Die Evangelische Perle – Die große niederländische Mystica Reynalda van Eymeren (1463–1540)

Frömmigkeitsmystik des 15./16 .Jahrhunderts

Von Amand Timmermans1

Von den Medien kaum wahrgenommen, jährte sich 2013 der 550. Geburtstag von Reynalda (auch Theodorica oder Deriksen) van Eymeren.

Das fehlende Medieninteresse ist insoweit bemerkenswert, als die „Herbstzeit des Mittelalters“ (Johan Huizinga) eine kulturelle Blütezeit für die Niederlanden war und in unserer modernen Zeit gerade in den Niederlanden die Emanzipierung des weiblichen Geschlechts mit viel Engagement vorgetrieben wird, auch und mit besonderem Interesse für große und wichtige Frauen.

1463 wurde Reynalda van Eymeren in Arnheim in einer vornehmen Patrizierfamilie geboren. Sie bekam eine, für damalige Normen, für Mädchen sicher hervorragende Ausbildung mit Musik, Arithmetik, und Latein.

Mit 18 Jahren trat sie in das St. Agnetenfrauenkloster in ihrer Geburtsstadt ein: damals ein bekanntes Zentrum der Devotio moderna, jener berühmten spirituellen Bewegung in den Niederlanden des Spätmittelalters.

Die gelehrten und frommen Frauen lasen intensiv die wichtigen Autoren der „neuen Frömmigkeit“ wie Jan Brinckerinck, Thomas Hemerken (a Kempis), Dionysius der Kartäuser und Gerlach Peters, und studierten die Kirchenväter und die berühmten niederländischen und rheinischen Mystiker und Mystikerinnen wie Jan van Ruusbroec, die Begine Hadewijch, Beatrijs van Nazareth, Johann Tauler, Meister Eckardt und Heinrich Seuse (Suso).

Tiefe persönliche Frömmigkeit, mystische Erleuchtung, strenges Fasten und höchstes Respekt für das Allerheiligste.
Tiefe persönliche Frömmigkeit, mystische Erleuchtung, strenges Fasten und höchster Respekt für das Allerheiligste.

Reynalda van Eymeren wurde Anfang des 16. Jahrhunderts rasch zur zentralen Figur der zweiten Blüte der mystischen Frauenbewegung der Niederlanden.

Tiefe persönliche Frömmigkeit, mystische Erleuchtung, strenges Fasten (Reynalda aß 18 Jahre lang weder Fleisch noch Fisch) und höchster Respekt für das Allerheiligste Sakrament (sie ging, außerordentlich für die damalige Zeit, dreimal wöchentlich zur Kommunion) kennzeichneten ihre Person.

Zusammen mit dem Frauenkreis um Maria van Hout (gest. 1547), der Beginenkommunität von Oisterwijk (Nordbrabant) mit Claes van Esch (1507–1578) und der berühmten Kartause von Köln (Petrus Blomevenna) bildete sich ein Kreis von tiefem, fruchtbaren, spirituellen Leben, von großem theologischen Tiefgang und mit größtem Ansehen bei der Bevölkerung – später von eminenter Wichtigkeit bei der frühen Gegenreformation.

1535 erschien in Utrecht anonym das Büchlein „Die Evangelische Peerle“ (Perle), eine Anthologie der mystischen Schriften einer „frommen Frau“, herausgegeben durch den Kölner Kartäuser Derick Loher (1495–1554).

Das kleine Büchlein, postkartengroß und knapp 3,5 cm dick, wurde sofort ein Bestseller.

Es folgten rasch neue Drucke, auch mit Erweiterungen, u.a. in Antwerpen (bis 1629 11 Ausgaben auf Niederländisch), 1545 lateinisch in Köln (insgesamt 3), auf Französisch (ab 1602 drei Ausgaben), auf Deutsch (ab 1676 12 Ausgaben).

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Neben der Nachfolge Christi von Thomas a Kempis wurde dieses Büchlein zum populärsten Werk der Frömmigkeitsmystik in Westeuropa und Nordamerika.

Es begleitete die schottische Königin Maria Stuart (1542–1587), den Hl. Franz von Sales (1567–1610), den französischen Kardinal und Beschützer der Maurinermönche Pierre de Bérulle (1575–1629), den schlesischen Mystiker Angelus Silesius (1624–1677) ebenso wie den großen deutschen pietistischen Dichter und Mystiker Gerhard Tersteegen (1697–1769).

Sehr bemerkenswert ist, daß der Erfolg dieses Büchlein nicht konfessionell und nicht national beschränkt war: das Büchlein wurde gelesen bei Beginen und Nonnen, in Abteien und Klöstern, bei Priestern und Brüdern, Säkularen und Regulierten, bei Arm und Reich, bei Hoch und Nieder, bei Katholiken, Kalvinisten, Wiedertäufern und Lutheranern, in Europa und in Nordamerika.

Die Autorenschaft von„Die Evangelische Peerle“ war lange unbekannt. Der Herausgeber Loher sprach nur sehr allgemein von einer „frommen alten Frau“.

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist Reynalda van Eymeren die Autorin der „Evangelische Peerle“. Das kleine Werk stammt mit Sicherheit aus ihrer Umgebung. Die Sprache ist äußerst ähnlich mit jener des Büchleins „Van den Tempel onser Sielen“ (Vom Tempel unserer Seele) von Reynalda. Auch die behandelten Themen sind sehr verwandt.

Sehr eindrucksvoll ist die direkte Sprache, womit Reynalda van Eymeren ihre eigene Erfahrungen und Entdeckungen mitteilt.

„Wer Gott will suchen und finden, muß Ihn suchen in sich selber, im Innersten seiner eigenen Seele. Da ist das Bild Gottes zu finden.“

Wenn der Mensch dann den inneren Kern seines Daseins entdeckt hat und darin Gott selbst erkannt hat, kommt es zu einer Intimität, die sich nur skizzenhaft in Worten beschreiben läßt.

Reynalda stammelt und ist doch voller Wagemut und sehr findig, wenn sie versucht, die Einheit zwischen Gott und dem Menschen zu verworten.

In ihrem Glaubensleben steht Christus ganz zentral und äußerst konkret.

St. Agnetenkloster von Arnheim
St. Agnetenkloster von Arnheim, in dem Reynalda van Eymeren lebte

Echte Mystik ist in ihren Augen das Gegenteil von Scheinheiligkeit.

Es ist keine fromme Faulheit, keine faule Frömmigkeit.

Sie „liebt die Blüten der Obstbäume, aber zuallererst wegen der folgenden Früchten“.

Insgesamt ist es ein Glaubenserleben mit Vereinigung von Tat und Kontemplation.

Reynalda van Eymeren war äußerst bescheiden.

Die Autorenschaft der „Evangelischen Peerle“ hat sie niemals beansprucht.

Ganz klar dagegen sind die familiären Verhältnisse von Reynalda: Sie war die Tante von Wendel van den Bergh, der liebevollen, tieffrommen und für dessen späteren Werdegang so wichtigen Stiefmutter von Petrus Kanis (alias Canisius).

Der Hl. Petrus Canisius bekam seinen Ruf bei den Kartäusern von Köln (Blomevenna) und war stark befreundet mit den beiden Brüdern Loher.

Canisius‘ Werdegang und Spiritualität ist aufs Engste verbunden mit der zweiten Blütephase der Devotio moderna und der mystischen Frauenbewegung in Utrecht und Gelderland.

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Canisius setzte sich gewaltig ein, um die Evangelische Peerle zu bewerben und zu verbreiten. Sie wurde eines der wichtigsten Werke der Volksfrömmigkeit in den „Niedrigen Ländern bei der See“ mit nahtlosem Übergang vom Spätmittelalter in die Barockzeit.

Gerade da ist wohl die Ursache für das fehlende Interesse für Reynalda van Eymeren und ihren Werken zu suchen (es war vor dreißig Jahren in der Tat größer).

Sie paßt einfach nicht in diese turbulenten Zeiten von religiösen Wirren, breitem Glaubensabfall und dem Verlust an geistlicher Substanz, von inzwischen weit fortgeschrittener Entchristlichung und Adaptierung am oberflächlichen Mainstream, und zu gleicher Zeit von wild propagiertem Gender und plattem Feminismus.

Das gilt nicht nur für ihre Büchlein und ihre eigene Person, sondern auch durch ihre familiäre Verbindung mit dem Hl. Petrus Canisius, dem zweiten Apostel Deutschlands, und damit auch mit der bei vielen Modernisten ungeliebten Gegenreformation.

Die Moderne ist nicht ohne Grund der Qualität und der pietas ancestrorum abhold.

Es ist wohl die Ironie der Geschichte, daß gerade jetzt die wichtigste Frau der zweiten Blütezeit der niederländischen Mystik in ihrer Heimat und, traurig genug, in römisch-katholischen Kreisen fast komplett vergessen ist.

„Die evangelische Perle“ ist zuletzt 1990 in heutigem Deutsch durch Klaus Dahme herausgegeben worden (Otto Müller Verlag, Salzburg), aber nur mehr antiquarisch zu erwerben.

Text: Amand Timmermans
Bild: Hl. Brigitta von Schweden (1496), es ist keine Darstellung von Reynalda van Eymeren überliefert: Wikicommons/Arnym (Screenshot)

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  1. Diese Artikel basiert auf einer überarbeiteten, verkürzten und veränderten Übersetzung des Artikels „Reynalda van Eymeren“ v. Paul Begheyn SJ in: Biografisch Woordenboek Gelderland Dl.2 („Bekende en onbekende mannen en vrouwen uit de Gelderse geschiedenis) Red. Dr. J.A.E.Kuys et al., Verloren Hilversum 2000 , S.28-30 []

4 Comments

  1. Herzlichen Dank für diesen Bericht. Obwohl ich selber Niederländerin bin, kannte ich Reynalda van Eymeren noch nicht!

  2. Danke für den interessanten Artikel, auch wenn ich keine Niederländerin bin, besser gesagt: deshalb erst recht! Kannte die Mystikerin nicht, werde sie lesen.

  3. Herzlichen Dankfür diesen Artikel!
    Ich kannte Reynalda van Eymeren noch nicht und freue mich wirklich sehr, dass Sie uns über sie informieren.
    Es wäre schön, wenn ein (katholischer) Verlag, vielleicht Sarto, eine Neuauflage der „Evangelischen Perle“ rausbringen könnte. 🙂
    Gottes Segen,
    Inge Arft

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