Pater Spadaro und die „authentische“ Lesart von Amoris Laetitia

Jesuiten unter sich: Papst Franziskus, Pater Antonio Spadaro (Civiltà Cattolica) und Ordensgeneral Adolfo Nicolás
Jesuiten unter sich: Papst Franziskus, Pater Antonio Spadaro (Civiltà Cattolica) und Ordensgeneral Adolfo Nicolás

(Rom) Der Jesuitenorden erlebt unter Papst Franziskus eine große Aufwertung. Zahlreiche Jesuiten gelangten in Vertrauenspositionen und erhielten päpstliche Aufträge. Zu ihnen gehört Pater Antonio Spadaro, der Schriftleiter der römischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica. Pater Spadaro gilt als autorisierter Interpret des Papstes. Die Worte von Pater Spadaro und der Civiltà Cattolica bringen daher deutlicher zum Ausdruck, was der Papst wirklich sagen will, aber aus Opportunitätsgründen nicht so deutlich ausspricht. Das gilt auch für das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Pater Spadaro gehört zum engsten Vertrautenkreis von Franziskus. Wenn er Stellung nimmt, dann als Sprachrohr des Papstes und ganz in seinem Sinn. Es war daher für den Jesuiten nicht schwer, den „Propheten“ zu geben, als er im vergangenen November erklärte, die Bischofssynode habe „die Grundlage“ geschaffen, daß wiederverheiratete Geschiedene zu den Sakramenten zugelassen werden können, indem „sie eine Tür geöffnet hat, die bei der vorherigen Synode verschlossen geblieben war“. Pater Spadaro kam zu seiner Schlußfolgerung, obwohl im Synoden-Schlußbericht die Worte „Kommunion“ oder „Zulassung zu den Sakramenten“ überhaupt nicht vorkommen (siehe Synode: Franziskus schweigt, doch Pater Spadaro sagt, wie der Papst entscheiden wird).

Die aktuelle Ausgabe der Civiltà Cattolica erschien zeitgleich mit der Vorstellung von Amoris Laetitia. Der Erscheinungstermin wurde bewußt vorgezogen, um die vom Papst gewünschte Lesart des Dokuments mitzuliefern. „Pater Spadaro zeigt nicht das geringste Zögern, jene Prophetie für erfüllt zu erklären“, so Magister.

„Alle Einschränkungen“ aufgehoben

Laut Spadaro habe Papst Franziskus alle „Einschränkungen“ der Vergangenheit für „sogenannte irreguläre“ Paare beseitigt, und das auch bezüglich „Sakramentenordnung“. Die Formulierung „sogenannte“ samt Anführungszeichen stammt nicht von Spadaro, sondern vom Papst selbst. Sie findet sich so in Amoris Laetitia. Mit anderen Worten gibt es keine „irregulären“ Situationen mehr. Die „Unordnung“, von der die katholische Morallehre spricht, und die auch im Weltkatechismus erwähnt ist, wurde aufgehoben, zumindest was den Papst betrifft.

Allein diese Formulierung, dieses „sogenannte“, sei bereits das „ganze Schreiben wert“, wie bereits Alberto Melloni, der Leiter der progressiven Schule von Bologna verkündete. Allein schon diese Formulierung sei die „Lossprechung“ für diese Paare und mache sie zu „Empfängern der Eucharistie“.

Leiter der „Schule von Bologna“ sehr zufrieden

Dabei findet sich auch dieses Mal auf den 264 Seiten der gedruckten Fassung und in den insgesamt 325 Paragraphen des Apostolischen Schreibens „nicht ein einziges Wort zugunsten der Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen“, so der Vatikanist Sandro Magister. Was sich findet, seien nur „Anspielungen“ in den Fußnoten 351 und 336. Diese allerdings werden von Melloni als „entscheidend“ bezeichnet.

„Pater Spadaro ist nicht irgendein Jesuit. Er ist der Schriftleiter der Civiltà Cattolica, jener Zeitschrift, die historisch immer ‚die Zeitschrift des Papstes‘ war und das heute mehr denn je ist“. Erst im vergangenen März bezeugte Spadaros Vorgänger, der Jesuit GianPaolo Salvini, daß Papst Franziskus der Zeitschrift neues Renommee verschafft habe, weil er sich persönlich für deren Ausrichtung interessiere (siehe Die Jesuitenzeitschrift Civiltà Cattolica und ihr „Super-Chefredakteur“, der Papst).

„Für Jorge Mario Bergoglio ist Pater Spadaro alles: Berater, Interpret, Vertrauter, Sekretär“, so Magister. Er gehörte zum engsten Redaktionskomitee von Amoris Laetitia. Da alle in der Civiltà Cattolica veröffentlichten Artikel zuvor dem Vatikan zur Begutachtung vorgelegt werden müssen, und Papst Franziskus sich zu wichtigen Themen persönlich darum kümmert, darf um so mehr angenommen werden, daß die Lesart, die Spadaro dem nachsynodalen Schreiben gibt, getreu die persönliche Meinung des Papstes widerspiegelt.

Nicht „Schönheit“ von Ehe und Familie stand im Mittelpunkt der Bischofssynode

Welche tatsächlichen Absichten Franziskus mit Amoris Laetitia verfolgt, kann daher in der Civiltà Cattolica nachgelesen werden. Ganze 24 Seiten widmet Pater Spadaro dem nachsynodalen Schreiben. Ganze 12 Seiten davon beziehen sich nur auf die Frage der „sogenannten irregulären“ Paare und ihre Zulassung zur eucharistischen Kommunion. Diese Gewichtung und die Eröffnungsrede von Kardinal Walter Kasper vor dem Kardinalskonsistorium vom Februar 2014 belegen, daß es nie wirklich um die Schönheit von Ehe und Familie ging, sondern um die „Normalisierung“ (Roberto de Mattei) der Scheidung, der Zweitehe und des außerehelichen Zusammenlebens.

Dabei versucht der Jesuit Spadaro eine akrobatische „Konstruktion“, mit der er auch die Vorgängerpäpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. in den „Heilungsweg“ einzubinden versucht, den Franziskus nun in die Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen münden läßt, was seine beiden Vorgänger noch kategorisch ausgeschlossen hatten.

Der vollständige Artikel von Pater Antonio Spadaro SJ: „AMORIS LAETITIA. Struktur und Bedeutung des nachsynodalen Apostolischen Schreibens von Papst Franziskus“, in La Civiltà Cattolica, 2016 II, Heft 3980 vom 23. April 2016, S. 105-128

Die letzten drei Absätze des Artikels lauten:

Die pastorale Sorge darf daher nicht als Widerspruch zum Recht interpretiert werden. Ganz im Gegenteil: Die Liebe zur Wahrheit ist der grundlegende Begegnungspunkt zwischen dem Recht und der Seelsorge. Die Wahrheit ist nicht abstrakt, sondern integriert sich in den menschlichen und christlichen Weg eines jeden Gläubigen. Diese Pastoral ist auch nicht eine bloße praktische Anwendung der Theologie. Es geht nicht darum, die Seelsorge an die Doktrin anzupassen, sondern der Doktrin nicht ihr ursprüngliches und konstitutives pastorales Siegel wegzunehmen.

Bereits im Kontext der Synode war der Wunsch aufgetreten, sich nicht auf eine normative oder verurteilende Sprache zu beschränken, sondern jene dem Konzil eigene, positive und offene Sprache zu verwenden, und den eigenen pastoralen Ansatz im Licht des Stils von Papst Franziskus zu prüfen. Bei der ordentlichen Synode hatte der deutsche Sprachzirkel in der Synodenaula klar erklärt: „Unsere Art  zu denken ist zu statisch und zu wenig biographisch und historisch.“ Die Sprache ist nicht nur Äußerlichkeit, sondern kommuniziert das pulsierende Herz einer evangelisierenden und pastoralen Kirche, die nicht nur imstande ist, zu sich selbst und über sich selbst zu sprechen. Der Papst hat in seiner Schlußansprache zur Synode davon gesprochen, „die Schönheit der christlichen Neuheit zu übermitteln, die manchmal vom Rost einer archaischen oder einfach unverständlichen Sprache überdeckt ist.“

Die Sprache der Barmherzigkeit verkörpert die Wahrheit im Leben. Die Sorge des Papstes in diesem Schreiben über die Liebe der Familie ist die, die Lehre wieder in den Dienst der pastoralen Aufgabe der Kirche zu stellen. Die Lehre ist im Bezug auf das Herz des christlichen kerygma zu lesen und im Licht des pastoralen Kontextes, in dem sie zum salus animarum angewandt wird.

Text: Settimo Cielo/Giuseppe Nardi
Bild: Settimo Cielo

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