Papst Franziskus: Seine Rede in der Synagoge von Rom

Papst Franziskus besuchte am 17. Januar 2016 die Hauptsynagoge von Rom (links: Oberrabbiner Riccardo Di Segni, Mitte: Kardinal Walter Kasper)
Papst Franziskus besuchte am 17. Januar 2016 die Hauptsynagoge von Rom (links: Oberrabbiner Riccardo Di Segni, Mitte: Kardinal Walter Kasper)

Besuch der Synagoge von Rom

Ansprache des Heiligen Vaters Franziskus
an die jüdische Gemeinschaft

Sonntag, 17. Januar 2016

 

Liebe Brüder und Schwestern,

ich bin froh, heute mit Euch in diesem Haupttempel zu sein. Ich danke Dr. Di Segni, Frau Dr. Dureghello und Rechtsanwalt Gattegna für ihre höflichen Worte und danke Euch allen für die warmherzige Aufnahme, Danke! Todà rabbà!

Bei meinem ersten Besuch in dieser Synagoge als Bischof von Rom wünsche ich Euch und allen jüdischen Gemeinschaften, den brüderlichen Friedensgruß dieser Kirche und der ganzen katholischen Kirche auszudrücken.

Unsere Beziehungen liegen mir sehr am Herzen. Bereits in Buenos Aires war es üblich, daß ich in die Synagogen ging, um die dort versammelten Gemeinschaften zu treffen, aus der Nähe ihren Festen und jüdischen Gedenktagen zu folgen und dem Herrn zu danken, der uns das Leben schenkt und uns auf dem Weg durch die Geschichte begleitet. Im Laufe der Zeit ist eine spirituelle Verbindung entstanden, die das Entstehen authentischer Beziehungen der Freundschaft begünstigt hat und auch einen gemeinsamen Einsatz inspiriert hat. Im interreligiösen Dialog ist es grundlegend, daß wir uns vor unserem Schöpfer als Brüder und Schwestern begegnen und Ihm Lob erweisen, daß wir uns respektieren und gegenseitig schätzen und versuchen, zusammenzuarbeiten. Und im jüdisch-christlichen Dialog gibt es eine einzigartige und besondere Bindung aufgrund der jüdischen Wurzeln des Christentums: Juden und Christen haben sich als Brüder zu fühlen, vereint durch denselben Gott und durch ein reiches, gemeinsames geistliches Erbe (Nostra aetate, 4), auf das es sich zu gründen gilt und die weitere Zukunft aufzubauen gilt.

Papst Franziskus beim Besuch der Hauptsynagoge von Rom, 17. Januar 2016
Papst Franziskus beim Besuch der Hauptsynagoge von Rom, 17. Januar 2016

Mit diesem meinem Besuch folge ich den Spuren meiner Vorgänger. Papst Johannes Paul II. kam vor 30 Jahren hierher, am 13. April 1986; und Benedikt XVI. war vor inzwischen sechs Jahren unter Euch. Johannes Paul II. prägte bei jener Gelegenheit den schönen Ausdruck „ältere Brüder“, und tatsächlich seid Ihr unsere älteren Brüder und Schwestern im Glauben. Wir alle gehören zu einer einzigen Familie, der Familie Gottes, der uns begleitet und beschützt als sein Volk. Gemeinsam, als Juden und als Katholiken, sind wir gerufen, unsere Verantwortung für diese Stadt zu tragen, indem wir unseren Beitrag leisten, vor allem einen geistlichen, und die Lösung der verschiedenen aktuellen Probleme fördern. Ich wünsche mir, daß die Nähe, das gegenseitige Kennen und die Wertschätzung zwischen unseren beiden Glaubensgemeinschaften immer mehr wachse. Deshalb ist es von Bedeutung, daß ich gerade heute zu Euch gekommen bin, am 17. Januar, dem Tag, an dem die Italienische Bischofskonferenz den „Tag des Dialogs zwischen Katholiken und Juden“ begeht.

Papst Franziskus beim Besuch der Hauptsynagoge von Rom, 17. Januar 2016
Papst Franziskus beim Besuch der Hauptsynagoge von Rom, 17. Januar 2016

Wir haben vor kurzem des 50. Jahrestages der Erklärung Nostra aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils gedacht, der einen systematischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum möglich gemacht hat. Am vergangenen 28. Oktober konnte ich auf dem Petersplatz auch eine große Zahl jüdischer Vertreter begrüßen und ich habe mich so ausgedrückt: „Eine besondere Dankbarkeit gegenüber Gott verdient die wirkliche Verwandlung, die in diesen 50 Jahren die Beziehung zwischen Christen und Juden gehabt hat. Gleichgültigkeit und Gegensatz haben sich in Zusammenarbeit und Wohlwollen verwandelt. Von Feinden und Fremden sind wir zu Freunden und Brüdern geworden. Das Konzil hat mit der Erklärung Nostra aetate den Weg vorgegeben: „Ja“ zur Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums; „Nein“ zu jeder Form des Antisemitismus und Verurteilung von jeder Beleidigung, Diskriminierung und Verfolgung die daraus folgen“. Nostra aetate hat zum ersten Mal die Beziehungen der katholischen Kirche mit dem Judentum auf ausdrückliche Weise theologisch definiert. Es hat natürlich nicht alle theologischen Fragen, die uns betreffen, gelöst, aber es hat dazu ermutigt, indem es einen sehr wichtigen Anstoß zu weiteren, notwendigen Überlegungen gab. Diesbezüglich hat die Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum am 10. Dezember 2015 ein neues Dokument veröffentlicht, das die theologischen Fragen behandelt, die in den Jahrzehnten seit der Promulgation von Nostra aetate aufgetreten sind. In der Tat verdient es die theologische Dimension des jüdisch-christlichen Dialogs, immer mehr vertieft zu werden und ich wünsche alle jene zu ermutigen, die in diesem Dialog engagiert sind, in diesem Sinne fortzufahren mit Einsicht und Ausdauer. Gerade aus theologischer Sicht zeigt sich deutlich die unzertrennliche Bindung, die Christen und Juden vereint. Die Christen, um sich selbst zu verstehen, können nicht anders, als sich auf die jüdischen Wurzeln zu beziehen, und die Kirche erkennt, obwohl sie das Heil durch den Glauben an Christus bekennnt, die Unwiderruflichkeit des Alten Bundes und der beständigen und treuen Liebe Gottes für Israel.

Papst Franziskus beim Besuch der Hauptsynagoge von Rom, 17. Januar 2016
Papst Franziskus beim Besuch der Hauptsynagoge von Rom, 17. Januar 2016

Zusammen mit den theologischen Fragen dürfen wir die großen Herausforderungen nicht aus dem Blick verlieren, denen die Welt von heute gegenübersteht. Jene einer integralen Ökologie hat inzwischen Priorität, und als Christen und Juden können und müssen wir der gesamten Menschheit die Botschaft der Bibel zur Bewahrung der Schöpfung vermitteln. Konflikte, Kriege, Gewalt und Ungerechtigkeit öffnen tiefe Wunden in der Menschheit und rufen uns, den Einsatz für den Frieden und die Gerechtigkeit zu verstärken. Die Gewalt des Menschen über den Menschen steht im Widerspruch mit jeder Religion, die dieses Namens würdig ist, und besonders mit den drei großen monotheistischen Religionen. Das Leben ist heilig, da ein Geschenk Gottes. Das Fünfte Gebot des Dekalogs sagt: „Nicht töten“ (Ex 20,13). Gott ist der Gott des Lebens und will es immer fördern und verteidigen; und wir, geschaffen nach seinem Bild und Ebenbild sind gehalten, es ebenso zu tun. Jedes menschliche Wesen, da Geschöpf Gottes, ist unser Bruder, unabhängig von seiner Herkunft oder seiner religiösen Zugehörigkeit. Jeder Mensch ist mit Wohlwollen zu betrachten, so wie Gott es tut, der seine barmherzige Hand allen entgegenstreckt, unabhängig von ihrem Glauben und ihrer Herkunft, und der sich jener annimmt, die Ihn am meisten brauchen: die Armen, die Kranken, die Ausgegrenzten, die Wehrlosen. Dort, wo das Leben in Gefahr ist, sind wir noch mehr gerufen, es zu beschützen. Weder die Gewalt noch der Tod werden je das letzte Wort vor Gott haben, der der Gott der Liebe und des Lebens ist. Wir müssen mit Beharrlichkeit zu ihm beten, damit er uns hilft, in Europa, im Heiligen Land, im Nahen Osten, in Afrika und in allen anderen Teilen der Welt die Logik des Friedens, der Versöhnung, der Vergebung, des Lebens zu praktizieren.

Papst Franziskus beim Besuch der Hauptsynagoge von Rom, 17. Januar 2016
Papst Franziskus beim Besuch der Hauptsynagoge von Rom, 17. Januar 2016

Das jüdische Volk mußte in seiner Geschichte die Gewalt und die Verfolgung erleben bis zur Vernichtung der europäischen Juden während der Shoah. Sechs Millionen Menschen wurden nur wegen ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volk Opfer der unmenschlichsten Barbarei, die im Namen einer Ideologie Gott durch den Menschen ersetzen wollte. Am 16. Oktober 1943 wurden mehr als tausend Männer, Frauen und Kinder der jüdischen Gemeinde von Rom nach Auschwitz deportiert. Heute will ich auf besondere Weise mit dem Herzen an sie erinnern: ihre Leiden, ihre Ängste, ihre Tränen dürfen nie vergessen werden. Und die Vergangenheit muß uns eine Lehre für die Gegenwart und die Zukunft sein. Die Shoah lehrt uns, daß es immer höchste Wachsamkeit braucht, um rechtzeitig zur Verteidigung der Menschenwürde und des Friedens einzugreifen. Ich möchte meine Nähe mit jedem noch lebenden Zeugen der Shoah bekunden; und richte meinen Gruß besonders an Euch, die Ihr hier anwesend seid.

Liebe ältere Brüder, wir müssen wirklich dankbar für alles sein, was in den vergangenen 50 Jahren verwirklicht werden konnte, weil zwischen uns das gegenseitige Verständnis gewachsen ist und vertieft wurde, das wechselseitige Vertrauen und Freundschaft. Bitten wir gemeinsam den Herrn, damit er unseren Weg in eine gute, bessere Zukunft führt. Gott hat für uns Pläne des Heils, wie der Prophet Jeremia sagt: „Ich kenn die Pläne, die ich für euch bereitet habe, Spruch des Herrn, Pläne des Friedens und nicht des Unheils, um euch eine Zukunft voll Hoffnung zu gewähren“ (Jer 29,11). Der Herr segne und behüte uns. Er lasse sein Antlitz über uns leuchten und schenke uns seine Gnade. Wende dein Angesicht uns zu und schenke uns Frieden (vgl. Num 6,24-26). Shalom alechem!

Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: vatican.va/Osservatore Romano (Screenshots)

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Katharina

„Die Gewalt des Menschen über den Menschen steht im Widerspruch mit jeder Religion, die dieses Namens würdig ist, und besonders mit den drei(!!!) großen monotheistischen Religionen“.

Dieser Satz entwertet die gesamte Rede: Der Islam kennt kein Tötungsverbot gegenüber den Nichtmuslimen. Juden und Christen sind Dhimmis, Menschen zweiter Klasse, die man quälen, vertreiben und töten darf.

fredius

Katharina @ Sie haben recht, wie kann ein Papst der römischen Kirche so lapidar
von drei monotheistischen Religionen reden. Der christliche Glaube lehrt den
dreieinigen Gott, an die selbst die Juden nicht glauben, nicht glauben können
ohne ihre Identität aufzugeben. Franziskus ist von Natur aus ein Verwirrer und
Vorarbeiter einer Weltreligion ohne Gott.

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