„Der Wind beginnt sich zu drehen“ – Papst Franziskus und die glaubenstreuen Katholiken

Forum Deutscher Katholiken Kongreß 2016
Forum Deutscher Katholiken, Kongreß 2016

(Rom/Berlin) Einige der jüngsten Gesten und das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus haben unter glaubenstreuen Katholiken einen Umdenkprozeß angestoßen. Er wird noch schmerzlich sein und einige Verwerfungen mit sich bringen, scheint aber unausweichlich zu sein, um die katholische Kirche für die Zukunft zu rüsten.

Der Papst hatte kurz nach seiner Wahl 2013 aus eigenem Antrieb und ohne ersichtlichen Grund die Kommunion für die wiederverheiratet Geschiedenen zum Thema der Weltkirche gemacht und damit das Ehesakrament und die Unauflöslichkeit der Ehe zur Disposition von Kirchenvertretern wie Kardinal Walter Kasper gestellt.

Nach zwei Bischofssynoden herrscht mehr Verwirrung denn je: Zufall oder Absicht?

Nach zweieinhalb Jahren Diskussion, zwei weltweiten Fragebögen und zwei hitzig verlaufenen Bischofssynoden sollte das nachsynodale Schreiben des Papstes Klarheit schaffen. Der Papst legte nach mehrmaligem Verschieben und weiteren sechs Monaten schließlich ein 190 Seiten dickes Papier vor, doch die Antwort auf die an sich simple Frage, ob öffentliche Ehebrecher, die im kirchlichen Neusprech wiederverheiratet Geschiedene genannt werden, zur Kommunion zugelassen sind, Ja oder Nein, findet sich darin nicht. Oder doch?

Darüber streiten seit dem 8. April, dem Tag der Veröffentlichung, Theologen, Vatikanisten, Bischöfe und Laien. Statt einer Klärung erzeugte Papst Franziskus eine noch größere Verwirrung. Zumindest darin sind sich alle, außer die Ultraprogressiven, zumindest im vertraulichen Gespräch einig.

Manche spekulieren bereits, ob das nicht beabsichtigt sein könnte, nachdem sich Kardinal Kasper mit seiner „Öffnung“ bei der Synode nicht durchsetzen konnte. Allein solche Spekulationen über die „wahren Absichten“ des regierenden Papstes sind ein Novum in der jüngeren Kirchengeschichte und Ausdruck einer um sich greifenden Verunsicherung. „Dieser Papst pulverisiert die Einheit der Kirche“ schrieb der italienische Priester Don Elia in seiner Reaktion auf Amoris laetitia.

Glaubenstreue Katholiken erleben schmerzlichen Umdenkprozeß

Im Gegensatz zu den progressiven Katholiken, die sich innerlich von zentralen Teilen der kirchlichen Doktrin und Disziplin verabschiedet haben und eine tiefsitzende Distanz zum Papsttum hegen, auch wenn der Papst Franziskus heißt, erleben glaubenstreue Katholiken die neue Situation schmerzlich. Gewissensqualen und innere Zerrisenheit sind die Folge. Einerseits sehen und ahnen sie seit dem Abend des 13. März 2013, daß mit dem derzeitigen Pontifikat etwas nicht stimmt. Gleichzeitig verbietet ihre innere Überzeugung, die gerade unter den Pontifikaten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gefestigt wurde, eine Kritik am Papst, selbst dort, wo er nicht unfehlbar spricht und seine Entscheidungen damit kritisiert werden können. Die Entrückung der Person des Papstes war in den vergangenen Jahrzehnten ein Schutz gegen die progressiven Fehlentwicklungen in den Heimatdiözesen. Rom bot Halt im Gegensatz zur eigenen Ortskirche. Mit Papst Franziskus hat sich das geändert. Die progressiven Experimente der Ortskirche scheinen in Rom angekommen zu sein, mehr noch, Rom im Sturm eingenommen zu haben.

Fehlbare Entscheidungen des Papstes können und müssen gegebenenfalls kritisiert werden

Die Kirche unterschied zu jeder Zeit zwischen der Person, die das Papstamt innehat, und dem Papsttum als von Christus eingesetzter Institution. Diese zuletzt etwas verlorengegangene Unterscheidung gilt es unter glaubenstreuen Katholiken wiederzugewinnen. Das verlangt einen Umdenkprozeß. Eine falsche Sakralisierung der Person des Papstes als Reaktion auf eine allgemeine Entsakralisierung erweist sich als falscher Weg. Nicht jede Geste und jedes Wort eines Papstes ist unfehlbar. Ganz im Gegenteil. Die Kirche lehrt Respekt vor der Person und dem Amt des Papstes. Nicht unfehlbare Entscheidungen können und müssen gegebenenfalls diskutiert und kritisiert werden.

Das gilt auch für Amoris laetitia, das auf ausdrücklichen Hinweis von Franziskus nicht Teil des Lehramts ist. Dabei wird nicht nur der Inhalt des Schreibens genau zu analysieren sein, sondern auch nach den Absichten des Papstes zu fragen sein, nach dem Kontext der vergangenen zweieinhalb Jahre seit Ankündigung der Doppelsynode über Ehe und Familie.

Bericht vom Kongreß „Freude am Glauben“

Daß ein schmerzliches Umdenken stattfindet, zeigt ein Bericht der Tagespost über den Kongreß Freude am Glauben, der am vergangenen Wochenende stattfand. Unter dem Motto „Was gibt dem Menschen Hoffnung für die Zukunft?“ hatte das Forum Deutscher Katholiken nach Würzburg geladen. Die Tagespost schrieb dazu:

„Wenn Papst Franziskus bei seinem Besuch auf der Insel Lesbos nicht ausschließlich muslimische Familien aus Syrien, sondern auch christliche mit nach Rom genommen hätte, dann wäre dies ein ermutigendes und hoffnungsvolles Zeichen für die vielen verfolgten Christen in diesem Land gewesen.“ Damit hat Münch ein Ventil beim Publikum geöffnet. Mit Applaus und ironischen Zwischenrufen reagiert es auf Münchs Anmerkung, der Hinweis auf Papiere, die bei christlichen Flüchtlingen auf Lesbos Papst Franziskus zufolge nicht in Ordnung gewesen seien, könne ihn nicht überzeugen. Emotional reagieren manche im Saal auch auf Münchs Bericht von drei syrischen Christen, die über die Entscheidung des Papstes erschütterte gewesen sei.
Viele Kongressbesucher beschäftigen sich intensiv mit der Frage, wie wertkonservative Gläubige inmitten einer als Durststrecke wahrgenommenen Phase der Kirche die Hoffnung nicht verlieren sollen. Auf der Ständemeile finden sie Ansprechpartner. Ideen werden ausgetauscht: Manche haben nach Rom und an die Bischöfe geschrieben, besinnlichere Naturen setzen uneingeschränkt auf das Gebet.“

Text: Giuseppe Nardi
Bild: forum-deutscher-katholiken.de (Screenshot)

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2 Comments

  1. Gemäss Vatikan-Korrespondent und Buchautor Andreas Englisch ist wegen „Amoris Laetitia“, dem Schreiben von Papst Franziskus, jetzt eine Kirchenspaltung möglich!

    Am 8. April 2016 veröffentlichte Papst Franziskus das mit Spannung erwartete, knapp 200 Seiten umfassende nachsynodale Schreiben namens „ Amoris Laetitia“ („Freude der Liebe“).

    Die „Neue Zürcher Zeitung“ titelt diesbezüglich treffend: „Schreiben von Franziskus zu strittigen Ehe-Fragen: Der Papst bleibt schwammig“. (nzz.ch, Andrea Spalinger, 8. April 2016) Und Giuseppe Nardi vom seriösen „Magazin für Kirche und Kultur“ stellt fest: „Das [Papst-]Dokument erlaubt eine Vielzahl von Lesarten.“ (www.katholisches.info, 8. April) Gerade auch aufgrund dieser Unklarheit nennt es der katholische Historiker Prof. Roberto de Mattei (Uni Rom) zurecht ein „katastrophales Dokument“ (katholisches.info, 11. April). Und Bischof Bernard Fellay klagt, es sei „zum Weinen“. (gloria.tv, 12. April) Wie wahr.

    Denn: Wohin werden päpstliche Richtlinien führen, die keine eindeutigen Richtlinien mehr sind? Ins Chaos. Schritt für Schritt. Doch die Welt und die modernistische Geistlichkeit werden (leider) jeden Schritt in diese religiöse Regellosigkeit als Freiheit bzw. als Fortschritt feiern.

    Die dem Zeitgeist („Trend“) folgende Masse applaudiert dem päpstlichen Schreiben – leider. Christian Weisner, Sprecher der Kirchennörgler-Organisation „Wir sind Kirche“, schwärmt: „Das ist wirklich ein Epochenwandel“. (welt.de, 8. April) Gleichentags heisst es: „Papst-Schreiben öffnet Türen“ (luzernerzeitung.ch). Und: „Die neue Freiheit der Kirche“. (zeit.de, Julius Müller-Meiningen) Freiheit?! Nein, Schein-Freiheit. Denn mit Hilfe dieses gefährlich unklaren, in verschiedene Richtungen dehnbaren Papstschreibens blasen jetzt die Leitmedien zum modernistisch-gleichgeschalteten Marsch. Und das heisst letztlich Marsch über die Klippe – also Reise nach unten. Falls man der Masse folgt. Denn die modernistisch-manipulative Schein-Freiheit wird letztlich in die gefährliche weltkommunistische Eine-Welt-Religion führen. Also in die alles-gutheissende Eine-Welt-Religion, welche schrittweise (!) die Existenz der Sünden leugnen wird.

    Der bekannte Vatikan-Korrespondent Andreas Englisch hat mittlerweile über zehn Bücher geschrieben. Interessant diesbezüglich das folgende Zeitungszitat: „Interview mit Papst-Biograf Andreas Englisch zum [Papst-]Schreiben Amoris Laetitia. Er meint: Jetzt ist eine Kirchenspaltung mit Benedikt XVI. als Gegenpapst möglich.“ (osthessen-news.de, Interview geführt von Wolfgang DePonte, 8. April) Mit der Veröffentlichung von Papst Franziskus‘ aktuellem Schreiben rückt die (offizielle) Kirchenspaltung näher denn je.
    Prochristo1

  2. Papst F. höchstpersönlich hat das Gewissen jedes Einzelnen zur höchsten moralischen Instanz erklärt. Ziehen wir daraus die nötigen Konsequenzen!

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