„Zwölf Tugenden der Barmherzigkeit“ – Papst Franziskus an die Römische Kurie

Weihnachtsbotschaft von Papst Franziskus an die Römische Botschaft: Zwölf Tugenden der Barmherzigkeit
Weihnachtsbotschaft von Papst Franziskus an die Römische Botschaft: Zwölf Tugenden der Barmherzigkeit

(Rom) Beim Weihnachtsempfang vor einem Jahr verabreichte Papst Franziskus seinen Mitarbeitern an der Römischen Kurie eine regelrechte Kopfwäsche. 15 „Krankheiten“ hielt er seinem Mitarbeiterstab vor. Seither rumorte es im Vatikan. Die Motivation sei erheblich gesunken, berichteten aufmerksame Beobachter.
Beim Weihnachtsempfang 2015 folgte erneut eine Auflistung, diesmal benannte der Papst jedoch „zwölf Tugenden der Barmherzigkeit“ und schmeichelte zum Abschluß progressiven Kirchenkreisen. Er zitierte ein „wunderschönes Gebet“, das Oscar Arnulfo Romero (1917-1980) zugeschrieben werde, jedoch „erstmals von Kardinal John Daerden gesprochen wurde“, so der Papst.
Kardinal Daerden (1907-1988) war seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine der führenden progressiven Stimmen in den USA. Erzbischof Romero wurde am 23. Mai 2015 seliggesprochen. In Europa wurde er vor allem als politische Ikone rezipiert.

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WEIHNACHTSEMPFANG FÜR DIE RÖMISCHE KURIE
ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Clementina-Saal
Montag, 21. Dezember 2015

Liebe Brüder und Schwestern,

ich bitte euch um Entschuldigung, dass ich nicht stehend spreche, aber seit einigen Tagen bin ich unter dem Einfluss einer Grippe und fühle mich nicht sehr stark. Mit eurer Erlaubnis werde ich also im Sitzen sprechen.

Mit Freude drücke ich euch meine herzlichsten Glückwünsche für ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein frohes neues Jahr aus, in die ich auch alle Mitarbeiter, die Päpstlichen Vertreter und besonders diejenigen einbeziehe, die in diesem Jahr wegen Erreichen der Altersgrenze ihren Dienst beendet haben. Denken wir auch an die Menschen, die vor das Angesicht Gottes gerufen wurden. Euch allen und euren Angehörigen gelten mein Gedenken und mein Dank.

In meiner ersten Begegnung mit euch im Jahr 2013 habe ich zwei wichtige und voneinander untrennbare Aspekte der Kurienarbeit hervorheben wollen: Professionalität und Dienst und dabei als nachzuahmendes Vorbild auf die Gestalt des heiligen Josefs verwiesen. Im vergangenen Jahr haben wir uns hingegen in Vorbereitung auf das Sakrament der Versöhnung mit einigen Versuchungen und „Krankheiten“ auseinandergesetzt – dem „Katalog der Kurienkrankheiten“; heute sollte ich dagegen von den „kurialen Antibiotika“ sprechen – Krankheiten, die jeden Christen, jede Kurie, Gemeinschaft, Kongregation, Pfarrei und kirchliche Bewegung befallen könnten. Krankheiten, die Vorbeugung, Überwachung, Pflege und in einigen Fällen leider schmerzhafte und langwierige Eingriffe erfordern.

Einige dieser Krankheiten sind im Laufe dieses Jahres aufgetreten; sie haben dem gesamten Leib nicht unerhebliche Schmerzen zugefügt und viele Menschen innerlich verletzt – auch durch den Skandal…

Ich halte es für meine Pflicht zu bekräftigen, dass dies ein Anlass zu aufrichtigen Überlegungen und entscheidenden Maßnahmen war und weiter sein wird. Die Reform wird mit Entschlossenheit, klarem Verstand und Tatkraft fortgeführt werden, denn Ecclesia semper reformanda.

Dennoch können die Krankheiten und sogar die Skandale nicht die Effizienz der Dienste überdecken, welche die Römische Kurie mühevoll mit Verantwortung, Engagement und Hingabe für den Papst und die ganze Kirche leistet, und das ist ein wirklicher Trost. Der heilige Ignatius lehrte, dass es „dem bösen Geist eigen [ist], Gewissensängste zu erregen, traurig zu stimmen und Hindernisse zu legen, indem er mit falschen Gründen beunruhigt, damit man nicht weiter voranschreite. Dagegen ist es dem guten Geist eigen, Mut und Kraft, Tröstungen und Tränen, Eingebungen und Gelassenheit zu schenken, indem er alle Hindernisse leicht macht und weghebt, damit man auf dem Weg des Guten weiter fortschreite.“1

Es wäre eine große Ungerechtigkeit, gegenüber all den anständigen und gewissenhaften Personen, die in der Kurie mit uneingeschränktem Einsatz, mit Ergebenheit, Treue und Professionalität arbeiten, nicht einen tief empfundenen Dank und eine gebührende Ermutigung zum Ausdruck zu bringen – sie schenken der Kirche und dem Nachfolger Petri den Trost ihrer Solidarität und ihres Gehorsams, ganz zu schweigen von ihren großherzigen Gebeten.

Überdies sind die Widerstände, die Mühen und das Fallen der Menschen und der Amtsträger auch Lektionen und Chancen zum Wachsen und niemals Anlass zur Entmutigung. Sie sind Gelegenheiten, sich „auf das Wesentliche zu besinnen“, das heißt zu überprüfen, wie weit wir uns im Klaren sind über uns selbst, über Gott, über den Nächsten, über den sensus Ecclesiae und über den sensus fidei.

Über dieses „sich auf das Wesentliche besinnen“ möchte ich heute zu euch sprechen, während wir am Anfang der Pilgerfahrt des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit stehen, das von der Kirche vor wenigen Tagen eröffnet wurde und das für sie wie für uns alle ein nachdrücklicher Aufruf zur Dankbarkeit, zur Umkehr, zur Erneuerung, zur Buße und zur Versöhnung ist.

Tatsächlich ist Weihnachten das Fest der unendlichen Barmherzigkeit Gottes, wie der heilige Augustinus von Hippo sagt: „Konnte es uns Unglücklichen gegenüber eine größere Barmherzigkeit geben als die, welche den Schöpfer des Himmels dazu bewegte, vom Himmel herabzusteigen, und den Schöpfer der Erde, sich mit einem sterblichen Leib zu bekleiden? Ebendiese Barmherzigkeit veranlasste den Herrn der Welt, Knechtsgestalt anzunehmen, so dass er, der doch selber Brot ist, Hunger hatte; er, der doch die vollkommene Labung ist, Durst hatte; er, der die Macht ist, schwach wurde; er, der das Heil ist, verwundet wurde; er, der Leben ist, sterben konnte. Und all das, um unseren Hunger zu stillen, unsere Trockenheit zu lindern, unsere Schwäche zu stärken, unsere Niederträchtigkeit auszulöschen und in uns die Liebe zu entzünden.“2

Im Kontext dieses Jahres der Barmherzigkeit und der Vorbereitung auf Weihnachten, das bereits vor der Tür steht, möchte ich euch also ein praktisches Hilfsmittel anbieten, um diese Zeit der Gnade fruchtbringend zu leben. Es handelt sich um einen unerschöpflichen „Katalog der notwendigen Tugenden“ für die, welche in der Kurie Dienst tun, und für alle, die ihre Weihe oder ihre Arbeit für die Kirche fruchtbar machen wollen.

Ich lade die Leiter der Dikasterien und die Vorgesetzten ein, ihn anzureichern und zu vervollständigen. Es ist eine Aufstellung, die von einer akrostichischen Analyse [Es handelt sich um ein Buchstabenspiel, das leider in der Übersetzung nicht nachvollziehbar ist; wir versuchen jedoch, es zumindest der Form nach sichtbar zu machen (Anm. d. Übers.)] – Pater Ricci verwendete diese Methode in China – gerade des Wortes „MISERICORDIA – Barmherzigkeit“ ausgeht, damit diese uns leite und leuchte:

1. Missionarietà e pastoralità – Missionsgeist und pastorale Grundhaltung

Der Missionsgeist ist das, was die Kurie schöpferisch und fruchtbar macht und dies auch in Erscheinung treten lässt; er ist der Beweis für die Wirksamkeit, die Effizienz und die Echtheit unseres Schaffens. Der Glaube ist ein Geschenk, aber das Maß unseres Glaubens erweist sich auch darin, wie weit wir fähig sind, ihn zu vermitteln. („Die missionarische Dimension ist nicht nur eine Frage geographischer Gebiete, sondern eine Frage der Völker und Kulturen und der einzelnen Menschen, gerade weil die Grenzen des Glaubens nicht nur durch menschliche Orte und Traditionen verlaufen, sondern durch das Herz jedes Menschen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat auf besondere Weise hervorgehoben, dass der missionarische Auftrag, der Auftrag, die Grenzen des Glaubens zu erweitern, jeden Getauften und alle christlichen Gemeinschaften betrifft“ (Botschaft zum Weltmissionssonntag 2013, 2).)) Jeder Getaufte ist Missionar der Frohen Botschaft, vor allem mit seinem Leben, seiner  Arbeit und seinem frohen und überzeugten Zeugnis.

Die gesunde pastorale Grundhaltung ist eine unentbehrliche Tugend vor allem für jeden Priester. Sie ist das tägliche Bemühen, dem Guten Hirten zu folgen, der sich um seine Schafe kümmert und sein Leben hingibt, um das Leben der anderen zu retten. Er ist der Maßstab für unsere kuriale und priesterliche Aktivität. Ohne diese beiden Flügel werden wir nie fliegen können und auch die Seligkeit des „treuen Knechtes“ (vgl. Mt 25,14-30) nicht erreichen.

2. Idoneità e sagacità – Eignung und Scharfsinn

Die Eignung verlangt die persönliche Anstrengung, die notwendigen und geforderten Voraussetzungen zu erwerben, um die eigenen Aufgaben und Tätigkeiten bestmöglich auszuführen, mit Verstand und Intuition. Sie steht gegen Empfehlungsschreiben und Bestechungsgelder.

Der Scharfsinn ist die Geistesgegenwart, um die Situationen zu verstehen und mit Weisheit und Kreativität in Angriff zu nehmen. Eignung und Scharfsinn sind auch die menschliche Antwort auf die göttliche Gnade, wenn jeder von uns jenem berühmten Spruch folgt: „Alles tun, als ob es Gott nicht gäbe, und dann alles Gott überlassen, als ob es mich nicht gäbe“. Es ist das Verhalten des Jüngers, der sich täglich an den Herrn wendet mit diesen Worten aus dem schönen, Papst Clemens XI. zugeschriebenen Gebet: „Leite mich mit deiner Weisheit, stütze mich mit deiner Gerechtigkeit […] ermutige mich mit deiner Güte, schütze mich mit deiner Macht. Ich schenke dir, Herr, meine Gedanken, damit sie auf dich gerichtet sind; meine Worte, damit es die deinen sind; mein Tun, damit es deinem Willen entspricht; meine Qualen, damit sie dir gewidmet sind.“3

3. Spiritualità e umanità – Spiritualität und Menschlichkeit

Die Spiritualität ist das Rückgrat jeglichen Dienstes in der Kirche und im christlichen Leben. Sie ist das, was all unser Wirken nährt, es stützt und es vor der menschlichen Hinfälligkeit und den täglichen Versuchungen schützt.

Die Menschlichkeit ist das, was die Wahrhaftigkeit unseres Glaubens verkörpert. Wer seine Menschlichkeit aufgibt, der gibt alles auf. Die Menschlichkeit ist das, was uns von den Maschinen und den Robotern unterscheidet, die nichts empfinden und sich nicht innerlich anrühren lassen. Wenn es uns schwer fällt, ernstlich zu weinen oder herzlich zu lachen – das sind zwei Anzeichen –, dann hat unser Niedergang und der Prozess unserer Verwandlung von einem „Menschen“ in etwas anderes begonnen. Die Menschlichkeit ist die Fähigkeit, allen mit zärtlicher Zuneigung, Vertrautheit und Liebenswürdigkeit zu begegnen (vgl. Phil 4,5). Obwohl Spiritualität und Menschlichkeit natürliche Eigenschaften sind, sind sie doch auch Möglichkeiten, die vollständig zu verwirklichen, ständig zu erstreben und täglich zu beweisen sind.

4. Esemplarità e fedeltà – Vorbildlichkeit und Treue

Der selige Papst Paul VI. erinnerte die Römische Kurie im Jahr 1963 an „ihre Berufung zur Vorbildlichkeit4 – Vorbildlichkeit, um die Skandale zu vermeiden, die die Menschen innerlich verletzen und die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses bedrohen.

Treue gegenüber unserer Weihe, gegenüber unserer Berufung: Denken wir immer an die Worte Christi: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen“ (Lk 16,10) und „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde. Wehe der Welt mit ihrer Verführung! Es muss zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet!“ (Mt 18,6-7).

5. Razionalità e amabilità – Vernünftigkeit und Liebenswürdigkeit

Die Vernünftigkeit dient dazu, übermäßige Gefühlsbetontheit zu vermeiden, und die Liebenswürdigkeit dazu, Übertreibungen in der Bürokratie sowie beim Erstellen von Programmen und Plänen zu vermeiden. Es sind Gaben, die für die Ausgeglichenheit der Persönlichkeit erforderlich sind: „Der Feind“ – und ich zitiere noch einmal den heiligen Ignatius; entschuldigt mich! – „achtet sehr darauf, ob eine Seele grobschlächtig oder feinfühlig ist, und ist sie feinfühlig, dann bemüht er sich, sie übertrieben feinfühlig zu machen, um sie dann noch mehr zu ängstigen und zu verwirren“.5 Jede Übertreibung ist ein Zeichen irgendeiner Unausgeglichenheit, sowohl die Übertreibung der Vernünftigkeit als auch die der Liebenswürdigkeit.

6. Innocuità e determinazione – wohlwollende Besonnenheit und Entschiedenheit

Die wohlwollende Besonnenheit macht uns vorsichtig im Urteil und fähig, uns impulsiver und übereilter Handlungen zu enthalten. Es ist die Fähigkeit, durch achtsames und verständnisvolles Handeln dem Besten, das in uns, in den anderen und in den Situationen liegt, zum Durchbruch zu verhelfen. Es besteht darin, den anderen so zu begegnen, wie wir es von ihnen erwarten (vgl. Mt 7,12; Lk 6,31).

Die Entschiedenheit ist das Handeln mit zielbewusstem Willen, einer klaren Perspektive und dem Gehorsam gegenüber Gott – und allein im Hinblick auf das oberste Gesetz der salus animarum (vgl. CIC Can. 1725).

7. Carità e verità – Liebe und Wahrheit

Liebe und Wahrheit sind zwei untrennbar verbundene Tugenden des christlichen Lebens: die Wahrheit in Liebe tun und die Liebe in der Wahrheit leben (vgl. Eph 4,15). („Die Liebe in der Wahrheit, die Jesus Christus mit seinem irdischen Leben und vor allem mit seinem Tod und seiner Auferstehung bezeugt hat, ist der hauptsächliche Antrieb für die wirkliche Entwicklung eines jeden Menschen und der gesamten Menschheit […] Es ist eine Kraft, die ihren Ursprung in Gott hat, der die ewige Liebe und die absolute Wahrheit ist“ (Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate [29. Juni 2009], 1: AAS 101 [2009], 641). „Daher ist es notwendig, die Liebe und die Wahrheit nicht nur in der vom heiligen Paulus angegebenen Richtung der veritas in caritate (Eph 4, 15) miteinander zu verbinden, sondern auch in der entgegengesetzten und komplementären von caritas in veritate. Die Wahrheit muss in der Ökonomie der Liebe gesucht, gefunden und ausgedrückt werden, aber die Liebe muss ihrerseits im Licht der Wahrheit verstanden, bestätigt und praktiziert werden“ (Ebd., 2).)) Die Liebe ohne Wahrheit wird nämlich zur Ideologie des destruktiven „Alles-Gutheißens“, und die Wahrheit ohne Liebe zur blinden „Buchstaben-Justiz“.

8. Onestà e maturità – Ehrlichkeit und Reife

Ehrlichkeit ist die Rechtschaffenheit, die Kohärenz und das Handeln in absoluter Aufrichtigkeit gegenüber uns selbst und gegenüber Gott. Wer ehrlich ist, handelt redlich nicht nur unter dem Blick des Aufsehers oder des Vorgesetzten; der Ehrliche fürchtet nicht, überrascht zu werden, denn er hintergeht niemals den, der ihm vertraut. Der Ehrliche spielt sich niemals als Herr auf über die Menschen oder über die Dinge, die ihm zur Verwaltung anvertraut sind, wie es der „schlechte Knecht“ (vgl. Mt 24,48) tut. Die Ehrlichkeit ist das Fundament, auf dem all die anderen Eigenschaften aufruhen.

Reife ist das Bemühen, zur Harmonie zwischen unseren physischen, psychischen und spirituellen Fähigkeiten zu gelangen. Sie ist das Ziel und das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, der nie endet und der nicht von unserem Alter abhängt.

9. Rispettosità e umiltà – Achtung und Demut

Die Achtung ist die Gabe edler und feinfühliger Seelen; sie ist den Menschen eigen, die sich stets darum bemühen, den anderen mit ehrlicher Achtung zu begegnen und gegenüber der eigenen Rolle, den Vorgesetzten und den Untergebenen sowie im Umgang mit Akten und Dokumenten, mit der Schweigepflicht und der Vertraulichkeit ein authentisch respektvolles Verhalten zu zeigen. Es sind Menschen, die verstehen, aufmerksam zuzuhören und höflich zu sprechen.

Die Demut ist hingegen die Tugend der Heiligen und der von Gott erfüllten Menschen: Je mehr sie an Bedeutung gewinnen, umso stärker wird in ihnen das Bewusstsein, dass sie nichts sind und ohne die Gnade Gottes nichts tun können (vgl. Joh 15,8).

10. „Doviziosità“ – ich habe das Laster der sprachlichen Neubildungen – e attenzione – Großherzigkeit und Aufmerksamkeit

Je mehr wir auf Gott und seine Vorsehung vertrauen, umso großherziger und freigebiger sind wir, da wir wissen: Je mehr man gibt, umso mehr empfängt man. In der Tat ist es nutzlos, alle Heiligen Pforten sämtlicher Basiliken der Welt zu öffnen, wenn die Tür unseres Herzens für die Liebe verschlossen ist, wenn unsere Hände sich dem Geben verschließen, wenn unsere Häuser der Gastfreundschaft verschlossen sind und wenn unsere Kirchen sich der Aufnahme verschließen.

Die Aufmerksamkeit bedeutet, auf die Details zu achten, unser Bestes zu geben und in Bezug auf unsere Laster und Verfehlungen niemals die Zügel schleifen zu lassen. Der heilige Vinzenz von Paoli betete mit diesen Worten: „Herr, hilf mir, dass ich unverzüglich diejenigen wahrnehme, die neben mir stehen, die besorgt und orientierungslos sind, die leiden, ohne es zu zeigen, die sich gegen ihren Willen isoliert fühlen.“

11. Impavidità e prontezza – Unerschrockenheit und Regsamkeit

Unerschrocken sein bedeutet, sich – wie Daniel in der Löwengrube und David gegenüber Goliath – angesichts von Schwierigkeiten nicht ängstigen zu lassen; es bedeutet, wagemutig und entschlossen und ohne Lauheit zu handeln, „als guter Soldat“ (vgl. 2 Tim 2,3-4); es bedeutet, wie Abraham und Maria ohne Zögern den ersten Schritt zu tun.

Die Regsamkeit ist dagegen die Fähigkeit, mit innerer Freiheit und Beweglichkeit zu handeln, ohne sich an die materiellen Dinge zu klammern, die vergänglich sind. Im Psalm heißt es: „Wenn der Reichtum auch wächst, so verliert doch nicht euer Herz an ihn!“ (Ps 62,11). Regsam sein bedeutet, immer unterwegs zu sein, ohne sich jemals dadurch zu belasten, dass man unnötige Dinge anhäuft und sich in die eigenen Pläne einschließt, und ohne sich von der Geltungssucht beherrschen zu lassen.

12. Und zum Schluss: Affidabilità e sobrietà – Vertrauenswürdigkeit und Nüchternheit

Vertrauenswürdig ist derjenige, der seine Pflichten ernsthaft und zuverlässig einzuhalten weiß, wenn er beobachtet wird, vor allem aber, wenn er allein ist; derjenige, der in seiner Umgebung ein Gefühl der Ruhe verbreitet, weil er niemals das Vertrauen enttäuscht, das ihm geschenkt wurde.

Die Nüchternheit – die letzte Tugend in dieser Aufstellung, nicht aber die letzte im Sinn ihrer Bedeutung – ist die Fähigkeit, auf Überflüssiges zu verzichten und der herrschenden Konsum-Mentalität zu widerstehen. Nüchternheit bedeutet Klugheit, Schlichtheit, Wesentlichkeit, Ausgeglichenheit und Mäßigung. Nüchternheit bedeutet, die Welt mit den Augen Gottes zu betrachten – mit dem Blick der Armen und auf der Seite der Armen. Die Nüchternheit ist ein Lebensstil,6 der auf die Vorrangstellung des anderen als hierarchisches Prinzip hinweist und das Leben als Fürsorglichkeit und Dienst gegenüber den anderen zum Ausdruck bringt. Der nüchterne Mensch ist in allem kohärent und wesentlich, weil er versteht zu beschränken, nutzbar zu machen, zu recyceln, zu reparieren und mit einem Sinn für das Maß zu leben.

Liebe Brüder und Schwestern,

die Barmherzigkeit ist kein flüchtiges Gefühl, sondern sie ist die Synthese der Frohen Botschaft, die Wahl dessen, der die Gesinnung des „Herzens Jesu“ („Der Ausdruck Herz Jesu lässt sofort an die Menschheit Christi denken und unterstreicht den Reichtum seiner Gefühle, das Mitleid mit den Kranken; die Vorliebe für die Armen; die Barmherzigkeit gegenüber den Sündern; die Zärtlichkeit gegenüber den Kindern; die Stärke in der Anprangerung von Heuchelei, Stolz und Gewalt; die Sanftmut gegenüber seinen Gegnern; den Eifer für die Ehre des Vaters und den Jubel über seine geheimnisvollen, vorsorglichen Pläne der Gnade… Er erinnert außerdem an die Traurigkeit Christi über der Verrat durch Judas, an die Trostlosigkeit aufgrund der Einsamkeit, an die Angst im Angesicht des Todes, an die kindliche und gehorsame Hingabe in die Hände des Vaters. Und er drückt vor allem die Liebe aus, die unaufhaltsam aus seinem Innern hervorströmt: unendliche Liebe zum Vater und grenzenlose Liebe zum Menschen“ (Johannes Paul II., Ansprache zum Angelus-Gebet vom 9. Juli 1989: Insegnamenti XII, 2 [1989], 60).)) haben und ernstlich dem Herrn nachfolgen will, der uns sagt: »Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!« (Lk 6,36; vgl. Mt 5,48). Pater Ermes Ronchi bekräftigt: »Barmherzigkeit – Ärgernis für die Justiz, Torheit für die Intelligenz, Trost für die Schuldner: Der Preis, den wir schuldig sind für das Leben und dafür, dass wir geliebt werden, kann nur mit der Barmherzigkeit bezahlt werden.«

So möge also die Barmherzigkeit unsere Schritte lenken, unsere Reformen inspirieren und unsere Entscheidungen erleuchten. Möge sie die tragende Säule unseres Wirkens sein. Möge sie uns lehren, wann wir vorangehen und wann wir einen Schritt zurück tun müssen. Möge sie es sein, die uns die Geringfügigkeit unserer Handlungen im großen Heilsplan Gottes und in der Erhabenheit und geheimnisvollen Wirklichkeit seines Werkes verstehen lässt.

Um das zu begreifen, wollen wir uns von dem wunderschönen Gebet innerlich anrühren lassen, das gewöhnlich dem seligen Oscar Arnulfo Romero zugeschrieben wird, jedoch erstmalig von Kardinal John Dearden gesprochen wurde:

Ab und zu hilft es uns, einen Schritt zurückzutreten
und aus der Ferne zu schauen.
Das Reich liegt nicht nur jenseits unserer Bemühungen,
sondern auch jenseits unserer Horizonte.
In unserem Leben gelingt es uns nur, einen kleinen Teil zu vollbringen
von jenem wunderbaren Unterfangen, das das Werk Gottes ist.
Nichts von dem, was wir tun, ist vollständig.
Das besagt, dass das Reich weit über uns selbst hinausgeht.
Keine Aussage drückt all das aus, was gesagt werden kann.
Kein Gebet gibt den Glauben vollständig wieder.
Kein Credo führt zur Vollkommenheit.
Kein Pastoralbesuch bringt alle Lösungen mit sich.
Kein Programm erfüllt voll und ganz die Sendung der Kirche.
Keine Zielsetzung erreicht ihre vollständige Verwirklichung.
Es geht um dies:
Wir streuen Samen aus, die eines Tages aufgehen werden.
Wir begießen bereits ausgesäte Samen
und wissen, dass andere sie pflegen werden.
Wir legen den Grund für etwas, das sich entwickeln wird.
Wir bringen den Sauerteig ein, der unsere Fähigkeiten vervielfachen wird.
Wir können nicht alles tun,
doch es zu beginnen schenkt ein Gefühl der Befreiung.
Es gibt uns die Kraft, etwas zu tun, und es gut zu tun.
Es kann unvollendet bleiben, doch es ist ein Anfang, ein Schritt auf einem Weg.
Eine Chance, dass die Gnade Gottes eintritt
und den Rest tut.
Mag sein, dass wir nie seine Vollendung sehen,
doch das ist der Unterschied zwischen dem Baumeister und dem Handlanger.
Wir sind Handlanger, nicht Baumeister,
Diener, nicht Messias.
Wir sind Propheten einer Zukunft, die uns nicht gehört.

Mit diesen Gedanken und diesen Gefühlen wünsche ich euch ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und bitte euch, für mich zu beten. Danke.

Einleitung: Giuseppe Nardi
Bild: Vatican.va/Osservatore Romano (Screenshot)

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Zuwendungsübersicht
  1. Exerzitien, 315. []
  2. Serm. 207, 1: PL 38, 1042. []
  3. Missale Romanum, Editio typica tertia 2002. []
  4. Ansprache an die Römische Kurie (21. September 1963): AAS 55 (1963), 793-800. []
  5. Ignatius von Loyola, Exerzitien, 349. []
  6. Ein von Nüchternheit geprägter Lebensstil führt den Menschen zurück zu „jener uneigennützigen, selbstlosen, ästhetischen Haltung, die aus dem Staunen über das Sein und über die Schönheit entsteht, das in den sichtbaren Dingen die Botschaft des unsichtbaren Schöpfergottes erkennen lässt“ (Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus [1. Mai 1991], 37: AAS 83 [1991], 840); vgl. Versch. Autoren, Nuovi stili di vita nel tempo della globalizzazione, Fondaz. Apostolicam actuositatem, Rom 2002. []

32 Comments

  1. Zwölf Tugenden, wie schön ! Man darf gespannt sein, wie viel Franziskus davon über-
    nimmt. Durch seine ganze Ansprache geht, wie ein roter Faden sein Lieblingswort
    “ Barmherzigkeit “. Von wohlwollender Besonnenheit spricht er und denkt dabei be-
    stimmt an den Orden Franziskaner der Immakulata, dem durch seine Zustimmung übeles
    angetan wurde und wird. Der Kurie gegenüber war er dieses mal vorsichtig angetan,
    wohl einstimmend auf seine geplanten Reformen. Das Konzil hätte einen neuen Weg der
    Mission aufgezeigt, jeder einzelne ist jetzt Mission.

    • In der amerikanischen Wirtschaft war das vor dreißig Jahren auch mal ganz „in“, man Mitarbeiter z.B. die „Ziele“ der Firma in Form von klangvollen Akronymen auswendig lernen zu lassen. Die fühlten sich dadurch sehr kompetent und in die Arbeit des Management „eingeweiht“. Das Vorgehen des Papstes ist doch selbstgefällige Spielerei! … oder vielleicht der Versuch der Gehirnwäsche.

  2. Ich habe es noch nicht zu Ende gelesen, aber Widersprüchlichkeit in Allem, denn:

    „Dankbarkeit, zur Umkehr, zur Erneuerung, zur Buße und zur Versöhnung“

    Dankbar kann man für etwas Gutes sein, wenn ja, dann warum die Umkehr, vom Guten zum Bösen?

    Erneuerung macht Sinn, wenn etwas veraltet im Sinne schlecht ist. Aber seit 1962 wird ja ständig erneuert, sprich der Destruktion überlassen.

    Dann die „Buße“ für die Erneuerung? Wofür soll man Buße tun? Für das Alte oder das Erneuerte? Mit dem soll man sich versöhnen? Mit der Welt wieder einmal? Aber man tut schon Buße. Miteinander?

    Und so geht es weiter. Der Teufel hasst die Logik und kann keine Logik.

    Außerdem das neumodische und nicht theologische Wort Professionalismus. Was ist das? Das man seinen Beruf ordentlich ausübt? Das ist wohl das Mindeste. Ech, Franziskus, Franziskus … Beten wir besser für die Kurie, das ist doch kaum auszuhalten dort.

    Hier etwas Hierarchisches pro domo mea den Kurienmitarbeitern zum Trost:
    https://traditionundglauben.wordpress.com/2015/12/22/verpflichtung-zur-vervollkommnung-oder-perfektionismus-ist-etwas-gutes/

    • Was darf man sich denn erwarten? Ein verwirrter alter Mann, der sturbräsig an „Reformen“ festhält, die mindestens seit 20 Jahren überholt sind.
      Aber verstehen kann man den zitierten Text mit der Dankbarkeit schon. Dazu bin ich in mein Innerstes gegangen, habe die Augen geschlossen und mir vorgestellt, wie ich im Stuhlkreis sitzend meinen NachbarInnen die Hand gebe und die Worte höre. Gemeint ist ganz einfach eine Dankbarkeit darüber, daß man das alles konnte: Umkehr, Erneuerung, Buße und Versöhnung. Das ist ganz die moderne, sich selbst für superkritisch haltende Neokirche und ihre (geistige) Selbstbefriedigung. Das ist ein selbstgerechtes Reden, ein verbales Sich-die-Schulter-klopfen, prototypisch für das, was man in der Offizialkirche allein noch findet – und weshalb man mich dort nicht mehr trifft. Dort driften Selbstbild und tatsächlicher Status längst so weit auseinander, daß es pathologisch ist.

  3. In dieser langen Ansprache des Papstes findet man tatsächlich einmal das Wort Buße und einmal das Wort Umkehr. Von Sünde, Sündenstrafen, Bekehrung, Rettung der Seelen, vom Seelenheil, Hölle, Fegfeuer oder Ablass ist leider nichts zu lesen.

  4. Und man vermisst die Objektivität des Lebens. Diese Ansprache ist äusserst Supjektiv. Mag ja „gut“ gemeint sein in der Theorie. Und dann die Widersprüche. Dieser Papst will eine arme Kirche, abeR wie kann eine arme kirche den Armen denn helfen? Und im übrigen ist es ja so, dass die grossen dieser Welt diese Ansprache doch ignorieren. So nach dem Motto: Beim rechten Ohr hinein und beim linkem wieder hinaus. Somit bleibt alles beim alten, in der Weltpolitik jedenfalls, für die Kurie und die Kirche vielleicht weniger oder mehr. Von Liebe und Zärtlichkeit kann bekanntlich niemand allein leben, und inzwischen sind auch schon 2000 Jahre vergangen. Fazit: Langatmige Ansprache ohne Aussicht auf Verwirklichung. Irgendwas ist mit der Genesis schief gelaufen, sonst befände sich die Welt nicht da, wo sie sich gegenwärtig befindet…

  5. Das angeblich „wunderschöne Gebet“ ist gar kein Gebet, sondern es sind nur gesammelte Gedanken von besagtem Oscar Romero, der zu Lebzeiten so wie Papst Franziskus zu den Vertretern der Befreiungstheologie gehörte.
    Wieder spricht Papst Franziskus die angeblich 15 Krankheiten der römischen Kurie an. Er versucht gleich gar nicht, sich zu entschuldigen, oder sich zu distanzieren. Ich bekomme beständig das Gefühl, er will damit sagen, „entweder ihr schwenkt auf meine Linie ein oder ich beleidige euch öffentlich und lasse es euch schlechtgehen“. Das ist der typische Papst Franziskus-Ansatz, alle die nicht seiner Meinung sind und dies öffentlich kundtun, zu mobben, ihnen Macht wegzunehmen oder sie sprichwörtlich in die Wüste zu schicken. Dieses Verhalten hat mit Sicherheit Bezug zur Befreiungstheologie, die sich im Prinzip ja gegen Mächtige richtet und dabei bewusst Grenzen übertritt.

  6. Hier mußte ich doch laut lachen:
    bei Frau Francesca Chaouqui sticht von den 12 genannten Kapazitäten nur die 11.: „impaviditá e prontezzá“(Unerschrockenheit und Regsamkeit) hervor.
    Von Missionscharakter (1), Eignung (2), Spiritualität (3), Vorbildlichkeit (4), Rationalität (5), wohlwollende Besonnenheit (6), Liebe und Wahrheit (7), Ehrlichkeit und Reife (8), Achtung und Demut (9), Großherzigkeit (10), Vertrauenswürdigkeit und Nüchternheit (12) wurde da nicht viel bemerkt.
    Die genannte Tugenden (ohne „Impavidità e Prontezzà) sind übrigens alle untypisch für den Peronismus- mehr noch: sie stehen im kompletten Gegensatz dazu.

  7. Eins muss man ihm lassen, er hat sein Ziel klar vor Augen und verfolgt es mit Hartnäckigkeit: „Die Reform wird mit Entschlossenheit, klarem Verstand und Tatkraft fortgeführt werden, denn Ecclesia semper reformanda!“
    Das lässt nichts Gutes ahnen!

    • @ Severin : „ecclesia semper reformanda“ ist die Devise , die nun endlich
      gelten soll , und da gibt es Einiges aufzuarbeiten und zu tun . Es geht
      nicht mehr darum , sich abzuschotten im Sinne des sich Fernhaltens von
      einer bösen Welt , sondern um ein Verständnis der Lage des Menschen ,der
      sich in ständiger Gefährdung und Angst sich in ihr zurechtfinden muss .
      Wenn Religion die Rückbindung an die geistige Welt bedeutet , dann muss
      der Dienst am Menschen vorrangig sein .

      • Ach herrje, was Sie hier als große, endlich anzugehende Aufgabe hervorheben, ist die alte Leier von der „ecclesia semper reformanda“, wie sie seit 50 Jahren unaufhörlich von den Plattentellern der zweitvatikanischen Liebskirche dudelt. Und wohin hat uns all das Reformieren gebracht? Zu was waren all die Räte, Stuhl- und Laienkreise, all das Aggiornamento und alle „Orientierung am Menschen“ nütze? Die Kirchen sind leer, der Glaube verpufft, Mission wurde zur Lahmen Ente, alles erscheint abgestanden, trist und banal. Umkehr täte not! Und da kommt nun Bergoglio daher als Vollender der Tristesse, der „in aller Demut und Entschlossenheit“ die letzten Bastionen des genuin Katholischen schleifen möchte. Das ist angesichts der Situation im Grunde so sinnfrei wie Ihr letzter Satz. Denn die geistige Welt, an die sich eine Religion rückzubinden hat, ist einzig die göttliche. Deshalb darf dem Dienst an Gott nichts vorgezogen sein. Eine Religion, bei der der Dienst am Menschen vorrangig wäre, wäre eine Religion ohne Gott, mutierte über kurz oder lang zu einem rein immanenten Humanismus. Und genau darauf steuert die Kirche unter Bergoglios Herrschaft zu.

      • Herr Eisel, Sie reitet ja der Teufel. Werfen Sie ihn ab. Die Welt ist böse und Religion dient der Ehre Gottes. Er ist der Herr. Die unreifen und ewiggestrigen „Reformer“ mögen bei sich anfangen, sich selbst zu beherrschen. Ihr Ziel sind immer die Anderen, die sich (angeblich) ändern müssen. Habe oben schon etwas dazu geschrieben und der Status der „Reformer“ steht mir offen vor Augen.

      • @ martin eisel
        Der Mensch wird nicht durch Religion („Rückbindung an die geistige Welt“) gerettet, sondern aus Gottes Gnade durch Glauben an den Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes.

      • Naja, @ Leo Lämmlein – das eine schließt das andere ja nicht aus: Die Rettung durch Christus IST die gelungene „Rückbindung“ an die „geistige Welt“.
        @ Martin Eisel hat hier die ganz allgemeine Lexikondefinition von „Religion“ referiert.

        Allerdings, @ Herr Eisel, denke ich, dass es nicht zwingend „vorrangig“ um den Menschen erst noch gehen muss.
        Genaugenommen ging es Gott immer „vorrangig“ um den Menschen, alleine deswegen, weil der Mensch Ihm soviel wert war, dass er sich seiner geistigen Gestalt „entäußerte“, und das Kleid eines Menschen anzog, um uns zu erretten an unserer Stelle.
        Mehr „Vorrang“ für den Menschen ist wirklich nicht mehr denkbar!

        Die Kirche kann nicht auf der Stelle treten und glauben, ihre äußere Gestalt sei in der irdischen Erscheinung etwas „Göttliches“ im Sinne des „Geistigen“.
        Diese irdische Gestalt wird ebenso vergehen wie alles andere, denn nur das Wort selbst bleibt ewig.
        Unsere Sache soll nicht sein, uns mithilfe einer mächtigen Kirche einen irdischen Platz an der Sonne zu sichern. Damt würden wir das gesamte Evangelium pervertieren und das Opfer Christi schmähen. Und ehrlich gesagt: an dem Punkt sind sich die Konservativen mit den Progressiven in der Intention, wenn auch politisch konträr gedeutet, so einig, dass es beschämend ist.
        Wo ist da noch Glaube, wie ihn Christus gelehrt hat?

        Der Gedanke des „semper reformanda“ ist gewiss richtig – nur beanspruchte seit 150 Jahren verstärkt jede Seite das Reformrecht für sich und wir haben noch nie so viele gewaltsame Reformer gehabt wie seither.

        Allerdings – und das übersehen viele notorisch: In diesem Reformwahn befanden sich auch die Reaktionäre und Konservativen.

        Es ist geradezu atemberaubend schockierend, dass all diesen Instaurateuren und Reformateuren zwar ein teilweise fast blindwütiger Aktionismus eigen war – sei es Pius X., sei es Johannes XXIII., sei es Paul VI….aber eines taten sie allesamt nicht und tun es bis heute nicht:

        Die einzige Form der echten Umkehr, die uns möglich ist (und das wäre auch die einzig rechtmäßige „Reform“), ist die Buße.

        Keiner von ihnen hat die Buße an die oberste Stelle gesetzt.

        Und das ist auch unser großes Problem. Es sind ja nicht nur die Progressiven, die die Schuld immer bei den anderen sehen. Die Konservativen tun ja genau dasselbe, und kaum einer ist bereit, einmal in sich zu gehen, und man hat den Eindruck, es werden immer weniger.

        Gehen wir zur Hl. Kommunion in dem Bewusstsein, Ihm fast alles schuldig bleiben zu müssen? Wie echt ist unser „Domine, non sum dignus“?
        Diese Frage sollten wir uns alle stellen und uns wandeln lassen von Ihm – das soll jedenfalls mein persönliches „semper reformanda“ sein.

  8. Ob es nur mir so geht,wage ich zu bezweifeln. Das leere sinnlose Geplapper, das Zitieren von angeblichen Gebeten, die zusammenhanglos eingestreut werden, um irgendetwas „Neues“ zu rechtfertigen, sind nicht Wert gelesen zu werden, sondern reine Zeitverschwendung auch insoweit, als das sie mich vom Gebet abhalten. Ein Papst ist kein Geschichtenerzähler, kein Psychiater und auch kein Philosoph, sondern ein Mann Gottes. Die Herde erwartet, das ihr Hirte vom wahren Gott spricht, dem dreifaltigen Gott der Liebe und Barmherzigkeit ist und zwar immer dann, wenn der Mensch seine Fehler und Sünden aufrichtig bereut, sie im Sakrament der Beichte bekennt und Besserung durch Buße, Opfer, Sühne und Gebet gelobt. Gott ist durch das fleischgewordene Wort – Jesus Christus – weder kompliziert noch „abgehoben“. Christus sprach nicht von irgendwelchen Geschichten. Er zitierte keine Zeitgenossen, sondern bezog sich einzig auf die Bibel als das Wort Gottes. Jesus sprach ganz konkret von Gott – Seinem und unserem himmlischen Vater. Er lehrte in den Synagogen und verkündete die frohe Botschaft vom Reich Gottes. Was die scheinheiligen, hochmütigen und ehrsüchtigen Pharisäer und Schriftgelehrten, die zu Lebzeiten Jesus für das Seelenheil der ihnen anvertrauten Juden zuständig waren, ständig und absichtlich versäumten, wurde den Menschen durch Jesus erklärt..Jesus predigte und lehrte im Tempel die Heilige Schrift, weil die Menschen – ähnlich wie in unserer Zeit – kaum mehr wirklich gute Hirten hatten….Dafür wurde Jesus gehasst und verfolgt – ähnlich den heutigen traditionellen Christen. Die Geschichte beweist: Die Wahrheit wurde und wird immer gehasst, geleugnet, verfolgt, verbogen, zurechtgebogen, gefoltert und nach Möglichkeit ausgelöscht (gekreuzigt, getötet). Die Lüge dagegen hat freie Bahn. Sie wird kaum beachtet, denn sie kommt getarnt unter dem Deckmantel der Freimaurerprinzipien, die da lauten : Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit daher.
    Toleranz und Menschenrechte sind wichtig – Gott ist egal. Man lässt ihn sprichwörtlich „einen guten Mann sein“. Gott braucht man nicht – außer vielleicht in der Not….Vollkommen blauäugig hofft und vertraut man darauf, das Not niemals eintrifft….

    „Alles tun, als ob es Gott nicht gäbe“…was soll das heißen? Ein Aufruf zum sündigen ohne Unterlass, bei jeder sich bietenden Gelegenheit? Und dann heißt es weiter:..“und dann Gott alles übergeben, als ob es mich nicht gäbe..“-??? Was soll das bedeuten? Nachdem ich richtig viel und bewusst gesündigt habe, drücke ich dem „barmherzigen“ Gott meine Sünden aufs Auge und verschwinde augenblicklich auf Nimmer-Wiedersehen…? Was für ein total hirnloser Blödsinn! Genauso denkt und handelt der Teufel, aber kein gläubiger und vernunftbegabter Christ, der weiß, das er vor Gott stets ein schwacher und erlösungsbedürftiger Sünder ist.
    Sorry, aber meine Zeit ist viel zu kostbar, um noch weiteren geistigen „Dünnschiss“ zu kommentieren.
    Beten wir für Franziskus und bitten Gott um die Rettung seiner verirrten Seele.

    • Also, Regina, ich lese gern und viel, aber von diesem neuen päpstlichen Tugendspiegel habe ich absichtlich nur die Stichworte überflogen. Und das, weil ich festgestellt habe, dass Papst Franziskus sogar dann, wenn er etwas nicht Falsches sagt, es so sagt, dass irgendetwas dabei dennoch verdorben wird, sei es durch Verschweigen, durch falsche Gewichtung, durch Umdeutung – was auch immer. Fast überall ist der Pferdefuß drin und stinkt es nach Schwefel – wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Dem will ich mich nicht mehr unnötig aussetzen, auch wenn ich mich einigermaßen auf dem laufenden halten möchte, was in Rom vor sich geht.

      • Werter @ Leo Laemmlein!
        Für Ihre Antwort auf meinen letzten Kommentar (unter dem schon älteren „CO2″-Strang) zum Blutverzehrverbot danke ich Ihnen sehr herzlich. Ihr mitgeteilter weiterer Aspekt, der der „mündlichen jüdischen Gesetzesauslegung“, ist für mich sehr wichtig, da er einen zusätzlichen Beleg darstellt, dass die Apostelgeschichte vor 70 geschrieben sein muss, denn ein später hellenistischer Gemeindetheologe wäre nach der Tempelzerstörung wohl nie auf die Idee der Erwähnung der Speisegebote des Jerusalemer Apostelkonzils unter Einbeziehung der jüdischen Gesetzesauslegung gekommen. Nochmals:Danke!

    • Geehrte @Regina,
      Der geehrte @Leo Lämmlein hat schon vortrefflich geantwortet.
      Ich mache es ähnlich: stichwortartig überlesen und dann schnell alles in die inzwischen schon zwei große Kartonnschachteln stecken; später kann man dann schon das Gesuchte und/oder Gewünschte herauskramen.
      Wie man das übrigens Theologisch strukturieren will, ist mir ein Rätsel.

    • @Regina, Sie stören sich an dem Wort „Alles tun, als ob es Gott nicht gäbe, und dann alles Gott überlassen, als ob es mich nicht gäbe“. 
      Nun, es geht auf den Hl. Ignatius von Loyala zurück – den Gründer des Jesuitenordens und besagt, dass man als Christ so handeln soll, als ob alles ausschließlich und nur von einem selbst abhänge.
      Gleichzeitig soll man ein so großes Gottvertrauen haben, als ob der eigene persönliche Beitrag gar nicht vorhanden sei, sondern alles nur von Gott käme.
      Ich kann daran wahrlich nichts Falsches oder Schlechtes erkennen wie Sie.
      Sie scheinen voller Misstrauen diesem Papst gegenüber und beurteilen seine Worte lieblos und geradezu gehässig.
      Kehren Sie um, gehen Sie in sich und beten Sie lieber für ihn, dass ihm der Hl. Geist in seinem schweren und verantwortungsvollen Amt beistehen möge.

      • Das war wohl so eine 16. jh-Idee, denn auch Martin Luther verbreitete einen solchen Spruch: „Beten als ob das Arbeiten nichts nützt und arbeiten,, als ob das Beten nichts nützt“.

    • „Christus sprach nicht von irgendwelchen Geschichten…“ sagen Sie.. äh…ja? Stimmt das?

      Jesus erzählte sogar sehr viele Geschichten…

      Ich finde Ihre kritischen Argumente an F. haltlos. Alles, was Sie ihm vorwerfen, ist nicht kritikwürdig. Er passt Ihrem Stilempfinden halt nicht. Meinem passt es auch nicht, wie ich oben gesagt habe, aber das kann ich nicht zum objektiven Argument machen.

      Entweder man hat handfeste Gründe oder gerade mal keine… handfest ist für mich, warum er die bereits vorhandenen definierten Werke der Barmherzigkeit so völlig außer Acht lässt.

    • @Regina,
      Sie haben natürlich recht daß Unser Herr Jesus “ Christus nicht von irgendwelchen Geschichten sprach“.
      Wenn man de gesammelte Aussagen Unseres Herrn Jesus Christi liest und auswertet, stellt man fest daß etwa ein Drittel Vermahnungen und Drohungen sind; sehr häufig wird der Imperativ benutzt und dies besonders in direkter Ansprache zu den Zuhörern.(Bei normaler Geschichtenerzählung kaum vorkommend).
      Die aussagen Unseres Herrn sind sehr häufig Zitate aus der Hl. Schrift: vor Allem Isaias, Jeremias und Ezechiel, dazu Genesis, Deuteronomium und Leviticus, die Psalmen, Job, Jesus Sirach, und nicht selten auch die Bücher der Könige (David/Salomo/ Samuel/Elias)- kurzum: der Tenak‘h der frommen Juden.
      Die Parabel hängen nicht in der Luft, sondern kommen meist nach den Schriftstellen.
      Ein besondrs schönes Beispiel ist der Parabel des Samaritaners: erst kommt die theologisch Fragestellung, dann die Antwort aus der Hl. Schrift; dann fragt der junge Mann nach: und dann schreibt der Hl. Lukas ausdrücklich: „hupolabei“- v. hupolambanoo: (einem Betrunkenen) unter die Arme greifen, jemanden auf die Sprünge helfen.
      Jesus macht mit einem prägnanten Exempel dem Fragesteller klar, wer „der Nächste“ ist.
      Wenn man die Evangelien liest, fällt auf wie dicht, wie kondensiert sie sind:
      im Latein der Vulgata sowieso (St.-Hieronymus hat es äusserst kurz und knapp gemacht), aber auch im Griechischen und besonders auch im Aramäischen in der Peschitta.
      Bei den Seligsprechungen und der Bergpredigt fällt auch das in den alten Hebräischen Texten übliche zweigliedrige Schema, teils auch mit zusätzlicher Innenteilung, auf.
      Sie haben recht: e Jesus hat nicht „irgendwelche Geschichten“ erzählt.
      Und Ihre Kritik an „…wenn es Gott nicht gäbe…, …wenn es mich nicht gäbe…“ ist natürlich berechtigt:
      in der altjüdischen Tradition ist Gott da, „JHWH“, Ich bin Der Ich bin/ Der ist; „die Alpha und die Omega“, Schöpfer des Himmels und der Erde, von Allem was sichtbar und unsichtbar ist (und also auch von jeder von uns).
      Diese Irrealissen verdunkeln mehr als sie nützlich sind.
      Das ist übrigens auch eins der Gründe warum trotz großen Wachstums seines Ordens Ignatius v. Loyola erst ziemlich spät, und wohl „im Kielwasser“ von Franziskus Xaverius SI, heiliggesprochen wurde.

      „Le style, c‘est l‘homme“ sagte der französische Schriftsteller Buffon einmal.
      Das gilt auch hier.

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