Die “historische” Begegnung zwischen Franziskus und Kyrill

Papst Franziskus und Patriarch Kyrill von Moskau in Havanna

Der Historiker Roberto de Mattei, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, wirft einen kritischen Blick auf die inflationäre Bezeichnung von Ereignissen als „historisch“, wie dies jüngst beim Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill von Moskau der Fall war. Ein Blick auf die Geschichte sei notwendig, so de Mattei, um die Ereignisse zu verstehen, denn schon häufig seien auf Verfälschungen der Geschichte doktrinäre Abweichungen konstruiert worden. Dabei fällt sein Blick auch auf das 500-Jahrgedenken von Papst Franziskus an die protestantische „Reformation“.

von Roberto de Mattei*

Zu den zahlreichen Erfolgen, die Papst Franziskus von den Massenmedien zugeschrieben werden, gehört auch die „historische Begegnung“, die am 12. Februar in Havanna mit Patriarch Kyrill von Moskau stattfand. Ein Ereignis, wie es hieß, das die Mauer fallenließ, die seit tausend Jahren die Kirche von Rom von jener des Ostens trennt.

Die Bedeutung der Begegnung liegt, laut den eigenen Worten von Franziskus, nicht im Dokument, das rein „pastoralen“ Charakter habe, sondern in einer Übereinstimmung für ein gemeinsames, nicht politisches oder moralisches, sondern religiöses Ziel. Das überlieferte Lehramt der Kirche, das in Dokumenten zum Ausdruck kommt, scheint Papst Franziskus also durch ein Neo-Lehramt ersetzen zu wollen, das durch symbolische Ereignisse zum Ausdruck kommt.

Die Botschaft, die der Papst vermitteln will, ist die einer Wende in der Kirchengeschichte. Man muß aber gerade von der Kirchengeschichte ausgehen, um die Bedeutung des Ereignisses von Havanna zu verstehen. Es gibt nämlich zahlreiche historische Ungenauigkeiten, die es zu korrigieren gilt, denn gerade auf Geschichtsfälschungen werden häufig doktrinäre Abweichungen konstruiert.

Paul VI. und Patriarch Athenagoras 1964
Paul VI. und Patriarch Athenagoras 1964

Zunächst einmal stimmt es nicht, daß tausend Jahre der Geschichte die Kirche von Rom vom Patriarchat von Moskau trennen, da dieses erst 1589 entstanden ist. In den fünf vorhergehenden Jahrhunderten und auch davor, war das Patriarchat von Konstantinopel der östliche Ansprechpartner Roms. Im Laufe des Zweiten Vatikanischen Konzils begegnete Paul VI. am 6. Januar 1964 in Jerusalem Patriarch Athenagoras von Konstantinopel, um einen „ökumenischen Dialog“ zwischen der katholischen Welt und der orthodoxen Welt zu beginnen. Dieser Dialog machte jedoch keine Fortschritte wegen der tausendjährigen Opposition der Orthodoxen gegen den Primat Roms. Paul VI. selbst gestand das am 28. April 1967 in einer Rede vor dem damaligen Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen ein, indem er erklärte: „Der Papst, wir wissen es wohl, ist ohne Zweifel das größte Hindernis auf dem Weg des Ökumenismus“ (Paolo VI., Insegnamenti, VI, S. 192-193).

Das Patriarchat von Konstantinopel bildete einen der fünf 451 vom Konzil von Chalcedon festgelegten Hauptsitze der Christenheit. Die byzantinischen Patriarchen vertraten jedoch den Standpunkt, daß nach dem Untergang der westlichen Reichshälfte des Römischen Reiches (476) Konstantinopel, als Sitz des im Osten fortlebenden Römischen Reiches, nun die religiöse Hauptstadt der Welt werden sollte. Im Canon 28 des Konzils von Chalcedon, der vom heiligen Papst Leo dem Großen (440-461) aufgehoben wurde,  ist bereits der Keim des ganzen byzantinischen Schismas enthalten, weil er der Suprematie des römischen Papstes ein politisches und nicht ein göttliches Fundament zuschrieb. Deshalb ließ Papst Hormisdas (514-523) die orientalischen Bischöfe 515 die Formula Hormisdae unterzeichnen, mit der sie ihre Einheit mit Rom zum Ausdruck brachten und den Primat der Kathedra Petri anerkannten. (Denz-H., Nr. 363).

Zwischen dem 5. und dem 10. Jahrhundert, während sich im Westen die Trennung zwischen geistlicher Autorität und weltlicher Macht festigte, entwickelte sich im Osten hingegen der sogenannte Caesaropapismus, bei dem die Kirche de facto dem Kaiser untergeordnet wird, der sich – als Legat Gottes – sowohl im kirchlichen als auch im weltlichen Bereich für ihr Haupt hält. Die Patriarchen von Konstantinopel waren faktisch zu Funktionären des byzantinischen Reiches reduziert worden und schürten um so mehr eine radikale Abneigung gegen die Kirche von Rom.

Eugen III. schuf 1439 die Einheit zwischen Ost- und Westkirche
Eugen III. schuf 1439 die Einheit zwischen Ost- und Westkirche

Nach einem ersten Bruch, der im 9. Jahrhundert von Patriarch Photios I. provoziert wurde, erfolgte am 16. Juli 1054 das offizielle Schisma, als Patriarch Michael I. Kerularios (1043-1058) erklärte, Rom sei wegen des „Filioque“ und anderer Vorwände der Häresie verfallen. Die römischen Legaten deponierten daher gegen ihn das Exkommunikationsurteil auf dem Altar der Hagia Sophia von Konstantinopel. Die Fürsten der Kiewer Rus, und damit infolge auch Moskaus, die 988 vom heiligen Wladimir zum Christentum bekehrt wurden, folgten den Patriarchen von Konstantinopel ins Schisma, da sie deren religiöse Jurisdiktion anerkannten. Die Zwietracht schien unüberwindbar, doch ein außergewöhnliches Ereignis geschah am 6. Juli 1439 in der Kathedrale Santa Maria del Fiore von Florenz, als Papst Eugen IV. feierlich mit der Bulle Laetentur Coeli (Der Himmel freue sich) die Überwindung des Schismas und die Gemeinschaft zwischen den Kirchen des Ostens und des Westens verkündete.

Im Laufe des Konzils von Florenz (1439), an dem auch der Kaiser des Ostens, Johannes VIII. Palaiologos, und der Patriarch von Konstantinopel, Joseph II., teilnahmen, hatte man eine Übereinkunft zu allen Problemen gefunden, vom Filioque bis zum römischen Primat. Die päpstliche Bulle endete mit dieser feierlichen dogmatischen Definition, die von den griechischen Vätern unterzeichnet wurde:

Item diffinimus sanctam apostolicam sedem et Romanum pontificem in universum orbem tenere primatum, et ipsum pontificem Romanum successorem esse beati Petri principis apostolorum et verum Christi vicarium totiusque ecclesie caput et omnium christianorum patrem ac doctorem existere, et ipsi in beato Petro pascendi, regendi ac gubernandi universalem ecclesiam a domino nostro Iesu Christo plenam potestatem traditam esse, quemadmodum etiam in gestis ycumenicorum conciliorum et in sacris canonibus continetur.“

„Wir bestimmen, daß der heilige Apostolische Stuhl und der Römische Papst den Primat über den gesamten Erdkreis innehat und der Römische Papst der Nachfolger des seligen Apostelfürsten Petrus und der wahre Stellvertreter Christi und das Haupt der ganzen Kirche und der Vater und Lehrer aller Christen ist, und ihm von unserem Herrn Jesus Christus im seligen Petrus die Vollmacht übertragen ist, die gesamte Kirche zu weiden, zu leiten und zu lenken, wie es auch in den Akten der ökumenischen Konzile und in heiligen Canones festgehalten ist.“

Das war die einzige wirkliche historische Umarmung zwischen den beiden Kirchen im Laufe des vergangenen Jahrtausends.

Metropolit Isidor von Kiew und ganz Rußland, 1441 abgesetzt
Metropolit Isidor von Kiew und ganz Rußland, 1441 vom Großfürsten vertrieben

Zu den aktivsten Teilnehmern des Konzils von Florenz und Verfechtern der Kirchenunion gehörte Metropolit Isidor von Kiew und von ganz Rußland. Der Metropolit von Kiew residierte bereits seit 1326 in Moskau. Kaum nach Moskau zurückgekehrt ließ Isidor die erfolgte Versöhnung unter der Führung des römischen Papstes öffentlich verkünden. Der Großfürst von Moskau, Wassili II. der Blinde, damals allerdings noch sehend, jedoch erklärte Isidor, weil er die Kirchenunion von Florenz unterzeichnet hatte, 1441 zum Häretiker und ersetzte ihn durch einen ihm gefügigen Metropoliten. Das war der erste Schritt zur Autokephalie, zur eigenständigen russisch-orthodoxen Kirche, die nicht nur von Rom, sondern auch von Konstantinopel unabhängig war.

In Konstantinopel war der Unionsvertrag nach der Einigung in Florenz vom Patriarchen feierlich in der Hagia Sophia auf den Altar gelegt worden, um die Überwindung des Schismas von 1054 zu verdeutlichen. Doch nur wenig später wurde das byzantinische Reich 1453 von den Türken erobert und das Patriarchat von Konstantinopel mit in den Zusammenbruch gerissen. Der neue Machthaber, Sultan Mehmed II. machte Gennadios II. Scholarios wegen dessen romfeindlicher Haltung zum neuen Patriarchen. Gennadios hatte selbst am Konzil von Florenz teilgenommen und die Union mit seiner Unterschrift besiegelt. Doch nach Konstantinopel zurückgekehrt, war er zum heftigsten Kritiker der Einheit geworden. Durch die islamische Eroberung unerwartet auf den Patriarchenstuhl gelangt, verhinderte er die Umsetzung der Einheit.

Sultan Mehmed II. setzte den Unionsgegner Gennadios als Patriarchen ein
Sultan Mehmed II. setzte 1453 den Unionsgegner Gennadios als Patriarchen ein

Mit der islamischen Eroberung Konstantinopels entstand in Moskau die Idee, das Erbe von Byzanz anzutreten und das neue Zentrum der orthodoxen christlichen Kirche zu werden. Nach der Hochzeit von Sophia Palaiologa (um 1448-1503), der Nichte des letzten byzantinischen Kaisers, mit Großfürst Iwan III. von Moskau, nahm dieser eigenmächtig den Titel eines Zaren an und führte den doppelköpfigen Adler als Staatssymbol ein. 1589 wurde das Patriarchat von Moskau und ganz Rußland errichtet. Die Russen wurden zu den neuen Verteidigern der „Orthodoxie“, indem sie Moskau als das „Dritte Rom“ ausriefen, nachdem  das katholische Rom, ihrer Ansicht nach, vom Glauben abgefallen war und das byzantinische Rom durch die islamische Eroberung seine Aufgabe nicht mehr erfüllen konnte.

Angesichts dieser Ereignisse versammelten sich die Bischöfe jener Gegend, die im Westen Ruthenien genannt wurde und heute in etwa der Ukraine und einem Teil Weißrußlands entspricht, im Oktober 1596 zur Synode von Brest und verkündeten die Union mit Rom, die faktisch einer Erneuerung und Bekräftigung der Union von Florenz entsprach. Sie sind seither als Unierte oder griechische Katholiken bekannt, weil sie zwar dem römischen Primat unterstehen, aber die byzantinische Liturgie bewahrten.

Die russischen Zaren begannen mit einer systematischen Verfolgung der unierten Kirche, die zu ihren vielen Märtyrern auch den Mönch Josaphat Kunzewitsch (1580-1623), den Erzbischof von Polozk, und den Jesuiten Andreas Bobola (1592-1657), den Apostel Litauens, zählt. Beide wurden gefoltert und aus Haß gegen den katholischen Glauben getötet. Heute werden sie als Heilige verehrt. Unter der Sowjetherrschaft wurde die Verfolgung noch härter. Kardinal Josyf Slipyj (1892-1984), deportiert und 18 Jahre in den kommunistischen Lagern gefangen, war in einer langen Reihe der bisher letzte große, unerschrockene Verteidiger der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche.

Kardinal Josef Slipyj, 18 Jahre im kommunistischen Gulag
Kardinal Josef Slipyj (1892-1984), 18 Jahre im kommunistischen Gulag

Heute bilden die Unierten die größte Gruppe der Katholiken des östlichen Ritus und geben ein lebendiges Zeugnis von der Universalität der katholischen Kirche. Es ist daher wenig edel, zu behaupten, wie die Gemeinsame Erklärung von Franziskus und Kyrill tut, „dass die Methode des ‚Uniatismus‘ aus der Vergangenheit, der als Vereinigung einer Gemeinschaft mit der anderen durch ihre Loslösung von ihrer Kirche verstanden wurde, nicht eine Weise ist, die es ermöglicht, die Einheit wiederherzustellen.“

Den Preis, den Papst Franziskus für diese von Kyrill gewollten Worte bezahlen mußte, ist sehr hoch: die unierten Katholiken, die immer zu den treuesten Anhängern Roms gehörten, beschuldigen ihn des „Verrats“.

Die Begegnung von Franziskus mit dem Patriarchen von Moskau geht aber noch weit über jene von Paul VI. mit Athenagoras hinaus. Die Umarmung von Kyrill scheint vor allem dem orthodoxen Prinzip der Synodalität zu gelten, das notwendig ist, um die römische Kirche zu „demokratisieren“. Gegenüber der Synodalität des Protestantismus ist man in der katholischen Kirche wachsam, weit weniger ist man es gegenüber der Synodalität der Orthodoxie.

Nicht was die Struktur der Kirche betrifft, aber die Substanz ihres Glaubens, wird hingegen wahrscheinlich das Gedenken von Papst Franziskus an 500 Jahre protestantische Revolution das wichtigste symbolische Ereignis des Jahres werden, das für den kommenden Oktober im schwedischen Lund geplant ist.

*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen: Vicario di Cristo. Il primato di Pietro tra normalità ed eccezione (Stellvertreter Christi. Der Primat des Petrus zwischen Normalität und Ausnahme), Verona 2013; in deutscher Übersetzung zuletzt: Das Zweite Vatikanische Konzil – eine bislang ungeschriebene Geschichte, Ruppichteroth 2011.

Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrisipondenza Romana/Wikicommons/Roma Antica (Screenshots)

Katholisches wird immer für den Leser kostenlos bleiben. Damit das Magazin Tag für Tag mit neuen Artikel weiterhin erscheinen kann sind Zuwendungen notwendig: Unterstützen Sie bitte Katholisches mit einer Spende.
Zuwendungsübersicht
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
fredius

Es ist natürlich wieder historisch, diese Begegnung zwischen Franziskus und dem Patriarchen Kyrill, diese mediengerechte Inszenierung wird natürlich hochgejubelt und als Spektakel und großen Erfolg für Franziskus hingestellt. Aber durch seine Barmherzigkeit hat er seine eigenen Brüder, die unierte griechisch-katholische Kirche und deren Autoritäten vergessen oder als nicht so wichtig erachtet. Franziskus ist nach wie vor bestrebt, publizistisch aufzufallen oder Aufsehen zu erregen und erfreut des entsprechenden Beifalles der Welt. So gesehen, bringt es mehr an Medien, wenn mit Kirchenfeinden oder mit Weltreligionen gesprochen wird, als mit der unierten Kirche.

wpDiscuz