Moskau setzt ukrainische „Unierte“ wieder auf die Tagesordnung

Neuer Konflikt um ukrainische Unierte. Bild von der "gesamtukrainischen" Prozession der orthodoxen Kirche Moskaus.
Neuer Konflikt um ukrainische Unierte. Bild von der "gesamtukrainischen" Prozession der orthodoxen Kirche Moskaus.


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(Moskau/Kiew) Die Frage der „unierten“ Katholiken der Ukraine könnte bald die Beziehungen zwischen Rom und Moskau neu belasten. Durch das historische Treffen eines Moskauer Patriarchen mit einem römischen Papst, das im vergangenen Februar auf der Karibikinsel Kuba stattfand, hoffte Rom auf eine Entspannung. In den vergangenen Tagen wurden die Töne jedoch deutlich rauer.

Die russisch-orthodoxe Kirche kritisierte mit einer heute veröffentlichten Erklärung eine „politisierte“ Haltung der griechisch-katholischen Kirchenführer der Ukraine. Zuvor hatte der griechisch-katholische Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk Kritik an der „gesamtukrainischen“ Prozession der ukrainisch-orthodoxen Kirche geübt, die im Juli abgehalten wurde.

Nach dem Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill am 12. Februar in Havanna bedurfte es erheblicher Anstrengungen des Vatikans und auch des Papstes persönlich, um die aufgebrachten griechischen Katholiken der Ukraine zu beruhigen. Papst und Patriarch hatten eine Gemeinsame Erklärung unterzeichnet, durch die sich die „Unierten“ desavouiert fühlten. Papst Franziskus versuchte bereits wenige Stunden nach der Unterzeichnung die Tragweite herunterzuspielen, indem er seine eigene Autorität untergrabend meinte, unterzeichnete Papiere hätten wenig Bedeutung. Um seine „väterliche Sorge“ zu unterstreichen, ließ er seine Sonderkollekte zur Unterstützung der Ukraine durchführen. Moskau hingegen fühlte sich durch die Erklärung gestärkt. Als wohlwollende Geste registrierte Moskau die Ankündigung Roms, das berühmte römischen Russicum aufzulösen.

Heute gab Moskau bekannt, die Frage der „Unierten“ zum Thema des katholisch-orthodoxen Dialogs zu machen. Die Frage sei wegen der Ereignisse rund um die „gesamtukrainische“ Prozession vom Juli „dringend“ geworden.

Bei der kommenden Sitzung der Internationalen Gemischten Kommission für den theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche, die vom 15.-22. September in Chieti in Italien stattfindet, werde Moskau das Thema vorbringen. Es sei eine „dringende Aufgabe, die Frage der kanonischen und pastoralen Konsequenzen des ‚Uniatismus‘“ zu klären.

Mit „Uniatismus“ bezeichnen die Orthodoxen abschätzig die mit Rom unierten Teile der Orthodoxie, die sich auf das Konzil von Florenz berufen. Bei diesem „Unionskonzil“ konnte 1439 das Morgenländische Schisma von 1054 überwunden und die Einheit von Ost- und Westkirche wiederhergestellt werden. Durch die osmanische Eroberung Konstantinopels 1453 wurde die Einigung jedoch zunichtegemacht.

Kardinal Husar: „Schlimmster Zynismus“

Die „gesamtukrainische“ Prozession hatte vom 3.-27. Juli stattgefunden und in Kiew rund 100.000 Gläubige versammelt, die aus den verschiedenen Landesteilen in die ukrainische Hauptstadt gepilgert waren. Die Prozession fand ihren symbolträchtigen Abschluß am Vorabend der Taufe der Rus, die am 28. Juli begangen wird. Das Reich der germanischen Rurikiden gilt gleichermaßen als „Wiege“ Rußlands, der Ukraine und Weißrußlands. Während Moskau die Gemeinsamkeiten betont, fürchtet man in der erst seit 25 Jahren unabhängigen Ukraine russische Hegemonialbestrebungen.

Der mit Rom unierte, griechisch-katholische Großerzbischof von Kiew kritisierte die Prozession als „pro-russische, politische Aktion“. Das Moskauer Patriarchat sei „oft als Instrument in der Hand der Aggressoren gebraucht“ worden, womit der Großerzbischof nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf den aktuell schwelenden ukrainisch-russischen Konflikt um die Ost-Ukraine anspielte.

Sein Vorgänger, der Alt-Großerbischof Kardinal Husar, bezeichnete die Prozession sogar als „schlimmsten nur vorstellbaren Zynismus“.

In der Moskauer Erklärung wird die Frage aufgeworfen, ob die russisch-orthodoxe Kirche überhaupt „theologische Frage mit Rom“ erörtern könne, wo das „Problem des Uniatismus“ eine „blutende Wunde“ ist und sich Vertreter der Unierten einer „politisierten und blasphemischen Sprache gegen die kanonische, ukrainisch-orthodoxe Kirche bedienen.“

Die ganze Ukraine ist zwar von der griechischen, der byzantinischen Ostkirche geprägt, aber stark zersplittert. Es gibt die kanonisch anerkannte, ukrainisch-orthodoxe Kirche von Moskau; eine kanonisch nicht anerkannte, ukrainisch-orthodoxe von Kiew; eine autokephale, ukrainisch-orthodoxe Kirche von Konstantinopel und seit dem 16. Jahrhundert die mit Rom unierte, ukrainische, griechisch-katholische Kirche. Rund 15 Prozent der Ukrainer sind katholisch: vier Fünftel davon sind griechische Katholiken, ein Fünftel lateinische Katholiken.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Asianews

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