Nuntius zu Ukrainern: „Vergeßt die Gemeinsame Erklärung“ zwischen Papst und Moskaus Patriarch

Nuntius Gugerotti und Großerzbischof Schewtschuk
Nuntius Gugerotti und Großerzbischof Schewtschuk (13. Februar 2016)


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(Kiew) Viele mit Rom unierte griechisch-katholische Ukrainer sehen in der Gemeinsamen Erklärung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill von Moskau vom 12. Februar auf Kuba einen „Verrat“. Nach dem ukrainischen griechisch-katholischen Großerzbischof von Kiew-Halytsch, der diese Stimmung seiner Gläubigen zum Ausdruck brachte, meldete sich nun auch der Apostolische Nuntius für die Ukraine zu Wort und forderte die katholischen Ukrainer auf, die Gemeinsame Erklärung einfach zu „vergessen“.

Funkenflug zwischen Kiew und Vatikan

Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk hatte bereits vor einem Jahr gegen die Rußland-Politik von Papst Franziskus und des Vatikans ausgesprochen, die er als zu nachgiebig gegenüber Moskau bezeichnete.

Im Widerspruch zur rußlandfreundlichen Haltung von Papst Franziskus äußerte sich auch der frühere Apostolische Nuntius für die Ukraine, der US-Amerikaner Thomas Gullickson. Seit November 2015 ist Erzbischof Claudio Gugerotti Nuntius in Kiew, ein Diplomat aus der Schule von Kardinal Achille Silvestrini und Experte für die Ostkirchen.

Gugerottis Aufgabe ist es, unter den katholischen Ukrainern, insgesamt rund 15 Prozent der Bevölkerung, davon vier Fünftel griechische Katholiken, die römische Linie verständlich zu machen und gleichzeitig unter Beweis zu stellen, daß Rom trotz Annäherung an Moskau an ihrer Seite steht.

So nahm der Nuntius bereits am vergangenen Samstag, gleich am Tag nach der Unterzeichnung in Havanna, zur Gemeinsamen Erklärung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill Stellung. Anlaß war der Abschluß des Jahres des geweihten Lebens. Während seiner Ansprache stand Großerzbischof Schewtschuk an seiner Seite und übersetzte den Nuntius teils kommentierend. „Die Mimik“, mit denen der Großerzbischof die „Worte begleitete, ist dabei bezeichnend“, so der Vatikanist Sandro Magister.

Beruhigungsversuche des Apostolischen Nuntius

Wörtlich sagte der Nuntius zu den griechisch-katholischen Ukrainern:

„Wie oft denken wir eine Sache und sagen ganz eine andere, sodaß wir die Barmherzigkeit Gottes brauchen, denn Gott kann die Herzen aller umwandeln. Wenn man nicht neue Schritte setzt, wird diese Menschheit alt, müde und unfähig, zu hoffen. Und wir haben sogar den Mut, das Tradition zu nennen. […]
Ich weiß, daß viele von Euch in diesen Tagen aus vielen Gründen, wegen vieler Interpretationen und vieler möglicher Verständnisformen, für das was geschehen ist, gelitten haben [Schewtuschuk: Der Papst und Patriarch Kyrill, damit wir uns verstehen]. Ja, ich habe mich auf sie bezogen.
Ich weiß, wie sehr dieses ukrainische Volk am eigenen Fleisch erleidet, nicht verstanden zu werden. Habt Geduld, wenn man nicht immer alles sagen kann, wie man es sagen möchte, weil man ‚kompromittieren‘ muß, um einen gemeinsamen Text zu erstellen. Seine Seligkeit weiß, wieviel Anstrengung dieser gemeinsame Text gekostet hat. [Schewtschuk: Zwischen dem Papst und Kyrill].
Aber der Großteil der Menschheit wird den Text bereits vergessen haben. Die Menschen werden sich an die Umarmung erinnern. Und die Umarmung ist eine heilige Sache. Ihr werdet sagen: ‚Aber auch Judas hat Jesus geküßt und verraten!‘
Wir sind alles kleine Verräter. Wir müssen Vertrauen haben, daß Gott imstande ist, auch aus unserem Elend Wunderbares zu machen.
Ich kann Euch nur soviel sagen: Am 22. Februar breche ich in jene Gegend auf, wo die Menschen leiden und werde fünf Tage dort bleiben. Das ist der Grund, weshalb mich der Papst hierhergeschickt hat: um mit den Menschen zu sein, die Leiden und um zu versuchen, ihnen in seinem Namen zu helfen.
Gerne überlasse ich es allen anderen, die Dokumente lesen und noch einmal lesen wollen, um alles zu finden, was sie finden wollen. Ich ziehe es vor, den Menschen die leiden in die Augen zu schauen und sie noch einmal zu umarmen.
Es wird erneut jemanden geben, der sagen wird, ich umarme sie, weil sich Proselytismus betreiben will. Das interessiert mich nicht. Der Herr schaut auf das Herz und schenkt die Gnade, die richtigen Gesten zu setzen.
Darum, liebe Brüder und Schwestern, bitte ich Euch um ein besonderes Gebet um Trost für das ukrainische Volk, damit es immer und dennoch spürt, daß der Papst es nicht vergißt, daß der Papst es liebt und der Papst diesem Volk verbunden ist.
Was den ganzen Rest anbelangt, erinnern wir uns, was die Heilige Schrift sagt: ‚Die Gestalt dieser Welt vergeht‘. Die Politik vergeht und die Politiker vergehen, was bleibt, ist nur das Reich Gottes vor uns.“

Soweit die Rede des Apostolischen Nuntius, der faktisch die Ukrainer aufforderte, die Gemeinsame Erklärung von Havanna einfach zu „vergessen“. In dieselbe Richtung ging auch Papst Franziskus, kaum hatte er das Flugzeug bestiegen, das ihn von Kuba nach Mexiko brachte. Er betonte, daß es sich bei der Gemeinsamen Erklärung um einen rein „pastoralen“ Text hnadle, der in jedem Fall „unpolitisch“ sei.

„Eine Minimalisierung, die pünktlich von den Schreibern des päpstlichen Hofes, von Civiltà Cattolica bis Vatican Insider verstärkt wurde“, so Magister.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Youtube (Screenshot)

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11 Comments on Nuntius zu Ukrainern: „Vergeßt die Gemeinsame Erklärung“ zwischen Papst und Moskaus Patriarch

    • Geehrter @Tradition und Glauben,
      Ihr Posting ist mehr als richtig:
      es ist fast helseherisch!
      Heute äussete Bergoglio sich, daß er Verständnis für die Irritationen in der Ukraine hat.
      Pater Lombardi wird es morgen wieder drechseln müssen.
      Tohuwabohu

  1. Papst Franziskus hatte wohl gemerkt, daß mit dem Patriarchen von Moskau und ganz Rußland nicht zu spaßen ist. Bergoglio-Witze kamen bei dem bestimmt nicht an. Der Papst hatte offenbar in dem Patriarchen seinen Meister gefunden, der ihm an Schlauheit und Gewieftheit in nichts nachsteht und dazu aber bodenständig, fast kann man sagen, katholisch, ist. Also etwas, was Papst Franziskus nicht ausstehen kann: bodenständig katholisch.

    Das Treffen hat weltkirchlich gesehen auf jeden Fall die Positionen der orthodoxen Kirchen im allgemeinen zur katholischen Kirche gestärkt. Die geistlichen Defizite von „Papst“ Franziskus können nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden. Mit so ein bißchen Jahrmarkt-Katholizismus kann man die Orthodoxen nicht überzeugen.

    Das Treffen stellt sich als eine Blamage für die Kirche dar- und dann auch noch auf Kuba! Nun ist Moskau gestärkt und mindestens auf Augenhöhe mit Rom (der „Schwanz“ wedelt mit dem „Hund“), wenigsten unter diesem Papst, der alles freiwillig hergibt, alles den „Schweinen“ hinwirft.
    Die Papst-Franziskus-Kirche hat fertig.

  2. Wenn diese Christen sich für was Besonderes halten und eine Extrawurst gebraten haben wollen, dann kommt mir das vor wie die pure Eifersucht und neurotische Ichabwehr. Lassen wer’se weiterschmollen in ihrem Schmolleckchen ? Das „Reich Gottes“, das er da postuliert ist jedoch EINHEIT unter dem Primat Petri. … Herr wirf Hirn ra…..!

    • Das ist doch eine zu relativistische Einstellung, die den Fakten nicht gerecht werden kann. Was soll denn das für eine „Einheit“ sein ? Eine „Einheit“, in der jeder macht, was er will oder was ?

    • Jeanne dArc @ Sie haben eine sehr merkwürdige Einstellung…Herr wirf Hirn.. ! Das sollten Sie auch für sich in Anspruch nehmen. Hier geht es nicht um Eifersucht und Extrawurst, sondern um die Behandlung von nahe stehenden Brüdern. Die unierte griechisch-katholische Kirche hätte in die Gespräche eingebunden werden müssen. So fühlen sie sich mit Recht als außen vor und nicht gleichwertig. Hier fehlt einfach das Fingerspitzengefühl von Franziskus. Aber nach Art von Franziskus spricht er lieber mit dem fernstehenden Patriarchen Kyrill, weil das mehr Rummel und Medienspektakel bringt, als mit den griechisch-katholischen Autoritäten.

      • @Fredius — O sorry ! Dann habe ich da was verwechselt und nehme alles zurück ! Natürlich müssen sie in die Gespräche eingeschlossen werden. Ich hatte das Ganze anders verstanden. Tut mir leid, Entschuldigung !

  3. Ex oriente lux. Kiryll hat der katholischen Kirche wieder die Orientierung auf den wahren Glauben zurückgegeben. Die Westkirche schweigt aus Feigheit und Opportunismus. Es ist ein Aufruf an die frühe Jugend den Staat der 68er Nachzucht zu entreissen und zu einem gottgewollten Staat zurückzufúhren.

    • Patriarch Kirill fungiert als eine Art Korrektor, wlcher in das Religionsgespräch das hohe spirituelle und moralische Ideal der Orthodoxie einzubringen gedenkt; immer wieder betont er in seinen Predigten, Ansprachen und Artikeln die Wichtigkeit von geistigen werten wie Demut, Geduld oder Opferbereitschaft.
      Im Vorfeld des Millenniums hat er, noch als Metropolit v. Smolensk u. Kaliningrad, im Mai 1999 einen in Rußland sehr beachteten Artikel (Obstojatel’stva novogo vremeni. IN: Nezavisimaja GazetaNr. 10, 26. 5. 1999) verfasst worin er argumentiert warum sich seine Kirche trotz bedenklicher Entwicklungen in der Ökumene nicht ganz vom Religionsgespräch verabschieden darf. Einerseits wäre zu befürchten, daß der römische Papst im Verbund mit dem Patriarchen Konstaninopels und dem Weltkirchenrat sowie bestimmter NGOs immer mehr in der öffentlichen Wahrnehmung zu Alleinvertretern der Christenheit stilisiert würden. Dies sei für die russische Kirche kontraproduktiv, denn die russische Kirche habe nicht nur Werte anzubieten sondern sie habe diese auch treulich zu verteidigen und ihnen in der Weltöffentlichkeit einen Rahmen zu geben. Er übt Kritik an diesem Alleinvertretungsanspruch des Westens und seinem Bemühen, die eigenen Maßstäbe für global gültig zu erklären. Darüber hinaus bemängelt er aber auch die Qualität dieser Maßstäbe selbst. Er schreibt in seiner Einleitung: „Diese Maßstäbe haben sich im Westen zur Zeit von Renaissance und Humanismus herausgebildt, welcher sich rasch mit Ideen des Materialismus und des Atheismus verbunden hat. Im Mittelpunkt des Universums der Renaissance hat der gottgleiche Mensch, das Individuum als Maß aller Dinge gestanden. Die christliche Vorstellung von der gefallenen, sündhaften Natur des Menschen ist dagegegen nicht in das Weltbild einbezogen worden, so daß dieser Aspekt im westlichen Denken völlig fehlt. Es wird also von einem Ideenkomplex paganen Ursprungs beherrscht. Auch die moralischen Werte des sich vereinigenden Europas sind offensichtlich auf der Grundlage des westlichen Liberalismus entstanden. Der Westen setzt das Individum , dem alles erlaubt ist als höchste Instanz fest. Dem müssen wir widersprechen. Unsere orthodoxe Zivilisation, die aus einer theozentrischen gesitigen Tradition stammt, hat Gott in den Mittelpunkt des Intereses gestellt. Das was westliche Beobachter als Defizit für die Orthodoxie ausgemacht haben, unsere weitgehende Unberührtheit von den Ideen der Renaissance, des Humanismus und der Aufklärung, ist unser eigentlicher Vorteil.“

  4. Man muß wohl leider festhalten, daß sich die Kirche von der ROK hat über den Tisch ziehen lassen. Wo da in vielen Punkten Übereinstimmung ist, das ist doch eigentlich normal und selbstverständlich. Dazu brauchte es doch dieses Treffens nicht.
    Vor allem der Treffpunkt wirft Fragen und Zweifel auf. Kuba ist seit der Machtübernahme von Fidel Castro ein enger Verbündeter der UdSSR und danach Rußlands, ein nach wie vor atheistisch ausgerichteter Staat, von dem die wenigen verbliebenen Christen einige Brosamen erhalten. Der orthodoxe Patriarch hatte praktisch ein „Heimspiel“. Das hätte nicht sein dürfen.
    Die Motive von Papst Franziskus für gerade eine Begegnung dort sind nicht transparent und nicht nachvollziehbar, außer man zieht in Betracht, daß er deutlich zu linken und marxistischen Positionen neigt.
    Ich befürchte, daß die Ökumene der katholischen Kirche mit den orthodoxen Kirchen nunmehr erschwert ist.

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