauer, dass der besagte Eindruck in Wirklichkeit zutrifft. Der folgende Satz ist besonders entlarvend: Wir von der ARD wollen natürlich auf keinen Fall homophobe A…löcher beleidigen. Offensichtlich ist den NDR-Redakteuren als Macher der Sendung ‚extra 3’ bewusst, dass sie mit der Schimpf-Bezeichnung die Demonstranten beleidigen: Denn indem sie mit einer als Fake kenntlichen Aussage die Beleidigungsabsicht dementieren, bestätigen sie diese.

Die NDR-Redaktion versteht ihre eigene Ironie nicht

Wenn die NDR-Redakteure allerdings in ihrem Antwortschreiben ernsthaft behaupten, dass sich die Redaktion über den Schauspieler Sky Dumont schon in der Sendung für die gewählte Formulierung entschuldigen hätte, so verstehen sie offensichtlich ihre eigene Ironie nicht, nach der eine satirische Entschuldigung nur eine vorgespielte ist.

Das dreimalige Wiederholen des Beleidigungswortes  in einem kurzen Clip mit drei Sätzen wirkt ausgesprochen kindisch. Es klingt, wie wenn ein Junge drei Mal hintereinander gegenüber einem Spielkameraden dieses Schimpfwort sagt – im Bewusstsein, dass er ihm etwas ganz Unanständiges an den Kopf wirft und ihn damit erniedrigt. Mit dieser Demonstrantenbeschimpfung im Film und deren Verstärkung im Nachspann-Clip kommt die Sendung endgültig auf das Trash-Niveau von Formaten, bei denen die Studio-Zuschauer  jeden Fäkal-Ausdruck mit Johlen begleiten.

Die NDR-Redakteure haben diese Beschimpfungskanonade anscheinend bewusst und gezielt eingesetzt. Denn im Rechtfertigungsschreiben heißt es: Der Redaktion ist bewusst, dass mit der gewählten Formulierung bei einigen Zuschauern eine Grenze überschritten wurde. Gleichwohl hält sie die Beschimpfung der Demonstranten mit Fäkalsprache für eine adäquate satirische Zuspitzung. Soso, Grenzüberschreitungen ins Trash-Niveau als adäquater NDR-Journalismus!

Ehrverletzende Beleidigung durch NDR-Reporter

Der Tatbestand einer ehrverletzenden Beleidigung ist nicht (nur) an subjektivem Empfinden festzumachen. Auch die Zahl von sehr vielen positiven Zuschauer-Reaktionen kann eine Beleidigung nicht neutralisieren. Für den Tatbestand der ehrverletzenden Beleidigung gibt es objektive Kriterien (etwa im Zusammenhang mit dem Paragraph 185 StGB), die zu prüfen wäre. Diese Verleumdung kann auch nicht als satirische Zuspitzung gerechtfertigt werden.  Satire hat was mit Intelligenz und Sprachgewandtheit zu tun – platte Beleidigungen mit Fäkalausdrücken gehören nach unserer Ansicht nicht zu Satire.

Es bleibt somit festzuhalten: Der NDR-Filmbericht spricht vor Millionen TV-Zuschauer  ein beleidigendes Urteil aus über 2.400 Demonstranten und die Demo-Veranstalter, darunter 20 bürgerschaftliche Organisationen. Das alles geschieht im Namen einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt. Die sollte nach ihrem gesetzlichen Auftrag bei kontrovers diskutierten Themen zur Förderung des gesellschaftlichen Diskurses beitragen. Stattdessen fördert dieser Filmbericht mit der boulevardesken Schlussbeschimpfung eine emotionsbasierte Frontverhärtung zwischen Meinungsgruppen.    

Als Parteigänger der Regierung kann man keinen gesellschaftlichen Diskurs fördern

Die NDR-Journalisten behaupten, mit der Kritik der Demonstrationsforderungen macht die Redaktion  von ihrem publizistischen Recht (auf Meinungsfreiheit) Gebrauch. Abgesehen davon, dass sie die tatsächlichen Forderungen der Demo für alle unterschlagen haben, steht ihnen kein Recht auf einseitigen Meinungsmache-Journalismus.

Der NDR als öffentlich-rechtliche Sendeanstalt hat im Gegenteil die staatsvertragliche Pflicht, ausgewogen und neutral zu berichten, insbesondere zu strittigen Fragen. In groß-gesellschaftlichen Debatten haben die Sender laut ARD-Leitlinien den Auftrag zur Förderung des gesellschaftlichen Diskurses. Dazu haben die verantwortlichen Redaktionen bei Recherche und Darstellung auf Informationsvielfalt, Objektivität und Unabhängigkeit zu achten sowie eine einseitig-parteiische Ausrichtung zu vermeiden. Gegen diese journalistischen Pflichten und Grundregeln verstößt die verantwortliche NDR-Redaktion durchgehend.

Der Filmbericht über die Demo für alle ist im Kontext der Kontroverse zum baden-württembergischen Bildungsreformplan 2015 zu sehen – so eine eigene wikipedia-Themenseite. Eine Petition unter dem Titel: Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens erreichte 192.000 Unterschriften, eine Gegenpetition 80.000. Das Anliegen der erstgenannten Petition, das im Programm der Demo für alle aufgenommen ist, wurde von verschiedenen kirchlichen und politischen Kreisen unterstützt. Nach einem Gespräch von Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit Vertretern der evangelikalen Bewegung im Frühjahr 2015 lenkte die Landesregierung ein, indem sie die Überarbeitung der umstrittenen Leitprinzipien versprach sowie eine Verschiebung der Bildungsplan-Einführung auf 2016.

Bei ihren Berichten über dieses Thema ist es die publizistische Pflicht der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, zumindest ansatzweise die kontroverse Debatte abzubilden und damit zur Förderung des gesellschaftlichen Diskurses beizutragen. Das ist bei der Film-Reportage nicht geschehen. Diese journalistischen Programmverletzungen stehen im Zusammenhang mit der parteiischen Positionierung der NDR-Redaktion für den baden-württembergischen Bildungsplans. Aber wie soll der gesellschaftliche Diskurs über ein kontroverses Thema gefördert werden, wenn die NDR-Journalisten nur als Parteigänger und Propagandisten der Regierungsseite auftreten?

Text: Mathias Ebert/Hubert Hecker
Bild: NDR/Youtube (Screenshots)

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