„Insofern ist Sprengkraft drinnen“- Amoris Laetitia und Schönborns „Ungehorsam“

Kardinal Schönborn und Kardinal Baldisseri Amoris Laetitia
Kardinal Schönborn und Kardinal Baldisseri Amoris Laetitia

„Abschied vom Lehramt“

(Wien) Der katholische Theologe und Vorstand der linksliberalen österreichischen Tageszeitung Der Standard, Wolfgang Bergmann, nannte gestern in der ORF-Sendung „Praxis – Religion und Gesellschaft“ (ORF-Schwerpunkt „Mutter Erde“) den Schlüssel zu Amoris Laetitia. Er liege in dem, was nicht im Dokument stehe, nämlich im „Abschied vom Lehramt“ und damit von normativen Vorgaben.

Bergmann gilt als „Kircheninsider“. Er leitete früher die Öffentlichkeitsarbeit der österreichischen Caritas und war Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien. Damit war er bis 1999 enger Mitarbeiter von Kardinal Christoph Schönborn, dem Erzbischof von Wien.

Amoris Laetitia wurde von Kardinal Schönborn nicht nur im Auftrag des Papstes der Weltöffentlichkeit vorgestellt, sondern trägt teilweise auch seine Handschrift. Der erste Abschnitt des umstrittenen achten Kapitels beginnt mit der „Gradualität“, einem Schlüsselwort, das Schönborn im Rahmen der ersten Bischofssynode 2014 prägte. Demnach gebe es in Beziehungen zwischen zwei Menschen keine irregulären Situationen, sondern nur eine Gradualität in der Verwirklichung des Ehe-“Ideals“. Eine Konzeption, die bereits seinerzeit als relativistische Auflösung des Ehesakraments kritisiert wurde, dennoch aber Eingang in ein offizielles päpstliches Dokument fand.

„Römische Theologie ist ans Ende gekommen“

Laut Bergmann gebe es durch Amoris Laetitia zwar nur einen „ganz minimalen Fortschritt“. Positiv sei jedoch ein von Papst Franziskus eingeleiteter „Abschied vom Lehramt“. Der Papst schreibe „predigend, lyrisch, zitiert Schriftsteller, er wird pädagogisch-psychologisch, aber nur an wenigen Stellen theologisch“. Dafür gebe es einen Grund, so Bergmann: „Die römische Theologie ist ans Ende gekommen“.

Papst Franziskus habe den öffentlichen Ehebrechern, Bergmann spricht von wiederverheirateten Geschiedenen, die „Tür für den Sakramentenempfang geöffnet“, wenn auch „nur in zwei Fußnoten“, und damit in „versteckter Form“.

Dann berichtete Bergmann über die „Wiener Praxis“. Über diese Praxis „seit 15 Jahren“ hatte bereits Kardinal Schönborn selbst bei der Pressekonferenz zur Vorstellung von Amoris Laetitia in Rom gesprochen und widerlegte damit selbst das ihm bisher – wenn auch mit abnehmender Tendenz – zugeschriebene Image eines „Konservativen“.

„Schönborn hat hier einen Ungehorsam gelebt“

In der Erzdiözese Wien habe es unter Kardinal Schönborn bereits seit langem eine Praxis gegeben, so Bergmann, „die tatsächlich gegen die Linie Roms war, Schönborn hat hier einen Ungehorsam gelebt“, der „bis zur Segnung eines wiederverheiratet geschiedenen Paares“ führen könne. „Insofern ist diese Praxis nun durch Rom legitimiert.“

Das zeige auch, „daß es ganz gut ist, eine Zeitlang ungehorsam zu sein, weil man später durch die Praxis eingeholt werden kann. Das kann man vielleicht jetzt auch fortschreiben für andere Themenbereiche, z.B. für die Segnung von homosexuellen Paaren. Also insofern ist Sprengkraft drinnen.“ Die „Wiener Praxis“ betreffe auch homosexuelle Beziehungen.

Bergmann sieht zudem in Amoris Laetitia einen bewußten „Machtverzicht“ des Papstes. „Tatsächlich übt Papst Franziskus einen Machtverzicht aus.“ Dieser „Machtverzicht“ durch Verlagerung in die Ortskirchen müsse nun allerdings konkret werden und sich nicht nur in Ankündigungen und „Ermutigungen“ erschöpfen, damit er nicht später wieder rückgängig gemacht werden könne, so der Standard-Vorstand.

Text: Martha Burger-Weinzl
Bild: Vatican.va/OR (Screenshot)

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1 Comment

  1. Wenn die Römische Theologie ans Ende gekommen sein sollte, mit anderen Worten also unwahr sein sollte, dann wäre der Sakramentenempfang tatsächlich nur noch ein hohler Ritus. Dann wäre der Glaube überhaupt zu einem leeren Brauchtum geworden. Die sogenannten Progressiven scheinen die Konsequenzen ihrer neuen „Theologie“ entweder nicht erfassen zu können oder sie blenden sie bewusst aus. Beides läuft auf die Trivialisierung des Glaubens hinaus.

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