Canossagang von Papst Franziskus zu den Lutheranern?

Martin Luther und Papst Franziskus
Martin Luther und Papst Franziskus

(Rom) Am 15. November 2015 sagte Papst Franziskus in der evangelisch-lutherischen Kirche in Rom, in Beantwortung einer Frage: „Ich frage mich: Aber haben wir nicht die gleiche Taufe?“
Ein Jahr zuvor schickte Papst Franziskus am 20. November 2014 ein Schreiben an die Vollversammlung des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen. Darin schrieb er:

„Während wir Dank sagen, müssen wir zugeben, dass wir als Christen immer noch gespalten sind und dass die Meinungsverschiedenheiten über neue anthropologische und ethische Themen unseren Weg zur Einheit verkomplizieren. Dennoch dürfen wir der Verzagtheit und der Entmutigung nicht nachgeben, sondern müssen weiterhin Gott vertrauen, der in die Herzen der Gläubigen Samen der Liebe und der Einheit legt, damit sie mit neuem Eifer die ökumenischen Herausforderungen der heutigen Zeit angehen: um die geistliche Ökumene zu pflegen, um die Ökumene des Blutes wertzuschätzen, um gemeinsam den Weg des Evangeliums zu gehen.“

Der progressive US-Vatikanist John Allen kommentierte vor wenigen Tagen die Nachricht, daß Papst Franziskus am 31. Oktober nach Schweden fliegen wird, um mit dem Lutherischen Weltbund den 499. Jahrestag von Luthers „Reformation“ zu feiern, die das Abendland spaltete: „Wenn Franziskus wegen seiner ökumenischen Agenda als Revolutionär zu sehen ist, gilt es daran zu erinnern, daß es sich dabei um eine Revolution handelt, die schon lange vor seiner Ankunft begonnen hat und mit Sicherheit noch lange nach ihm weitergehen wird.“

Kuba als „neutraler Boden“ für die erste Begegnung zwischen Rom und Moskau

Franziskus ist ein Papst der Schlagzeilen mit einer außergewöhnlichen Fähigkeit, sich immer in den Schlagzeilen zu halten. So erfolgte nach einigem Tauziehen die gleichzeitig in Rom und Moskau erfolgte Ankündigung, daß das seit Jahrzehnten von Rom angestrebte Treffen zwischen dem Papst und dem Moskauer Patriarchen Wirklichkeit wird. Am 12. Februar werden sich Franziskus und Kyrill auf Kuba begegnen.

Die Karibikinsel gilt beiden Seiten als ausreichend „neutraler Boden“: von der Religion her ein lateinisches Land, das jedoch aufgrund der politischen Verhältnisse seit einem halben Jahrhundert gute Beziehungen zum Kreml pflegt. Das Land ist jedenfalls geographisch gesehen weit weg vom alten Schisma zwischen West- und Ostkirche.

Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts hofften Rom und die Päpste auf eine Überwindung des immer als schmerzlich empfundenen Schismas zwischen griechischer und lateinischer Kirche. Die Umarmung zwischen Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras galt als Frucht nach mehr als 60 Jahren dieser Bemühungen. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil rückte im deutschen Sprachraum und in Nordeuropa vor allem die Einheit mit den Protestanten in den Mittelpunkt.

Die Beziehungen zwischen Rom und Konstantinopel wurden immer enger und gegenseitige Besuche und Begegnungen zur Selbstverständlichkeit. Was noch fehlte, war Moskau, das sich auch innerhalb der Orthodoxie als Konkurrent zu Konstantinopel um den Vorrang sieht. Papst Johannes Paul II. arbeitete lange auf einen Besuch in der Sowjetunion hin. Die Hoffnung, die er nach Polen getragen hatte, wollte er auch in die UdSSR und später in die Russische Föderation bringen. Historische Hürden standen dem polnischen Papst jedoch im Wege.

Die furchtbare Spaltung des Abendlandes

Franziskus empfängt Vertreter des Lutherischen Weltbundes
Franziskus empfängt Vertreter des Lutherischen Weltbundes

Der argentinische Papst bewegt sich überall mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit, als würden historische Ereignisse für ihn keine Bedeutung haben. Er spricht mit Konstantinopel und plaudert locker als Papst, aber „Nicht-Theologe“ („Ich überlasse die Frage den Theologen, denen, die es verstehen“, lutherische Kirche in Rom) mit den Lutheranern und feiert mit ihnen deren Gründungsfest, mit dem sie sich vom „Antichrist“ (Papst) und der „Hure Babylons“ (katholische Kirche) lossagten. Und er schaut nach Moskau und schickt den Evangelikalen Videobotschaften. Alles mit einer Leichtigkeit, als handle es sich um einen Spaziergang oder ein Spiel. Jeder Schritt findet ebenso begeisterten Zuspruch wie empörte Ablehnung.

Ein niederdeutscher Papst regierte zur Zeit, als Luther Europa und vor allem das deutsche Volk in eine schreckliche Spaltung stürzte. Ein Papst, der aufgrund seiner Herkunft den Ernst der Lage erkannte und zu einer grundlegenden Erneuerung der Kirche und zur Abwehr der Spaltung aufrief, dessen Pontifikat aber zu kurz währte. Fast 500 Jahre später regierte mit Benedikt XVI. erneut ein deutscher Papst, der den Protestantismus und sein Denken, vor allem in seiner historischen Ausprägung, genau kannte. Und er stimmte zu Martin Luther keineswegs in den fast verpflichtenden Optimismus der Ökumene-Beauftragten ein. Im Augustinerkloster von Erfurt sagte er am 23. September 2011 zu den Vertretern des Rats der Evangelischen Kirchen in Deutschland:

„Nein, das Böse ist keine Kleinigkeit. Es könnte nicht so mächtig sein, wenn wir Gott wirklich in die Mitte unseres Lebens stellen würden. Die Frage: Wie steht Gott zu mir, wie stehe ich vor Gott – diese brennende Frage Luthers muß wieder neu und gewiß in neuer Form auch unsere Frage werden, nicht akademisch sondern real. Ich denke, daß dies der erste Anruf ist, den wir bei der Begegnung mit Martin Luther hören sollten.“

Die Rede war umstritten, weil es eine hohe Erwartungshaltung gab und verschiedene Seiten den Papst für sich beanspruchen oder aber auf Distanz zu ihm gehen wollten. Vor allem von einem Teil der lutherischen Seite wurde versucht, den Vatikan unter Druck zu setzen, als gebe es eine Bringschuld der katholischen Kirche. Der Religionssoziologe Massimo Introvigne schrieb damals, daß die Rede zunächst einmal in ihrem Kontext zu sehen sei und man dann getrost jenen katholisierenden protestantischen Stimmen Glauben schenken könne, die diese Worte als Mahnung an die heutigen Lutheraner sahen, sich zwischen Christus und dem Zeitgeist entscheiden zu müssen.

Welche katholische Antwort auf 500 Jahre „Reformation“?

Die 500-Jahrfeiern der „Reformation“ können von Rom nicht ignoriert werden. Der Papst muß dazu Stellung nehmen. Soweit sind sich alle einig. Eine Frage, die derzeit in Rom beschäftigt, lautet: Wird der argentinische Papst imstande und willens sein, eine katholische Antwort auf die antikatholische Kirchenspaltung zu formulieren? Eine Antwort, die zunächst einmal die katholische Position klarstellen und gleichzeitig in der protestantischen Welt, ob im Kleid der schrumpfenden historischen Landeskirchen oder im Kleid der unzähligen Freikirchen, einen Nachdenkprozeß auslösen kann.

Weder das eine noch das andere wird möglich sein, wenn nicht eine „merkwürdige Rehabilitierung des Protestantismus“ überwunden wird, die „nur positive Aspekte“ hervorhebt, wie der Theologe Georg May bereits 1975 formulierte:

„Das ungeheure Unheil, das der Protestantismus über die Erde gebracht hat, und die Aggressivität gegen die katholische Kirche, die er bis zur Stunde überall zeigt, wo die Kirche nicht seine Geschäfte besorgt, wurden übergangen. Diesen Fehler der Konzilsväter muß die Kirche teuer bezahlen.“ 1)Georg May: Der Ökumenismus als Hebel der Protestantisierung der katholischen Kirche, Una Voce Korrespondenz Heft 5/1975, Nachdruck Verax-Verlag, Müstair 2000

Martin Luther war ein „grimmiger Hasser der katholischen Kirche“, so Georg May. Eine historische Tatsache, die nicht einfach zu übergehen sein wird, wenn die Begegnung von Lund eine brauchbare Grundlage haben soll. Damit steht die Ökumene 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzil insgesamt auf dem Prüfstand. „Der Ökumenismus als Hebel der Protestantisierung der katholischen Kirche“, lautete das kritische Verdikt von Georg May vor 40 Jahren.

Im Zusammenhang mit der angekündigten Lund-Reise von Papst Franziskus zum vorzeitigen „Reformationsgedenken“ bleibt die Frage nach Sinn und Nutzen nicht aus. „Der Protestantismus ist verständlicherweise von dieser Entwicklung in der katholischen Kirche sehr angetan und unterstützt daher den amtlichen und privaten Progressismus mit allen Mitteln“ und „den vom Progressismus proklamierten sogenannten Ökumenismus.“

Die Reise nach Lund zum genannten Anlaß ist in jedem Fall ein Entgegenkommen des Papstes gegenüber den Lutheranern. Wie aber sieht das lutheranische Entgegenkommen aus? Bisher war davon nichts zu hören.

Georg May schrieb in seiner Analyse, die in 40 Jahren nichts an ihrer Aktualität verloren hat:

„Die Begeisterung des Protestantismus für den Ökumenismus nimmt aber regelmäßig dort sofort ein Ende, wo von ihm ein Entgegenkommen gegenüber der katholischen Kirche oder gar die Übernahme katholischer Lehren erwartet wird. Es ist kein einziger Fall bekannt, in dem der Protestantismus eine interkonfessionelle Zusammenarbeit betrieben hätte, die zu seinen Ungunsten ausgeschlagen wäre. Für die katholische Kirche ist letzteres die Regel.“

Lund als „ökumenische Wende“? – Maßstab Dominus Iesus

Franziskus in der lutherischen Christuskirche in Rom (Pastor Kruse, rechts)
Franziskus in der lutherischen Christuskirche in Rom (Pastor Kruse, rechts)

May wird durch den einseitigen Applaus bestätigt, der Ökumene-Gesten zuteil wird. Die Ankündigung der päpstlichen Lund-Reise wurde von Ökumene-Beauftragten bereits als „ökumenische Wende“ bezeichnet. Bisher gibt es nichts, was inhaltlich auf eine solche „Wende“ hinweisen würde. Die Geste allerdings spricht für sich, und der amtierende Papst ist ein Meister der Gesten. Gesten verändern nicht die Lehre, können aber sogar mehr Einfluß auf das Denken und Handeln der Menschen ausüben als die Lehre: im Positiven wie im Negativen. Der „Praktiker“ Franziskus gab mehrfach zu verstehen, daß für ihn die Praxis wichtiger sei als die Theorie. Seine Handlungsebene ist daher unkonventionell. Dem ist auch bei der Bewertung seines Handelns Rechnung zu tragen. Die Hebel setzt er er gezielt ein, wissend, daß die Praxis in der Wirkung über die Theorie siegt.

Wer den von Georg May kritisierten Ökumenismus und dessen Vertreter erkennen will, verfügt seit dem Jahr 2000 über ein untrügliches Instrument: die Erklärung Dominus Iesus der römischen Glaubenskongregation „über die Einzigartigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche“. Seither genügt es, Aussagen und Dokumente zur Ökumene danach zu überprüfen, ob Dominus Iesus Erwähnung findet oder nicht. Wer es von katholischer Seite unerwähnt läßt, segelt auf dem falschen Dampfer und versucht das Schiff der Katholischen Kirche in gefährliche Gewässer zu schleppen. Alle vorherigen oder nachherigen Dokumente, auch jene des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, die dieser Erklärung widersprechen, werden durch sie aufgehoben und überwunden.

Ein entscheidender Knackpunkt zwischen Rom und den Protestanten, und ebenso zwischen Rom und den Orthodoxen, bleibt zudem das Papsttum selbst. Wahrscheinlich handelt es sich dabei sogar um den entscheidenden Knackpunkt, da sich in ihm alle Schichten verdichten.

Papst Franziskus „unter vielen Aspekten ein bißchen ‚ketzerisch‘“

Für den Religionshistoriker Giovanni Filoramo könne „vielleicht nur ein Papst wie Franziskus“, „der unter vielen Aspekten ein bißchen ‚ketzerisch‘“ sei, „feste und dauerhafte Brücken zur lutherischen Wirklichkeit schlagen“. Die Bemerkung von Filoramo gegenüber der Tageszeitung Il Foglio sei „ironisch“ gemeint gewesen, aber auch wieder nicht. Die Lutheraner dürften nicht als einheitlicher Block gesehen werden. „Ein Teil der lutherischen Kirche ist für den Dialog offen, ein anderer nicht. Dieser Papst könnte einige Schritte auf theologischer Ebene setzen, auch wenn der eigentliche Abgrund ganz ekklesiologisch ist und damit mit dem sakralen Wesen der Kirche zu tun hat.“

Kritiker bezweifeln gerade die Fähigkeit des argentinischen Papstes, sich auf theologischer Ebene bewegen zu können. Von der Notwendigkeit der Einheit und der Überwindung von „Spaltungen und Egoismen“ sprach Papst Franziskus oft seit dem 19. Juni 2013. Bei der Generalaudienz erzählte Franziskus eine Episode:

„Ich erzähle euch etwas: Bevor ich heute aus dem Haus gegangen bin, war ich etwa 40 Minuten, eine halbe Stunde mit einem evangelischen Pastor zusammen, und wir haben zusammen gebetet und die Einheit gesucht. Wir müssen als Katholiken untereinander und auch mit den anderen Christen beten: darum beten, dass der Herr uns die Einheit schenken möge, die Einheit untereinander.“

Eine in der lutherischen Christuskirche von Rom gegebene Antwort des Papstes auf die Frage einer Lutheranerin ist Kritikern mit Schauer in Erinnerung. Die Antwort erfolgte in freier Rede. Es wurde bisher vom Vatikan nicht offiziell bestätigt, doch läßt sich aufgrund der gängigen, bisherigen Praxis schließen, daß Papst Franziskus die Fragen bereits vorher bekannt waren und seine Antwort zwar frei gesprochen, aber nicht spontan war. Die Frage, ob Lutheraner die Kommunion empfangen könnten, überläßt der Papst – im Widerspruch zur kirchlichen Lehre – letztlich dem subjektiven Gewissen. Die teils strahlenden und beipflichtend nickenden Gesichter anwesender Lutheraner signalisierten, wie die päpstliche Aufforderung verstanden wurde.

Pastor als Papst-Interpret?

Der lutherische Pastor Jens-Martin Kruse ergriff umgehend den ihm zugespielten Ball, um von der Theorie zur Praxis überzugehen. Während auf katholischer Seite betretenes Schweigen herrschte, weil einem Papst nicht zu widersprechen sei, wurde Pastor Kruse damit zum tatkräftigen und, da er beim Besuch in der Christuskirche an der Seite von Franziskus saß, wenn nicht authentischen, so doch einflußreichen Interpreten der Papst-Worte:

„Es ist ein realistisches Ziel, vor allem mit diesem Papst, weil er verstanden hat, daß es für jene gemischten Paare ein schwerwiegendes Problem ist, weil sie nicht zusammen am Abendmahl teilnehmen können.“ Abgesehen davon, so Pastor Kruse, gebe es „beim Verständnis der Eucharistie keine großen Unterschiede zwischen Katholiken, Lutheranern und Anglikanern: alle denken wir, daß das Brot und der Wein der Leib und das Blut von Jesus Christus sind.“

Laut Kruse, habe Franziskus jeden eingeladen, seine „Verantwortung“ vor Gott zu übernehmen und damit nach dem eigenen Gewissen zu entscheiden, „ob für ihn die gemeinsame Teilnahme an der Eucharistie zwischen Katholiken und Protestanten möglich ist“. Jedenfalls gebe es „keine theologischen Gründe“, warum dem nicht so sein könnte.

Glaubenskongregation: ein „Mißverständnis“

Kardinal Kasper wird Papst Franziskus zum Luther-Gedenken nach Lund begleiten
Kardinal Kasper wird Papst Franziskus zum Luther-Gedenken nach Lund begleiten

Die römische Glaubenskongregation unter der Leitung von Kardinal Gerhard Müller scheint da dann doch ganz anderer Ansicht zu sein. Der ungeklärte Umgang mit Aussagen und Gesten eines Papstes, die grenzwertig oder häretisch sind, läßt im Vatikan, der ohnehin nicht für sein Tempo bekannt ist, wichtige Zeit verstreichen. Kardinal Müller sagte dem National Catholic Registerm einen Monat nach den Franziskus-Worten zu den Lutheranern, daß es sich dabei um ein „Mißverständnis“ gehandelt habe. Die Unterschiede im eucharistischen Verständnis seien zwischen Katholiken und Lutheranern „zu verschieden“. Gleiches gelte für das Kirchenverständnis. Dabei gehe es nicht nur um „theologisch-konzeptionelle“ Unterschiede, sondern auch um solche „konfessioneller Natur“.

Die Richtigstellung des Glaubenspräfekten erhielt nicht einmal einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, die den Franziskus-Aussagen zuteil wurde. Ein sich in freier Rede vergaloppierender Papst, den der Glaubenspräfekt hinterher korrigieren muß, gibt ein zweifelhaftes Bild ab vor den Katholiken, vor den anderen Christen und vor der Welt.

Die Richtigstellung erfolgte zudem inoffiziell, weshalb damit zwar gesagt ist, was Lehre der Kirche ist, aber keineswegs, ob Papst Franziskus das auch denkt. Vor allem konnte von Kardinal Müller bestenfalls ein kleiner Teil des Schadens behoben werden, den ein entschlossen vorpreschender Papst anrichtet.

Ist der von Franziskus beschlossene Weg nach Lund ein päpstlicher Canossagang, nach der von Georg May beschriebenen „ökumenischen“ Rollenverteilung, derzufolge die katholische Kirche sich ewig schuldig zu fühlen habe, unter Anklage stehe und Entgegenkommen zu zeigen habe, während sich die protestantische Seite bewegungslos im Part des selbsternannten moralischen und historischen Siegers sieht?

Oder ist die Ökumene, immer nach Georg May, lediglich eine Chiffre für progressive Katholiken und ihr Programm zur Protestantisierung der katholischen Kirche. Welche Position nimmt Papst Franziskus dazu ein?

Die „Blutökumene“

Franziskus verwies im vorigen Jahr auf die „Blutökumene“ durch das Martyrium der Christen im Nahen Osten. Die vorrückenden Dschihad-Milizen töten dort unterschiedslos Katholiken, Orthodoxe und Protestanten. Das schaffe, so Franziskus, eine neue Erfahrung der Gemeinschaft, der Communio.

Vor einem Monat griff Moskaus Patriarch Kyrill I. diese Aussage bei seiner Weihnachtsansprache auf, bei der er über die verfolgten Christen sprach, ohne zwischen katholischen und orthodoxen Christen zu unterscheiden. Die Bedeutung des christlichen Martyriums in der islamischen Welt für die Zukunft der Kirche läßt sich noch nicht absehen. Es ist Teil der Tradition in der Ost- und der Westkirche, daß das Blut der Märtyrer die Aussaat für eine neue Blüte der Kirche ist.

2016: Ein Jahr der Ökumene? Welcher Ökumene?

Das Jahr 2016 hält vorerst zwei bedeutende Ökumene-Etappen bereit: am 12. Februar das erste und daher historische Treffen zwischen einem Papst und einem Moskauer Patriarchen, und am 31. Oktober ein nicht minder historisches Ereignis, das gemeinsame Reformationsgedenken von Papst Franziskus mit dem Lutherischen Weltbund im schwedischen Lund.

Franziskus bestätigt damit eine ungemeine Fähigkeit, sich durch immer neue Gesten und Ankündigungen in den Schlagzeilen zu halten. Was die genannten und wahrscheinlich weiteren, bisher noch nicht bekannten Ereignisse inhaltlich bringen werden, steht auf einem ganz anderen Blatt geschrieben.

Vor allem das Verhältnis des Protestantismus zur katholischen Kirche sei, laut Georg May, nur zu verstehen, wenn man sich bewußt mache, daß „das antikatholische Ressentiment unausrottbar“ sei. Während die katholische Kirche zur Darlegung ihrer gesamten Lehre weder Luther noch die „Reformation“ brauche, ist der Protestantismus untrennbar zur Rechtfertigung der eigenen Existenzberechtigung darauf angewiesen, die katholische Kirche schlechtzumachen. Die katholische Ökumene-Bewegung sei daher in der Praxis ein „wirksames Mittel“ zur Protestantisierung.

Die Ökumene ist dabei nur eine der drei Großbaustellen von Papst Franziskus, die sich als konzentrische Kreise zeigen: die erste Großbaustelle ist die Katholische Kirche selbst, die zweite Großbaustelle ist die Ökumene mit allen Christen und die dritte Großbaustelle ist die gesamte Menschheit, wobei der katholische Papst der einzige, wirklich weltweite Religionsführer ist und Franziskus entschlossen scheint, diese Position in der Rolle eines Religionssprechers der Menschheit ausfüllen zu wollen.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Chiesa e postconcilio/MiL (Screenshots)

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Referenzen   [ + ]

1. Georg May: Der Ökumenismus als Hebel der Protestantisierung der katholischen Kirche, Una Voce Korrespondenz Heft 5/1975, Nachdruck Verax-Verlag, Müstair 2000
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defendor

Ein Zitat von Hw Prof. May soll hier noch angefügt werden; über den Ökumenismus als Anlehnung an das protestantische Prinzip der Auflösung:
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„Eine Erneuerung der Kirche kann es nur geben, wenn sie sich vom Protestantismus eindeutig absetzt, denn der Protestantismus ist das Prinzip der Auflösung.
Die Kirche braucht keinen Ökumenismus.
Für den Verkehr mit Andersgläubigen hat sie das Gebot der Nächstenliebe.“
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