Papst Franziskus und Patriarch Kyrill – Gemeinsame Erklärung im Wortlaut

Patriarch Kyrill und Papst Franziskus Havanna
Patriarch Kyrill und Papst Franziskus Havanna


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BEGEGNUNG DES HEILIGEN VATERS
MIT KYRILL, PATRIARCH VON MOSKAU UND GANZ RUSSLAND

UNTERZEICHNUNG DER GEMEINSAMEN ERKLÄRUNG

Internationaler Flughafen „José Martí“ von Havanna – Kuba
Freitag, 12. Februar 2016

[Multimedia]


„Gemeinsame Erklärung“
von Papst Franziskus
und Patriarch Kyrill von Moskau und dem ganzen Rus

„Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ 2 Kor 13,13)

1. Durch den Willen Gottes des Vaters, von dem jede Gabe kommt, im Namen unseres Herrn Jesus Christus und mit dem Beistand des Heiligen Geistes des Trösters haben wir, Papst Franziskus und Kyrill, Patriarch von Moskau und dem ganzen Rus, uns heute in Havanna getroffen. Wir danken Gott, der in der Dreifaltigkeit verherrlicht ist, für diese Begegnung, die erste in der Geschichte.

Mit Freude sind wir als Brüder im christlichen Glauben zusammengekommen, die sich treffen, um persönlich miteinander zu sprechen (vgl. 2 Joh 12), von Herz zu Herz, und die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Kirchen, den wesentlichen Problemen unserer Gläubigen und die Aussichten zur Entwicklung der menschlichen Zivilisation zu erörtern.

2. Unser brüderliches Treffen hat auf Kuba stattgefunden, am Kreuzungspunkt von Nord und Süd sowie von Ost und West. Von dieser Insel, dem Symbol der Hoffnungen der „Neuen Welt“ und der dramatischen Ereignisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts, richten wir unser Wort an alle Völker Lateinamerikas und der anderen Kontinente.

Wir freuen uns, dass der christliche Glaube hier in dynamischer Weise im Wachsen begriffen ist. Das starke religiöse Potential Lateinamerikas, seine jahrhundertealte christliche Tradition, die in der persönlichen Erfahrung von Millionen von Menschen zum Ausdruck kommt, sind die Garantie für eine große Zukunft für diese Region.

3. Da wir uns weit weg von den alten Auseinandersetzungen der „Alten Welt“ treffen, empfinden wir mit besonderem Nachdruck die Notwendigkeit einer gemeinsamen Arbeit zwischen Katholiken und Orthodoxen, die gerufen sind, mit Sanftmut und Respekt der Welt Rede und Antwort zu stehen über die Hoffnung, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15).

4. Wir danken Gott für die Gaben, die wir durch das Kommen seines einzigen Sohnes in die Welt empfangen haben. Wir teilen die gemeinsame geistliche Tradition des ersten Jahrtausends der Christenheit. Die Zeugen dieser Tradition sind die Allerseligste Gottesmutter und Jungfrau Maria und die Heiligen, die wir verehren. Unter ihnen sind ungezählte Märtyrer, die ihre Treue zu Christus bezeugt haben und „Samen der Christen“ geworden sind.

5. Trotz dieser gemeinsamen Tradition der ersten zehn Jahrhunderte sind Katholiken und Orthodoxe seit ungefähr tausend Jahren der Gemeinschaft in der Eucharistie beraubt. Wir sind getrennt durch Wunden, die durch Konflikte in ferner oder naher Vergangenheit hervorgerufen wurden, durch von den Vorfahren ererbte Gegensätze im Verständnis und in der Ausübung unseres Glaubens an Gott, einer in drei Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Wir beklagen den Verlust der Einheit als Folge der menschlichen Schwäche und der Sünde, die trotz des Hohepriesterlichen Gebets Christi, des Erlösers, eingetreten ist: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein“ (Joh 17,21).

6. Im Bewusstsein, dass zahlreiche Hindernisse andauern, hoffen wir, dass unsere Begegnung zur Wiederherstellung dieser von Gott gewollten Einheit, für die Christus gebetet hat, beitragen kann. Möge unser Treffen die Christen in aller Welt inspirieren, Gott mit neuem Eifer um die volle Einheit aller seiner Jünger zu bitten. In einer Welt, die von uns nicht nur Worte, sondern auch konkrete Taten erwartet, möge diese Begegnung ein Zeichen der Hoffnung für alle Menschen guten Willens sein!

7. In unserer Entschlossenheit, alles, was notwendig ist, zu unternehmen, um die uns überkommenen geschichtlichen Gegensätze zu überwinden, wollen wir unsere Bemühungen vereinen, um das Evangelium Christi und das allgemeine Erbe der Kirche des ersten Jahrtausends zu bezeugen und miteinander auf die Herausforderungen der gegenwärtigen Welt zu antworten. Orthodoxe und Katholiken müssen lernen, in Bereichen, wo es möglich und notwendig ist, ein einmütiges Zeugnis für die Wahrheit zu geben. Die menschliche Zivilisation ist in eine Zeit epochalen Wandels eingetreten. Unser christliches Gewissen und unsere pastorale Verantwortung erlauben es uns nicht, angesichts der Herausforderungen, die eine gemeinsame Antwort erfordern, untätig zu bleiben.

8. Unser Augenmerk richtet sich in erster Linie auf die Gebiete in der Welt, wo die Christen Opfer von Verfolgung sind. In vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas werden Familien, Dörfer und ganze Stände unserer Brüder und Schwestern in Christus ausgelöscht. Ihre Kirchen werden verwüstet und barbarisch ausgeplündert, ihre sakralen Gegenstände profaniert, ihre Denkmale zerstört. In Syrien, im Irak und in anderen Ländern des Nahen Ostens stellen wir mit Schmerz eine massenhafte Abwanderung der Christen fest, aus dem Gebiet, in dem sich unser Glaube einst auszubreiten begonnen hat und wo sie seit den Zeiten der Apostel zusammen mit anderen Religionsgemeinschaften gelebt haben.

9. Bitten wir die internationale Gemeinschaft, dringend zu handeln, um einer weiteren Vertreibung der Christen im Nahen Osten zuvorzukommen. Wenn wir die Stimme zur Verteidigung der verfolgten Christen erheben, möchten wir zugleich unser Mitgefühl für die Leiden zum Ausdruck bringen, die die Angehörigen anderer religiöser Traditionen erfahren, welche ihrerseits Opfer von Bürgerkrieg, Chaos und terroristischer Gewalt geworden sind.

10. In Syrien und im Irak hat die Gewalt bereits Tausende von Opfern gefordert sowie Millionen von Menschen obdachlos und ohne Mittel zurückgelassen. Wir rufen die internationale Gemeinschaft auf, sich zu vereinen, um der Gewalt und dem Terrorismus ein Ende zu setzen, und zugleich durch den Dialog zu einer raschen Wiederherstellung des inneren Friedens beizutragen. Es ist entscheidend, eine humanitäre Hilfe in großem Umfang für die gepeinigten Bevölkerungen und für die so vielen Flüchtlinge in den angrenzenden Ländern bereit zu stellen.

Wir bitten alle, die auf das Schicksal der Entführten, unter ihnen die Metropoliten von Aleppo Pavlos und Yohanna Ibrahim, die im April 2013 verschleppt wurden, Einfluss nehmen können, alles zu unternehmen, was für ihre rasche Befreiung nötig ist.

11. Flehen wir in unseren Gebeten zu Christus, dem Erlöser der Welt, um die Wiederherstellung des Friedens im Nahen Osten, der „das Werk der Gerechtigkeit“ (Jes 32,17) ist, auf dass sich das brüderliche Zusammenleben zwischen den verschiedenen Volksgruppen, Kirchen und Religionen dort intensiviere, auf dass die Flüchtlinge in ihre Häuser zurückkehren können, die Verletzten wieder genesen und die Seelen der unschuldig Getöteten die Ewige Ruhe finden.

Einen dringenden Appell richten wir an alle Parteien, die in die Konflikte verwickelt sein können, auf dass sie guten Willen zeigen und sich an den Verhandlungstisch setzen. Zugleich ist es nötig, dass die internationale Gemeinschaft alle möglichen Anstrengungen unternimmt, um dem Terrorismus mit Hilfe von gemeinsamen, vereinten und abgestimmten Aktionen ein Ende zu setzen. Wir rufen alle Länder auf, die in den Kampf gegen den Terrorismus involviert sind, in verantwortungsvoller und umsichtiger Weise zu handeln. Wir ermahnen alle Christen und alle Gottgläubigen, mit Inbrunst den sorgenden Schöpfer der Welt zu bitten, auf dass er seine Schöpfung vor der Vernichtung bewahre und keinen neuen Weltkrieg zulasse. Für einen dauerhaften und zuverlässigen Frieden sind besondere Bemühungen erforderlich, die darauf ausgerichtet sind, die gemeinsamen, uns verbindenden Werte wiederzuentdecken, die im Evangelium unseres Herrn Jesus Christus ihr Fundament haben.

12. Wir verbeugen uns vor dem Martyrium derjenigen, die auf Kosten ihres eigenen Lebens die Wahrheit des Evangeliums bezeugt haben und den Tod der Verleugnung des Glaubens an Christus vorgezogen haben. Wir glauben, dass diese Märtyrer unserer Zeit, die verschiedenen Kirchen angehören, aber im gemeinsamen Leiden geeint sind, ein Unterpfand der Einheit der Christen sind. An euch, die ihr für Christus leidet, richtet sich das Wort des Apostels: „Liebe Brüder! … Freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln“ (1 Petr 4,12-13).

13. In dieser beunruhigenden Zeit ist der interreligiöse Dialog unerlässlich. Die Unterschiede im Verständnis der religiösen Wahrheiten dürfen die Menschen unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen nicht davon abhalten, in Frieden und Eintracht zu leben. Unter den aktuellen Umständen haben die Leiter der Religionsgemeinschaften die besondere Verantwortung, ihre Gläubigen in einem respektvollen Geist gegenüber den Überzeugungen derer, die anderen religiösen Traditionen angehören, zu erziehen. Absolut inakzeptabel sind die Versuche, kriminelle Handlungen mit religiösen Slogans zu rechtfertigen. Kein Verbrechen kann im Namen Gottes begangen werden, „denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens“ (1 Kor 14,33).

14. Indem wir den hohen Wert der Religionsfreiheit bekräftigen, danken wir Gott für die noch nie dagewesene Erneuerung des christlichen Glaubens, die gerade in Russland und in vielen Ländern Osteuropas geschieht, wo über Jahrzehnte hinweg atheistische Regime vorgeherrscht haben. Heute sind die Ketten des militanten Atheismus zerbrochen, und die Christen können an vielen Orten ihren Glauben frei bekennen. In einem Vierteljahrhundert sind Zehntausende von neuen Kirchen gebaut sowie Hunderte von Klöstern und theologischen Schulen eröffnet worden. Die christlichen Gemeinschaften bringen eine wichtige karitative und soziale Aktivität voran, indem sie den Bedürftigen vielfältige Unterstützung bieten. Orthodoxe und Katholiken arbeiten oft Seite an Seite. Sie bestätigen die bestehenden gemeinsamen spirituellen Fundamente des menschlichen Zusammenlebens und bezeugen die Werte des Evangeliums.

15. Gleichzeitig sind wir über die Situation in vielen Ländern besorgt, in denen die Christen immer häufiger mit einer Einschränkung der religiösen Freiheit, des Rechts, die eigenen Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen, und der Möglichkeit, ihnen entsprechend zu leben, konfrontiert sind. Besonders stellen wir fest, dass die Transformation einiger Länder in säkularisierte Gesellschaften, die jedem Bezug zu Gott und seiner Wahrheit fernstehen, eine schwere Bedrohung für die Religionsfreiheit darstellt. Quelle zur Beunruhigung ist für uns die gegenwärtige Beschränkung der Rechte der Christen, wenn nicht gar ihre Diskriminierung, wenn gewisse politische Kräfte, die durch die Ideologie eines oft sehr aggressiven Säkularismus geleitet werden, sie an den Rand des öffentlichen Lebens zu drängen versuchen.

16. Der Prozess der Integration Europas, der nach Jahrhunderten blutiger Konflikte begonnen wurde, ist von vielen mit Hoffnung aufgenommen worden, wie eine Garantie für Frieden und Sicherheit. Wir möchten allerdings dazu einladen, gegenüber einer Integration, die die religiöse Identität nicht achtet, wachsam zu sein. Auch wenn wir für den Beitrag anderer Religionen zu unserer Kultur offen sind, sind wir davon überzeugt, dass Europa seinen christlichen Wurzeln treu bleiben muss. Wir bitten die Christen Ost- und Westeuropas sich im gemeinsamen Zeugnis für Christus und das Evangelium zu vereinen, so dass Europa seine Seele bewahrt, die sich in zweitausend Jahren christlicher Tradition gebildet hat.

17. Unser Blick richtet sich auf die Menschen, die sich in großer Schwierigkeit befinden, die unter Bedingungen extremer Bedürftigkeit und Armut leben, während der materielle Reichtum der Menschheit zunimmt. Wir können nicht gleichgültig gegenüber dem Los von Millionen von Migranten und Flüchtlingen sein, die an die Tür der reichen Länder klopfen. Der zügellose Konsum, wie man ihn in einigen der am meisten entwickelten Länder antrifft, beginnt allmählich die Ressourcen unseres Planeten aufzubrauchen. Die wachsende Ungleichheit in der Verteilung der irdischen Güter erhöht den Eindruck von Ungerechtigkeit im Hinblick auf das sich ausgebildete System der internationalen Beziehungen.

18. Die christlichen Kirchen sind aufgerufen, die Erfordernisse der Gerechtigkeit, den Respekt vor den Traditionen der Völker und eine echte Solidarität mit allen Leidenden zu verteidigen. Wir Christen dürfen nicht vergessen, dass Gott das Törichte in der Welt erwählt hat, um die Weisen zuschanden zu machen. Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott (vgl. 1 Kor 1,27-29).

19. Die Familie ist die natürliche Mitte des menschlichen Lebens und der Gesellschaft. Wir sind über die Krise der Familien in vielen Ländern besorgt. Orthodoxe und Katholiken teilen die gleiche Auffassung über die Familie. Sie sind aufgerufen zu bezeugen, dass sie ein Weg zur Heiligkeit darstellt, der in der Treue der Eheleute in ihren gegenseitigen Beziehungen, in ihrer Offenheit für den Nachwuchs und für die Erziehung der Kinder, in der Solidarität zwischen den Generationen und der Achtung der Schwächsten zum Ausdruck kommt.

20. Die Familie gründet sich auf der Ehe, dem Akt der freien und treuen Liebe eines Mannes und einer Frau. Die Liebe besiegelt ihre Verbindung und lehrt sie, sich gegenseitig als Geschenk anzunehmen. Die Ehe ist eine Schule der Liebe und der Treue. Wir bedauern, dass andere Formen des Zusammenlebens mittlerweile auf die gleiche Stufe dieser Verbindung gestellt werden, während die durch die biblische Tradition geheiligte Auffassung der Vaterschaft und der Mutterschaft als besondere Berufung des Mannes und der Frau in der Ehe aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeschlossen wird.

21. Wir bitten alle, das unveräußerliche Recht auf Leben zu respektieren. Millionen Kindern ist selbst die Möglichkeit versagt, zur Welt zu kommen. Das Blut der ungeborenen Kinder schreit zu Gott (vgl. Gen 4,10).

Die Entwicklung der sogenannten Euthanasie führt dazu, dass die alten Menschen und die Kranken beginnen, sich als eine übermäßige Last für ihre Familien und die Gesellschaft allgemein zu fühlen.

Wir sind auch besorgt über die Entwicklung der technischen Entwicklung der biomedizinischen Fortpflanzung, denn die Manipulierung des menschlichen Lebens ist ein Angriff auf die Grundlagen der Existenz des Menschen, der als Abbild Gottes erschaffen ist. Wir halten es für unsere Pflicht, an die Unveränderlichkeit der christlichen moralischen Grundsätze zu erinnern, die auf der Achtung der Würde des Menschen beruhen, der nach dem Plan Gottes ins Leben gerufen ist.

22. Heute möchten wir uns im Besonderen an die jungen Christen wenden. Ihr liebe Jugendliche, habt die Aufgabe, euer Talent nicht in der Erde zu verstecken (vgl. Mt 25,25), sondern alle Fähigkeiten, die Gott euch geschenkt hat, zu gebrauchen, um in der Welt die Wahrheiten Christi zu bekräftigen und in eurem Leben die im Evangelium verankerten Gebote der Gottes- und der Nächstenliebe zu verkörpern. Habt keine Angst, gegen den Strom zu schwimmen, wenn ihr die Wahrheit Gottes verteidigt, der sich die heutigen weltlichen Normen durchaus nicht immer angleichen.

23. Gott liebt euch und erwartet von jedem von euch, dass ihr seine Jünger und Apostel seid. Seid das Licht der Welt, damit die Menschen in eurer Umgebung eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen (vgl. Mt 5,14.16). Erzieht eure Kinder im christlichen Glauben, gebt die kostbare Perle des Glaubens (vgl. Mt 13,46), die ihr von euren Eltern und euren Vorfahren empfangen habt, an sie weiter. Erinnert euch daran: „Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden“ (1 Kor 6,20), um den Preis des Kreuzestodes des Gottmenschen Jesus Christus.

24. Orthodoxe und Katholiken sind nicht nur durch die gemeinsame Tradition der Kirche des ersten Jahrtausends miteinander verbunden, sondern auch durch die Sendung, das Evangelium Christi in der Welt von heute zu verkünden. Diese Sendung beinhaltet die gegenseitige Achtung für die Mitglieder der christlichen Gemeinschaften und schließt jede Form von Proselytismus aus.

Wir sind nicht Konkurrenten, sondern Geschwister, und von dieser Vorstellung müssen alle unsere wechselseitigen Unternehmungen wie auch die gegenüber der Außenwelt geleitet sein. Wir fordern die Katholiken und die Orthodoxen aller Länder auf zu lernen, in Frieden, in der Liebe und in „Einmütigkeit“ (Röm 15,5) zusammenzuleben. So darf man nicht zulassen, dass unlautere Mittel eingesetzt werden, um die Gläubigen zum Übertritt von einer Kirche zur anderen zu bewegen, und so ihre Religionsfreiheit und ihre Traditionen verneint werden. Wir sind berufen, nach der Regel des Apostels Paulus zu handeln: Ich habe „darauf geachtet, das Evangelium nicht dort zu verkündigen, wo der Name Christi schon bekannt gemacht war, um nicht auf einem fremden Fundament zu bauen“ (Röm 15,20).

25. Wir hoffen, dass unsere Begegnung auch dort zur Versöhnung beitragen möge, wo Spannungen zwischen Griechisch-Katholischen und Orthodoxen bestehen. Heute ist klar, dass die Methode des „Uniatismus“ aus der Vergangenheit, der als Vereinigung einer Gemeinschaft mit der anderen durch ihre Loslösung von ihrer Kirche verstanden wurde, nicht eine Weise ist, die es ermöglicht, die Einheit wiederherzustellen. Dennoch haben die kirchlichen Gemeinschaften, die unter diesen historischen Umständen entstanden sind, das Recht zu existieren und alles zu unternehmen, was notwendig ist, um die geistlichen Ansprüche ihrer Gläubigen zu befriedigen, bei gleichzeitigem Bemühen, mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben. Orthodoxe und Griechisch-Katholische haben es nötig, sich miteinander zu versöhnen und Formen des Zusammenlebens zu finden, die beiderseitig annehmbar sind.

26. Wir bedauern die Auseinandersetzung in der Ukraine, die bereits viele Opfer gefordert, unzählige Verwundungen bei den friedlichen Einwohnern verursacht und die Gesellschaft in eine schwere wirtschaftliche und humanitäre Krise geworfen hat. Wir laden alle Konfliktparteien zur Besonnenheit, zur sozialen Solidarität und zum Handeln ein, um den Frieden aufzubauen. Wir laden unsere Kirchen in der Ukraine ein zu arbeiten, um zur gesellschaftlichen Eintracht zu gelangen, sich einer Beteiligung an der Auseinandersetzung zu enthalten und nicht eine weitere Entwicklung des Konfliktes zu unterstützen.

27. Wir hoffen, dass die Kirchenspaltung unter den orthodoxen Gläubigen in der Ukraine auf der Grundlage der bestehenden kanonischen Regelungen überwunden werden kann, dass alle orthodoxen Christen der Ukraine in Frieden und Eintracht leben und dass die katholischen Gemeinschaften des Landes auch dazu beitragen, so dass unsere christliche Brüderlichkeit immer deutlicher sichtbar wird.

28. In der vielgestaltigen und doch durch eine gemeinsame Bestimmung vereinten Welt von heute sind Katholiken und Orthodoxe berufen, in der Verkündigung der Frohen Botschaft brüderlich zusammenzuarbeiten und gemeinsam die ethische Würde und die authentische Freiheit der Person zu bezeugen, „damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21). Diese Welt, in der die geistigen Grundpfeiler des menschlichen Lebens in zunehmendem Maß verschwinden, erwartet von uns ein starkes christliches Zeugnis in allen Bereichen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens. Von unserer Fähigkeit, in diesen schwierigen Zeiten gemeinsam Zeugnis zu geben für den Geist der Wahrheit, hängt zum großen Teil die Zukunft der Menschheit ab.

29. In diesem kühnen Zeugnis für die Wahrheit Gottes und die Frohe Botschaft möge uns der Gottmensch Jesus Christus, unser Herr und Erlöser, unterstützen, der uns geistig mit seiner untrüglichen Verheißung stärkt: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ (Lk 12,32)!

Christus ist die Quelle von Freude und Hoffnung. Der Glaube an ihn verwandelt das menschliche Leben und erfüllt es mit Sinn. Davon haben sich durch die eigene Erfahrung alle überzeugen können, auf die man die Worte des Apostels Petrus beziehen kann: „Einst wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk; einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden“ (1 Petr 2,10).

30. Erfüllt von Dank für das Geschenk des gegenseitigen Verstehens, das während unserer Begegnung zum Ausdruck kam, schauen wir dankbar auf die Allerseligste Gottesmutter und rufen sie mit den Worten dieses alten Gebetes an: „Unter den Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesmutter“. Möge die selige Jungfrau Maria durch ihre Fürbitte alle, die sie verehren, zur Brüderlichkeit ermutigen, damit sie zur von Gott bestimmten Zeit in Frieden und Eintracht in einem einzigen Gottesvolk vereint seien, zur Ehre der Allerheiligsten und unteilbaren Dreifaltigkeit!

Franziskus
Bischof von Rom
Papst der katholischen Kirche
Kyrill
Patriarch von Moskau
und dem ganzen Rus

12. Februar 2016, Havanna (Kuba)

Bild: Vatican.va/OR (Screenshot)

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18 Comments on Papst Franziskus und Patriarch Kyrill – Gemeinsame Erklärung im Wortlaut

  1. Nur drei kurze Bemerkungen: Das deutliche Bekenntnis zum allein wahren Gott, der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, fällt auf. Dankbar nehme ich es zur Kenntnis ohne unerwähnt zu lassen, dass die Orthodoxie der katholischen Kirche vorwirft, seit der Neuzeit diese Verehrung zu vernachlässigen.
    In der Messe Paul VI. wird die Präfation von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die während des Kirchenjahres die Präfationen an Sonntagen war, nur am Dreifaltigkeitssonntag gebetet.

    • @Thea Nicht zu vergessen das ersatzlose Wegfallen des Opferungs-Gebets „Suscipe Sancta Trinitas…“ in der Messe P. Paul VI.

    • Wie sehr die Verehrung der Heiligsten Dreifaltigkeit in der lateinischen Kirche dem Vergessen anheim gegeben wurde, wird mir immer dann bewusst, wenn ich barocke Kirchen betrete, wo in der Gloriole des Hochaltars stets Gott Vater, Sohn und Geist als Ausgangs- und Zielpunkt allen Glaubens und aller Schöpfung über dem Geschehen am Altar schwebt. Welch theologische Tiefe und Weisheit das Barock in seiner kirchlichen Kunst doch zur Entfaltung brachte und welche bergoglioneske Profanität heute in den Gotteshäusern vorherrscht.

      Bergoglio sah mir auf der Pressekonferenz übrigens ziemlich sauertöpfisch aus. Er nestelte beständig gelangweilt an seinen Fingern herum und machte neben Kyrill wieder einmal eine unglaublich schlechte Figur. Seine Ansprache war an Banalität nicht zu überbieten. Ganz abgesehen davon, dass es oberpeinlich ist, wenn solch geistlichen Führer eine Pressekonferenz abhalten. Hier wird der gemeine Politiker einfach nachgeäfft. Man muss sich als Katholik direkt schämen.

    • Richtig. Und suchen Sie mal einen einigen Hinweis auf die Heilige Dreifaltigkeit im Novus Ordo!

  2. Nachtrag: Ein großer Verehrer der Allerheiligsten Dreifaltigkeit war Erzbischof Marcel Lefebvre. Mehr noch: Er war von diesem Glaubensgeheimnis „durchdrungen.“ Dies sagte Pater Schmidberger FSSPX anlässlich seiner Predigt in der Beisetzungsmesse (von der es eine sehr schöne CD gibt – für Liebhaber/innen der Gregorianik).
    Natürlich beten gläubige Katholiken andächtig das „Ehre sei dem Vater…“
    Doch eine Wahrheit glauben, heißt noch nicht „durchdrungen sein“ von ihr.

    Das Buch „Marcel Lefebvre: Das Geheimnis unseres Herrn Jesus Christus“ legt von diesem „Durchdrungensein“ Zeugnis ab. Eine kleine Kostbarkeit.

    Die Lehre von der Trinität und der hypostatischen Union spielen in der katholischen Universitätstheologie keine Rolle mehr – die meisten Profs sind eh Agnostiker, Pantheisten – oder was immer.

    Aber auch altrituelle Priester scheinen leider die allergrößten Schwierigkeiten zu haben, über diese wichtigsten Glaubenswahrheiten anschaulich predigen zu können. Weil es Generationen von Priestern vor ihnen auch schon nicht mehr konnten.
    Die bedrohliche Kirchenkrise, in der wir uns befinden, lässt sich sicher am Papst und an vielen Bischöfen festmachen. Doch die Ursachen liegen tiefer. Der Ablauf des 2. Vatikanischen Konzils wäre nicht möglich gewesen ohne eine vorkonziliare Fehlentwicklung der Frömmigkeit.

  3. Auch wenn der Eindruck eines „harmonischen Miteinanders“ vermittelt werden soll; gerade bei den an die allerseligste Jungfrau gerichtete Schlussbitte „zur Ehre der Allerheiligsten und unteilbaren Dreifaltigkeit!“ dürfen die theologisch gewichtigen Divergenzen nicht vergessen werden:

    So haben die Ostkirchen aufgrund anderer Auffassung der Erbsündenlehre das Dogma der unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria nicht angenommen.
    Weiter folgt die lateinische Kirche bez. dem „filioQUE“ der Lehre des hl. Augustinus – der im Gegensatz zur falschen sub-ordinierten Auslegung der Ostkirche richtige ko-ordinierte Auslegung –, die besagt, dass die Zeugung des eingeborenen Sohnes Gottes IN EWIGKEIT keine „Zeitreihenfolge“ beim Hervorgehen des Heiligen Geistes zulasse und somit der Heilige Geist vom Vater
    UND
    vom Sohne ausgehe.

    Weitere ostkirchlichen Abirrungen:

    - Christus als Haupt von versch. „Nationalkirchen“
    - die hl. Wandlung als „metabole“; der Leib Christi als „Vereinigung“ mit Brot und Wein
    ( dagegen die wahre katholische Transsubstantations-Lehre
    der völligen Wesensverwandlung in Leib und Blut Christi in nur noch Gestalt von Brot und Wein ! )
    – das Fegefeuer als läuternde Strafe lehnt die Ostkirche ab
    – Die Ehe gilt als nicht unbedingt unauflöslich
    – Das „endgültige Gericht“ sieht die Ostkirche erst nach der Auferstehung
    (röm. katholische Lehre besagt, das besondere – endgültige– Gericht folgt unmittelbar nach dem irdischen Tode)

    • @ defendor
      Ihre Darstellung benötigt m.E. Präzisierungen, Korrekturen und eine Ergänzung.
      Der Ausdruck „Ostkirchen“ ist nicht korrekt, denn die unierten Ostkirchen sind von Ihrer Liste nicht betroffen, nur die Orthodoxie (welche inzwischen eine weltweite, also auch westliche Kirche ist).
      Die katholische Kirche auch vor Vaticanum II hat nie die orthodoxe Eucharistie für ungültig erklärt. Welcher Nutzen liegt also darin, eventuelle Differenzen in theologischen Feinheiten zu betonen bzw. hochzuspielen?
      Wie die römische Kirche unterscheidet die orthodoxe Kirche zwischen dem persönlichem Gericht direkt nach dem Tod (mit endgültigem Urteil) und dem Endgericht. Die nachtodlichen Zustände aber unterscheidet sie in Übereinstimmung mit der Bibel und mit biblischer Terminologie (Hades, Tartarus, Abyssus, Feuersee…). Das kann nicht falsch sein, und wenn man glaubt, dass die römische Lehre wahr ist, dann muss man eben versuchen, sie untereinander abzugleichen. Meines Erachtens gibt es hier keinen unversöhnlichen Widerspruch, wohl auch nicht in der Fegefeuerlehre. Da sich die Orthodoxie in den eschatologischen Fragen nicht dogmatisch festgelegt hat, bestehen zu manchen Fragen auch unterschiedliche theologische Auffassungen.
      Der gravierendste Punkt unter denen, die Sie anführen, erscheint mir die Ehedisziplin. In der Lehre hält die auch Orthodoxie an der Unauflöslichkeit fest, weil diese klar biblisch ist, ein Wort Unseres Herrn Jesus Christus.
      Den wirklichen Hauptunterschied haben Sie erstaunlicherweise diesmal ausgelassen. Die Orthodoxie erkennt nur einen päpstlichen Ehrenprimat an. Nach der römischen Lehre hingegen hat der Papst einen Jurisdiktionsprimat über die ganze Kirche und ist unfehlbar in Dingen der Lehre und der Moral, wenn er ex cathedra spricht. Das erkennt die Orthodoxie bis dato nicht an.

      • Jesus Christus i s t das Haupt der Kirche, auf jeder Ebene: der Pfarrei (Ortsgemeinde), des Bistums, des Patriarchats oder Erzbistums, der weltweiten Kirche. „Nationalkirche“ ist kein orthodoxer theologischer Begriff.

      • Die Orthodoxie hat die unbefleckte Empfängnis nicht dogmatisiert, weil sie so gut wie kein Dogma angenommen hat seit 1054. (Vielleicht mit Ausnahme der Entscheidung im Hesychasmus-Streit, an dem auch der Westen beteiligt war.) Aber wenn die Orthodoxie in unzählbaren Gebeten und Gesängen die hl. Gottesmutter als völlig heilig, rein und ganz unbefleckt preist, warum muss man dann auf diesem Punkt herumhacken, frage ich mich. Dass die römisch-katholische Kirche mehrere hundert Sätze dogmatisierte, ist nicht so selbstverständlich, wie es manchem vielleicht erscheint, und es hat neben Vorteilen auch Nachteile. Als man im vierten Jahrhundert aus der Not häretischer Angriffe heraus anfing, Sätze zu dogmatisieren, war das nicht unumstritten und wurde von Kirchenvätern auch beklagt. Es hat auch Vorteile, Glaubensgeheimnisse einfach mit den von Gottes Offenbarung gebrauchten Begriffen zu benennen, ohne sie in immer mehr und noch mehr Einzelheiten zu zerlegen und aufzugliedern (wie etwa in der Gnadenlehre) und in Sätzen zu formulieren und zu fixieren.

    • @ defendor
      Nennen Sie bitte einen einzigen orthodoxen Theologen aus 2000 Jahren, der jemals von einer „Zeitreihenfolge“ in der Heiligsten Dreifaltigkeit gesprochen hat. Sollten Sie dazu nicht in der Lage sein, sollten Sie Ihre Aussage zurücknehmen, denn auch bei fremden und gegnerischen Positionen haben wir die Pflicht, sie richtig darzustellen, und keine Lizenz für Falschbehauptungen. Alle göttlichen Personen (Hypostasen) sind ewig. Es ist, Entschuldigung, wirklich ein Unsinn, hier von „Zeitreihenfolge“ zu reden, und es ist unverantwortlich, dergleichen in die Welt zusetzen, wenn es ohne Grundlage ist. Bedenken Sie, dass die orthodoxe Trinitätslehre auf den im Westen ebenfalls anerkannten großen kappadozischen Kirchenvätern bzw. sogar Kirchenlehrern und den ökumenischen Konzilien von Nizäa und Konstantinopel gründet.

      • Ein katholischer Prälat, der aus einer alten westfälischen Bauernfamilie stammt und mit dem ich seit 30 Jahren gut bekannt bin, sagte zu dieser Frage einmal: Ob die drei Pferde nebeneinander oder hintereinander oder neben- und hintereinander angespannt sind, ist nicht so wichtig. Hauptsache, sie ziehen die Karre aus dem Dreck.

  4. Zur Information:

    Exkommunikationserklärung vom 1. Mai 2011 über Papst Benedikt XVI. und Papst Johannes Paul II.
    http://vkpatriarhat.org.ua/en/?p=955
    https://youtu.be/zsUzCPJdAtE

    The Spirit of Assisi
    http://vkpatriarhat.org.ua/en/?category_name=the-spirit-of-assisi

    Anathema vom 2. August 2013 gegen Franziskus Bergoglio
    http://vkpatriarhat.org.ua/en/?p=6431
    https://youtu.be/9zpULcK1ZxY

    Apostate Francis
    https://youtu.be/ND157lQv0Ng

    Anathema vom 31. Mai 2015 gegen Patriarch Kyrill von Moskau
    http://vkpatriarhat.org.ua/en/?p=2890

    Apostasy of Patriarch Kyrill
    https://youtu.be/7LCd6zdjbMo

    Anathema vom 25. Dezember 2015 gegen Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel
    http://vkpatriarhat.org.ua/en/?p=12036

  5. Ich stimme € defendor zu, wenn er von einer in Anführungszeichen „Zeitreihenfolge“ innerhalb der Trinität spricht. Tatsächlich hat die Orthodoxie ja das Filioque deshalb abgelehnt und tut es bis heute.
    Ich habe das vielfach in orthodoxer Literatur gelesen, dass man zwar anerkennt, dass der Sohn den Hl. Geist senden kann, aber nicht, dass der Hl. Geist aus dem Sohn regelrecht hervorgeht – ebenso wie aus dem Vater, der der Urgrund ist.

    Wenn man dieses orhtodoxe Konstrukt durchdenkt, landet man zwangsläufig bei einem arianischen Denkmodell, das von Unterordnungen oder „Emanationen“ ausgeht, die als Emanation je eine Schwächung des ursprünglich Guten und Einen bedeuten.

    Die römische Lehre dagegen bleibt streng logisch: Wenn der Sohn Gott IST, muss auch der Hl. Geist aus IHm hervorgehen.

    Das geläufige orthodoxe Bild ist das des Vaters, der rechts und links jeweils eine Person hat, die unabhängig von der anderen aus Ihm hervorgeht bzw. gezeugt wird.

    Da aber der Sohn nicht aus dem Vater „hervorgeht“, sondern regelrecht geboren und gezeugt ist, ist auch hier nach römischer Lehre bereits voll und ganz der Hl. Geist im Spiel, als vinculum armoris, das den Zeugungsvorgang trägt (ähnlich dann später auch die Rolle des Hl. Geistes bei der zweiten Zeugung aus Maria).

    Es ist also in der römischen Dogmatik ein „Hintereinader“ nicht intendiert, auch wenn der Vater der Urgrund ist.

    Unmittelbar damit hängt das Immaculata-Dogma zusammen.

    Der Mensch, der alleine diese allerhöchste Würde, nämlich die Inkarnation des Gottessohns aktiv durch sein „Fiat“ mit zu (er)zeugen, kann unmöglich in irgendeiner Weise je durch die Sünde befleckt worden sein – dieser Mensch hätte sonst sofort sterben müssen, als Gott sich in ihm niederließ.

    Diese Frau musste also selbst bereits unbefleckt, also ohne Erbsünde, empfangen worden sein.
    Es lag eben nicht eine einfache Sündlosigkeit wie etwa bei ihrem „reinsten Bräutigam“ dem Fleisch nach vor. das hätte niemals ausgereicht, um die unaussprechliche Heiligkeit Gottes in einem Menschen wachsen lassen zu können.

    Es mag sein, dass der Westen eine Neigung hat, die Dinge objektiver und logischer zu durchdenken. Ein Fehler ist es sicher nicht, wenn es auch Gefahren birgt.

    Es gibt sicherlich Dinge, die dürfte man schwerlich dogmatisieren, v.a. wenn man sich dabei selbst machtfülle zuschustern will. Selbst wenn man sie hätte, ist es doch gefährlich, sie sich selbst zu definieren…Bischof Ketteler von Mainz schrieb damals sogar, also beim Vt I, in einem Brief, der Hang alles mögliche zu dogmatisieren, sei „vom Bösen“. Es ging hier um das Papstdogma.

    Andererseits, wenn man nicht soviel dogmatisiert, was folgt daraus?
    Die orthodoxe Theologie ist wesentlich vager und schwächer als die westliche, es fehlt ihr an Präzision, und machtansprüche sind damit erst recht nicht gebannt. Der Zerfall der Orthodoxie erinnert an den des Protestantismus, und das kann es auch nicht sein.

  6. @Leo Laemmlein
    Ich benutze die Ostkirchen“ hier natürlich alleine für die nicht unierten Nationalkirchen. Deren pauschale Nennung als „orthodox“ (rechtgläubig?!) ist nicht angebracht.

    Zu Ihren Einwänden einige vertiefende Ergänzungen:

    Bez. des „filioque“; ich habe nicht behauptet, dass die Theologie der Ostkirchen die Wesensgleichheit der Drei Göttlichen Personen bezweifeln.
    Freilich kann durch das Auslassen des filioQUE der irrige Eindruck einer „Zeitreihenfolge“ ( sehen Sie dazu bitte die Auslegung des hl. Augustinus) entstehen. Etwas konkreter:
    das Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel beinhaltete ursprünglich nicht den Zusatz „filioque“.
    Die ursprüngliche Fassung war denn auch ohne diesen Zusatz.
    Dieser Zusatz fand erstmals unter Papst Benedikt VIII. ( gestorben 1024 ) Einzug ins Glaubensbekenntnis und wurde auf dem 4. Laterankonzil 1215 – also nach dem Schisma von 1054 – zu einem Dogma erklärt.

    Die östlichen Kirchenväter hatten eine etwas andere Interpretation der Heiligsten Dreifaltigkeit:
    So etwa der heilige Athanasius, der dessen Wesen als aus dem Vater durch den Sohn im Geist auslegte…den Geist als „per filium“ ( durch den Sohn )
    also eine „sub-ordinierte“ Auslegung.
    Die Ostkirchen legen den Focus nur auf den Ursprung der Drei Göttlichen Personen; den Vater als Ursprung, der Sohn und der Heilige Geist gleichsam als „linker und rechter Arm“.
    Daher ist für sie der Zusatz „filioque“ gleichbedeutend mit einer „zweiten Quelle der Gottheit“, die den Anschein erwecken würde als wäre der Heilige Geist erst durch den Sohn ins Leben gerufen worden.
    „Per filium“ war nun nicht hinreichend gefeit gegenüber der damals aufkommenden arianischen Irrlehre, die vorgeben wollte, dass der Geist eine „Kreatur“ des Sohnes sei ( und dass im Übrigen der Sohn die „erste Kreatur“ sei ?!)
    Das Wort „per“ kann denn so auch immer noch auf eine „Schöpfungsmittlerschaft“ hinweisen.

    Der heilige Augustinus aber hat für die westliche Kirche das Wesen der Heilgsten Dreifaltigkeit so ausgelegt:
    Der Geist von Vater und Sohn geht auch aus diesen beiden hervor: Vom Vater und vom Sohn….also eine „ko-ordinierte“ Auslegung.
    Er verwies auch auf die Geistsendung durch unseren Herrn und Gott Jesus Christus. Die Zeugung des Sohnes ist eine Zeugung in der Ewigkeit.
    Daher ist auch im Hervorgehen des Geistes keine zeitliche Reihenfolge möglich. Der Sohn muss denn auch dabei beteiligt sein.
    Die lateinische Kirche ist denn auch durch den Zusatz „filioque“ dieser Auslegung gefolgt und sieht in diesem auch den Hinweis auf die personale Beziehung der Drei Wesensgleichen Göttlichen Personen zueinander.
    Da der SOHN wesensgleich mit dem VATER ist, ist Er denn auch mitwirkend am Hervorgehen des mit dem VATER und dem SOHNE
    wesensgleichen HEILIGEN GEISTES beteiligt !
    +
    +
    Bez. der Eucharistie:
    Die „Göttliche Liturgie“ ist in der Ostkirche Vergegenwärtigung von Opfer, Kreuz und Heil – die Feier der hl. Eucharistie – wobei die Chrysostomos-Liturgie eine Variante der Göttlichen Liturgie darstellt.
    Somit ist auch schon angedeutet, dass auch die Ostkirchen in der hl. Kommunion die Gegenwart Christi bekennen, allerdings mit einer gewichtigen Einschränkung….sie kennen auch die Verwandlung und nennen die Gestalten von Brot und Wein „kostbarer Leib und kostbares Blut unseres Herrn Jesu Christi“, aber…
    sie lehnen die von der Heiligen Mutter Kirche definierte Transsubstantations-Lehre – also die Wesensverwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi – ab !
    Auch vollzieht sich die Wandlung nicht alleine durch die Wandlungsworte des Priesters sondern durch die gesamte Liturgie.
    Die Ostkirchen kennen also zwar eine wahre Verwandlung – metabole –
    von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi durch die Einsetzungsworte und das Wirken des Heiligen Geistes im eucharistischen Hochgebet – dem anaphora – ABER….bloss im Sinne einer „Vereinigung“ mit Brot und Wein.
    Folgendes sei noch Folgendes nur kurz angerissen….
    auf einer Homepage über die „Orthodoxie“ ist über die hl. Eucharistie zu lesen:
    -
    „In der Eucharistie vollzieht sich nach orthodoxem Glauben die Vereinigung des Gläubigen mit Christus nicht symbolisch und bildlich, sondern wirklich, real und vollständig.
    So wie Christus Brot und Wein durchdringt und sie mit seiner Göttlichkeit erfüllt, so geht er auch in den Menschen ein und erfüllt seinen Leib und seine Seele mit seiner lebensschaffenden Präsenz und göttlichen Energie“
    -
    Es ist die Rede vom „Durchdringen“ von Brot und Wein….und
    „Erfüllen“ von Brot und Wein mit Seiner Göttlichkeit….

    demgegenüber aber z.b. die Aussage des des hl. Franz von Sales, der die Transsubstantations-Lehre der römisch katholischen Kirche in einem Satz prägnant zusammenfasst:
    -
    „In der heiligen Eucharistie werden wir eins mit Gott wie die Speise mit dem Körper.“
    -

    Nach der hl. Wandlung sind denn auch nur noch die
    G e s t a l t
    von Brot und Wein vorhanden und wir empfangen den
    LEIB und das BLUT
    die SEELE und die GOTTHEIT
    unseres HERRN und GOTTES JESUS CHRISTUS !

    Wie zu sehen liegt zwischen „Durchdringen“ / „Erfüllen“ und
    „eins werden“ doch ein beträchtlicher Auffassungs-Unterschied !
    +
    +
    Bez. der Mariologie:
    Grunsätzlich ist zu bemerken, dass die Theologie der Ostkirchen sehr wohl eine Mariologie kennt, diese aber – wie von Ihnen erwähnt – nicht dogmatisch lehrt. So beruht denn aber die Nicht-Annahme Dogmas der unbefleckten Empfängnis insbesondere auch auf der unterschiedlichen Auffassung der Erbsündenlehre !

    Römisch-katholische Lehre:
    Der Sündenfall Adams bewirkt den Verlust der heiligmachenden Gnade und die Neigung zu ungeordneten Leidenschaften durch die Schwächung des freien Willens zum Guten.

    Lehre der Ostkirchen:
    Nicht die Sünde Adams sondern dessen Folge, der Tod, würde auf die Nachkommen vererbt.
    Der freie Wille sei unbeschadet und weiter ungeschwächt zum Guten fähig….
    dieser Auffassung folgend wird auch die Annahme der „Nichtnotwendigkeit“ der unbefleckten Empfängnis Mariäs abgeleitet.
    +
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    Bezüg. dem Fegefeuer:
    Die ostkirchliche Theologie kennt kein strafend-läuterndes Fegefeuer….
    bloss ein nicht genau definierter Zwischenzustand der Toten, für die denn auch gebetet werden soll, ohne dass dabei eine Wirksamkeit definiert wäre.
    +
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    Näheres zum ostkirchlichen Verständnis der Unauflöslichkeit der Ehe in meinem nächsten Beitrag.

  7. @Leo Laemmlein

    Nachfolgend wie erwähnt noch eine Anmerkung bez. der ostkirchlichen Auffassung der „Unauflöslichkeit“ der Ehe.

    Es lohnt sich die Erklärungen einer „griechisch-orthodoxen“ Kirchengemeinde in Deutschland zu Ehescheidung und Wiederverheiratung zu lesen, um diesbezüglich sehr deutlich das in die Ostkirchen eingeflossene Menschengedachte bzw. Menschengemachte herauszulesen und so wohl auch auf den Ursprung der aktuell innerhalb der römisch katholischen Kirche von „zeitgemässen“ Kreisen so inflationär geforderten „neuen Barmherzigkeit“ zu stossen:
    -
    „Zwar stellt das Gebot Jesu zur dauerhaften Bindung zwischen Mann und Frau für alle Eheleute einen idealen Zustand dar – niemand zweifelt daran –, kann aber, genauso wie jedes andere Gebot, u.a. auch aufgrund der Unvollkommenheit des Menschen, die Übertretung und die Sünde, ja sogar die Todsünde und schließlich auch das Scheitern einer Ehe nicht ausschließen. Wo die ideale Situation der Hingebung und der uneigennützigen Liebe nicht mehr vorhanden ist, wird die Gemeinschaft zwischen den Partnern erschüttert. Das führt zur Situation, dass die absolute hingebende und aufopfernde Liebe zur Gleichgültigkeit gegenüber dem Partner, ja manchmal auch zum Hass verwandelt wird. So wird das vorbildhafte, sakramentale Verhältnis zwischen Christus und der Kirche, zwischen dem Bräutigam und der Braut nicht mehr seine Vergegenwärtigung in der Ehe haben. Daher gibt es nicht nur den natürlichen Tod, der die Ehe erschüttert, sondern auch den moralischen. D.h. die Orthodoxe Kirche kennt auch eine Ehescheidung aus mehreren Gründen, mit der Möglichkeit danach für eine Wiederverheiratung durch kirchliche Eheschließung mit sakramentalem Charakter bis zu drei Mal. Es ist bekannt, dass diese Praxis auch in der Frühkirche zugunsten der Menschen festzustellen ist. Das bedeutet also bis heute in der Orthodoxen Kirche, dass ein nach dem orthodoxen Kirchenrecht „legitim“ Geschiedener wieder sakramental-kirchlich heiratsfähig ist:
    a) Wiederherstellung der Ehe von geschiedenen Eheleuten und
    b) Zweite und dritte Eheschließung.
    Aus gegebenem Anlass muss hier festgestellt werden, dass auch diese zweite und dritte kirchliche Eheschließung als Anteilnahme am Mysterium Christi und der Kirche, genauso wie die Erste Ehe Sakrament sind. Natürlich stellt die erste bzw. einzige Eheschließung einen „Idealzustand“ dar. Aber wenn die Kirche Nachsicht übt (Oikonomia) auch für die Schwächeren bzw. die schuldlos Gescheiterten, und das tut sie mit der Erlaubnis der zweiten und dritten Eheschließung, dann gibt sie eben diesen reumütigen Gläubigen die neue Möglichkeit, an der göttlichen Gnade durch das Sakrament der Ehe teilzuhaben, wenn auch mit weniger Glanz im Ritus und später, nach einer gewissen Bußzeit, auch am Sakrament der hl. Eucharistie durch den Empfang der hl. Kommunion teilzunehmen. Die Sünde wird von der Kirche immer bekämpft und verurteilt, der Sünder jedoch immer barmherzig und hilfsbereit behandelt, weil Gott selbst allen Sündern gegenüber barmherzig und nachsichtig ist. Die Gebete der zweiten und dritten Eheschließung sind Zeugnisse von großartiger Barmherzigkeit, jedoch innerhalb des sakramentalen Lebens im therapeutischen Sinn.“
    -

  8. @ defendor
    Danke für Ihre zusätzlichen Erläuterungen.
    Bei den Dogmen ist nicht der unwichtigste, aber heute oft vernachlässigte Aspekt, welche Auswirkung sie auf das christliche Leben haben, worauf es doch letztlich ankommt.
    Weil in der katholischen Kirche vieles in der Glaubens- und Sittenlehre präzis festgelegt ist, kann man Abweichungen relativ rasch und leicht erkennen. Wenn die Praxis fast der ganzen Kirche dazu in schreienden Widerspruch gerät, ist das Resultat Lüge, Heuchelei, Doppelmoral…
    Ich denke zum Beispiel an die Schwangerschaftsverhütung. Nur eine Minderheit von Katholiken hält sich ja daran. Und die Hirten und Oberhirten tun so, als wäre das überhaupt kein Thema.
    In der Orthodoxie gibt es dazu m.W. keine autoritative Regelung, wohl auch nicht die Unterscheidung zwischen künstlich und nichtkünstlich. Die Theologen äußern sich zu dem Thema auch recht unterschiedlich und vielfältig. Die Nichtverwendung von Antikonzeptiva wird von vielen durchaus als vorbildlich und als asketisches Ideal anerkannt, aber man ist nachsichtig gegen ihre Verwendung. Und so geht es auch in anderen Dingen. Das asketische Ideal ist hoch angesiedelt, auf dem Niveau von „Klassikern“ wie der „Leiter zum Paradiese“ des hl. Johannes Klimakos (7. Jh.), das im Osten noch immer weit verbreitet ist, der Philokalia, ua. Die Mönche eifern nach dem Ideal berufungsmäßig, und sollten darin Vorbild sein, und manche Laien nehmen sich Mönche zum Vorbild, halten mit ihnen Verbindung, holen sich bei ihnen Rat und Gebetsunterstützung… Daneben gibt es dann eben auch die Laxheit wie in allen Kirchen.
    Die Revolution in der römisch-katholischen Kirche in den 60er Jahren ist vielleicht das einschneidendste Ereignis in der Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den größten, und zwar schlimmsten Auswirkungen auf die Menschheit. Man kann das, was da im Vaticanum 2 und den darauffolgenden „Reformen“ geschehen ist, in seiner Bedeutung kaum überschätzen.

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