Roberto de Mattei: Amoris Laetitia ist ein „katastrophales Dokument“

Amoris Laetiatia "ein katasrophales Dokument"
Amoris Laetiatia "ein katasrophales Dokument"


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von Roberto de Mattei*

Mit dem am 8. April veröffentlichten Apostolischen Schreiben Amoris Laetitia äußerte sich Papst Franziskus offiziell zu Problemen der Ehemoral, über die seit zwei Jahren diskutiert wird.

Beim Kardinalskonsistorium vom 20./21. Februar 2014 hatte er Kardinal Walter Kasper die Aufgabe anvertraut, die Debatte zu diesem Thema zu eröffnen. Die These von Kardinal Kasper, laut der die Kirche ihre Ehepraxis zu ändern habe, bildete das Leitmotiv der beiden Familiensynoden von 2014 und 2015 und bildet heute das Gerüst des Schreibens von Papst Franziskus.

„Eine gefährliche schizophrene Pathologie“

Im Laufe dieser zwei Jahre haben illustre Kardinäle, Bischöfe, Theologen und Philosophen in die Debatte eingegriffen, um aufzuzeigen, daß es zwischen der Lehre und der Praxis der Kirche eine innige Übereinstimmung geben muß. Die Seelsorge beruht auf der dogmatischen und moralischen Doktrin.

„Es kann keine Seelsorge geben, die im Mißklang mit der Wahrheit der Kirche und ihrer Moral und im Gegensatz mit ihren Gesetzen ist und nicht auf die Erreichung des Ideals des christlichen Lebens ausgerichtet ist!“, so Kardinal Velasio De Paolis in seinen Ausführungen vor dem Kirchengericht von Umbrien vom 27. März 2014.

Die Idee, das Lehramt von der seelsorglichen Praxis, die sich je nach Umständen, Moden und Leidenschaften entwickeln könnte, zu trennen, ist laut Kardinal Robert Sarah „eine Form von Häresie, eine gefährliche schizophrene Pathologie“ (La Stampa, 24. Februar 2015).

Der Umsturz  liegt darin, „sich keine generelle Regelung erwarten zu dürfen“

In den Wochen, die dem nachsynodalen Schreiben vorausgegangen sind, haben sich die öffentlichen und privaten Interventionen von Kardinälen und Bischöfen beim Papst vervielfacht, mit dem Ziel, die Veröffentlichung eines Dokuments voller Fehler abzuwenden, die durch eine Vielzahl von Abänderungsempfehlungen deutlich wurden, welche die Glaubenskongregation am Entwurf anbrachte. Franziskus machte aber keinen Schritt zurück, sondern scheint die Letztfassung des Schreibens, oder zumindest einige der Schlüsselstellen, der Hand von Theologen seines Vertrauens überlassen zu haben, die eine Neuinterpretation des heiligen Thomas von Aquin im Licht der Hegelschen Dialektik versuchten. Die Theologie der Praxis schließt nämlich jede doktrinelle Aussage aus und überläßt es der Geschichte, die Verhaltenslinien für das menschliche Handeln abzustecken. Deshalb „kann man verstehen“, so Papst Franziskus, „dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte“ (Amoris Laetitia, 300). Wenn man davon überzeugt ist, daß die Christen sich in ihrem Verhalten nicht nach absoluten Grundsätzen auszurichten, sondern auf die „Zeichen der Zeit“ zu hören haben, wäre es in der Tat ein Widerspruch, Regeln welcher Art auch immer zu formulieren.

Alle erwarteten sich die Antwort auf eine grundlegende Frage: Können jene, die nach einer ersten Ehe standesamtlich erneut heiraten, das Sakrament der Eucharistie empfangen? Auf diese Frage hat die Kirche immer mit einem kategorischen Nein geantwortet. Die wiederverheirateten Geschiedenen können die Kommunion nicht empfangen, weil ihr Lebensstand und ihre Lebensverhältnisse in objektivem Widerspruch stehen „zu jenem Bund der Liebe zwischen Christus und der Kirche, den die Eucharistie sichtbar und gegenwärtig macht“ (Familiaris Consortio, 84).

„Kommunionverbot für wiederverheiratete Geschiedene gilt nicht mehr absolut“

Handgeschriebens Billet von Papst Franziskus zur Veröffentlichung von Amoris Laetitia
Handgeschriebens Billet von Papst Franziskus zur Veröffentlichung von Amoris Laetitia

Die Antwort des nachsynodalen Schreiben lautet hingegen: grundsätzlich Nein, aber „in gewissen Fällen“ (Amoris Laetitia, 301, Fußnote 351). Die wiederverheirateten Geschiedenen sollen „integriert“ und nicht ausgeschlossen werden (Amoris Laetitia, 299). Ihre Integration kann „in verschiedenen kirchlichen Diensten zum Ausdruck kommen: Es ist daher zu unterscheiden, welche der verschiedenen derzeit praktizierten Formen des Ausschlusses im liturgischen, pastoralen, erzieherischen und institutionellen Bereich überwunden werden können“ (Amoris Laetitia, 299), ohne die Sakramentenordnung auszuschließen (Amoris Laetitia, Fußnote 336).

Tatsache ist: Das Kommunionverbot für wiederverheiratete Geschiedene gilt nicht mehr absolut. Der Papst erlaubt nicht als allgemeine Regel die Kommunion für die Geschiedenen, er verbietet sie aber auch nicht. Kardinal Caffarra betonte in seiner Zurückweisung der Kasper-These: „Hier legt man Hand an die Doktrin. Zwangsläufig. Man kann auch sagen, daß man es nicht tut, aber man tut es. Und nicht nur das. Man führt einen Brauch ein, der diese Vorstellung langfristig nicht nur im christlichen Volk verankern wird: Es existiert keine absolut unauflösliche Ehe. Und das ist mit Sicherheit gegen den Willen des Herrn. Darüber gibt es keinen Zweifel“ (Interview in Il Foglio, 15. März 2014).

Für die Theologie der Praxis zählen nicht die Regeln, sondern die konkreten Fälle. Und was Abstraktum nicht möglich ist, ist Konkretum möglich. Kardinal Burke bemerkte jedoch richtiggehend: „Wenn die Kirche den Empfang der Sakramente (auch nur in einem Fall) einer Person erlauben würde, die sich in einer irregulären Situation befindet, würde das bedeuten, daß die Ehe entweder nicht unauflöslich ist, und damit diese Person nicht im Stand des Ehebruchs lebt, oder daß die heilige Kommunion nicht Gemeinschaft im Leib und Blut Christi ist, die hingegen die rechte Disposition der Person erfordert, nämlich die schwere Sünde zu bereuen und die feste Absicht, nicht mehr zu sündigen“ (Interview von Alessandro Gnocchi in Il Foglio, 14. Oktober 2014).

Welcher Hirte wird es noch wagen, die Kommunion zu verweigern?

Die Ausnahme ist zudem bestimmt, zur Regel zu werden, weil das Zugangskriterium zur Kommunion in Amoris Laetitia der „persönlichen Unterscheidung“ des Einzelnen überlassen wird. Die Unterscheidung erfolgt „Fall für Fall“ durch „das Gespräch mit dem Priester im Forum internum“ (Amoris Laetitia, 300). Welche Seelenhirten werden es aber noch wagen, den Zugang zur Eucharistie zu verweigern, wenn „das Evangelium selbst von uns verlangt, weder zu richten, noch zu verurteilen“ (Amoris laetitia, 308), und man „alle einzugliedern“ (Amoris laetitia, 297) und „die konstitutiven Elemente in jenen Situationen zu würdigen“ hat, „die noch nicht oder nicht mehr in Übereinstimmung mit ihrer Lehre von der Ehe sind“ (Amoris Laetitia, 292)?

Hirten, die die Gebote der Kirche einfordern möchten, riskieren laut dem päpstlichen Schreiben, sich „wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer“ zu verhalten (Amoris Laetitia, 310). „Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben, gegenüber denen, die in ‚irregulären‘ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft. Das ist der Fall der verschlossenen Herzen, die sich sogar hinter der Lehre der Kirche zu verstecken pflegen, »um sich auf den Stuhl des Mose zu setzen und – manchmal von oben herab und mit Oberflächlichkeit – über die schwierigen Fälle und die verletzten Familien zu richten«“ (Amoris Laetitia, 305).

Kaspers Forderung verschämt in einer Fußnote versteckt

Diese ungewohnte Sprache, härter als die Herzenshärte, die den „Kontrolleuren der Gnade“ vorgeworfen wird, ist das Unterscheidungsmerkmal von Amoris Laetitia. Keineswegs zufällig bezeichnete sie Kardinal Christoph Schönborn bei der Pressekonferenz vom 8. April  als „ein sprachliches Ereignis“.

„Meine große Freude über dieses Dokument“, sagte der Kardinal aus Wien, liege darin, daß es „konsequent die künstliche, äußerliche, eindeutige Unterscheidung zwischen regulär und irregulär überwindet“.

Die Sprache drückt, wie immer, einen Inhalt aus. Die Situationen, die das nachsynodale Schreiben nur als „sogenannte irreguläre“ bezeichnet, sind der öffentliche Ehebruch und das außereheliche Zusammenleben. Für Amoris Laetitia verwirklichen sie das Ideal der christlichen Ehe, wenn auch nur „teilweise und analog“ (Amoris Laetitia, 292).

Aufgrund der Bedingtheiten oder mildernder Faktoren ist es möglich, dass man mitten in einer objektiven Situation der Sünde – die nicht subjektiv schuldhaft ist oder es zumindest nicht völlig ist – in der Gnade Gottes leben kann, dass man lieben kann und dass man auch im Leben der Gnade und der Liebe wachsen kann, wenn man dazu die Hilfe der Kirche bekommt“ (Amoris Laetitia, 305) – „in gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein“ (was etwas verschämt in der dazugehörigen Fußnote 351 steht).

Amoris Laetitia Ausdruck der von den Päpsten verurteilten „neuen Moral“

Gemäß katholischer Moral können die Umstände, die den Kontext bilden, in denen eine Handlung stattfindet, die moralische Qualität der Handlung weder ändern noch eine in sich schlechte Handlung richtig und gut machen. Die Doktrin des moralisch Absoluten und des intrinsece malum wird durch Amoris laetitia im Nichts aufgelöst. Das neue päpstliche Schreiben paßt sich der „neuen Moral“ an, die von Pius XII. in zahlreichen Dokumenten und von Johannes Paul II. in Veritatis splendor verurteilt wird.

Die Situationsmoral überläßt es den Umständen und im Letzten dem subjektiven Gewissen des Menschen zu bestimmen, was gut und was böse ist. Der außereheliche Geschlechtsverkehr wird nicht als an sich unerlaubt gesehen, sondern sei – da ein Akt der Liebe – nach seinen Umständen zu bewerten.

Allgemeiner gesprochen gibt es demnach weder das in sich Böse nicht noch eine schwere Sünde oder Todsünde. Die Gleichsetzung zwischen Personen im Stand der Gnade (reguläre Situationen) und Personen im Zustand anhaltender Sünde (irreguläre Situationen) ist nicht nur sprachlicher Art: Ihr scheint die lutherische Theorie vom Menschen simul iustus et peccator zugrundezuliegen, die durch das Dekret über die Rechtfertigung vom Konzil von Trient verurteilt wurde (DH, 1551-1583).

Amoris Laetitia „viel schlimmer“ als Kaspers Rede von 2014

Das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia ist viel schlimmer als die Rede von Kardinal Kasper vom Februar 2014, gegen die sich zu recht so viel Kritik in Büchern, Artikeln und Interviews gerichtet hat. Kardinal Kasper hatte einige Fragen gestellt. Das Schreiben Amoris Laetitia liefert die Antwort: Es öffnet den wiederverheirateten Geschiedenen die Tür, es kanonisiert die Situationsmoral und leitet einen Normalisierungsprozeß für alle Formen des Zusammenlebens more uxorio ein.

In Anbetracht der Tatsache, daß das neue Dokument zum nicht unfehlbaren ordentlichen Lehramt gehört, bleibt zu hoffen, daß es zum Gegenstand einer gründlichen kritischen Analyse von Seiten der Theologen und Hirten der Kirche wird, ohne sich der Illusion hinzugeben, darauf die „Hermeneutik der Kontinuität“ anwenden zu können.

Der Text ist katastrophal. Noch katastrophaler ist, daß er vom Stellvertreter Christi unterzeichnet ist. Für jene aber, die Christus und Seine Kirche lieben, ist das ein guter Grund, zu reden und nicht zu schweigen. Machen uns also die Worte von Msgr. Athanasius Schneider, eines mutigen Bischofs zu eigen:

„‚Non possumus!‘ Ich werde weder ein nebulöses Gerede noch eine geschickt getarnte Hintertür zur Profanierung des Sakramentes der Ehe und der Eucharistie akzeptieren. Ebensowenig werde ich es akzeptieren, daß man sich über das Sechste Gebot Gottes lustig macht. Ich ziehe es lieber vor, verlacht und verfolgt zu werden, als zweideutige Texte und unehrliche Methoden zu akzeptieren. Ich ziehe das glasklare ‚Antlitz Christi, der Wahrheit, dem Bild des mit Edelsteinen geschmückten Fuchses vor‘ (Hl. Irenäus), ‚denn ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe‘, ‚Scio cui credidi‘ (2 Tim 1,12).“

*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen: Vicario di Cristo. Il primato di Pietro tra normalità ed eccezione (Stellvertreter Christi. Der Primat des Petrus zwischen Normalität und Ausnahme), Verona 2013; in deutscher Übersetzung zuletzt: Das Zweite Vatikanische Konzil – eine bislang ungeschriebene Geschichte, Ruppichteroth 2011. Die Zwischentitel stammen von der Redaktion.

Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL (Screenshot)

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12 Comments on Roberto de Mattei: Amoris Laetitia ist ein „katastrophales Dokument“

  1. „Meine große Freude über dieses Dokument“, sagte der Kardinal aus Wien, liege darin, daß es „konsequent die künstliche, äußerliche, eindeutige Unterscheidung zwischen regulär und irregulär überwindet“.

    Mit anderen Worten: dieses Dokument verwischt die Unterscheidung zwischen Gut und Böse.

    • @paulus

      Das ist ein legitimer Wunsch! Hier könnte Papst emeritus noch segensreich wirken. Er sollte es auch.

  2. Danke Prof. de Mattei für diese präzise Stellungnahme und danke der Redaktion für die rasche Bereitstellung auf Deutsch!
    Auf Englisch sind bereits einige sehr gute und gewichtige Kommentare auf https://www.lifesitenews.com/ greifbar.

    Eine bekannte private katholische Hofschranzen- und Kommerzseite aus Österreich schaltet jetzt zwar auch einige kritische Postings frei (vermutlich nur einen kleinen Teil der tatsächlich einlangenden), ersäuft diese aber in einer Fülle von unqualifizierten und speichelleckerischen Kommentaren.

    Es ist die dumme und unkatholische Unterwürfigkeit „neokonservativer“ Kreise unter jede noch so skurrile und schädliche Äußerung eines verunglückten Pontifikats, die schweres Ärgernis gibt. Denn die Unterwerfung von Willen und Verstand unter die Wahrheit kann nur durchgeführt werden, wenn es wirklich um die Wahrheit geht. „Amoris laetitia“ ist dagegen ein Meisterwerk gezielter Konfusion und Auflösung des Glaubens.

    Es ist traurig und skandalisierend, daß an sich nicht übelwollende Katholiken hier ihren Verstand und ihre Verpflichtung zur Wahrheit völlig ausschalten und dem Kasper-Schönborn-Kurs folgen.

    Meine privaten Erfahrungen in diversen Diskussionskreisen bestätigen das.

    Mein dringender Rat an die Halleluja-Schlümpfe: Wacht doch endlich auf!

    • „Eine bekannte private katholische Hofschranzen- und Kommerzseite aus Österreich schaltet jetzt zwar auch einige kritische Postings frei (vermutlich nur einen kleinen Teil der tatsächlich einlangenden), ersäuft diese aber in einer Fülle von unqualifizierten und speichelleckerischen Kommentaren.“

      Selbst von besagter „Kommerzseite aus Österreich“ wegen kritischer Kommentare zum Relativismus gesperrt, bestätigt sich für mich, dass die Zensur auf Dauer eben nicht funktioniert, sondern immer mehr Lesern dämmert, dass auf diesem Portal recht zweifelhafte Gestalten mit Zustimmung der Reaktion eine Meinungshoheit beanspruchen, die den Relativismus zum letzten Maßstab des Katholischen machen wollen.

      Ein redlicher Leser schreibt dort an einen weniger redlichen folgenden, aufschlussreichen Kommentar: „Von Ihnen nehme ich überhaupt keine Ratschläge an. Was Sie hier tun ist ganz link! Sie spielen hier den moderaten Katholiken, der nur das Beste für die Kirche will. In Wahrheit sind Sie ganz anders. Woher ich das weiss? Der „reuelose Papist“ hat mich stutzig gemacht. Irgendwo habe ich das schon mal gelesen. Und Bingo! Ich bin fündig geworden. In einem Blog haben Sie exakt den selben Kommentar geschrieben. Wort für Wort. Und nicht nur das. Dort bezeichnen Sie Benedikt XVI. als homosexuellen Fanatiker, der die Kirche an den Rand des Abgrunds geführt hat und Stimmung gegen seinen Nachfolger betreibt.
      Nein! Ihre Ratschläge können Sie sich schenken.
      Ein kleiner Ratschlag von mir an das kath.net-Team und alle Foristen. Nehmt @Charles X. nicht ernst und meidet eine Diskussion mit ihm. Da läuft nämlich eine ganz linke Tour.“ (nachzulesen unter den Kommentaren zum Artikel „08 April 2016, 16:00 AMORIS LAETITIA)

      Der angesprochene Leser rettet sich dann in beleidigtes Schweigen – auch eine Möglichkeit der Klärung aus dem Weg zu gehen.

      Bei Papst Franziskus gibt schon die Namensfindung sehr zu denken. Joseph Ratzinger, dieser große Theologe und langjährige Präfekt der Glaubenskongregation stellt sich bescheiden in die Reihe der Benedikt Päpste. Darin drückte sich Kontinuität und Tradition der kirchlichen Lehre aus. Kein Hang zu einem exponierten Namen, zum Exklusiven. Anders bei Bergolio, der mit Franziskus sich einen Namen auswählte, der das Besondere, Einmalige seines Pontifikates herausstreichen sollte und sich bewusst dem Traditionellen schon in der Namensfolge widersetzt. Die Vereinnahmung des Heiligen Franziskus ist eben kein Ausdruck von Bescheidenheit und Demut, sondern eine Geste der Anmaßung im vermeintlich Originellen. Hier stehen sich zwei Sichtweisen gegenüber, die man schon mit den Schlagworten der Kontinuität und des Progressiven kennzeichnen kann. Da aber dem Progressismus notwendig die theologische Tiefe fehlt, schon weil der Relativismus in ihm Programm ist, kommt Bergolio auch nicht über deutliche Widersprüche in seinem Apostolischen Schreiben hinaus. Es ist ein Dokument der Unentschiedenheit, die nicht klärt sondern für Verwirrung sorgt.

      • der Name, das Auto, die Wohnung, die Kleidung – sorry, das sind Extravaganzen (bayerisch: Extrawürste), keine Bescheidenheit

    • hätte mich auch schon vor Lachen beeumeln können, wenn es nicht so traurig wäre… gemäss eines Posters dort bedeutet katholisch, dass man unbedingten Gehorsam zum Papst hat, egal wie, wo und zu was er sich äussert. Nun ab ich aber zum Beispiel einen anderen Musikgeschmack als Papst Benedikt – hab ich mich dadurch schon exkommuniziert? (und der gleiche Poster hat in einem anderen Thread mal den von JPII angeordnetet Ausstieg aus der Schwangerenberatung kritisiert – ist also selber auch nur papsttreu, wenn’s ihm in den Kram paßt)

      oder jetzt aktuell nach Amoris L.: Muss ich es beichten, wenn ich den Valentinstag vergesse?

      Das Problem der Neo-Cons ist m.E. (bin Jahrgang 1972), dass sie sich während der Pontifikate JPII und BXVI am Papst anlehnen konnten, meinetwegen sich auch hinter ihm verstecken konnten, aber sich nicht wirklich selber informieren mussten und dadurch ne relativ ruhige Kugel schieben konnten – und jetzt machen sie einfach so weiter…

      • Prof. de Mattei ist beizupflichten:
        der Text Amoris Laetitia ist inhaltlich katastrophal;
        und katastrophal ist, daß dieser Text vom „Vicarius Christi“ unterschrieben wurde.
        Genauso katastrophal ist jedoch die Taktik, womit die Modernisten versuchen dieses Dokument unter die Menschen zu bringen:
        dieses Pontifikat fing an mit Buona Sera und einem Protagonist der St.-Gallenmafia auf dem Balkon desApostolischen Palasts, stolperte weiter bei pastoralen Reisen nach Brasilien und en Philippinen (mit Naturgewalten), produzierte theologische Unsinn am laufenden Band ( die „Franziskusperlen“ wurden rasch zu „Franziskuspillen“ und dann recht schnell namenlos)( fast konnte man an „Franziskushandgranaten“ denken), „Evangelii Gaudium“ löste sehr viel Befremden aus und wurde v.d. Kongreg. f. d. Glaubenslehre nicht kommentiert; die Umwälzungen an der Kurie und die wirtschaftliche Reformen versanken in handfesten Skandalen mit einem smarten Opus-Die-Prälaten und einer hochschwangeren Francesca Chaouqui.
        Und als Hauptprogrammpunkt wurden dann 2 Synoden für die Familie zusammengerufen, die trotz massiven Druck mit den Kasperideen zu geharnischtem Widerstand des Episkopats führten.
        Unvergessen der Satz, nebenher gefallen, daß „wenn man nicht vorhätte etwas (an der Lehre) zu verändern, man die Synoden nicht hätte zusammenrufen brauchen“.

        Mehr als zwei Jahre lang wurde öffentlich intens diskutiert, wurden sehr viele fachlich hervorragende Arbeiten und Artikel publiziert, wurde das jahrhundertealte Magisterium dargelegt;
        im Vorfeld und nach den Synoden wurde alles ausführlich besprochen.
        Und dann: die für das Ende der 2. Synode angekündigte Erklärung des Papstes wurde erst verschoben, dann Monate zurükgestellt, dann für Februar 2016 angekündigt, wieder zurückgestellte, und dann am Ende erst zum 9. April freigegeben.
        Taktisch Unsinn.
        Es ist als ob man das eigene Heer erst lange versteckt in einem großen Wald mitten auf der Steppe, toleriert daß vor der Schlacht schon die Langeabstandsartillerie des Gegners mit fundamentaltheologischen und kirchengeschichtlichen Volltreffern die Markierungen setzt, und dann nach langem Warten, währenddessen der Gegner alle Kräfte zusammengezogen hat, ein halbherzig ausgeführter Ausbruchversuch gemacht wird.
        Das ist Stümperei.

      • Hochgeehrter @Adrien Antoine,
        die „Theologie“ der Kasperianer ist in der Tat nichts anderes als Stümperei des Zeitgeistes. Da man substantiell nichts zu sagen hat, belässt man es bei albernen Show-Effekten. Dabei entwickeln die Kasperianer, allen voran Kardinal Kasper selbst, eine doch erstaunliche Hybris. Da werden 1000 Jahre Kirchengeschichte und Dogmenentwicklung im Nu in den Orkus des schönen relativistischen Glaubensscheins geschleudert und einfach entsorgt. Am Ende hält man sich dann auch noch für katholischer als alle Päpste und Apostel zusammen. Nicht selten startet aber solche Hybris als eingebildeter Geistesadler und landet am Ende als schlichtes Geistesentlein.

  3. Was die Modernisten erwartet hatten, ist allerdings ausgeblieben: das Machtwort des Papstes
    Lange Zeit war kaum erkennbar, welcher Richtung sich Papst Franziskus zuneigen oder beugen würde, oder ob er sich ein Machtwort im Sinne der Kasper-Linie abringen lässt. In seiner Rede zum Abschluss der Außerordentlichen Synode 2014 soll Papst Franziskus in etwa gesagt haben, er werde sich die Diskussionen 2015 anhören, die Abstimmung abwarten und dann entscheiden.
    Ein Blogger meinte daraufhin, über Papst Franziskus läge der lange Schatten des Nominalisten Wilhelm von Ockham und zitierte dazu eine spanische Stimme: „Das ist das nominalistische Verständnis des Papsttums. Nicht die Wahrheit, sondern der Wille des Papstes ist es, der die Lehre macht“ und „Die Wahrheit und das Gute hängen für den Nominalismus vom Willen dessen ab, der sie verkündet. Ganz einfach. Es ist nicht mehr und nicht weniger als die Vergötzung der Willkür“.

    Diese Sichtweise nährte die Hoffnung progressivistischer Kreise, der Papst könne die Liberalisierung des Ehesakraments im Sinne Kardinal Kaspers aus päpstlicher Machtvollkommenheit durchsetzen. Das ist aber nicht geschehen, selbst wenn Kardinal Kasper Amoris Laetitia als wichtigstes Dokument der Kirchengeschichte seit 1700 Jahren in den Himmel zu heben versucht.

    Dagegen hat Kardinal Burke das kanonische Verdikt gegen das Schreiben bereits gesprochen, wenn er in diesem kirchenrechtlich lediglich eine nichtlehramtliche Privatäußerung von Papst Franziskus sieht und damit nach eigenem Bekunden auch dessen eigener Einschätzung entspricht. Dann hätte die Sache mit Spruch zum französischen Feuerwehrhelm in den Farben der Kirche doch noch einen realen Hintergrund bekommen! :-)))

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