Bikini oder Burkini? Eine Tragikomödie, die Voltaires würdig wäre

Bikini oder Burkini. Ist das die Frage?
Bikini oder Burkini. Ist das die Frage?

von Cristina Siccardi*

Im Traktat Über die Toleranz, einem der bekanntesten Werke Voltaires, das 1763 in Frankreich veröffentlicht wurde, finden sich die Grundlagen für die verwirrte, luziferische Unkultur unserer Zeit, aber auch die Voraussetzungen, die es vielen Männern der Kirche und Konzilsvätern erlaubten, die Religionsfreiheit – im Widerspruch zur zweitausendjährigen göttlichen und weisen Tradition – als universales Gut zu übernehmen.

Das führte uns zur aktuellen Situation, daß die Kirche nichts gegen die demonstrativ zur Schau gestellten Unsitten unserer Zeit sagt, während Frankreichs Premierminister Manuel Valls das Burkini-Verbot verschiedener französischer Gemeinde unterstützt. Der 2004 von der australischen Modedesignerin libanesischer Herkunft, Aheda Zanetti, erfundene Burkini ist unter Muslimen weltweit zum Verkaufsschlager geworden.

Valls erklärte, daß der schamhafte Burkini „mit den Werten Frankreichs unvereinbar“ sei und zudem gar kein Badekleid sei, sondern der „Ausdruck einer Ideologie, die auf der Unterwerfung der Frau“ beruhe.

Der 1946 vom französischen Modeschöpfer Louis Réard patentierte Bikini oder andere Formen, die mehr zeigen als verbergen, sind demnach hingegen integraler Bestandteil der „Werte“ Frankreichs, das sich die Religionsfreiheit als ganz besonderes Gut auf die Fahne schreibt.

In diesem Frankreich wurden zwischen 2000 und 2013 20 katholische Kirchen dem Erdboden gleichgemacht. 250 weiteren steht dasselbe Schicksal bevor, wobei es noch viel mehr werden könnten. In Rom herrscht dazu völliges Schweigen. Erst vor wenigen Tagen wurden Priester und Ministrant wie Terroristen aus Pariser St. Rita-Kirche abgeführt. Die Kirche muß einem Parkhaus weichen.

Zugleich sprießen legale und illegale Moscheen und islamische Gebetshäuser wie Pilze aus dem französischen und insgesamt aus dem europäischen Boden. Aus dem Boden eines Europas, das immer weniger Kinder zur Welt bringt oder zur Welt kommen läßt.

Der Geburtenmangel ist das gewollte Ergebnis einer Ideologie, die die Familie zerstört und die Abtreibung fördert. Wären die Kinder geboren worden, die in den vergangenen 45 Jahren durch Abtreibung getötet wurden, hätte Europa kein demographisches Problem, keine Massenzuwanderung, keine Überfremdung und keine Islamisierung. Doch wenige erkennen den Zusammenhang, weshalb auch keine effizienten Gegenmittel aktiviert werden können.

Der konfessionslose Liberalismus beginnt dennoch den Preis für sein unvernünftiges Handeln zu bezahlen, weil die Revolution bekanntlich ihre Kinder frißt. Der Raum wird von jenen übernommen wie den Muslimen, die nicht bereit sind, ihre Identität aufzugeben.

Valls und mit ihm Politiker und Kirchenvertreter erinnern an das Gebet des „Gutmenschen“ Voltaire an Gott, das im Traktat über die Toleranz enthalten ist. Inmitten unheilvollen Gequassels, das zum Auslöser unzähliger Tragödien wurde, erklärte der Meisterdenker der jakobinischen Henker:

„Ich wende mich also nicht mehr an die Menschen, sondern an dich, Gott aller Lebewesen, aller Welten, aller Zeiten […], gewürdigt, mit Barmherzigkeit auf die Irrtümer zu blicken, die von unserer Natur herrühren.  Gib, daß diese Irrtümer nicht zu unserem Unglück werden. Du hast uns weder ein Herz geschenkt, damit einer den anderen hasse, noch die Hände, damit wir uns gegenseitig erwürgen. Gib, daß wir uns wechselseitig helfen, das Joch eines mühseligen und vergänglichen Lebens zu ertragen. Gib, daß die kleinen Unterschiede in der Kleidung, die unsere schwachen Körper bedecken, daß alle unsere ungeeigneten Sprachen, alle unsere lächerlichen Gebräuche, alle unsere unvollkommenen Gesetze, alle unsere unsinnigen Meinungen, alle unsere in unseren Augen unterschiedlichen, doch vor deinen Augen gleichen Überzeugungen, kurzum, daß alle diese kleinen Schattierungen  der „Menschen“ genannten Atome nicht ebenso viele Zeichen des Hasses und der Verfolgung seien. Gib, daß jene, die am hellichten Tag Kerzen anzünden, um dich zu feiern, jene ertragen, die sich mit dem Licht deiner Sonne begnügen, und daß jene, die ihre Kleidung mit einem weißen Gewand bedecken, um zu sagen, daß man dich zu lieben habe, nicht jene verachten, die dasselbe unter einem Mantel aus schwarzer Wolle sagen; daß es dasselbe ist, dich in einem aus einer toten Sprache entstandenen Idiom anzubeten, oder in einer neueren [….] Mögen sich alle Menschen erinnern, daß sie Brüder sind! Sie mögen die auf die Seelen ausgeübte Tyrannei fürchten […] Wenn die Geißeln des Krieges schon unvermeidbar sind, dann laßt uns in Friedenszeiten nicht hassen und uns nicht gegenseitig quälen. Und setzen wir den kurzen Augenblick unserer Existenz dafür ein, zusammen in tausend verschiedenen Sprachen von Siam bis Kalifornien deine Güte zu preisen, die uns diesen Augenblick geschenkt hat.“

Während der Gott Voltaires zu den heutigen Katastrophen einer weltlichen und religiösen Korrumpierung führte, hat der wahre, Eine und Dreieinige Gott Seinen Sohn für das Heil eines jeden Menschen geopfert.

Sergio Romano1

hat recht, wenn er in seinem Vorwort zum Traktat über die Toleranz (2010) Voltaire als „Journalisten“ bezeichnet, einen Journalisten, den es mit seinen intellektuellen Leidenschaften, seiner umfassenden kulturellen Bildung, seiner geschickten Erzählkunst, seinem ironischen und brillanten Stil und seiner Neugierde für die Ereignisse seiner Zeit auf diabolische Weise gelungen ist, den Verlauf des europäischen Denkens zu verändern und mit seinen Brecheisen nach einigen Generationen die Nationen zu entchristlichen, in denen noch Abteien, Kathedralen und Kirchen von außergewöhnlicher innerer und äußerer Schönheit und Kraft blühten.“

Zuerst im 16. Jahrhundert Luther, dann im 18. Jahrhundert Voltaire wirkten gemeinsam mit dunklen Kräften im Kampf gegen die Kirche von Rom. Die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Waren Voltaires Thesen bisher gewinnend, weil es einen Feind niederzuringen gab, beginnen sie im 21. Jahrhundert an Strahlkraft zu verlieren und über die Vielzahl innerer Widersprüche zu stolpern, die in einem immensen, tragikomischen Labyrinth versteckt sind: Bikini und/oder Burkini lautet also die Frage. Priester und/oder Imam in den Kirchen? Elternschaft oder nicht für Homo-Paare? Fragen, die eine gewissenlose Sinnentleerung erkennen lassen. Die modernen Ambitionen des theologisch vieldiskutierten Konzilsdokuments Dignitatis humanae, das meilenweit von der wahren und friedlichen katholischen Toleranz entfernt ist, liefern heute die bitteren Früchte, mit denen die kinderreichen muslimischen Invasoren munter arbeiten können.

Die Tragikomödie steht unserer Zeit sehr gut zu Gesicht, jene, die der barocke Meister dieses literarischen Genres, Pierre Corneille, wie folgt beschrieb:

„Und plötzlich tritt ein seltsames Monster auf […]. Der erste Akt ist nur der Prolog. Die drei folgenden sind eine unvollkommene Komödie. Der letzte aber ist eine Tragödie. Und alles wird durch eine Komödie zusammengehalten.“

Das Reich Gottes ist etwas ganz anderes, eine Apotheose der Herrlichkeit und der Harmonie, der Seligkeiten auf Erden (wie die Heiligen beweisen) und der Seligkeiten in der Ewigkeit. Hier werden Glauben und Vernunft nicht benebelt. Hier befreit sich die Seele furchtlos in die Himmel, die  von der Wahrheit durchzogen sind, die der Gottessohn gebracht hat. Das ist das genaue Gegenteil der Abgründe, die vom „Journalisten“ Voltaire durchpflügt wurden, der sich mit „diesem Augenblick“ zufriedengab.

*Cristina Siccardi, Historikerin und Publizistin, zu ihren jüngsten Buchpublikationen gehören L’inverno della Chiesa dopo il Concilio Vaticano II. I mutamenti e le cause (Der Winter der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Veränderungen und Ursachen, 2013); San Pio X. Vita del Papa che ha ordinato e riformato la Chiesa (Der heilige Pius X. Das Leben des Papstes, der die Kirche geordnet und reformiert hat, 2014); Sono Maria Cristina. La Beata regina delle Due Sicilie, nata Savoia („Ich bin Maria Cristina“. Die selige Königin Beider Sizilien und geborene Savoyerin, 2016).

Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana

drucken

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat:
Unterstützen Sie bitte Katholisches.info mit einer Spende.
Zuwendungsübersicht
  1. Sergio Romano, geb. 1929 in Vicenza, italienischer Diplomat, Historiker und Journalist. Studium der Rechtswissenschaften in Mailand und der Politikwissenschaften in Genua. 1950 Eintritt in den Diplomatischen Dienst der Republik Italien, zuletzt Ständiger Vertreter Italiens bei der NATO und Botschafter in der UdSSR. Lehrtätigkeit in Harvard, an der University of California, an den Universitäten von Pavia, Sassari und an der Bocconi von Mailand. Kolumnist verschiedener Zeitungen. Autor zahlreicher historischer, politischer und geopolitischer Bücher. Im deutschen Sprachraum wurde vor allem sein „Brief an einen jüdischen Freund“ von 2007 bekannt. []