PEW-Studie zur Religion in Israel

PEW-Studie: Relegion in Israel
Neue PEW-Studie: Relegion in Israel

(Tel Aviv) Von Außenstehenden werden andere Gruppen und Gemeinschaften häufig als Monolithe wahrgenommen. Die Wirklichkeit ist differenzierter. Das gilt auch für die jüdische Bevölkerung Israels. Das Pew Research Center (PEW) in Washington unterzog Israels Bevölkerung einer näheren Untersuchung. Unter den Juden wurden dabei vier große Untergruppen festgestellt. „Sie feiern zwar gemeinsam Pessach, gehen dann aber wieder getrennte Wege“, so der Vatikanist Sandro Magister.

Vergangene Woche feierten die Juden in der ganzen Welt Pessach. Begonnen hat es am 22. April mit dem traditionellen Sederabend. Vor einem Jahr wurden Ablauf und Bedeutung des jüdischen Pessach vom israelischen Botschafter beim Heiligen Stuhl, Zion Evrony, ausführlich im Osservatore Romano erklärt. Nun machte Magister auf die PEW-Studie aufmerksam.

Seder und Yom Kippur – Gemeinsamkeit aller israelischen Juden

Seder und Yom Kippur seien besondere Unterscheidungsmerkmal des Judentums, denen sich kaum ein Jude entziehen könne, auch nicht die Atheisten unter ihnen.

Laut der PEW-Erhebung nehmen am Sederabend unter Israels Juden 100 Prozent der Haredim, 99 Prozent der Datiim, 97 Prozent der Masortim, 87 Prozent der Hilonim und sogar 40 Prozent der winzigen Gruppe der Atheisten teil.

Die Haredim sind im allgemeinen Sprachgebrauch die „ultraorthodoxen“ Juden, die Datiim sind die „religiösen“, die Masortim die „traditionellen“ und die Hilonim die „säkularen“ Juden.

Die umfangreichen PEW-Erhebungen fanden zwischen Oktober 2014 und Mai 2015 statt. Seither wurde an der Auswertung gearbeitet, die am vergangenen 8. März präsentiert wurde.

PEW-Studie: Religion in Israel
PEW-Studie: Religion in Israel

Laut PEW sind 81 Prozent der Israelis Juden, 14 Prozent Moslems, nur mehr zwei Prozent Christen, zwei Prozent Drusen und ein Prozent Angehörige einer anderen Religion oder Religionslose.

Die „säkularen“ Hilonim bilden mit 40 Prozent die größte Gruppe, gefolgt von den „traditionellen“ Masortim mit 23 Prozent. Die „religiösen“ Datiim kommen mit ihren 10 Prozent erst nach den Moslems. Die „ultraorthodoxen“ Haredim machen acht Prozent aus. Nur auf die Juden bezogen, stellen die Hilonim fast die Hälfte der jüdischen Gemeinschaft.

Selbst 40 Prozent der israelischen Juden, die zwar jüdischer Abstammung sind, aber ihre Religion als Atheisten verleugnen, das ganze Jahr keine Synagoge besuchen, die Sabbatruhe und auch andere religiösen Vorschriften nicht halten, feiern Seder. Die PEW-Studie ergab zudem, daß auch 83 Prozent der atheistischen Juden an Yom Kippur fasten. Die Bezeichnung atheistische Juden erscheint bereits als Paradox. In der Tat ist die Zahl der israelischen Juden, die sich selbst als Atheisten bezeichnen, winzig klein.

Seder und Yom Kippur sind die beiden Momente, die das Judentum am stärksten verbinden, sei es nun aus traditionellen, kulturellen oder religiösen Gründen. Wie die PEW-Studie ergab, gehen die verschiedenen jüdischen Richtungen ansonsten aber weitgehend getrennte Wege.

Wieviel Einfluß für das jüdische Gesetz Halakha

Die Unterschiede betreffen sowohl Fragen des Alltags wie solche grundsätzlicher Natur. „Säkularen Juden kommt der Schauer bei der Vorstellung, die eigene Tochter könnte einen ultraorthodoxen Juden heiraten“, so Magister. Hilonim würden es sogar vorziehen, daß die Tochter einen Christen heiratet, anstatt einen Haredim. Die Frage stellt sich so allerdings nicht, da interreligiöse Eheschließungen in Israel verboten sind. Eine Jüdin könnte ohnehin keinen Christen heiraten. Allerdings werden im Ausland geschlossene interreligiöse Ehen anerkannt.

Die Hilonim wollen nichts davon wissen, daß das jüdische Gesetz, die Halakha, Einfluß auf die Gesetzgebung hat, oder sogar über den demokratischen Prinzipien steht. Durchsetzen können sie sich damit allerdings nur bedingt. Israel verfügt über keinen Verfassungsgerichtshof. Dessen Funktion üben zwei Religionsgelehrte aus, je einer der aschkenasischen und einer der sephardischen Juden.

Die Haredim hingegen fordern, daß die Halakha das bestimmende Element der gesamten Rechtsordnung ist, und mit ihnen wollen das auch zwei Drittel der Datiim.

Trotz der unterschiedlichen Positionen bezeichnen sich alle als Juden. In Israel ist fast niemand „religionslos“. Bestenfalls sehen sich die Hilonim zuerst als Israeli und dann erst als Juden, während Haredim und Datiim sich zuallererst als Juden und dann erst, wenn überhaupt, als Israeli sehen.

Die erwähnte Unterscheidung zwischen Aschkenasen und Sepharden, die historisch-geographische Gründe hat, geht quer und unterschiedslos durch alle Untergruppen des Judentums.

Sabbatruhe und Eheschließungen

Dreiviertel der heute in Israel lebenden Juden sind auch dort geboren. Alle Juden verfechten den Standpunkt, daß jeder Jude der Welt ein unterschiedsloses Recht besitzt, jederzeit nach Israel einwandern und israelischer Staatsbürger werden zu können.

Neun von zehn israelischen Juden halten die Existenz des Judenstaates für unerläßlich, um das Überleben der Juden sicherzustellen. Die skeptische Minderheit, die eine solche These nicht teilt, gehört zur Gänze den Haredim an. Dreiviertel der israelischen Juden sind überzeugt, daß der Antisemitismus in der Welt anhält oder sogar zunimmt. Daraus ergibt sich für sie die alternativlose Notwendigkeit der Existenz des Staates Israel.

In der Frage zum Verhältnis zwischen dem jüdischen Gesetz und der Demokratie gehen die Meinungen radikal auseinander.

Wie bereits erwähnt, fordern die Haredim, die „Ultraorthodoxen“, daß die Halakha zum „Grundgesetz“ Israels gemacht wird, die Hilonim, die „Säkularen“, hingegen das genaue Gegenteil. Wie sieht es aber unter den beiden anderen Gruppen aus, die dazwischen liegen? Die Datiim, die „Religiösen“, stehen laut PEW-Erhebung zu 69 Prozent auf der Seite der „Ultraorthodoxen“. Die Masortim, die „Traditionellen“, hingegen zu 57 Prozent auf der Seite der Hilonim.

Haredim und Datiim wollen, daß am Sabbat alles stillsteht, auch der öffentliche Verkehr. Hilonim und Masortim hingegen wollen, daß auch am Sabbat eine Grunddienstleistung stattfindet, wie es in anderen Staaten üblich ist. Das gleiche Bild zeigt sich bei der Forderung der Haredim, daß Frauen und Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln voneinander getrennt sein sollen.

Ein Jude kann in Israel eine Ehe nur vor einem orthodoxen Rabbi eingehen. Die Haredim verteidigen diese Bestimmung eisern. Die Hilonim möchten die Regel nicht grundsätzlich ändern, aber zumindest erlauben, daß die Eheschließung auch vor einem konservativen oder liberalen Rabbi stattfinden kann.

Die politische Verortung der vier Gruppen entspricht nur zum Teil der religiösen. Am weitesten rechts stehen die Datiim, am weitesten links die Hilonim. Die „ultraorthodoxen“ Haredim sind politisch hingegen in der Mitte angesiedelt. Unter den Haredim gibt es eine Aversion gegen den Staat Israel, die bis zur offenen Ablehnung reicht. Der Grund ist religiöser Natur. Die Errichtung eines Judenstaates vor der Ankunft des erwarteten Messias stehe den Juden nicht zu. Die Zionisten hätten sich durch die Gründung des Staates Israel angemaßt, was nur Gott zustehe. Daher finden sich unter den „Ultraorthodoxen“ auch Stimmen, die sich gegen die jüdischer Siedlerbewegung in den besetzten Gebieten richten, oder für den Rückzug aus diesen Gebieten aussprechen.

Religion und Politik

Der regierende Likud von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu rekrutiert seine Wählerschaft vor allem aus den Reihen der Masortim, aber auch der Hilonim. Die Datiim wählen hingegen die beiden mit dem Likud verbündeten Parteien Habayit Hayehudi und Shas. Unter den Datiim finden sich die meisten Anhänger der jüdischen Siedlerbewegung, während sich Shas vor allem als Interessenvertretung der sephardischen Juden versteht.

Aus der PEW-Erhebung geht hervor, daß die vier Hauptgruppen der israelischen Juden mehr nebeneinander als miteinander leben. Neun von zehn Haredim und Hilonim erklären, in ihrem Freundeskreis jeweils nur Angehörige ihrer eigenen Richtung zu haben. Gleiches gilt für die Eheschließungen.

Zwei-Staaten-Lösung

Die PEW-Studie sammelte auch zahlreiche Daten zu den nicht-jüdischen Minderheiten, und deren Verhältnis zu den jüdischen Israeli.

Das geringste gegenseitige Vertrauen besteht zwischen Juden und Moslems. 72 Prozent der in Israel lebenden Moslems halten die jüdisch-israelischen Friedensbemühungen nicht für ehrlich. 88 Prozent der Juden sagen das über die moslemisch-palästinensische Bemühungen.

Die Zwei-Staaten-Lösung, einen unabhängigen Palästinenserstaat neben einem Judenstaat, halten 43 Prozent der Juden für möglich und 50 Prozent der israelischen Araber (Moslems und Christen).

Die Datiim sehen eine solche Lösung besonders skeptisch, gefolgt von den Haredim. Auf arabischer Seite befindet sich diese Lösung im freien Fall. Jeder Zweite sieht sie noch als möglich an, doch vor drei Jahren waren es noch 80 Prozent.

Auf die Frage, ob Israel zugleich eine Demokratie und ein Judenstaat sein könne, antworten die Christen am entschiedensten mit Nein. 72 Prozent der Christen halten das für nicht möglich, während das für 63 Prozent der Moslems und für 58 Prozent der Drusen gilt.

Freundeskreis

Die Isolierung und Abschottung der verschiedenen religiösen Gruppen ist allgemein groß, unter den Juden jedoch am stärksten ausgeprägt. 83 Prozent der Drusen gaben laut PEW an, daß ihr Freundeskreis „ausschließlich“ oder „fast ausschließlich“ aus Angehörigen der eigenen Religionsgemeinschaft besteht. Dasselbe gilt für 85 Prozent der Moslems, für 86 Prozent der Christen, aber für 98 Prozent der Juden.

Eingeschränkt auf jene, die geantwortet haben, daß ihr Freundeskreis „ausschließlich“ aus Angehörigen der eigenen Religionsgemeinschaft besteht, ergibt sich folgendes Bild: Diese Aussage machten 21 Prozent der Christen, 22 Prozent der Drusen, 38 Prozent der Moslems und 67 Prozent der Juden. Die Möglichkeit unter sich zu bleiben, ist für Juden aufgrund des höheren Bevölkerungsanteils größer.

Weitere Details der PEW-Studie finden sich bei Pew Research Center unter Israel’s Religiously Divided Society.

Text: Settimo Cielo/Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons

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