Von wegen „einsame Wölfe“ – In Europa gibt es Hunderte „Soldaten des Kalifen“ und sie haben einen klaren Plan

Islamischer Terrorismus in Europa und den USA
Islamischer Terrorismus in Europa und den USA

(Paris) Die „einsamen Wölfe“, von denen vielfach nach den jüngsten islamischen Attentaten in den USA und Frankreich die Rede ist, sind mitnichten „einsam“. Sie handeln auch keineswegs irrational, wie es ihnen von manchen Medienkommentatoren, Politikern und Analysten zugeschrieben wird.

„Sie können verwirrt oder Außenseiter sein, so viel sie wollen, aber sie folgen einer klaren Logik, einem klaren Plan. Sie haben eine politische Vision“, so Wassim Nasr, französischer Experte für den Nahen Osten und Dschihad-Bewegungen, nach der Ermordung zweier Polizisten in Magnanville, zu der sich der Islamische Staat (IS) bekannte. Wassim Nasr legte Mitte April ein Buch mit dem Titel „Etat Islamique, le fait accompli“ (Islamischer Staat, die vollendete Tatsache).

Der Doppelmord ereignete sich in der Nacht auf Dienstag. Der von der Polizei erschossene Täter, Larossi Abballa, war 25 Jahre alt, marokkanischer Abstammung, aber französischer Staatsbürger. Bereits 2013 war er wegen Terrorismus zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Abballa tötete eine Polizisten vor dessen Haus und dann im Haus dessen Lebensgefährtin, eine Polizistin, vor den Augen des dreijährigen Sohnes des Paares.

Zum Doppelmord, 50 Kilometer außerhalb von Paris, bekannte sich „Kalif“ Abu Bakr al-Baghdadi, der Anführer des Islamischen Staates (IS). Al-Baghdadi hatte bereits das an 12. Juni auf einen Schwulenclub in Orlando (USA) verübte Attentat für den Islamischen Staat (IS) reklamiert. Islamischer Terror paßt im Westen so manchen Kreisen aber nicht ins Bild, schon gar nicht in den USA, wo im Herbst Präsidentschaftswahlen bevorstehenden. Nicht wenige politische Kommentatoren zogen es daher vor, den Kopf in den Sand zu stecken und konzentrieren sich darauf, die „Homophobie“ zu beklagen. Sie reden der Gender-Ideologie das Wort, um nicht über die bedrohliche Seite des Islams sprechen zu müssen.

Keine „einsamen Wölfe“

Andere Politiker und Analysten leugneten nicht das Offensichtliche, versuchten die Attentate von Orlando und Magnanville jedoch auf Einzeltäter zu reduzieren, auf sogenannte „einsame Wölfe“. Die reale Dimension der Ereignisse und die Zusammenhänge würden damit verschleiert, so Wassim Nasr. Ein „einsamer Wolf“ sei ein tragisches, aber abgeschlossenes Kapitel, sobald er erschossen oder inhaftiert ist. Die Bezeichnung legt nahe, daß es weder Hintermänner gibt noch eine organisierte, über die Einzelfigur hinausgehende Bedrohung existiert.

Dieser Behauptung widerspricht Wassim Nasr entschieden. Die beiden Attentate, die zusammen mindestens 52 Todesopfer und ebensoviel Verletzte forderten, dazu noch die beiden getöteten Attentäter, hätten nichts mit „asymmetrischem“ Terrorismus oder einer solche Strategie zu tun. Sie stützen sich auch nicht auf „einsame Wölfe“.

Unterschätztes Problem

Die Verwendung des Begriffes „einsame Wölfe“ führe in eine Sackgasse. Sie beinhalte die Gefahr, zu meinen, daß jede Anstrengung zur Abwehr dieser Terroristen wegen ihres angeblichen Einzelgängertums vergebens sei. Im schlimmsten Fall führe das zur „Unterschätzung des Problems“, so Nasr gegenüber dem Corriere della Sera.

Der Attentäter Abballa „war keineswegs ein Einzelgänger, ebensowenig der Mörder von Orlando, der in der Vergangenheit Verbindungen zu Al Qaida hatte. Ebensowenig waren es alle anderen Attentäter der vergangenen Jahres besonders in Frankreich.“

„Alle haben Kontakte“

„Im Dschihad gibt es keine einsamen Wölfe“, so Nasr. “Jeder Terrorist hat Kontakte, Verzweigungen, Komplizen.” Auch der Killer von Orlando, „Omar Matteen, selbst homosexuell, hatte einen Freund, der sich für Al Qaida in die Luft sprengte“.

Was den jüngst in Frankreich aktiv gewordene Terroristen Larossi Abballa betrifft: Er war in der Vergangenheit einschlägig verurteilt worden. Die Polizei hatte bereits mehrere seiner potentiellen Komplizen verhaftet. Laut Wassim Nasr, „kannte er IS-Leute in Syrien“. Bei allen islamistischen Attentaten gelte: „Niemand wacht am Morgen auf und beschließt kurzerhand und allein, ein Attentat im Namen des Islamischen Staates zu verüben.“

“Keine zufälligen Worte”

Ohne die Verbindungen, die Abballa mit den Dschihad-Milizen im Nahen Osten hatte, wäre der Doppelmörder von Magnanville nicht als „Soldat des Kalifats“ bezeichnet worden. Als solchen aber ehrte ihn der Islamischen Staat (IS) in der Bekennerbotschaft. „Man hätte ihn Sympathisant oder Unterstützer genannt. Die gebrauchte Wortwahl aber ist präzise und keineswegs zufällig“, so Nasr.

„Der Islamische Staat bekannte sich bisher zu keiner Aktion, an der er nicht tatsächlich beteiligt war.“ Das sei eine Frage der Glaubwürdigkeit innerhalb des Islams. Zahlreiche islamistische Gruppen würden den Islamischen Staat (IS) beobachten, etliche haben sich ihm bereits angeschlossen. Andere Gruppierung radikalisieren sich unter dem Eindruck des IS. Das alles geschehe wegen der „Glaubwürdigkeit“, die der IS in diesen radikalen Kreisen genieße. Darauf beruhe seine Stärke.

„Zum Beispiel versuchte der IS nicht, das Flugunglück der Egyptair für sich zu reklamieren, auch nicht in den Stunden, in denen alle dahinter ein IS-Attentat vermuteten.“

„Vollendete Tatsachen“

Die Attentäter eine ein klares politisches Konzept, eine gemeinsame politische Vision. Sie verbinde die Attentäter wie Abballa und Mateen mit ihren Ideengebern in Syrien und im Irak. Um diesen Aspekt verständlicher zu machen, nannte Nasr den Islamischen Staat (IS) in seinem Buch die „vollendete Tatsache“. Der Islamische Staat habe sein ideologisches  und politisches System der Wiedererrichtung des Kalifats und eines erbarmungslosen Terrorismus zu dessen Erreichung so fest verankert, daß selbst ein Verlust seiner Territorien in Syrien und im Irak nicht das Aus bedeuten würde. „Sie werden uns weiter bedrohen. Es ist ihnen bereits gelungen, die Bewegungsfreiheit in Europa in Frage zu stellen. Weitere Einschnitte in die Freiheiten der Europäer zeichnen sich ab. Viele Menschen haben Angst und ändern ihr Verhalten. Sie meiden bestimmte Plätze, reisen nicht dorthin, wohin sie eigentlich reisen wollten, nehmen nicht an Veranstaltungen teil, an denen sie teilnehmen wollten. Allein in Frankreich gibt es Hunderte Personen, die bereit sind, das zu tun, was Abballa getan hat. Schon deshalb ist es falsch, von ‚einsamen Wölfen‘ zu sprechen.

Text: Andreas Becker
Bild: Tempi

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