Der Kreuzweg von Albert Servaes – mit Meditationen von Wies Moens

5. Station: Simon von Cyrene - Kreuzweg von Albert Servaes Servaes 1919
5. Station: Simon von Cyrene - Kreuzweg von Albert Servaes, 1919

Übersetzt von Amand Timmermans

5. Station

Simon von Cyrene wird gezwungen,
Jesus beim Tragen des Kreuzes zu helfen.

Ein Bauer kommt von der Arbeit heim. Stunden hat er geschuftet,
und jetzt warten auf ihn: das Mahl auf dem Tisch, die sorgende Ehefrau,
das frohe Geplapper der Kinder.
Unterwegs stößt er auf den Zug mit den Verurteilten. Fremde Soldaten
zwingen ihn, das Kreuz eines der Verurteilten zu tragen.
Man fürchtet, daß dieser zusammenbrechen könnte,
bevor er den Hinrichtungsplatz erreicht.
Drei Verurteilte sind es, aber einer ist elend dran.
Er trägt eine Dornenkrone auf dem Haupt und blutet aus vielen Wunden.
Sein Name: Jesus von Nazareth.
Der Bauer hat diesen Namen schon früher gehört.
Ist dieser Jesus ein neuer Prophet? Ist er, wie einige behaupten,
der verheißene Messias?

Der Bauer hat seinen Acker, seine Frau, seine Familie; er hat seinen
täglichen Kummer, und hin und wieder seine Freude.
Was kümmert er sich um die Sachen draußen?
So kurz vor der ersehnten Heimkehr, nach Stunden des Schuftens, wird er
gezwungen, das Kreuz eines zum Tode Verurteilten zu tragen.

Die fremden Soldaten sind hart und dulden keinen Widerspruch.
Der Bauer hebt das Kreuz unwillig – tun wir dies nicht alle ebenso,
wenn uns ein Kreuz zu tragen aufgelegt wird?

Einer, der Sohn Gottes, hat die Last des Kreuzes getragen für Sie und
mich, hat Sie und mich die Süßigkeit des Kreuzes zu kosten gelehrt.
Der störrische Bauer Simon von Cyrene durfte dies als erster empfinden.
Während er Jesus die Last des Kreuzes schleppen hilft, fühlt er langsam,
langsam die Süße des Kreuzes in seine Seele fließen.

Der tief-religiöse flämische Kunstmaler Albert Servaes (1883−1966), aus der „Ersten Latemer Schule“, zeichnete 1919 in expressionistischem Stil den berühmten „Kreuzweg von Luithaegen“.

Geprägt von den fürchterlichen Erlebnissen des Ersten Weltkrieges malte er in dunklen Holzkohlezeichnungen die 14 Stationen des Leidens Christi.

Der rabiate Realismus, expressiv gesteigert, löste heftige Kontroversen aus: einerseits fand er höchste Bewunderung, ob des tief gefühlten Schmerzes und der Dramatik bei meisterhafter Verwendung der Holzkohle, anderseits laute Entrüstung bei der damals noch sehr sentimental orientierten belgischen Kunstszene.

Der für die kleine Kirche von Luithaegen vorgesehene Kreuzweg wurde nach bischöflicher Intervention entfernt. 1952 fand er seine Heimat in der Trappistenabtei von Koningshoeven in Berkel-Ensholt bei Tilburg (Niederlande). Er wird dort übrigens nicht ausgestellt.

Wies (Aloysius) Moens (1898−1982) gehört zu den ersten flämischen, expressionistischen Dichtern. Seine frühe Poesie ist gekennzeichnet durch tiefe religiöse Gefühle, Pazifismus und eine große Liebe für sein Volk und die Welt im Allgemeinen.

Bild: kruiswegstaties.nl

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