Beruft Papst Franziskus nächste Synode zum Thema Aufhebung des Zölibats und Frauenpriestertum ein?

"Amazonas-Werkstatt": Kardinal Hummes und Bischof Kräutler
"Amazonas-Werkstatt": Kardinal Hummes und Bischof Kräutler
Papst Franziskus mit Indios
Papst Franziskus mit Indios

(Rom) Papst Franziskus wird im Februar 2016 den mexikanischen Bundesstaat Chiapas besuchen. Dort gibt es eine Ausnahmediözese, in der es nur 80 Priester, aber fast 350 ständige und meist verheiratetet Diakone gibt. Papst Franziskus könnte in dem großen Mexiko zahlreiche Diözesen besuchen. Er aber will in das Bistum San Cristobal de Las Casas. „Auch im Amazonasgebiet scheint eine Wende nahe. Alles stand bereits in der Agenda von Kardinal Martini geschrieben“, so der Vatikanist Sandro Magister. Wird Papst Franziskus die nächste Synode zum Thema Aufhebung des Priesterzölibats und Frauenpriestertum einberufen?

Während die Kirche noch immer auf die Entscheidung von Papst Franziskus in Sachen Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen wartet, nachdem zwei Synoden zwei Jahre lang darüber gestritten haben, zeichnet sich bereits der nächste umstrittene Synodenmarathon an: „zum Thema verheiratete Priester“, so Magister.

Die Themenwahl für eine Synode steht dem Papst zu. Wie bereits bei der Familiensynode wird erwartet, daß Franziskus seine Entscheidung im Alleingang trifft, unabhängig davon, was der fünfzehnköpfige Rat vorschlagen wird, der als Brücke zwischen einer Synode und der anderen errichtet wurde und in den die Synodenväter mit großer Stimmenmehrheit Verteidiger der katholischen Ehe-und Morallehre gewählt haben.

„Daß die verheirateten Priester das nächste Thema sein werden, läßt sich aus verschiedenen Indizien ablesen“, so Magister.

"Ante-Papst" Kardinal Carlo Maria Martini
„Ante-Papst“ Kardinal Carlo Maria Martini

Indiz 1

Das erste Indiz ist der Wille von Papst Franziskus, die 1999 von Kardinal Carlo Maria Martini mit einer Rede vor der damals tagenden Bischofssynode formulierte Agenda umzusetzen. 1999 tagte bereits der von Kardinal Martini zusammengerufene Geheimzirkel Sankt Gallen, um eine „andere Kirche“ durchzusetzen. Der 2012 verstorbene Kardinal war damals Erzbischof von Mailand und galt als der „Ante-Papst“ unduldsamer progressiver Kirchenkreise, die eine Gegenposition der Kirche zum vorherrschenden Zeitgeist kaum mehr ertragen konnten. Kardinal Martini brachte dieses „andere“ Kirchenverständnis in seinem letzten Interview vor seinem Tod zum Ausdruck, als er der Kirche vorwarf, 200 Jahre hinter der Zeit zurückgeblieben zu sein durch die Ablehnung der Französischen Revolution und ihrer Zielsetzungen. Es ist nicht bekannt, daß Jorge Mario Bergoglio dem Geheimzirkel Sankt Gallen angehörte. Mit Martini verband ihn vor allem die Zugehörigkeit zum Jesuitenorden. Als Martini im Konklave 2005 seine Chancenlosigkeit gegen Joseph Kardinal Ratzinger erkennen mußte, lenkte er seine Stimmen auf Kardinal Bergoglio um, der durch eine Sperrminorität die Wahl Ratzingers verhindern sollte. Doch nicht Ratzinger gab nach, sondern Bergoglio. 2013 waren es wiederum führende Mitglieder der Gruppe Sankt Gallen, die die Wahl Bergoglio unterstützten.

„1999 sagte der damalige Erzbischof von Mailand, Jesuit und unumstrittener Anführer des ‚liberalen‘ Flügels der Kirche, einen ‚Traum‘ gehabt zu haben, von einer Kirche, die imstande ist, sich eine ständige synodale Verfassung zu geben, mit einem ‚kollegialen Austausch zwischen allen Bischöfen zu einigen wichtigen Themen‘“, so Magister.

Die wichtigen Themen, die Martini als „Knoten“ bezeichnete, nannte er gleich dazu:

Der Priestermangel, die Rolle der Frau in Gesellschaft und Kirche, die Ehe, die katholische Sexuallehre, die Bußpraxis, die Beziehungen mit den orthodoxen Kirchen und generell die „Notwendigkeit der ökumenischen Hoffnung“ neuen Schwung zu verleihen, die Beziehungen zwischen Demokratie und Werten und zwischen staatlichen Gesetzen und den Moralgesetzen.

Mit der Doppelsynode über die Familie, die letztlich nur um die Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen und abgeschwächt um die Homosexualität kreiste, griff Papst Franziskus das Thema „Ehe“ aus dem Martini-Verzeichnis auf und, untergeordnet, das Thema „Sexuallehre“.

Das Thema der nächsten Bischofssynode könnte daher das von Martini an erster Stelle genannte Thema „Priestermangel“ stehen.

Für Missionsbischof Erwin Kräutler ist der Zölibat Vergangenheit
Für Missionsbischof Erwin Kräutler ist der Zölibat Vergangenheit

Indiz 2

Der Mangel an Priestern, die in der lateinischen Kirche zölibatär leben, ist in einigen Gegenden besonders akut. Das gilt erstaunlicherweise gerade für Lateinamerika.

2014 erhob der österreichische Missionsbischof Erwin Kräutler, in seiner Heimat Liebkind der kirchenfernen Medien, in Brasilien Ordinarius der Amazonas-Prälatur Xingu sein Stimme und forderte die Priesterweihe von „viri probati“. Das ihm unterstehende Gebiet ist größer als Italien, wenn auch nur dünnbesiedelt. Dafür habe er nur 25 Priester. Die Heilige Messe werde in entlegenen Orten nur zwei-oder dreimal im Jahr zelebriert. Unter Benedikt XVI. meinte Kräutler zum Thema Priesterberufungen: Missionsbischof Kräutler: Um Priesterberufungen beten? „Da mache ich nicht mit“.

Kräutler wird von „liberalen“ Kirchenkreisen des Westens unterstützt, die nach einer Bresche suchen, um den Priesterzölibat zu Fall zu bringen. Unterstützt wird er auch vom brasilianischen Kardinal Claudio Hummes, einem Wähler von Papst Franziskus (Die Geisteswelt eines „Papstmachers“: Homo-Ehe, Zölibat und Frauenpriestertum). Hummes ist trotz seiner 81 Jahre Vorsitzender der Amazonas-Kommission der Brasilianischen Bischofskonferenz. Im vergangenen November erklärte er Radio Vatikan, „solange zu arbeiten, bis es eine indigene Kirche gibt, eine Kirche, die in die Kultur und die Religion der Indios eingetaucht ist und die von einem indigenen Klerus angeführt wird. Sie haben ein Recht darauf. Sie sind die letztere Peripherie, die wir haben, die entfernteste.“ Gegenüber Radio Vatikan sagte der Kardinal nicht mehr. „Man weiß aber, daß die Rede vom ‚indigenen Klerus‘ einen auch verheirateten Klerus meint“, so Magister.

Der Kardinal öffnete Kräutler und seiner „Amazonas-Werkstatt“ für ein neues Priestertum die Türen zu Papst Franziskus.

Der Papst empfing Kräutler in Audienz, der im Anschluß betonte, dem Papst die „dringende Notwendigkeit“ der Weihe von „viri probati“ nahegelegt zu haben. Hinter der „hochtrabenden Formulierung“ verbirgt sich die schlichte Tatsache, daß verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden sollen. Anders ausgedrückt, daß auch Männer das Priestertum erlangen sollen, die nicht bereit sind, für den Priesterstand auf den Ehestand zu verzichten. Kurzum: das Ende des Priesterzölibats, wie er sich nur in der lateinischen Kirche bewahrt hat und der als ein Zeichen für die wahre Kirche Christi in der katholischen Kirche gesehen wird.

Kräutlers Forderung ist nicht neu. Die brasilianischen Bischöfe, aber nicht nur sie, haben sie mehrfach vorgebracht. Doch weder unter Papst Johannes Paul II. noch unter Benedikt XVI. konnten sie mit Nachgiebigkeit in dieser Frage rechnen. Um so mehr richten sich die Hoffnungen seit 2013 auf Papst Franziskus.

In diesem Jahr war das Gerücht in Umlauf, Papst Franziskus habe Kardinal Hummes einen Brief geschrieben, in dem er seine Unterstützung bekundete, über den Zölibat und die Priesterweihe von „viri probati“ nachzudenken. Vatikansprecher Federico Lombardi leugnete auf Nachfrage die Existenz eines solchen Schreiben, fügte aber hinzu: „Es stimmt hingegen, daß der Papst mehr als einmal die brasilianischen Bischöfe eingeladen hat, mit Mut pastorale Lösungen zu suchen und vorzuschlagen, die sie für angemessen halten, um den großen pastoralen Probleme in ihrem Land zu begegnen.“

Subcomandante Marcos der Zapatistischen Befreiungsarmee und Bischof Ruiz Garcia verstanden sich
Subcomandante Marcos der Zapatistischen Befreiungsarmee und Bischof Ruiz Garcia verstanden sich

Indiz 3

In einer anderen Gegend Lateinamerikas, im Süden Mexikos, liegt der Bundesstaat Chiapas. Auch dort wird seit einigen Jahrzehnten Druck zur Priesterweihe von verheirateten Männern ausgeübt. Zentrum dieser Bewegung ist die Diözese San Cristobal de las Casas. Das bereist 1539 errichtete Bistum ist so groß wie Baden-Württemberg und zählt 1,7 Millionen Einwohner, von denen etwa 1.350.000 Katholiken sind. In der Diözese gibt es kaum mehr als 80 Priester und die sind meist fortgeschrittenen Alters, dafür aber Hunderte ständige Diakone. Offiziell werden mehr als 330 von ihnen gezählt. Kritiker sprechen von einer „auf den Kopf gestellten Berufungspastoral“. Betrieben wurde die Massenweihe von Diakonen, die alle verheiratet sind, in dem 40 Jahre dauernden Episkopat von Bischof Samuel Ruiz Garcia. Ruiz leitete von 1959-2000 das Bistum und wollte auf seine Weise die Abschaffung des Zölibats herbeiführen. Ruiz wurde auch wegen seiner Nähe zum Subcomandante Marcos bekannt, der eine zentrale Rolle im langjährigen Chiapas-Konflikt zwischen dem Ejercito Zapatista de Liberacion (EZLN) und der mexikanischen Regierung spielte.

Die Zapatistische Befreiungsarmee war die erste sozialistische Guerillabewegung, die nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks in Erscheinung trat. Entsprechende Sympathien fanden die Zapatisten unter linken Globalisierungskritikern.

Mit der altersbedingten Emeritierung von Ruiz Garcia untersagte Rom zugleich weitere Weihen von verheirateten Diakonen. Die Gottesdienstkongregation erließ ein entsprechendes Dokument. Zudem wurde die Bezeichnung als „indigene Diakone“ verboten, da der Eindruck entstanden war, als handle es sich dabei um eine neue Form des Weihamtes, die sich von jenen der Kirche unterscheidet. Den Frauen dieser Diakone wurde vom Vatikan, mit gewohnter Verspätung untersagt, sich „Diakonissen“ zu nennen und so zu tun, als hätten auch sie Anteil am Weiheamt ihres Mannes. Der Grund dafür lag darin, daß Bischof Ruiz Garcia bei der Diakonatsweihe der „viri probati“ aus welchen Gründen auch immer, auch deren Frauen die Hände auflegte. Rom verlangte von den bereits geweihten Diakonen eine öffentliche Erklärung, daß ihre Weihe damit endete und nicht eine Etappe zum Priestertum darstellte.

Nach der Wahl von Papst Franziskus wurde das 2000 erlassene Verbot, verheiratete Diakone zu weihen, aufgehoben. Im Mai 2014 erlaubte Rom dem Nachfolger von Ruiz Garcia, Bischof Felipe Arizmendi Esquivel die Diakonatsweihen wieder aufzunehmen. Der Bischof kündigte sofort an, die Weihe von hundert verheirateten Männern zu beabsichtigen.

Ex-Priester mit ihren Frauen und Kindern drängen auf Wiederzulassung
Ex-Priester mit ihren Frauen und Kindern drängen auf Wiederzulassung

Indiz 4

Unterdessen ging Papst Franziskus daran, an der Römischen Kurie grundlegende personelle Umbauarbeiten an der Kleruskongregation vorzunehmen. Unter Benedikt XVI. war sie zu einer Hochburg gegen die Abschaffung des Priesterzölibats ausgebaut worden.

Es gibt aber noch mehr. „Es ist inzwischen sicher, daß Papst Franziskus bei seiner nächsten interkontinentalen Reise Mitte Februar 2016 Station im Staat Chiapas und zwar in der Diözese San Cristobal de las Casas machen wird“, so Magister.

Am vergangenen 10. Februar empfing der Papst zwölf Priester, wie es hieß, von denen aber fünf ihr Priestertum aufgegeben hatten, um zu heiraten. Heute drängen sie als verheiratete Männer auf die Rückkehr in den priesterlichen Dienst. Papst Franziskus sagte zu ihnen: „Das Problem habe ich in meiner Agenda.“ Was immer der Papst genau damit meinte, es deutete an, daß Papst Franziskus die Frage des Zölibats nicht als abgeschlossen betrachtet.

Damit wurden die Hoffnungen in den organisierten Gruppen „verheirateter (Ex-)Priester“ genährt, die neuen Schwung erhielten. Nicht nur in ihren Kreisen geht die Rede um, daß Papst Franziskus „nicht nur den Priesterzölibat in Frage stellen könnte, sondern auch das Weiheverbot für Frauen“, so Magister. Das jedenfalls hofft die amerikanische Benediktinerin, Sr. Joan Chittister ebenso wie der österreichische Benediktiner Christian Haidinger, Abtpräses der Österreichischen Benediktinerkongregation und Vorsitzender der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs.

Text: Settimo Cielo/Giuseppe Nardi
Bild: Settimo Cielo/MNFPC/Ja(Wikicommons (Screenshot)

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58 Comments

  1. Wenn Bergoglio das ernst meint, so steht er im Widerspruch zur Lehre des von ihm selig gesprochenen Paul VI. (Sacerdotalis coelibatus, 24. 6. 1967) und des von ihm heiliggesprochenen Johannes Paul II. (Ordinatio Sacerdotalis, 22. 5. 1994). Ob ich diesem Papst, der offenbar eine befreiungstheologisch verseuchte, kryptoprotestantische Neukirche anstrebt, noch folgen kann, ist eine schwere Frage.

  2. Es wurden doch nicht umsonst vor allem jene Bischöfe aus ihren Diözesen gemobbt, die sich mittels voller Priesterseminare gegen ungeschriebene Gesetze der postkonziliaren Afterkirche vergingen und den hausgemachten „Mangel an Berufungen“ vor aller Welt Lügen straften.

  3. Eine kühne These, aber warum eigentlich nicht ?
    Es würde zu diesem Pontifikat passen, aber er würde es ja nicht aufheben sondern streng an den Dogmen orientiert kleine und große Hintertüren öffnen mit denen man dann alles praktizieren kann und es immer schon so war, aber bitte immer streng nach dem Dogma.
    Wobei mir langsam der Verdacht kommt das Herr B. wahrscheinlich das kleine Latinum in seiner Schule mit dem Theologiestudium verwechselt hat, das würde viele seiner hanebüchenen Aussagen erklären.
    Hoffentlich beendet Christus diesen Spuk bald.

  4. Ich fürchte alles kommt noch viel schlimmer! WENN wir in der Zeit der APOSTASIE, die von Paulus gemeint ist, leben; wenn das Papsttum das Hindernis ist, das beseitigt (kann auch heissen: umfunktioniert) werden muss, damit der AC erscheinen kann, dann ist alles was wir erleben noch nichts gegen das kommende. Aber es ist m. E. noch nicht klar, ob es so weit ist. Es braucht jetzt viel Wachsamkeit. Warum hier und anderswo noch Zeit verlieren mit pseudotheologischem Geschwafel, mit persönlichen Angriffen, mit Seinen-Senf-zu-allem-geben? Was mich angeht, so ziehe ich mich aus dem Kommentar-Geschäft zurück, bevor es eine Sucht wird . . .

    • Come on! Weder hat Elias viel geschrieben, noch sieht so der Track eines potenziell Süchtigen aus.

      Wer sich aus den von Ihnen genannten Gründen unter die Decke zu verziehen beginnt, wird beim Aufwachen katerig feststellen, dass er immer noch da ist. Und Geschwafel, persönliche Angriffe und reine Senfabsonderungen sollte man sich zu jeder Zeit zu unterlassen vornehmen.

    • So lange Sie noch keinen Vitamin D Mangel haben, weil Sie kaum an die Sonne kommen, brauchen Sie auch keine Suchtbedenken haben!
      Ansonsten empfehle ich die Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel, um einem Knochenabbau und Muskelschwund vorzubeugen. Das Hüftgold und die Rettungsringe lassen sich dann aber doch nicht mit Pillen abbauen; dazu sollte man dann doch ab und zu die Welt von draußen sehn!

    • @Elias,
      Es kennzeichnet einen intelligenten Menschen daß er bereit ist nach reiflicher Überlegung seine Meinung zu revidieren;
      daß Sie dies nach schon nach 17 Stunden tun: Chapeau!
      Sie sind noch schneller als der wankelmütige Bischof v. Brügge DeKesel am 29. Oktober 2014 in dem Fall Tom Flavez.
      „…quasi folium universi…“ (Vs. 2. Rorate caeli desuper)

  5. Zitat eines Freimaurers – Marsaudon – über die neue Strategie der Freimaurerei:
    -
    „Nicht mehr die Vernichtung der Kirche ist das Ziel, 
    sondern man sucht sie zu benützen, indem man in sie eindringt“
    -
    „In die Kirche eindringen“ ist denn die neue Strategie der Freimaurerei. Dieses Ansinnen scheint ihr gelungen zu sein.
    Letztendliches freimaurerische Ziel aber ist die eigentliche 
    „Entpriesterlichung“ der Heiligen Mutter Kirche „zu Gunsten“ einer „Laienkirche.“ Um dies bewerkstelligen zu können, bedarf es denn z.B. zunächst einer „Übergangsform“; zölibatäre Priester und verheiratete „Priester“ nebeneinander !
    Und nun schauen wir uns um; unentwegt hören wir aus modernistischen Kreisen das Gerede von der angeblichen  „Notwendigkeit der Lockerung des Zölibates“. Missionsbischof Kräutler aktuell mit einer „neuen Variante“. „PastoralreferentInnen“ ( also Laien !) sind ohnehin schon übermässig viel vertreten ! Letztendlich ist also diese Strategie der langsamen „Entpriesterlichung“ der Kirche auch dazu gedacht, das eigentliche Ansinnen der Freimaurerei zu forcieren; die Einheit von Heiliger Mutter Kirche und Ewiger Wahrheit Jesus Christus zu torpedieren, sprich die Heiligkeit der Kirche ins Natürliche herunterzuziehen, sie nicht mehr als Erlöserkirche gelten lassen zu wollen.

  6. //Als Martini im Konklave 2005 seine Chancenlosigkeit gegen Joseph Kardinal Ratzinger erkennen mußte, lenkte er seine Stimmen auf Kardinal Bergoglio um, der durch eine Sperrminorität die Wahl Ratzingers verhindern sollte. //

    Beim Lesen dieses Satzes kam mir erstmals der Gedanke, dass wohl irgendwann die Lenker des „Prozesses“ den Plan gefasst haben, einen Jesuiten auf den Stuhl Petri zu erheben – entgegen den Regeln (oder Statuten?) dieses Ordens –, der die Rolle des letzten der Malachias’schen Päpste, Petrus Romanus, auf sich nehmen sollte. Martini hatte unvergleichlich mehr theologisches Format als Bergoglio, dafür hat Bergoglio andere Qualitäten, und Revolutionäre sind sie beide. Warum ein Jesuit? Weil keine katholische Organisation seit Jahrhunderten so sehr in die Politik verwickelt ist mit dem Ziel der leisen katholischen Welteroberung, wie der Jesuitenorden. Dieser Orden ist wie geschaffen für die Neue Weltordnung. Doch wie sagt man? Der Mensch denkt, Gott lenkt.

    • @ Leo L.:
      mit Petrus Romanus laut der Malachias-Liste ist der echte Petrus gemeint,nicht ein Papst gleichen Namens.
      Das würde sich sicher auch keiner anmaßen.
      Siehe dazu Elisabeth Canori-Mora,von der ich bislang nichts wusste.
      http://www.kommherrjesus.de/endzeit/visionen/elisabeth-canori-mora
      Dieses behütetwerden der kleinen Herde könnte man fast als Entrückung auslegen.
      Erst nach der Reinigung der Erde kommt ein neuer Papst und eine Erneuerung des Glaubens und der Kirche.
      Deckt sich übrigens auch mit Emmerick,Taigi und der Botschaft von La Salette.
      Nach einer Friedenszeit ( laut La Salette 25 Jahre ) erscheint dann erst der Antichrist und es kommt zum Endkampf und anschließendem Gericht.
      Der Elisabeth Canori Mora sagte Gott mehrfach,das das Strafgericht nur mehrmals aufgeschoben wurde,aber beschlossene Sache bleibt.
      Auch sollte Rom schon mehrmals den Papstsitz verlieren,wurde auch nur wegen der Sühneseelen aufgeschoben.
      Scheint nun aber Wahrheit zu werden.
      Wie es aussieht,sind wir also sehr sehr nahe am endzeitlichen Geschehen.

  7. Im Jahr der Barmherzigkeit wird es in der kath. Kirche nichts mehr geben was es nicht geben wird!
    F. wünscht ausdrücklich, dass j e d e r die Erfahrung der Barmherzigkeit machen soll, wenn nicht gar machen muss – Barmherzigkeit ohne Grenzen!
    Der Markt der Möglichkeiten ist eröffnet – hereinspaziert – alle Wünsche werden erfüllt – keiner muss draußen bleiben – a l l e sind e i n g e l a d e n !

    • Barmherzigkeit wäre, wenn dieser Papst sein Amt niederlegen würde. Das wäre Barmherzigkeit mit den geplagten Gläubigen, die seinenm Zirkus tagtäglich mitkriegen.

  8. Wo liegt eigentlich das Problem ? Der Zölibat ist eine recht neue Erfindung in der Kirche und es ist ja nicht gerade so, als gäbe es in der RKK keine verheirateten Priester …

      • Und der „Hl. Geist“ steht wohl damit gegen den Brief des Apostels Paulus an Timotheus, welcher aus als „katholischer“ Brief bezeichnet wird:
        “ […] Deshalb soll der Bischof ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet, nüchtern, besonnen, von würdiger Haltung, gastfreundlich, fähig zu lehren; […]“

        Achsoo, das bezieht sich ja auf den Bischof, nicht auf die Priester…..

        Und selbst der von mir hochgeschätzte Benedikt16 hat zugegeben, dass die Lehre des Zölibats KEINE Glaubensdogma ist, sondern eine Regelung innerhalb der römischen Kirche. Die heilige orthodoxe Kirche hingegen lehrt klar, das „Weltpriester“ verheiratet sein müssen, denn „[…] Wer seinem eigenen Hauswesen nicht vorstehen kann, wie soll der für die Kirche Gottes sorgen? […] „

      • Haben Sie schon mal versucht in einem Land mit vorherrschend orthodoxer Prägung eine Werktagsmesse zu besuchen? Werden sie nicht schaffen, weil gibt nicht! Es sei denn Sie treffen auf ein Kloster! Orthodoxe verheiratete Priester haben die gleiche Auflage wie unsere Diakone, drei Tage vor dem Dienst am Altar enthaltsam zu leben – da die ehelichen Pflichten auch nicht zu kurz kommen dürfen, kann nur am Sonntag die Hl. Messe stattfinden. Das orthodoxe Kommunionverständnis ist auch eine Wissenschaft für sich. Wie glücklich war ich im Bulgarienurlaub endlich auf eine kath. Gemeinde zu stoßen, die von Franziskanern geleitet wurde: Jeden Tag Hl. Messe und Gelegenheit zur Anbetung; es kam mir vor wie das Paradies in einer (Gottesdienst-)Wüste und ich dankte dem lieben Gott für das große Geschenk des Zölibates!

  9. Der Zölibat ergibt im Novus Ordo offenbar für sehr viele, die einst Priester wurden, gar keinen Sinn. Sie leben ohnehin vielerorts schon offen in irgendwelchen Beziehungen, und die Laiisierungsrate ist ebenfalls hoch. Priester, die ihr Brevier nicht mehr beten und v.a. in endlosen Sitzungen und Verwaltungsarbeiten beschäftigt sind, und nebenbei noch diese oberflächliche Messe zelebrieren sollen, mit Beichthören kaum noch befasst sind, können m.E. sogar zu Recht keinen Sinn darin sehen, zugunsten des Lebens eines Büromanagers und Verwaltungsangestellten ohne Ehe zu leben.

    Das Gefüge, innerhalb dessen der Zölibat zweifellos Sinn ergeben hatte, ist immer weiter zerstört worden.

    Da vielerorts auch die Laien sich ja an nichts mehr halten müssen und die Kirche sich für sexuelle Verfehlungen, die einst als Todsünde galten, geöffnet hat, wird es für Priester doppelt schwer, wenn ausgerechnet sie dann den Zölibat halten sollen.

    Andererseits muss man zugeben, dass in früheren Zeiten teilweise eine abscheuliche Doppelmoral gelebt wurde – Priester, Bischöfe, ja sogar Päpste, bei denen offen die Mätressen ein und ausgingen.
    Und nachdem ich mich immer mehr mit dem 19. Jh beschäftige ebenfalls eine geradezu atemberaubende Doppelmoral nicht etwa bei den Liberalen, sondern bei den Reaktionären.

    Es hatte einen absolut gegebenen Grund, als in La Salette gesagt wurde, die Kleriker seien nur noch Kloaken, aber es waren nicht die „Revolutionäre“, sondern die Reaktionäre gemeint.

    Es ist verräterisch, dass Pius X. in „Pascendi“ die Modernisten des untadeligen Lebens bezichtigt, hinter dem sie sich angeblich versteckten – hier schimmert dieser Wahnsinn des 19. Jh heraus. Und es ist auch seitens Pius X., der sicher selbst ein integrer und sittlich untadeliger Mann war, wie ich annehmen muss, geradezu verrückt, den Modernisten vorzuwerfen, dass sie fleißig und tugendgaft seien! Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen!

    Einerseits ist der Zölibat für Weltpriester tatsächlich auch kein göttliches Gesetz. Ich denke, die Zölibatsverfechter haben hier ohnehin, wenn sie sich auf die Lehre der Kirche berufen wollen, keine sehr gute Ausgangslage (anders als bei der Wiederverheiratungssache).

    Aber keine Sorge: das Frauenpriestertum wird niemals eingeführt – denn in der Frauenfrage sind sich die bösen Freimaurer mit den Reaktionären immer vollkommen einig gewesen.
    Und der Verrat an Christus geschieht nicht durch die Frau. Gott hat sie in Feindschaft zum Satan gesetzt, nachdem der Böse sie in seinem Neid ihr gegenüber an ihr vergriffen hatte und der Mann als der Beschützer des gebotes, der er hätte sein sollen, total versagt hatte.

    Der klerikale Mann sorgt schon dafür, dass auch er selbst den Vorrang im Verrat an der Lehre weiterhin behalten darf.

    Die Frommen sind schon ziemlich verwirrt, wenn sie das nicht sehen – all die theologischen Wirren in Rom hat buchstäblich nicht eine Frau zu verantworten.
    Denkt mal drüber nach.

    • Liebe @zeitschnur

      // Aber keine Sorge: das Frauenpriestertum wird niemals eingeführt – denn in der Frauenfrage sind sich die bösen Freimaurer mit den Reaktionären immer vollkommen einig gewesen. //

      Davon bin ich nun wirklich nicht überzeugt.
      Küng bspw. äußerte in seiner Rede anläßlich der Verleihung des Kulturpreises Deutscher Freimaurer 2007:

      „Dazu natürlich die Rolle der Frauen, die nicht nur in der Kirche, sondern auch im Freimaurertum ein Problem ist. Doch ob eine als Männerbund gegründete Gemeinschaft Frauen aufnehmen soll oder ein Frauenklub Männer, darüber läßt sich füglich und trefflich diskutieren. Undiskutabel aber erscheint mir, daß eine Kirche, die von Anfang an als eine Glaubensgemeinschaft von Männern und Frauen gegründet war, in der auch Frauen leitende Funktionen wahrnahmen, die Frau in den kirchlichen Diensten immer mehr zurückdrängte und schließlich von allen höheren Ämtern ausschloß. In einem Punkt hat das Freimaurertum freilich notorisch weniger Schwierigkeiten: die Zölibatsfrage stellt sich nicht; auch die hohen Grade dürfen verheiratet sein.“ http://www.freimaurerei.de/rede-von-hans-kueng.html

      Es geht doch im Prinzip nicht um den Zölibat, sondern um die Zerstörung des Priestertums, es geht darum, das ewige Priestertum Jesu Christi sichtbar zu zerstören!

      Das Spielchen Männer gegen Frauen ist hier naiv und fehl am Platz.

      • Nein, das ist es nicht – es ging ums Frauenpristertum oben im Artikel. Sehen Sie noch mal nach.

        Und ich meinte: Das wird es niemals geben! Mein Satz war natürlich polemisch formuliert, aber er ist wahr: Wissen auch Priester heute nicht mehr, warum sie Priester sind, aber eines weiß Rom: Frauen dürfen nicht mitspielen. Und die Freimaurer – bleiben Sie mir doch fort! Küng ist ohnehin nicht sehr realitätssinnig.
        In den Logen und hohen Graden sitzen keine Frauen – alles nur das nicht, nicht anders als in der katholischen Hierarchie UND dem sonstigen Amtsapparat.

        Es ist allerdings wahr, dass ganz offenkundig Frauen in früheren Zeiten der Kirche, auch wenn sie nicht Kleriker waren und sein konnten, dennoch sehr hohe Ränge einnehmen konnten.

        Mit dem Kampf der Päpste gegen die Monarchen und deren „sakrale“ Rechte wurde auch die Frau zunehmend aus Funktionen verdrängt. Äbtissinnen hatten teilweise rechtlich gesehen denselben Rang wie Bischöfe, und es gab ihrer Hunderte in Europa. Das ist alles nachgewiesen. Frauen warn auch teilweise administrativ Leiterinnen von Männerklöstern – je nach Konstellation. Und niemand sah darin ein Problem. Sehen Sie sich nur mal die Hl. Walburga an!

        Heute mischt sich das Problem der Einbindung der Frauen in administrative Ämter mit der Fixierung auf die gnadenlose Machtkonsolidierung des Klerus.

        Das ist aber weder „biblisch“, noch in der Tradition wirklich verankert. Es ist eine neuzeitliche Entwicklung, die aber so dargestellt wird, als sei sie „alt“.

        Und in dieser neuzeitlichen Diskriminierung der Frau stimmen FM und moderne Kirche seit dem 19. Jh geradezu bestürzend überein.

        Die Zölibatsfrage hat damit wiederum nur am Rande zu tun.

  10. Kräutler legt sich doch mit allen an und das zum Schaden der ihm Anvertrauten. Ein Besserwisser der Gutmenschenart, die uns etwas sagen will. Lassen wir das nicht länger zu.

  11. Wenn das in diesem Tempo so weiter geht, bleibt für mich nur noch ein Ausweg aus dieser
    immer mehr verkommenden Katholischen Kirche: „Die Piusbruderschaft“. Dann kann ich wenigstens auch in Zukunft katholisch bleiben.

    • Ihre Wortmeldung ist (leider) ein weiterer Beleg für die früher einmal gemachte Aussage der hiesigen Frau Praezeptorin, dass es den Konservativen erst beim Sexthema aushängt. Messe, Sakramentenverständnis, Priesterbild oder kurz: eigentlich alles konnte bis zur Unkenntlichkeit verändert werden, ohne dass man ob dieser Fragen, die ja grundlegend für alle anderen sind, anscheinend Zweifel hatte, ob dies noch katholisch ist.

      • ich mach mal einen Erklärungsversuch, warum es den „Konservativen“ erst bei diesem Thema „aushängt“, wie Sie so schön schreiben. Der durchschnittliche Konservative, der vielleicht nicht übermässig theologisch geschult ist, hat sich auf die Behauptung Pauls VI des verlassen, es würde nix geändert ausser der Form – alles, was vom Papst kommt, abnicken, ist ja auch ein Charakteristikum dieser Spezies… vielleicht beschleicht ihn im Novus Ordo sogar ein Gefühl der Leere, er spürt das etwas fehlt, aber naja, der Papst hat ja gesagt…dass sich dann bei den meisten das Sakramentenverständnis und das Priesterbild – vermutlich schleichend, nicht abrupt – verändern merkt er entweder nicht oder zu spät. An die Realpräsenz glaubt er ja, dass es sein Pfarrer nicht mehr tut, merkt er nicht oder zu spät, weil er die Bedeutungsverschiebung hin zum Mahl nicht richtig einschätzen kann, es war ja schliesslich damals das Letzte Abendmahl usw.
        Aber dann Kommunion für Leute in ziviler Zweitehe oder Abschaffung Zölibat (oder auch Segnung von Homo-Partnerschaften), das merkt dann auch der gutgläubige, „papsttreue“ Konservative, das kann man ihm nicht mit ein paar theologischen Kapriolen beibringen – auf dem Gebiet ist es schwieriger, ihm ein X für ein U zu verkaufen
        bei der Bedeutungsverschiebung weg vom Opfer hin zum Mahl konnte man den Leuten eher dieses X für ein U vormachen, die Generation meiner Eltern und Grosseltern hat dies m.E. nicht realisiert in der vollen Konsequenz – und ich mein das nicht verächtlich, die waren beschäftigt mit Familie, Beruf etc. und waren auch darauf gedrillt, alles was der Papst veranlasst, nicht zu hinterfragen

        ich bin Jahrgang 1972, bitte kloppt mich, wenn ich damit falsch liege – aber vorzugsweise mit Argumenten 😉

      • @ Carlo
        Sie meinen, „dass es den Konservativen erst beim Sexthema aushängt“ usw.
        Und wie erklären Sie sich den Rückgang des sonntäglichen Messbesuchs von 50% auf unter 10% in den vergangenen 50 Jahren?

      • @ Kostadinov

        Sie liegen nicht schief – das ist ja das Problem, von dem ich ebenfalls seit langem rede: dieser jesuitisch aufgeblasene ecclesia-docens-Megaballon der den Papst zum Magier und Zauberer oder zum okkulten Medium in Himmelhöhen gemacht hat – das ist der Schwachsinn der Reaktionäre des 19. Jh, der sich aber schon mit Ignatius angebahnt hatte.

        Mancher Papst hat sich das auch vorher schon angemaßt via selbstherrliches/teilweise sogar kriminelles Verhalten, aber dass einer das theologisch festlegt und auch noch einen Exerzitiendrill und ein extra Ordensgelübde damit verbindet, der sonst zu weiten Strecken ganz unverfänglich scheint – das ist der Wahnsinn…

        Das so eingeschworene Kirchenvolk – ein besonderes Verdienst auch Pius X. (!) – hat danach tatsächlich den „Heiligen Vater“ über den Herrn selbst gesetzt.
        Nicht umsonst dieser wirklich satanische Spruch, der treue Katholik gehe eher mit em Papst in die Hölle als ohne ihn in den Himmel.

        Ich glaube aber nicht, dass das noch mal zu kitten ist.

        Ich glaube an den Primat des Stuhles Petri, aber nicht in der Sinngebung, wie sie seit 150 ganz grauenhaft und davor schon in der Anbahnung dahin aufgezogen ist wie ein Unwetter.

        Die Mahner vor dem Vaticanum I haben doch samt und sonders recht gehabt!
        Sie haben es doch ausgesprochen, dass dieser überzogene Papalismus in der Kirche ganz schnell DIE Revolution in die Auflösung hinein auslösen wird (Kettler, Newman, Reinkens, auch Hefele etc.)

      • Kosta: habe nichts zu kloppen.

        Sophus: Wegen der Messe. Ist das „Zentrum und Wurzel des christlichen Lebens“ beschädigt, ohne dass wirksame Reparaturmaßnahmen ergriffen werden, stürzt alles rundum ein. In etwa wie 2001 das WTC, nur (für unsere Augen) im Zeitlupentempo. Erst recht bei einem Angriff von innen.

        Als einer, der ausschließlich NOM-Kindheitserinnerungen und erst gegen 30 die überlieferte Messe kennengelernt hat, wage ich die(se) Behauptung, dass nicht nur deren Form, sondern verhängnisvollerweise auch die „Washeit“ verändert wurde.

        In derselben Dynamik geht die Göttlichkeit desjenigen Bach ab, der gekommen war, den Willen des Vaters zu erfüllen und dabei u.a. die Ehelehre zurechtgerückt hat. Deshalb kann heute ein Kardinal der Hl. Kirche auf einer päpstlichen Synode gutherzig fragen: „Could Peter not be merciful like Moses?“ Wiederum IMO ist Letzteres indes logische „Weiterentwicklung“ der Assisi-Initiativen JPII.

  12. Man kommt gar nicht mehr mit, wenn man auf dem laufenden bleiben möchte, was in der Kirche vorgeht. In Krefeld will man eine gemeinsame katholisch-evangelische Gemeinde schaffen, die sich in der Praxis teilweise schon herausgebildet hat. Jetzt komme bloß keiner mit langweiligen Wahrheitsfragen – schließlich sind wir keine gnostische Pelagianer, oder semipelagianische Gnostiker, oder wie war das noch…

  13. @ CARLO
    Da bin ich wieder – der Kater ist weg, verschwunden; aber ich hoffe, auch der erste Teil meiner Zuschrift sei gelesen worden! (nein, nein, nicht weil ich so wichtig wäre).

  14. „Kurzum: das Ende des Priesterzölibats, wie er sich nur in der lateinischen Kirche bewahrt hat und der als ein Zeichen für die wahre Kirche Christi in der katholischen Kirche gesehen wird.“
    Soll dieser Satz etwa heißen, dass die katholischen Ostkirchen nicht die wahre Kirche Christi sind? Und was ist mit den Priestern im römischen Ritus, die vom Protestantismus zum Katholizismus konvertieren und ihre Ehe fortführen dürfen. Ist dadurch jetzt auch der große Teil der universalen katholischen Kirche, nämlich der des römischen Ritus, nicht mehr die wahre Kirche Christi?
    Man sieht, wie unsinnig die Argumentation ist. Damit wäre auch die Urkirche mit den verheirateten Aposteln nicht die wahre Kirche. Als ob der Zölibat das Kennzeichen für die wahre Kirche wäre! Welch übergroßer Schwachsinn!

  15. Was mache ich bloß, wenn es den Progressisten vollumfänglich gelingt, ihre Agenda durchzusetzen? Was mache ich bloß? Schon jetzt sind die Hintergrundinformationen, die ich hier auf katholisches.info lese, die größte Gefährdung meines Glaubens. Bezeichnend übrigens auch ein Kommentar des „katholischen Haustheologen“ der FAZ in dieser Woche, die sehr offen erkennen ließ, was die Progressisten eigentlich wollen, aber unter JP II und Benedikt nicht zu sagen wagten. Letztlich wollen sie eine katholische Kirche, die alles hinter sich läßt, was sie einmal ausgemacht hat, eine katholische Kirche, die keine mehr ist. Herr Gott, ich verstehe es nicht. Warum läßt Du all das zu?

    • Aventin swir uns für Ihn entscheiden, dass wir Ihn lieben mit unserem ganzen Herzen, mit unserer ganzen Seele und mit all unserem Leistungsvermögen, und den Nächsten wie uns selbst. Das ist nicht schwer zu begreifen. Was darunter zu verstehen ist, erfahren wir vor allem in der Bibel. Wenn Sie nicht mehr ein und aus wissen wegen der Verwirrung in der Kirche, lesen Sie die Bibel, besonders das Neue Testament, und tun Sie, was Jesus von uns verlangt. Wir sollen Buße tun, das heißt uns von unseren alten Wegen der Sünde entschieden abwenuden und uns mit unserem ganzen Wesen Gott zuwenden. Wir sollen unserem Nächsten Gutes tun. Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde zählt. Jeder Augenblick unseres Lebens wird einmal geprüft werden. Die Zeit, die uns gegeben ist, ist ungeheuer kostbar. Nutzen wir sie. Solange wir leben, ist es nicht zu spät für Umkehr und Buße. Beginnen wir heute, jetzt !

      • Aventin
        (Leider spielt mir die Tastatur Streiche. Der Anfang meiner Antwort wurde versehentlich gelöscht.) Ich schrieb, dass Gott uns dieses Leben geschenkt hat, um uns zu prüfen. Er will, dass wir uns frei für Ihn entscheiden…

        Wenn Sie nicht weiter wissen: beten Sie zu Ihm, dass Er Ihnen Licht schenkt ! Gott wartet auf unser aufrichtiges Gebet.

    • Warum auch immer, werter Aventin, warum auch immer …
      Und: Vom „Machen“ sich verabschieden, dies ist gar nicht so schlecht. Bewahren wir uns das Bewußtsein der Zuversicht: Die Feinde der Kirche können längst machen, was sie wollen, fürwahr. Nur obsiegen können sie nicht. Und sie ahnen es bereits, mehr unbewußt. Daher die Beschleunigung, die Raserei und die Tobsucht, die Ungeduld und die Maßlosigkeit. Die Agenda der Moderne wirft bereits, ihrer Vollendung entgegensehend, die Schatten ihrer endgültigen Unmöglichkeit.

    • @Aventin
      Vielleicht verwechseln Sie etwas. Wenn Sie im Glauben wirklich gefestigt sind, werden die Hintergrundinfos auf katholisch.info Ihren Glauben nicht gefährden. Es ist vielmehr der Glauben an das Gute und Wahre an der katholischen Kirche, der ins Wanken gerät.
      Und das ist doch ein großer Unterschied. Lassen Sie sich also nicht verwirren!
      Mir ging es ähnlich: Die schiere Häufigkeit an negativen Nachrichten machte mich mutlos und verzagt, ich fühlte mich geradezu erstarrt.
      Legte ich dann eine mehrtägige Pause ein oder machte zwischendurch Exerzitien und kümmerte mich in dieser Zeit aussschließlich um mein persönliches Verhältnis zum Herrn, kam ich seelisch wieder auf die Beine. Die Negativ-Nachrichten taten und tun zwar gelegentlich immer noch weh, aber ich konnte bzw. kann sie doch eher abprallen lassen.
      In den letzten Monaten habe ich immer mal wieder die hl. Messen der Pius-Bruderschaft besucht. Es gibt in der Umgebung keine andere Möglichkeit, der „alten“ Messe beizuwohnen als bei ihr. Im Moment experimentiere ich also noch.

      Halten Sie bitte Ihren Glauben nicht für gefährdet, es ist wahrscheinlich die momentane Situation der Kirche, die Sie und viele von uns belastet. Da müssen wir durch!
      Salopp gesagt – Päpste kommen und gehen.
      Bleiben wir wenigstens treu!
      katholische Kirche, die keine mehr ist. Herr Go

  16. Danke für die Reaktionen, Marienzweig, Leo Lämmlein und Kirchen-Kater!!
    Jede einzelne von ihnen ist wertvoll für mich, danke!

  17. Die Frage: „Beruft Papst Franziskus nächste Synode zum Thema Aufhebung des Zölibats und Frauenpriestertum ein?“ scheint beantwortet zu sein. Die Antwort lässt Papst Franziskus in seiner Ansprache, die er am 8.12.2015 zur Öffnung der Heiligen Pforte in Anwesenheit von Papst em. Benedikt XVI. gehalten hat, bereits durchscheinen.

    „Wenn wir heute durch die Heilige Pforte gehen – hier in Rom und in allen Diözesen der Welt –, wollen wir auch an eine andere Pforte denken: an die Tür, welche die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils vor fünfzig Jahren zur Welt hin aufgestoßen haben. Dieses Jahresgedenken darf aber nicht nur wegen des Reichtums der erstellten Dokumente erwähnt werden, die bis in unsere Tage erlauben, den großen Fortschritt festzustellen, der im Glauben gemacht wurde. An erster Stelle war das Konzil eine Begegnung. Eine wirkliche Begegnung zwischen der Kirche und den Menschen unserer Zeit. Eine von der Kraft des Geistes gekennzeichnete Begegnung, der seine Kirche drängte, aus der Dürre, die sie viele Jahre lang in sich selbst verschlossen gehalten hatte, herauszukommen, um mit Begeisterung den missionarischen Weg wieder aufzunehmen. Es war ein neuer Aufbruch, um auf jeden Menschen dort zuzugehen, wo er lebt: in seiner Stadt, in seinem Haus, am Arbeitsplatz… wo auch immer er sich befindet, da muss die Kirche ihn erreichen, um ihm die Freude des Evangeliums zu bringen und ihm das Erbarmen und die Vergebung Gottes zu bringen. Ein missionarischer Impuls, also, den wir nach diesen Jahrzehnten mit derselben Kraft und derselben Begeisterung wiederaufnehmen. Das Jubiläum fordert uns zu dieser Öffnung heraus und verpflichtet uns – entsprechend der Mahnung des seligen Pauls VI. beim Konzilsabschluss –, die aus dem Vaticanum II hervorgegangene Mentalität des barmherzigen Samariters nicht zu vernachlässigen. Möge also das Durchschreiten der Heiligen Pforte heute für uns mit dem Anspruch verbunden sein, uns die Haltung des barmherzigen Samariters zu eigen zu machen“
    In dieser Ansprache werden die unterschiedlichen theologischen Akzentsetzungen beider Päpst deutlich: Hier der „Reichtum der erstellten Dokumente“ dort, aber in der Bedeutung vorangestellt, die durch die „ Kraft des Geistes gekennzeichnete Begegnung“. Unausgesprochen heißt das, dass im „Konzil der Begegnung“ der wahre „Geist des Konzils“ zum Ausdruck gekommen ist – und nur unvollständig in den Texten. Das bedeutet, dass die Dokumente nach 50 Jahren unvollständiger Rezeption dem eigentlichen „Geist der Begegnung“ angepasst werden müssten.
    Nach seiner Wahl hat Papst Franziskus im brasilianischen TV-Sender Globo in Rio gesagt, das Konzil inspiriere die Kirche weiterhin. Die Umsetzung eines Konzils benötige für gewöhnlich 100 Jahre. „Wir haben gerade einmal die Hälfte dieser Zeitspanne hinsichtlich Vatikanum II herumgebracht“.
    Papst Franziskus fühlt sich also berufen, das Konzil im sog „Geist der Begegnung des Konzils“ zu beenden. Das Programm der Kasperianer dafür liegt längst vor!

    • Fortestzung: Die Tübinger Professoren Peter Hünermann und Bernd-Jochen Hilberath, letzterer der Lehrstuhlnachfolger von Hans Küng, brachten 2006 einen lang vorbereiteten, fünfbändigen Kommentar zum „Geist des Konzils“ des II. Vatikanischen Konzils heraus, um diesen „Geist“ einer jungen, konzilsresistenten Theologen-Generation zugänglich machen.
      Der Kommentar wurde demonstrativ Papst Benedikt XVI. übergeben und von Kardinal Walter Kasper in Rom vorgestellt. Bischof Gebhard Fürst würdigte den Kommentar mit den Worten: „Eine Theologie, die aus Geist und Erbe des Konzils schöpft, bleibt stets jung und belebend und kommt unserer Kirche wie eine Erinnerung aus der Zukunft als bleibende Mahnung für ausstehende Reformanliegen entgegen.“ Und was wären diese allgemeinen Reformanliegen?

      Es sind lehramtsfremde Reformvorstellungen, die der Intention der Konzilsväter völlig zuwiderlaufen, die unter Berufung auf den sog. “Geist des Konzils”, der niemals schriftlich festgehalten worden ist, als Früchte des Konzils durchgesetzt werden sollen. die zwar aus den Konzilstexten nicht ableitbar sind, aber dem „Geist des Konzils“ entsprächen: die Abschaffung des Zölibats, die Weihe von Diakoninnen, das Frauenpriestertum, die Aufgabe des Opfercharakters der heiligen Messe, die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion, die Interkommunion, die Laienpredigt, die Mitwirkung der Laien bei der Bischofswahl und der Amtsführung des Bischofs, die allgemeine Demokratisierung der Kirche durch synodale Prozesse auf allen Ebenen, wie sie bereits im Bistum Limburg seit dem Konzil durch die Bischöfe Kempf und Kamphaus unter dem Einfluss von Kardinal Kasper verwirklicht worden sind.

      Das alles sind alte Reformforderungen der Progressivisten kasperscher Prägung, die von Papst Franziskus adaptiert erscheinen und nunmehr im Geiste des Konzils der Begegnung zwischen der Kirche und den Menschen im Jahr der Barmherzigkeit und später in bunter Reihung zumindest als „Impulse“ zu erwarten sind – sicher beklatscht von einer breiten, schmeichelnden Öffentlichkeit und zur Freude von Hans Küng, der zum Gedenken an 50 Jahre Konzilsbeginn im Jahr 2012 im Sinne von Papst Franziskus sagte: „Ja, der Geist des Konzils war außerordentlich stark. Es war ein Geist der Erneuerung, der ökumenischen Verständigung, der Öffnung zur Welt. Es war damals eine Freude, katholisch zu sein. Und der Geist des Konzils hat die gesamte Kirche erfasst.“
      Auf die Frage „Ist dieser Aufbruch heute noch spürbar?“ antwortete Küng: Die Wirkungen des Konzils sind natürlich gegeben. Aber der Geist, der damals herrschte, ist verflogen. Es herrscht heute eher ein Geist der Resignation, des Defätismus, sogar des Zorns über die Reformunfähigkeit und Dialogverweigerung der Bischöfe und des Papstes, die Vieles von dem, was das Konzil gebracht hat, nicht genutzt oder gar verspielt haben. Ich wünschte mir, dass der Geist des Konzils wieder wach würde. Papst Benedikt XVI. dürfte da anderer Meinung gewesen sein!

      • Fortsetzung:
        Mit Beginn des Pontifikats Benedikts XVI. mussten die Anhänger des „nebulösen“ Konzilsgeistes mit Widerstand aus Rom rechnen.
        Papst Benedikt XVI. hat in seiner ersten Weihnachtsansprache nach seiner Wahl am 22. Dezember 2005 Grundsätzliches zur Problematik dieser progressivistischen Konzilsauffassung gesagt:
        „Ihre Vertreter behaupten, dass die Konzilstexte als solche noch nicht wirklich den Konzilsgeist ausdrückten. Nicht in diesen Kompromissen komme jedoch der wahre Geist des Konzils zum Vorschein, sondern im Elan auf das Neue hin, das den Texten zugrunde liege: nur in diesem Elan liege der wahre Konzilsgeist, und hier müsse man ansetzen und dementsprechend fortfahren. Eben weil die Texte den wahren Konzilsgeist und seine Neuartigkeit nur unvollkommen zum Ausdruck brächten, sei es notwendig, mutig über die Texte hinauszugehen und dem Neuen Raum zu verschaffen, das die tiefere, wenn auch noch nicht scharf umrissene Absicht des Konzils zum Ausdruck bringe. Mit einem Wort, man solle nicht den Konzilstexten, sondern ihrem Geist folgen. Unter diesen Umständen entsteht natürlich ein großer Spielraum für die Frage, wie dieser Geist denn zu umschreiben sei, und folglich schafft man Raum für Spekulationen. Damit missversteht man jedoch bereits im Ansatz die Natur eines Konzils als solchem. Es wird so als eine Art verfassungsgebende Versammlung betrachtet, die eine alte Verfassung außer Kraft setzt und eine neue schafft…. Die Konzilsväter besaßen (aber) keinen derartigen Auftrag, und niemand hatte ihnen jemals einen solchen Auftrag gegeben; es konnte ihn auch niemand geben, weil die eigentliche Kirchenverfassung vom Herrn kommt, und sie uns gegeben wurde, damit wir das ewige Leben erlangen und aus dieser Perspektive heraus auch das Leben in der Zeit und die Zeit selbst erleuchten können. Die Bischöfe sind durch das Sakrament, das sie erhalten haben, Treuhänder der Gabe des Herrn“. Sind sie das heute noch alle?

        Pfarrer i.R. Max Heintz aus Neustadt-Geinsheim hat in einem Leserbrief an „Die Tagespost“ auf die nachkoziliare Zeit zurückgeblickt:
        „Wir traten 1968 an den Weihealtar und haben mit großem Elan unsere Kaplanstellen angetreten.
        Es war die Zeit, da weltkirchenweit damit begonnen wurde, die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils umzusetzen. Doch sehr bald mussten wir feststellen, dass – aufgrund völlig falscher Interpretation der Konzilsbeschlüsse – ein unglaublicher Niedergang des kirchlichen Lebens begann, der bis heute anhält und alle sieben Sakramente betrifft: Längst werden nicht mehr alle Kinder getauft, und wie viele kehren ihrer Kirche den Rücken, indem sie ihren Austritt erklären. Nur ganz wenige kommen noch zur heiligen Beichte; offenbar gibt es keine Sünden mehr. Die heilige Kommunion wird unbesehen jedem ausgeteilt, was den ehem. evangelischen Landesbischof Helmut Claß zu der Feststellung bewog: „Es stimmt mich ungemein traurig!“ Geht es im Westen unter Papst Franziskus jetzt offiziell im „Geist des Konzils“ so weiter?

    • Fortsetzung
      Soll jetzt weitergehen, was in der Liturgiereform seinen Anfang genommen hatte?
      Für den Gläubigen war in dieser „Reform“ die Fehlentwicklung in der Rezeption des Konzils am deutlichsten sichtbar geworden.
      Joseph Kreiml, Professor für Fundamentaltheologie in St. Pölten, erinnerte im Rahmen eines Vortrages an das vom Konzil liturgisch Gewollte: „Die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium des Konzils hat das Ziel der Liturgiereform klar umschrieben: Die Überlieferung solle gewahrt bleiben und dennoch solle dem Fortschritt eine Tür aufgetan werden. Sacrosanctum Concilium beschreibt aber keine Anpassung an den Zeitgeist, sondern eine Erneuerung der Liturgie für den modernen Menschen. Das Zweite Vatikanische Konzil wollte aber nicht einfach Neues schaffen, sondern dem verbindlich Gestalt geben, was im Glaubensleben der Kirche organisch gewachsen und gereift war. Bleibende Kontinuität sollte gewahrt, Identität durfte nicht zerstört werden“ (nach: Barbara Wenz: http://www.kath.net./news/ 42634 vom 31. August 2013).

      So heißt es im Sacrosanctum Concilium des Konzils
      - über die liturgische Willkür unter SC 22: Niemand darf “nach eigenem Gutdünken in der
      Liturgie etwas hinzufügen, wegnehmen oder ändern;
      - über die Pflege der Kultsprache unter SC 36 § 1: Beibehaltung der lateinischen Sprache und
      unter SC 54: Die Gläubigen sollen “die ihnen zukommenden Teile des Messordinariums
      auch lateinisch miteinander sprechen oder singen können“.
      - über den Gregorianischen Choral unter SC 116: Als der “der römischen Liturgie eigene
      Gesang” soll er “in den liturgischen Handlungen … den ersten Platz einnehmen”.
      Was aber interessierte an der durch die „Theologie“ der Modernisten angekränkelte Basis die Liturgiekonstitution? In den Pfarrgemeinden der Ortskirchen machte man, was man wollte: Die Abschaffung der Kirchensprache Latein, das Hinausdrängen des Gregorianischen Chorals und die nahezu flächendeckende Aufstellung von Mahltischen als Volksaltäre, die damit verbundene Zelebrationsrichtung versus populo mit theologisch fragwürdigen Begleiterscheinungen können sich nicht auf Vorschriften des Konzils berufen, ebensowenig die Folgemaßnahmen im „Geist des Konzils“, ohne Einbeziehung des noch unmündigen, aber ungläubig staunenden Kirchenvolks: die „Neue Kirche“ mit schmuck- und funktionslosen Hochaltären und Beichtstühlen, ohne Heiligenfiguren, ohne Kanzel und Kommunionbank, stattdessen mit Volksaltar, mit seitlicher Tabernakelstele antipodisch zum Ambo. Und mit neuer entkernter Messe ohne Stufengebet, ohne Heiligenlitanei und ohne Danksagung nach dem Segen, mit Hand- statt Mundkommunion und Bussandacht statt Beichtpraxis, selbstgemachte Texte statt Messbuch.
      Im Gegensatz zu den Modernisten vom Schlage eines Hans Küng, Karl Rahner SJ, Walter Kasper und Co. verging vielen einfachen Katholiken, die ihrem Empfinden nach keineswegs aus der Dürre gekommen waren, zunehmend die Freude, katholisch zu sein. Das merkte auch Papst Paul VI. mit Befremden.

      • Fortsetzung

        Im Dezember 1968 musste Papst Paul VI. bekennen: „Die Kirche durchquert heute eine Zeit der Unruhe. Einige üben sich in Selbstkritik, man könnte auch sagen, in Selbstzerstörung. Es ist ein heftiger und vielschichtiger innerer Umbruch, den niemand nach dem Konzil erwartet hatte. … Die Kirche wird von denen angegriffen, die zu ihr gehören (Mattei, Konzil, S.621).
        Drei Jahre später ist die Rückerinnerung an die blühende Frühlingsblume der Erleuchtung und das geöffnete Fenster seines Vorgängers Papst Johannes XXIII. aus dem Bewusstsein Papst Pauls VI. gewichen. Verblieben ist der Eindruck, „dass der Rauch Satans durch irgendwelche Ritzen in den Tempel Gottes eingedrungen ist. Das sind der Zweifel, die Ungewissheit, die Problematik, die Unruhe, die Unzufriedenheit, das Vergleichen. Man vertraut der Kirche nicht… Der Zweifel ist in unser Bewusstsein eingedrungen und er ist durch die Fenster eingedrungen, die doch für das Licht offen sein sollten. … Auch in der Kirche herrscht dieser Zustand der Unsicherheit; man glaubte, nach dem Konzil wäre ein Sonntag für die Kirchengeschichte angebrochen. Statt dessen ist ein Tag voller Wolken, Sturm, Dunkelheit, Suche und Ungewissheit angebrochen …“( Mattei, Konzil, S.621)
        Es kam die Zeit von Tausenden von Dispenserteilungen, der Flucht von Zehntausenden aus Zölibat und Priestertum, der Entleerung der Priesterseminare und Klöster, des Zusammenbruchs der Disziplin, der Verunsicherung bis in den Lehrbetrieb der Universitäten und Schulen durch Übernahme der Ergebnisse der protestantischen Leben-Jesu-Forschung, damit der Preisgabe der im Katechismus niedergelegten Lehre der Kirche, der Verdunstung des Glaubens an der Basis und des Schwunds an Moral bis heute.
        Aber nicht das Konzil selbst hat zum Niedergang des kirchlichen Lebens geführt, sondern dessen Verfälschung durch den „Geist des Konzils“, der von Anbeginn dem Ungeist historisch-kritischer Modernisten entsprungen ist, die unter Robert Bultmanns Einfluss mitsamt den hellenistisch datierten Evangelien auch die römisch-katholische Kirche entmythologisiert haben wollten.
        Der Historiker Hubert Jedin benannte bereits 1968 in einem Vortrag vor der deutschen Bischofskonferenz fünf Erscheinungsformen der aktuellen Krise der Kirche:
        „1. die immer weiter um sich greifende Unsicherheit im Glauben, hervorgerufen durch die ungehemmte Verbreitung von theologischen Irrtümern auf Kathedern, in Büchern und Aufsätzen;
        2. der Versuch, die Formen der parlamentarischen Demokratie auf die Kirche zu übertragen, durch Einführung des Mitbestimmungsrechtes auf allen drei Ebenen des kirchlichen Lebens, in der Universalkirche, in der Diözese und in der Pfarrei;
        3. die Entsakralisierung des Priestertums
        4. die „freie Gestaltung“ des Gottesdienstes statt Vollzug des Opus Dei;
        5. den Ökumenismus als Protestantisierung“ (zitiert nach Mattei, Konzil,S.623).
        Den versammelten Bischöfen hätten damals schon die Ohren klingen müssen – es sei denn, man war einverstanden.

      • Schluss:

        Aufgrund der protestantischen Spätdatierung, welche die katholischen Progressionisten seit dem Konzil mit allen theologischen Folgen an den Universitäten übernommen und in der Kirche des Westens verbreitet haben, verweigern sie sich den schriftlich niedergelegten Konzilstexten, die wie alle 20 Konzilien der bisherigen Kirchengeschichte von einer frühen, apostolisch bezeugten Evangelienentstehung ausgegangen sind. Nun aber wurde bereits während des Konzils dieses Zeugnis der apostolischen Zeugen von Selbstoffenbarung Gottes in seinem Mensch gewordenen Sohn Jesus Christus in Zweifel gezogen und durch das von Theologen gruppendynamisch erfühlte Kunstprodukt namens „Geist des Konzils“ ersetzt. Papst Benedikt XVI. misstraute dem „Geist des Konzils“ von Anfang an und forderte früh dazu auf, das wahre Konzil in dessen Dokumente zu entdecken Schritt um Schritt, Ansprache um Ansprache, lieferte er in seinen verschiedenen Funktionen der katholischen Kirche die Elemente für eine Neuinterpretation des II. Vatikanischen Konzils.
        Papst Benedikt XVI. betonte immer besonders, dass die Konzilsväter keine andere Kirche wollten. Deshalb widerspreche eine Hermeneutik des Bruchs dem Geist und dem Willen der Konzilsväter. Vielmehr gelte es, „den Glauben auf eine erneuerte, prägnantere Weise sprechen zu lassen, dabei aber an seinen ewiggültigen Inhalten ohne Nachgeben und ohne Kompromisse festzuhalten“. Das heißt, das Konzil müsse in Kontinuität zu den bisherigen Konzilien gesehen werden, die einberufen worden waren, „um grundlegende Elemente des Glaubens zu definieren und vor allem, um Irrtümer zu korrigieren, die den Glauben bedrohten. Das Zweite Vatikanische Konzil aber sei etwas ganz anderes gewesen, so Papst Benedikt XVI. „Als es einberufen wurde, gab es keine besonderen Glaubensirrtümer zu korrigieren oder zu verurteilen, noch Fragen der Glaubenslehre zu klären.“ Es habe hingegen die Notwendigkeit, „auf neue Weise das Verhältnis zwischen der Kirche und der Moderne, zwischen dem Christentum und einigen grundlegenden Elementen des modernen Denkens“ abzustecken, „nicht um sich diesem anzupassen, sondern um dieser unserer Welt, die dazu neigt sich von Gott zu entfernen, aufzuzeigen, dass sie des Evangeliums in seiner ganzen Größe und Reinheit bedarf.“ Das hat man unter modernistischen Zielsetzungen, die sich aus der liberalen Spätdatierungstheologie ergaben, in der Nachkonzilszeit so nicht gesehen und die Glaubensbedrohung so lange zelebriert, bis die Glaubenskrise da war. Nun wollen die Modernisten hinter Papst Franziskus die Glaubenskrise durch die „Kraft des Geistes der Begegnung zwischen Kirche und Menschen“ bewältigen, „um mit Begeisterung den missionarischen Weg wieder aufzunehmen“. Aber braucht man dazu eine andere katholische Kirche? Die an der Historizität von 20 der 27 Schriften des Neuen Testaments Zweifelnden sagen JA, die nicht am apostolischen Ursprung aller dieser Schriften Zweifenden sagen NEIN – so auch ich! Gesegnete Weihnacht.

    • Verehrter Sophus,
      herzlichen Dank für diese umfangreichen Kommentare und die interessanten Textzitate. In der Tat hat der „frische Wind“, der nach dem Konzil in der Kirche wehte, nicht zu einem neuen Aufbruch in der Kirche geführt, sondern zum Abbruch, was sich schon objektiv am Niedergang der Messbesuche zeigt. Interessanterweise verweigern eben jene, die immer wieder von einem „Sich-Verschließen“ der Kirche reden, sich dieser Realität zu stellen. Analog politischer Ideologien, wie dem Sozialismus, träumt man immer noch vom wahren Sozialismus, obwohl doch längst der reale Sozialismus das Denkgebäude als Lüge entlarvt hat. Die Versöhnung des Glaubens mit dem Atheismus, der ja die Moderne vom Grunde her bestimmt, führt lediglich dazu, dass der Glaube substanzlos wird und auf den Status des Brauchtums herabsinkt. So wird aus der Messe das Event, das zu gestalten natürlich ein Gebot der Toleranz und Gleichstellung ist. Und so sehen wir in der Messe zunehmend die Pastoralreferentinnen agieren unter freundlicher Begleitung des Pfarrers. Der „Geist der Begegnung“ wird dann zum Ungeist der Verflachung und lässt den Glaubenden mit der Frage zurück, was ihm denn dieses Schauspiel noch bedeuten soll. Wo nicht Gott sondern der Mensch in der Messe in den Vordergrund gestellt ist, da betet sich der „Geist der Begegnung“ nur selbst an. Oft komme ich aus einer solchen Messe und frage mich ernsthaft, ob mein Glaube durch dieses Spektakel nicht wieder ein Stück an Substanz verloren hat. Es ist diese sich einstellende seltsame Leere, die beunruhigt. Unbestreitbar kann man auch als Atheist in einer solchen „Kirche“ seinen Wirkungsraum finden, insbesondere wenn man die Kirche nur noch als Begegnungsstätte der sozial Engagierten sieht. Gott wird dann in diesen Messen zunehmend zum bloßen Abstraktum, der Verweis auf ihn zu einer hohlen Phrase. Die Frage ist, ob nicht heute der Glaubende in der Kirche mehr leidet als unter denen, die sich dem Glauben Indifferent oder ablehnend gegenüber zeigen?

      In der Tat hat der „Geist des Konzils“ heute viele in der Kirche erfasst, was aber nichts anderes bedeutet als das sich die Kirche in einem Prozess der Selbstzerstörung befindet, der ganz real schon darin erkennbar wird, dass die Besucherzahlen der Messe sukzessive gegen Null tendieren. Der Glaube wird so zunehmend zu, bloßem Schein, zur Schimäre, schon weil er keine Antwort mehr geben kann, was es mit dem Bösen auf sich hat, das man durch den Taschenspielertrick einer substanzlosen Barmherzigkeit glaubt, zum Verschwinden bringen zu können. Wie im realen Sozialismus auch, führt sich diese Ideologie ad absurdum, weil sie nichts von dem hervorbringt, was sie vorgibt. Statt Gerechtigkeit triumphiert die Ungerechtigkeit nur um so umfassender. Alle Ideologie lebt vom Unvermögen derer, die sich den eigenen Irrtum nicht eingestehen wollen.

      • Ergänzung

        In Band 7/2 „Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils“ der GS von Joseph Ratzinger halt dieser zu dem Konzilstext „Dei Verbum“ in einem Kommentar fest:

        „Der Text sieht die ganze Geschichte einerseits unter dem Zeichen des Falls, als gefallene Geschichte also, anderseits unter dem Zeichen der Verheißung und der Obsorge Gottes, die allen »die Geduld des guten Werkes« und so das ewige Leben ermöglicht. Hier wird man freilich die Frage nicht unterdrücken können, ob das Konzil bei seiner Zeichnung von Offenbarung und Heilsgeschichte nicht doch von einer zu ausschließlich optimistischen Sicht ausgegangen ist, der die Tatsache aus dem Auge entschwindet, dass göttliches Heil wesentlich als Rechtfertigung des Sünders ergeht, dass die Gnade durch das Gericht des Kreuzes hindurch sich vollzieht und so selbst immer auch Gerichtscharakter trägt, dass deshalb auch das eine Wort Gottes in der doppelten Weise von Gesetz und Evangelium auftritt – eine Aussage, die auch dann gilt, wenn man die spezifisch lutherische Theologie von Gesetz und Evangelium für einseitig und ungenügend hält. Hätte, wenn man schon Röm 2 als Zeugnis für die universale Heilsmöglichkeit anführte, nicht unbedingt der erschreckende Zusammenhang miterwähnt werden müssen, in den dieses Textstück eingespannt ist, das einer unteilbaren, von 1,17 – 3,20 reichenden Gedankenlinie zugehört, die schließlich in 3,20 in den zum angeführten Text 2,6 f. direkt konträren Satz ausläuft: »Aufgrund der Gesetzeswerke wird niemand gerechtfertigt vor ihm [..]‘ dazu 3,23: »Alle haben gesündigt und ermangeln der Herrlichkeit Gottes [..j.« Hätte, wenn vom Heil gesprochen wurde, nicht auch das Geheimnis des Zornes Gottes erwähnt werden müssen, das so wuchtig über diesen Kapiteln lastet? Die ganze Thematik von Sünde, Gesetz, Zorn Gottes ist hier in das eine Wörtchen »lapsus« (Post eorum lapsum …) zusammengezogen und damit doch wohl nicht in ihrem vollen Gewicht gewürdigt und ernst genommen. Der pastorale Optimismus einer auf Verstehen und Versöhnen bedachten Zeit scheint hier den Blick für einen nicht unwesentlichen Teil des biblischen Zeugnisses doch etwas getrübt zu haben.“

        Und zu „Gaudium et spes“ heißt es in einem Kommentar Ratzingers:

        „Gewiss, die Kirche ist an den einmaligen Ursprung in Jesus von Nazareth gebunden und in diesem Sinn »chronologisch« auf die Kontinuität mit ihm und mit dem Zeugnis des Anfangs verpflichtet. Aber weil der »Herr der Geist« ist (2 Kor 3,17) und durch den Geist Gegenwart bleibt, darum gibt es für die Kirche nicht nur die chronologische Linie mit ihrer Verpflichtung zur Kontinuität und Identität, sondern darum gibt es auch für sie den Augenblick, den Kairos, den sie deuten und in dem sie das Werk des Herrn als gegenwärtiges vollziehen muss. Sie ist nicht Versteinerung des Damaligen, sondern dessen lebendige Gegenwart in jeder Zeit. Ihre Dimension ist daher die Gegenwart und die Zukunft nicht weniger als die Vergangenheit. Ihr Gehorsam gegen den Herrn muss gerade auchGewiss, die Kirche ist an den einmaligen Ursprung in Jesus von Nazareth gebunden und in diesem Sinn »chronologisch« auf die Kontinuität mit ihm und mit dem Zeugnis des Anfangs verpflichtet. Aber weil der »Herr der Geist« ist (2 Kor 3,17) und durch den Geist Gegenwart bleibt, darum gibt es für die Kirche nicht nur die chronologische Linie mit ihrer Verpflichtung zur Kontinuität und Identität, sondern darum gibt es auch für sie den Augenblick, den Kairos, den sie deuten und in dem sie das Werk des Herrn als gegenwärtiges vollziehen muss. Sie ist nicht Versteinerung des Damaligen, sondern dessen lebendige Gegenwart in jeder Zeit. Ihre Dimension ist daher die Gegenwart und die Zukunft nicht weniger als die Vergangenheit. Ihr Gehorsam gegen den Herrn muss gerade auch Gehorsam gegen ihn als Pneuma, als Anruf im Heute sein; er muss sich in der »Unterscheidung der Geister« vollziehen und sich auf das Wagnis einlassen, sich jederzeit dieser Unterscheidung zu stellen. Sie freilich ist vonnöten, damit nicht unversehens aus dem Augenblick des Heiligen Geistes die Augenblicklichkeit des Zeitgeistes wird, damit nicht unter dem Schein des Gehorsams gegenüber dem Pneuma sich die Unterwerfung unter das Diktat der Mode und der Abfall vom Herrn vollzieht. Damit wird die notwendige Verbindung von Heiligkeit und Aggiornamento sichtbar: als Eingehen auf den Kairos muss es zugleich Dia-krisis seiner Geister aus dem Stehen im einen Geist des Herrn sein. In diesem zwiefach-einen Sinn ist es freilich kirchliche Aufgabe, notwendige pneumatologische Ergänzung zum christologischen Gehorsam.

      • Leider hat sich in meinem letzten Textabschnitt beim Kopieren ein Fehler eingeschlichen:

        Es muss heißen:

        Und zu „Gaudium et spes“ heißt es in einem Kommentar Ratzingers:

        „Gewiss, die Kirche ist an den einmaligen Ursprung in Jesus von Nazareth gebunden und in diesem Sinn »chronologisch« auf die Kontinuität mit ihm und mit dem Zeugnis des Anfangs verpflichtet. Aber weil der »Herr der Geist« ist (2 Kor 3,17) und durch den Geist Gegenwart bleibt, darum gibt es für die Kirche nicht nur die chronologische Linie mit ihrer Verpflichtung zur Kontinuität und Identität, sondern darum gibt es auch für sie den Augenblick, den Kairos, den sie deuten und in dem sie das Werk des Herrn als gegenwärtiges vollziehen muss. Sie ist nicht Versteinerung des Damaligen, sondern dessen lebendige Gegenwart in jeder Zeit. Ihre Dimension ist daher die Gegenwart und die Zukunft nicht weniger als die Vergangenheit. Ihr Gehorsam gegen den Herrn muss gerade auch Gehorsam gegen ihn als Pneuma, als Anruf im Heute sein; er muss sich in der »Unterscheidung der Geister« vollziehen und sich auf das Wagnis einlassen, sich jederzeit dieser Unterscheidung zu stellen. Sie freilich ist vonnöten, damit nicht unversehens aus dem Augenblick des Heiligen Geistes die Augenblicklichkeit des Zeitgeistes wird, damit nicht unter dem Schein des Gehorsams gegenüber dem Pneuma sich die Unterwerfung unter das Diktat der Mode und der Abfall vom Herrn vollzieht. Damit wird die notwendige Verbindung von Heiligkeit und Aggiornamento sichtbar: als Eingehen auf den Kairos muss es zugleich Dia-krisis seiner Geister aus dem Stehen im einen Geist des Herrn sein. In diesem zwiefach-einen Sinn ist es freilich kirchliche Aufgabe, notwendige pneumatologische Ergänzung zum christologischen Gehorsam.“

        Man erkennt bei Ratzinger, dass sein anfänglicher Optimismus, was das Konzil anbetrifft, zunehmend der Ernüchterung gewichen ist, ja sich bei ihm ein deutliches Unbehagen einstellt, was die Rezeption des Konzils anbetrifft, wozu das Konzil selbst seinen Teil beigetragen hat, weil sich die Konzilsväter schon mit der Stoffmenge hoffnungslos überhoben hatten und es so allenthalben zu Unfertigkeiten der Texte kam, die dann später das Tor für willkürliche Interpretationen der Texte öffnete. Der „Geist des Konzils“ ist der Geist des Unbestimmten, der nicht durch den Heiligen Geist weht, sondern der den Glauben selbst immer mehr aus der Kirche fegt. Insofern irrt Papst Franziskus, wenn er meint, die Hermeneutik des Konzils habe den Glauben vorangebracht. Das Gegenteil ist der Fall. Das beste Beispiele sind „Hirten“ wie Kardinal Lehmann oder Kardinal Kasper, deren Glaubensauffassungen lediglich zur Verwässerung des Glaubens führen. Auch ein Atheist kann sich mit einem derart flachen Glauben anfreunden, stellt er doch keine Gefahr/Herausforderung für das säkulare Denken und Handeln dar.

      • Vielen herzlichen Dank,
        hochverehrter @ Suarez, für Ihre erweiternden Zitate aus dem Werk Joseph Kardinal Ratzingers und den damit verbundenen Kommentaren. Beides zusammen erhellen die gegenwärtige Situation noch deutlicher. Mit dem Anschneiden des Themas „Geist des Konzils“ hoffte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten der hier öfters vertretenen, vorschnellen Meinung entgegenzuwirken, Papst Franziskus „schwimme“ in seinem Petrusamt, dem er nicht gewachsen sei.

        Wer in Erinnerung hat, dass er im Zusammenhang mit dem Thema „unvollendetes Konzil“ auch seine Absicht erklärt hat, Entscheidungen zu treffen, die die nächsten 300 Jahre Bestand haben würden, wird ihm keine Planlosigkeit im Reden und Handeln unterstellen können. Die eigenartige Zeitbegrenzung stammt aus dem relativistischen Denken Kardinal Kaspers, der bekanntlich davon ausgeht, dass neue Zeiten neue Wahrheiten gebären – auch im Religiösen und sich auch die Kirche dann wieder den veränderten Realitäten anzupassen habe.
        Zu dieser unbiblischen Auffassung hat ihn die Spätdatierung aus der protestantischen Leben-Jesu-Forschung verführt.
        Bereits in seiner „Einführung in den Glauben“ (1972) geht Kardinal Kasper von der Tatsache der Spätdatierung aus. Seine Schlussfolgerungen lauten: Wenn vom historischen Jesus in den späten, nicht authentischen Evangelien keine endgültige Wahrheit Gottes, sondern nur Relatives von Menschen überliefert ist, kann die Kirche keine absolute Wahrheit lehren. Daher ist Wahrheit für ihn nichts Absolutes, sondern ein laufendes „Geschehen“, das man nicht festhalten könne – auch nicht in Dogmen.
        Diese Auffassung Kardinal Kaspers haben sich im Februar 2015 in Hildesheim 2/3 der deutschen Bischöfe zu Eigen gemacht, wonach zur Feststellung der jeweils gültigen Wahrheit die Orientierung am jeweiligen Zeitgeist oder den Zeichen der Zeit erfolgen und immer wieder am „Glaubenssinn“ oder zumindest an der Glaubenspraxis und nach Bischof Bode ersatzweise auch an den jeweiligen Lebensrealitäten gemessen, nachjustiert und neu definiert werden muss Es gehe heute nicht darum, eine scheinbar ewig gültige Wahrheit gegen eine überholte, weil nicht mehr lebbare Lehre der Kirche zu verteidigen, vielmehr müssten die überlieferten, höchst unsicheren und damit unverbindlichen Worte Jesu an die jeweiligen Lebensrealitäten angepasst werden, ein Vorgang, der bei Bedarf jederzeit wiederholbar sei. Aufgabe der Kirche sei es, den Menschen zu helfen, die für sie jeweils gültige Wahrheit zu finden. Im Einzelfall sei es legitim, der momentanen Lehre der Kirche zu widersprechen, da sich Dogmen entwickeln würden. Neben Schrift und Tradition müsse eben auch die konkrete Realität der Menschen als Quelle theologischer Erkenntnis anerkannt werden. Da heute wie am Ende des 1. Jhdts. Glaubenswirklichkeit und Glaubenslehre stark auseinanderklafften, müsste analog zum Ende des 1.Jhdts. die Lehre den Verhältnissen angepasst werden – nach Papst Franziskus gültig für das Heute und die nächsten 300 Jahre.

  18. Eine Synode zu den Themen Aufhebung Zölibat und Erlaubnis Frauenpriestertum wird nicht kommen.
    Diese Fragen werden mit der Errichtung der Eine-Welt-Religion und Eine-Welt-Kirche obsolet. Das kommende Menschmachwerk wird Ehren- und Würdenämter für Mann und Frau haben…

    Die neue Barmherzigkeit (Franziskus) führt zudem ein Sündenverständnis ein, dass jedes wahre/echte Sündenbewusstsein obsolet macht.
    Wir erfahren aus dem Vatikan:
    Jede Sünde wird vergeben. Von aufrichtiger Reue, Buße, Umkehr und dem Auftrag „Sündige nicht mehr!“ hört man wenig und das nur leise…..

    • Nein! Sie haben vielleicht recht mit der Errichtung einer synkretistischen religion, die JP2 schon sorgsam vorbereitet hat.

      Aber es wird kein Frauenpriestertum geben, jedenfalls kein „gleiches“.

      Denken Sie doch mal nach, ob das gewisse andere Religionen mitmachen würden!

      Es wird vielmehr die Frauendiskriminierung udn die Sexualisierung der Frau und die Ausbeutung von ihren Talenten für die „Wirtschaft“ schamlos fortschreiten.

  19. Nachtrag1 zum Thema „Geist des Konzils“:
    Es stellt sich die Frage:
    War das Konzil zu früh gekommen? Hätte das Konzil seine Breitenwirkung 20-30 Jahre später wesentlich vergrößern können? Johannes XXIII. hatte mit der Konzilsankündigung alle überrascht. Sie war nicht erwartet worden. Die europäische Neuorientierung nach 1945 war noch nicht abgeschlossen. Der Ost-West-Konflikt hatte seine kälteste Phase noch lange nicht erreicht, in Deutschland begann erst wirklich die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, die politische Welt wurde durch die Entkolonialisierung völlig verändert. In der Gesellschaft regten sich die ersten 68er. In der Bibelwissenschaft setzte sich gerade die Bultmann-Schule durch, mit dem Ziel, durch die Spätdatierung die apostolischen Stützen der Kirche anzusägen, denn das war durch die aus der Spätdatierung hervorgehende Leben-Jesu-Forschung und die daraus abgeleitete Forderung der Entmythologisierung – auch der Gestalt Jesu, was deren Zerstörung bedeutete – möglich geworden.
    Etwas mehr als 30 Jahre später konnte Rudolf Augstein im Spiegel Nr. 21 vom 25. Mai 1999 leitartikeln: „2000 Jahre danach – Was bleibt von Jesus Christus? Über den Mythos, der die Welt prägte“. In diesem Artikel hatte er „Ergebnisse“ und „Erkenntnisse“ aus der protestantisch-liberalen Theologie „verarbeitet“, denn mit ihr war es einer auf Martin Luthers Rechtfertigungslehre fixierten Bibelwissenschaft gelungen, aus dem viergestaltig überlieferten Zeugnis der Apostel über die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus, eine nachapostolische Kompilation unbekannter hellenistischer Autoren zu machen und so Gottes Wort zum unverbindlichen Menschenwort zu erklären. Damit waren die Paulusbriefe, auf die sich Luther berief, die ältesten Schriftzeugnisse des Christentum, was gleichzeitig eine Abwertung des Jesus von Nazareth der Evangelien bedeutete:
    Auf den Seiten 216-233 genannten Spiegelnummer referierte Rudolf Augstein aus der liberalen Leben-Jesu-Forschung, wenn er u.a. behauptet,
    – dass Jesus weder ein Abendmahl gestiftet, weder seinen Tod, noch seine Auferstehung vorausgesagt, noch Sünden vergeben, noch eine Vollmacht dazu erteilt habe;
    – dass Jesus seinen Jüngern auch nicht das Kommen und den Beistand des Heiligen Geistes versprochen habe;
    – dass Jesus nicht am Kreuz daran gedacht habe, für die Menschheit zu sterben und mit seinem Tod alle zu erlösen.
    – dass Jesus die Kirche nicht gründen wollte und daher diese sich fragen lassen müsse, woher sie ihre Autorität beziehe.
    Gegen Schluss des Artikels stellte Augstein in logischer Konsequenz die Frage nach der Autorität der Kirche, die sich auf Jesus beruft, von dem man in Wahrheit nichts wisse. Die Antwort ergab sich aus dem Gesagten: Sie hat keine!
    Anstatt die Menschen mit der Wahrheit über den in den apostolisch bezeugten Schriften dreieinigen Gott vertraut zu machen, haben liberalen Theologen – auch aus dem katholischen Lager – das in die Welt gesprochene Wort Gottes durch Spätdatierung unglaubwürdig, zumindest relativierbar gemacht, um es nach Belieben gegen die katholische Kirche instrumentalisieren zu können.

    Diese „Forschungsergebnisse“ und noch mehr von dieser Art waren sicher auch den bei den stets modern sein wollenden Jesuiten in Argentinien bekannt und den bei ihnen ausgebildeten angehenden Priester Jorge Bergoglio bekannt gemacht worden. In diesen Zusammenhang gehört sein „Glaubensbekenntnis“ des Jahres 1969 eingeordnet.

    „Confessio“ von Jorge Mario Bergoglio SJ, 1969

    Ich will an Gott Vater glauben, der mich liebt wie einen Sohn, und an Jesus, den Herrn, der seinen Geist in mein Leben eingegossen hat, um mich zum Lächeln zu bringen und mich so in das Reich des ewigen Lebens zu führen.

    Ich glaube an meine Geschichte, die vom Anblick der Liebe Gottes durchdrungen wurde und mich am Frühlingstag, den 21. September, zur Begegnung geführt hat, um mich einzuladen, ihm nachzufolgen.

    Ich glaube an meinen Schmerz, der unfruchtbar ist wegen des Egoismus, in den ich mich flüchte.

    Ich glaube an die Unzulänglichkeit meiner Seele, die zu verschlingen versucht, ohne zu geben… ohne zu geben.

    Ich glaube, daß die anderen gut sind, und daß ich sie ohne Furcht lieben soll, und ohne sie je zu verraten, um für mich eine Sicherheit zu suchen.

    Ich glaube an das Ordensleben.

    Ich glaube, daß ich viel lieben will.

    Ich glaube an den täglichen, brennenden Tod, den ich fliehe, der mich aber anlächelt und mich einlädt ihn anzunehmen.

    Ich glaube an die Geduld Gottes, annehmend, gut wie eine Sommernacht.

    Ich glaube, daß Vater im Himmel beim Herrn ist.

    Ich glaube, daß auch Pater Duarte dort für mein Priestertum Fürsprache hält.

    Ich glaube an Maria, meine Mutter, die mich liebt und mich nie alleinlassen wird. Und ich erwarte die Überraschung eines jeden Tages, in dem sich die Liebe, die Kraft, der Verrat und die Sünde zeigt, die mich bis zur endgültigen Begegnung mit jenem wunderbaren Antlitz begleiten werden, von dem ich nicht weiß, wie es ist, das sich dauernd fliehe, das ich aber kennenlernen und lieben will.
    Amen“.

    Dieses „Bekenntnis“ aus dem Jahr 1969 stellt eine erschütternde Bestandsaufnahme dessen dar, was dem heutigen Papst Franziskus von der liberalen Hochschultheologie an Glauben übriggelassen worden war. Gleichzeitig bedeutet das Bekenntnis aber auch ein trotziges Nein gegen die Anfechtung, unmittelbar vor der Priesterweihe wieder in seinen Chemikerberuf zurückzukehren.

    • NachtragII

      Die „Confessio“ des Weihekandidaten Jorge Mario Bergoglio SJ aus dem Jahr 1969 zeigt, in welche Existenzkrise auch katholische Priesteranwärter geraten können, wenn sie sich im Studium der liberalen Leben-Jesu-Forschung ausliefern müssen. Was das inhaltlich bedeutet, lässt der promovierte, ehemals evangelisch-lutherische Theologe und nunmehrige atheistische Verleger und Autor Werner Kubitza erkennen. Der Autor verdeutlicht mit einem Buch „Der Jesuswahn“ mit dem Untertitel „Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung“ (2011, 3. Aufl. 2013), welchen Glaubensgefährdungen der aus einem italienischen Frömmigkeitsmilieu stammende ehemalige Chemieangestellte Jorge Mario Bergoglio SJ schon in seinem Studium ausgesetzt gewesen sein muss.
      Kubizas „Glaubensbekenntnis“ lautet: „Die historische Forschung ist sich weitgehend einig, dass der Jesus, wie ihn die Kirchen verkündigen und wie er teilweise schon in der Bibel verkündet wird, so niemals existiert hat. Wie die Bibel das am meisten überschätzte Buch der Weltliteratur ist, dürfte Jesus die am meisten überschätzte Person der Weltgeschichte sein. Wer Jesus wirklich war und was man heute wissenschaftlich verantwortbar über ihn sagen kann, soll deshalb … über ihn festgehalten werden……Die Wahrheit des Christentums ist prinzipiell keine Frage des Glaubens mehr, nichts, wofür man sich entscheiden kann oder auch nicht. Denn noch vor aller zu glaubenden Dogmatik ist das Christentum bereits durch die historische Vorprüfung gefallen. Die historische Forschung hat die Frage nach der Wahrheit des Christentums nachhaltiger gelöst als es Bibliotheken von Dogmatiken je hätten tun können….Das christliche Paradigma kann intellektuell verantwortbar als erledigt, die Frage nach seiner Wahrheit in negativem Sinne als gelöst betrachtet werden…..Die Kirchen und ihre Dogmen sind jedoch, dies hat nicht zuletzt die historische Forschung gezeigt, geradezu Formen der organisierten Irrationalität“.
      Wie nah damit Kardinal Kasper mit seinem nie wiederrufenen Dogmen-Bonmot von 1972 und der Forderung nach einem Paradigmenwechsel bei dem Ex-Theologen und nunmehr bekennenden Atheisten liegt, müsste ihm eigentlich im Hinblick auf den Verlauf der Synode zu denken geben – es sei denn, der Wortführer der Kirchenreformer will tatsächlich nur noch die äußere Form, nicht mehr die Glaubenssubstanz der katholischen Kirche vor Schaden bewahren. Daher kann man in diesen Tagen nicht oft genug in Richtung der Reformer, Papst Franziskus eingeschlossen, sagen: Der Weg, den ihr z.B. in Sachen Wiederverheiratete Geschiedene und Lebenspartnerschaften Homosexueller gehen wollt, führt die katholische Kirche tatsächlich „vom Protestantismus über den Modernismus in den Atheismus“ (Papst Pius X. 1907).

      Nachdem ein Kommentator dieses Buch als radikale Außenseitermeinung verrissen hatte, glaubte sich der Autor persönlich mit einer Gegendarstellung verteidigen zu müssen. Was hier der Verteidiger seiner selbst zusammengetragen hat, ist die Summe der Leben-Jesu-Forschung nach dem Stand von 2011.
      Kubitza sagt: „Die zentralen Aussagen meines Buches zum Leben Jesu stellen eben keine radikale Außenseitermeinung dar, sondern summieren die opinio communis zu diesem Themenkreis. Es sind nicht meine Erkenntnisse, ich bringe sie lediglich pointiert zur Sprache. Und ich darf eine unvollständige Liste hier mal anführen:

      Es ist in der neutestamentlichen Forschung allgemeine Meinung und keineswegs eine Randmeinung, dass das Leben Jesu fast 30 Jahre offenbar unspektakulär war, dass er nicht in Bethlehem geboren wurde, sondern dies eine theologische Konstruktion ist, dass seine Stammbäume ebenfalls aus theologischen Erwägungen erstellt worden sind, dass die Geburtsgeschichten mit allen Details erfunden worden sind, dass die Jungfrauengeburt eine späte theologische Konstruktion ist, dass es keine heiligen drei Könige, keinen Kindermord und keine Flucht nach Ägypten gegeben hat.
      Es gab keine Darstellung des Kindes im Jerusalemer Tempel, erst recht keine Wunder des Gotteskindes, wie sie in den (apokryphen) Kindheitsevangelien erzählt werden. Johannes der Täufer darf wohl nicht als Ankündiger von Jesus verstanden werden, sondern war eine Person aus eigener Kraft. Jesus hat sich bei ihm der Sündertaufe unterzogen. Seine Äußerungen über Jesus waren jedenfalls wohl eher verhalten, die Äußerungen Jesu dem Täufer gegenüber dagegen meist überschwänglich. Nicht wenige nehmen deshalb an, dass Jesus ein Schüler von Johannes war, wie er ja auch seine Verkündigung im Wesentlichen fortgesetzt hat. Es ist in der Forschung unbestritten, dass wir eine Biographie Jesu nicht mehr erstellen können und dass es erst Jahrzehnte nach seinem Auftreten zu erhaltenen schriftlichen Zeugnissen über ihn gekommen ist.
      Die Evangelisten, damit verkennen Sie, aber auch viele andere, den tatsächlichen Stand der Forschungen zum historischen Jesus und zum frühen Christentum, waren allesamt keine Augenzeugen und auch keine Jünger Jesu. Den Geschehenszusammenhang (den Rahmen der Geschichte Jesu) scheint erst der Evangelist Markus geschaffen zu haben, in dem er die umlaufenden Geschichten zu seinem Evangelium verband.
      Es ist ebenso opinio communis, dass viele der Worte Jesu nicht historisch sind, sondern Erfindungen seiner späteren Gemeinde, dass es z.B. die Bergpredigt so nicht gegeben hat (obwohl sich darin auch offenbar historisches Gut befindet). Es ist völlig klar, dass dies besonders auf das Johannesevangelium zutrifft, das fast völlig eine Erfindung des Evangelisten sein dürfte.
      Es ist weiter klar, dass die Wunder Jesu zu einem nicht geringen Teil aus der Umwelt, dem Hellenismus, dem Alten Testament (das es in dieser Form damals noch nicht gab) und der jüdischen Überlieferung auf ihn übertragen worden sind. Paulus scheint noch keine Wunder Jesu gekannt zu haben, für ihn ist das Leben Jesu einfach nicht wichtig. Sicherlich wäre dies anders gewesen, hätte er von Wundern gewusst.
      Auch geht die Forschung weit überwiegend davon aus, dass Jesus keine neue Religion gründen wollte, sondern dass sein Wirken ganz aus dem Judentum heraus begriffen werden muss, dass er sich nur gesandt sah „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“, dass er also an den Angehörigen anderer Völker und Religionen schlicht nicht interessiert war. Man ist sich sicher, dass seine Opposition gegen die Pharisäer eine spätere, christliche gefärbte Sicht der Dinge ist, dass das jüdische Gesetz für ihn noch eine viel bedeutendere Rolle gespielt hat, als es Paulus und die sich auf ihn berufende Kirche formulierte. Die Anschauungen Jesu und Paulus` sind vielfach gegensätzlich.
      Es ist klar, dass die Urgemeinde in Jerusalem sich noch Jahrzehnte an Gesetz und Beschneidung gehalten, und dass dies nur vorstellbar ist, wenn Jesus selbst dies so angeordnet hat. Es ist klar, dass das Vater-Unser-Gebet ein durch und durch jüdisches Gebet ist und mit dem Christentum eigentlich nichts zu tun hat. Die weit überwiegende Zahl der Neutestamentler geht heute davon aus, dass sich Jesus nicht als Sohn Gottes bezeichnet hat und auch nicht als Messias, sondern dass ihm diese Hoheitstitel erst von der gläubigen Gemeinde beigelegt worden sind. In Frage kommt höchstens noch der Titel „Menschensohn“, von dem aber nicht wenige meinen (hier aber eine relativ große Meinungsvielfalt), dass er diesen Titel gar nicht auf sich selbst bezogen hat. Die Leidensweissagungen gelten in der Forschung als klare vaticinia ex eventu, also als ebenfalls nachträglich eingefügt.
      Es ist für die Forschung ebenso klar, dass Jesus nicht als Gott oder als Gottmensch auftrat, sondern als eine Art Wanderprediger, der in Übereinstimmung mit gewissen Zeitströmungen das Kommen des Reiches Gottes erwartet und verkündigt hat. In dieser Erwartung hat sich Jesus wie alle Endzeitverkündiger geirrt. Weder ist das Reich Gottes gekommen, noch ist er selbst wiedergekehrt, wie es seine Gläubigen noch bis ins zweite Jahrhundert erwartet hatten, ja noch bis heute erwarten. Sein Tod kam wohl eher ungewollt und traf seine Jünger unvorbereitet. Alt freilich sind die Bekenntnisformeln, die von seiner Auferstehung berichten, wobei die meisten Neutestamentler am Anfang des Auferstehungsglaubens Visionen sehen (die nicht unbedingt einen auferstandenen Leichnam voraussetzen), von denen einzelne Jünger berichtet haben und die dann offenbar von anderen geglaubt wurden.
      Die Auferstehungserzählungen gelten jedoch alle als klare Legenden. Es ist in der Forschung ebenfalls eine opinio communis, dass die Christologie Jesu langsam gesteigert wurde, dass seine Hoheit offenbar anfangs zunächst in seiner behaupteten Auferstehung gesehen, später dann schon in seiner Taufe angesetzt, mit der Jungfrauengeburt weiter rückdatiert wurde, und er im Johannesevangelium schließlich sogar als praeexistent angesehen wird. Für die Forschung ist weiterhin klar, dass die späteren dogmatischen Ausschmückungen der Kirche (Zweinaturenlehre, Trinität, Kreuzestheologie, Sühnetodvorstellung, aber auch die Rechtfertigungslehre, ganz zu schweigen von den Mariendogmen etc.) erst recht keinen Anhalt im Leben Jesu haben und künstliche Gebilde sind…..Diese unvollständige Auflistung, so wie sie hier steht, könnte sicher von 90% der wissenschaftlich arbeitenden Neutestamentler unterschrieben werden“. Mit den auf der Basis der apostolischen Herkunft der neutestamntlichen Schriften geschriebenen Jesusbücher von Papst Benedikt XVI. haben Papst Franziskus und alle seine Nachfolger eine bibelwissenschaftliche Denkalternative zur Verfügung, die auch gegen die reformerische Spätdatierungstheologie eines Kardinal Kasper gerichtet ist. Wem wird Papst Franziskus in Zukunft mehr vertrauen?

      • NachtragIII
        Hier die protestantische Spätdatierung, der, Kardinal Kasper anhängt, dort die apostolische Frühdatierung, von deren Richtigkeit Joseph Ratzinger/Papst em. Benedikt XVI. in der Tradition der Kirche überzeugt ist.
        Wer von beiden ist glaubwürdiger?

        Rein aus Vernunftgründen scheint die Wahrscheinlichkeit der Spätdatierung sehr gering zu sein, wenn ihre Vertreter behaupten, dass erst nach der Tempelzerstörung zwischen 70 und 100 mündlich umherirrendes, dabei bereits verändertes Jesusmaterial von unbekannten Verfassern, zu unbekannten Zeiten, unter falschem Namen, in unbekannten Gemeinden, unabhängig voneinander, gesammelt, geordnet, erweitert, zum Teil aus dem Alten Testament herausgesponnen, mythologisch überformt, an den Zeitgeist angepasst und endlich zu den vier Evangelien verschriftet worden ist, in Gesellschaft mit weiteren 16 Schriften ebenso unbekannter Herkunft, alles geschrieben von Gemeindetheologen, die niemand gesehen und gekannt hat und die unreflektiert von Juden und Heiden, wieder spurlos im Dunkel der Geschichte verschwunden sind.

        Berechnet man die mathematische Wahrscheinlichkeit des gleichzeitigen Eintreffens all dieser Faktoren zwischen den Jahren 70 und 100, so erhält man einen Wert von 1:1000000000 (in Worten: eins zu 1 Milliarde) Das heißt: Wenn die Spätdatierung der Evangelien nur zu einem Milliardstel richtig sein kann, muss aus historisch-kritischer Sicht die konfessionsideologische Hypothese von der Spätdatierung falsch sein und damit alles, was aus ihr abgeleitet wird. Damit bleibt auch mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit alles falsch, was der Dogmatiker Kardinal Kasper bis heute an relativistischen Reformvorschlägen aus der falschen Spätdatierung wiederaufbereitet hat. Richtig bleibt, dass die von Jesus Christus geoffenbarte und in den Evangelien apostolisch bezeugte Wahrheit Gottes, gesichert im geistgeleiteten Lehramt der Kirche, nicht aus relativierbaren Menschenworten besteht, sondern unrelativierbare Verbindlichkeit besitzt – bezeugt durch die Martyrien der Augenzeugen.

        Als Entscheidungshilfe schlage ich Papst Franziskus vor, Papst em. Benedikt XVI. und Kardinal Kasper folgende 15 Fragenkomplexe zur getrennten schriftlichen Beantwortung vorzulegen.

        1. Warum gibt es von den angeblich späten, anonym gebliebenen Gemeindetheologen, den angeblichen Verfassern der Evangelien, angesichts einer im Römerreich schon früh verbreiteten christlichen Brief- und Reisekultur nicht den Hauch einer Spur. Weder zu den Entstehungszeiten, noch zu den Entstehungsorten mit ihren Gemeindegremien, noch gar zu einzelnen Personen! Warum hat keiner zwischen 70 und 100 der bereits vorhandenen Ortsbischöfe die überraschend viergestaltig aufgetretene Verschriftung der einen „Guten Nachricht“, sowie die Apostelgeschichte und die vielen Briefe freudig begrüßt, gewürdigt und die Vorzüge von Schriftlichem gegenüber vagabundierenden Jesusüberlieferungen für den Gottesdienst gebührend hervorgehoben? Warum ist kein einziger der „Gemeindetheologen“ in auch nur einer frühchristlichen Gemeinde des weiten römischen Reiches im 1. Jahrhundert als Sammler, Abschreiber, Überformer, Dazuerfinder, Auswähler und Kritiker von fluviatilen Jesusstoffen in irgend einer Weise bekannt geworden?

        2. Warum geht es in den altkirchlichen Evangeliennachrichten nie um zufällig von Mund zu Mund, von Sitz zu Sitz geisternde literarische Kleinformen, nie um erzählerische Einheiten und Episoden, Wundergeschichten, Gleichnisse, Märchen, Mythen und Legenden, nicht um pointierte Einzelwörter, Lehrsätze, nicht um Bilder, Symbole, Metaphern, nicht um Evangelienhäppchen mit zungenbrechenden griechischen Namen, also nie um irgendwelche sprachlichen Atome und Moleküle, vielmehr geht es immer und überall um die vollständigen Evangelientexte, über die bekannte Kirchenschriftsteller, also geschichtlich nachgewiesene Personen von Gewicht, sprechen. Warum finden wir nicht die geringste Spur von angeblich herumgeisternden Jesusmaterial in den Briefen von Ignatius von Antiochien und Polykarp von Smyrna?

        3. Wie kommen Bibelwissenschaftler dazu, den frühkirchlichen Christen zuzutrauen, auf den Schwindel mit den getürkten Verfassernamen hereingefallen zu sein. Nein, die Unwahrheit wäre in den Gemeinden nicht zu verbergen gewesen. Welchen Sinn hätte es gehabt, sich hinter Autoritäten wie Markus und Lukas zu verstecken, die keine Autoritäten gewesen wären, wenn sie vor 70 nichts geschrieben gehabt hätten. Hätte man in den christlichen Gemeinden am Ende des 1. Jhdts. nicht fragen müssen, warum das Matthäus- und Johannesevangelium, wenn sie tatsächlich von den überlieferten Aposteln stammten, nicht schon Jahrzehnte früher aufgetaucht sind.

        4. Warum ist nirgendwo in der frühkirchlichen Literatur auch nur ein Hauch von dem zu spüren, was historisch-kritische Exegeten seit dem 19. Jahrhundert über die Entstehung der Evangelien angenommen haben. Keiner der Patristiker, deren Lebenswurzeln bis in die zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts zurückreichen und sich mit den ausklingenden Lebenszeiten der überlebenden Apostel und Mitglieder der Familie Jesu überschneiden, lässt sich zum Beweis für postapostolisch existente „Evangelisten“ in den Zeugenstand rufen, obwohl die Pseudepigraphen von 20 der 27 neutestamentlichen Texte noch zu ihren Lebzeiten erschienen wären. Der Apostel Johannes Zebedäus (+ 98), die apostolischen Väter Clemens von Rom (ca. 40 – 101), Ignatius von Antiochien (ca. 40 – 107), Polykarp von Smyrna (69 – 155), Papias von Hierapolis (ca. 60 – 140) hätten doch etwas vom reichen Strom mündlich herumwabernder Kleinformen mit Jesusstoffen merken müssen, der sich auch ihnen angeboten hätte, um gesammelt, ergänzt, mythisch erweitert, kollektiv diskutiert, neuerdings auch historisiert, endlich aufgeschrieben und in ihren Gemeinden stolz präsentiert zu werden. Die genannten Väter wären noch Zeitgenossen der besagten „Gemeindetheologen“ gewesen, die ihre Anonymität vergeblich zu wahren versucht hätten. Pseudepigraphen hätten vor diesem Hintergrund keine Chance gehabt.

        5. Wie konnte in einer so geschichtsbewussten Schreibkultur wie der jüdisch-hellenistischen die Kenntnis von der Entstehung solch wichtiger Texte wie der Evangelien sowie die wirklichen Namen der gemeindlichen Evangelienverfasser an vier unterschiedlichen Orten zwischen 70 und 100 fast gleichzeitig unbekannt bleiben? In allen vier Fällen findet sich zu den Personen hinter den Pseudepigraphen nicht die kleinste Notiz, ebensowenig zu den angeblich anonym gebliebenen vierzehn Briefeschreibern. Warum hat keiner der anonymen hellenistisch geprägten Verfasser den öffentlichen Ruhm des Autors für sich beansprucht, wo doch Streben nach Ruhm zum antiken Lebenssinn gehörte. Warum hat sich niemand über die von ihnen anonym reichlich spät in Umlauf gebrachten, sprachlich einfach gehaltenen Texte gewundert, wo doch Zeit genug gewesen wäre, vor allem auf die Evangelien etwas mehr inhaltliche und sprachliche Sorgfalt zu verwenden.

        6. Warum haben die angeblich in anonymen Theologenzirkeln zwischen 70 und 100 kompilierten und mythologisierten Evangelientexte keinerlei internen Streit, wie unter Theologen üblich, ausgelöst? Warum gibt es gegen Ende des 1.Jhdts. keinerlei öffentliche Reaktion auf das plötzlich aufgetauchte neue Schriftgut, weder von christlichen, noch von heidnischen Schriftstellern und Philosophen? Warum haben heidnische Autoren eine solch völlig gesichts- und geschichtslose Entstehung der Evangelientexte nicht aufs Korn genommen? Wie konnten sich die früh verfolgten, zahllos hingemordeten Christen von irgendwelchen unbekannten Gemeindetheologen mit erfundenen Mythen so betrügen lassen? Entspricht es dem menschlichen Selbsterhaltungstrieb für zweifelhafte, herkuftsunsichere, mythologisierte Texte ins Martyrium zu gehen? Wäre es den anonymen Gemeindegenies nach der Erfahrung der neronischen Verfolgung nicht ein Leichtes gewesen, sich der gefährlichen Lebenswirklichkeit anzupassen und mit einem flugs erfundenen Jesuswort die Vereinbarkeit von Kaiserkult und Christuskult theologisch zu begründen, um in den Arenen Christen das Leben retten zu können?

        7. Warum treten die Evangelien im Gegensatz zu den historischen Berichten des Alten Testaments und den meisten späteren apokryphen Texten stofflich und sprachlich so reduziert in Erscheinung. Aus der germanischen Literatur weiß man, dass sich Stoffkerne, wie das Sigurdlied aus den Island-Sagas, quantitativ eher ausdehnen, je länger sie mündlich und schriftlich unterwegs sind. Eine spätere, literarisch ambitionierte Verschriftlichung wie das Nibelungenlied stellt eine erhebliche Stofferweiterung des Sigurdstoffes dar. Wären nicht auch bei spät entstandenen Evangelien erhebliche Stofferweiterungen zu erwarten? Warum ist dies bei den kanonisierten Evangelien nicht der Fall? Der Evangelist Johannes geht 20, 30.31 und 21,25 ohne nähere Begründung auf den reduzierten Charakter seines Evangeliums ein. Ist nicht Zeitmangel herauszuhören? Machen nicht auch das Markusevangelium und die Apostelgeschichte einen unfertigen Eindruck? Warum bildet das viergestaltige Evangelium bei allen Abweichungen im Detail, im Sprachduktus und in der theologischen Substanz dennoch eine die Zeiten überdauernde relativ knappe, aber geschlossene Einheit?

        8. Hätten die Jünger Jesu, die tatsächlichen Augen- und Ohrenzeugen des Geschehens, den Briefeschreiber Paulus zwölf Jahre lang untätig zuschauen können, ohne ihrerseits ein schriftliches Zeugnis für ihren Herrn abzulegen? Noch dazu, wenn dieser Paulus zum Thema Rechtfertigung Abweichendes predigte? Wie durfte der Schriftgelehrte und Ex-Pharisäer Paulus es wagen, unter den Augen der apostolischen Zeugen ohne verfügbare Textgrundlage theologische Briefe an christliche Gemeinden zu schreiben, obwohl er Jesus nicht gefolgt war? Hätten die von Paulus anerkannten Säulen der Jerusalemer Urgemeinde, Petrus, Johannes und Jakobus, in Verantwortung vor Gott das Zeugnis über ihren gekreuzigten und auferstandenen Herrn zur Verschriftung unbekannten Leuten überlassen dürfen, die keine Augenzeugen gewesen wären und damit nach mosaischem Recht zu später Zeit gar kein Zeugnis abgeben hätten dürfen – noch dazu unter falschen Namen!

        9. Warum scheint Paulus am historischen Jesus von Nazareth nicht interessiert zu sein? Warum findet sich in der Apostelgeschichte nicht der kleinste Hinweis auf die Paulusbriefe? Warum finden wir in diesem Geschichtswerk, das die Taten der Apostel zum Inhalt haben sollte, nicht den leisesten Hinweise auf die paulinische Rechtfertigungslehre. Warum begegnen wir diesem Mangel an theologischer Resonanz auch in den Evangelien? Warum hat Lukas auf keinen der katholischen Briefe Bezug genommen? Warum differieren Paulusbriefe und Apostelgeschichte in verschiedenen Details zur Person des Apostels Paulus? Warum erweckt Paulus in den selbstbiographischen Passagen seiner Briefe den Eindruck, Richtigstellungen und Erweiterungen gegenüber der Apostelgeschichte vornehmen zu müssen? Wie kann Paulus im Brief von eigener Hand an die Galater (1,16-20) Sachaussagen vom Anfang der Apostelgeschichte (9, 23-30) korrigieren, wenn diese erst an die fünfundzwanzig Jahre nach seinem eigenen Tod (62/63) geschrieben worden wäre? Warum ist Lukas mit seiner Apostelgeschichte in Verzug gekommen und nicht fertig geworden?

        10. Welcher anonyme Gemeindetheologe unter dem Namen Lukas, der sich in seinem Evangelium als antiker Historiker vorstellt, hätte am Ende des ersten Jahrhunderts, als er alles historisch bedeutsam Gewordene überblicken und gewichten konnte, beschließen können, die Apostelgeschichte ausgerechnet vor der neronischen Christenverfolgung, vor dem Tod von Petrus und Paulus, vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels und damit vor der Auflösung des jüdischen Staates abzubrechen? Warum hat dieser „Lukas“ über die drei Säulen der Jerusalemer Urkirche Petrus, Johannes Zebedäus und dem Herrenbruder Jakobus in den Jahren nach dem Jerusalemer Apostelkonzil 48 kein Wort mehr verloren? Mehr noch: Die Acta Apostolorum, die vorgeben, die Taten aller Apostel zu behandeln, schweigen zu den Taten der meisten von ihnen. Von den elf Namen der Apostelliste in der Apostelgeschichte (1,13) stehen nur am Anfang die Apostel Petrus und Johannes Zebedäus im Mittelpunkt der Darstellung; dann endet die Berichterstattung über sie, ohne wieder aufgenommen zu werden. Insgesamt erfahren wir nur wenig über Philippus, Notwendigstes über den Tod des Jakobus Zebedäus, aber nichts über Andreas, Thomas, Bartholomäus, Matthäus, Jakobus, dem Sohn des Alphäus, Simon den Zeloten und Judas, den des Jakobus. Auch nichts über die Art und Weise ihres Sterbens! Ist das die Art eines spätdatierten Kirchenhistorikers, der den Umfang seines Vorhabens ankündigt, aber nicht verwirklicht, obwohl er dazu am Ende des Jahrhunderts genügend Zeit gehabt hätte?

        11. Wer hat die angeblich einander unbekannten, in weit voneinander entfernt schreibenden „Evangelisten“ dazu verpflichtet, die Stoffordnung ähnlich zugestalten, verwandte bis identische Textteile zu verwenden, eines Sinnes die mittlere Zeitspanne im Leben Jesu auszusparen und ansonsten Auftakt und Abschluss ihrer Evangelien aufeinander abzustimmen? Warum stimmen die einander unbekannten Evangelisten ausgerechnet darin überein, über die „verborgenen Jahre“ Jesu zu schweigen, über die es nach der Spätverschriftungshypothese auch fluktuierendes mündliches Material gegeben haben müsste? Da wäre doch wenigstens ein erkennbarer Versuch zu einer biographischen Darstellung des Lebens Jesu in der langen Zeit zwischen 7 vor und 27 nach Chr. zu erwarten gewesen. Warum hat wegen dieser Fragen und Feststellungen niemand längst die Zweiquellentheorie pulverisiert? Das einheitliche gemeinsame Schweigen kann kein Zufall gewesen sein. Es setzt einen einheitlichen Willen der vier Evangelisten und damit eine entsprechende Zusammenarbeit und Regie voraus – zumindest eine abschließend einheitliche Redaktion, wie sie nur eine herausragende Autorität hätte wagen dürfen, denn Juden war auch das neutestamentliche Schriftwort nicht frei verfügbar, sondern heilig.

        12. Warum haben die angeblichen späten, anonymen christlichen Gemeindeschreiber aus der Tempelzerstörung nach 70 für die Kreuzigung Jesu kein missionarisches Kapital geschlagen? Zumindest in den historisch-kritisch spät datierten Pseudo-Briefen hätte ein Hauch von Genugtuung über das „göttliche Strafgericht über Jerusalem“ spürbar werden müssen. Doch nirgends im kanonisierten Schrifttum wird auf das für Juden und Christen so einschneidende Faktum der Tempelzerstörung aus christlicher Sicht eingegangen. Nur hinter der Apokalypse des Sehers Johannes werden in der Darstellung des „himmlischen Jerusalems“ wie durch eine Folie die historischen Realitäten des verlorenen irdischen Jerusalems aus nicht allzu großer zeitlicher Distanz sichtbar.

        13. Wenn, wie die Spätdatierer meinen, nach der Tempelzerstörung (70) noch überall mündliche Überlieferungen über Jesus kursierten, warum sind die apokryphen Evangelien dieser Zeit um so vieles phantastischer, ausufernder und damit theologisch „schlechter“, als die vier Evangelien. Warum sind anderseits die „späten“, „unechten“ Pseudo-Paulinen nach Inhalt und Sprache nur unwesentlich verschieden von den „echten“ Paulusbriefen? In welchen Gemeinden gab es zwischen 80 und 100 noch qualifizierte Paulusimitatoren, die Paulusbriefe so gut erfinden konnten, dass die Sprachdifferenz zum echten Paulus nur 5% beträgt? Wer sollte solche Fälschungen in Auftrag gegeben und autorisiert haben, wo doch jeder Christ wusste, dass Paulus bereits Jahrzehnte tot war. Warum ist der Schwindel nicht gleich aufgeflogen? Das gilt genauso für die spätdatierten katholischen Briefe. Als sie auftauchten, musste sich jeder Christ um die Jahrhundertwende fragen, wer die Briefe so lange unter Verschluss gehalten hat, wenn sie doch aus der Feder von Petrus, Paulus, Jakobus, Johannes und Judas stammten? Wer hat nach welchen Kriterien die Briefe zu apostolischer Zeit gesammelt, bewertet und unsinniger Weise geheim gehalten, anstatt sie zu verschicken.

        14. Warum enthalten jene 20 der 27 Schriften nach Jahrzehnten wilder Überlieferung nichts Häretisches, worüber Hegesippus hätte klagen müssen. Wären die neutestamentlichen Schriften unter jenen späten, nachapostolischen Bedingungen entstanden, hätte man wohl Häretisches gefunden. Clemens Romanus, der Mitarbeiter von Paulus, der in seinen letzten Lebensjahren auf den Stuhl Petri die Möglichkeit und Macht gehabt hätte, häretisches Schrifttum auszumerzen, hatte nicht die geringste Veranlassung, gegen neutestamentliche Schriften einzuschreiten. Warum hegt Eusebius, dessen ausgewiesene Absicht es gewesen ist, von den Schriftstellern zu berichten, „was sie zu den Schriften sagen, die biblisch und anerkannt sind, und jenen, die es nicht sind“ (HE III, 3), mit Ausnahme des Hebräerbriefes und der Geheimen Offenbarung keine Verfasserzweifel an den kanonischen Texten des NT, obwohl Fragen nach der Echtheit auftauchender Texte durchaus gestellt worden sind? Wenn Evangelien ungeklärter Herkunft erst so spät verfügbar gewesen wären, warum ist von keinem der hochrangigen kirchlichen Amtsträger, Theologen und Philosophen wie Clemens von Rom, Ignatius von Antiochien, Hegesippus, Polykarp von Smyrna, Irenäus von Lyon, Tertullian, Julius Africanus, Klemens von Alexandrien, Herakles von Alexandrien, Origines, Hippolyt von Rom, Cyprian von Rom, Victorinus von Pettau, Hieronymus und vor allem Eusebius selbst um der Wahrheit Willen der Impuls ausgegangen, die fragwürdige Herkunft dieser überraschend aufgetauchten Evangelien zu erforschen und offenzulegen? Nichts dergleichen ist geschehen. Es gab um die überlieferten Verfasserschaften der Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, also um die tatsächliche apostolische Herkunft der Evangelien und anderen neutestamentlichen Schriften nirgends die geringsten Zweifel und damit keinen Bedarf, solche zu klären. Spätdatierer müssten doch erwarten, dass schon Papias von Hierapolis, Irenäus von Lyon, Klemens von Alexandrien, Origines oder Hieronymus eine nichtapostolische Entstehung der Evangelien erkannt und als unhistorisch abqualifiziert hätten. Warum kann Eusebius in der Rückschau auf die altkirchlichen Schriften seiner Vorgänger deren Notizen zur Entstehung der Evangelien bei den chronologisch behandelten altkirchlichen Autoren belassen, so dass diese Evangelienmitteilungen seltsam verstreut erscheinen. Warum bestand noch knapp dreihundert Jahre nach Jesu Tod für eine Zusammenfassung der Einzelnachrichten zu einer thematisch geschlossenen Geschichte der Entstehung der Evangelien kein Bedarf?

        15. Warum gibt es eine sehr frühe Überlieferung, derzufolge der Apostel Johannes Zebedäus ziemlich genau im Jahr 56 n.C. mit Jesu Mutter Maria im Alter etwa 70 Jahren ausgerechnet nach Ephesus gekommen ist? Warum gibt es nicht nur in Jerusalem, sondern auch in Ephesus mit dem „Haus Mariens“ eine Marientradition. Warum gibt es diese Tradition nicht auch in Antiochien oder Alexandria? Was könnte der Grund für eine solche rund 14-tägige Seereise von Caesarea Maritima ausgerechnet nach Ephesus gewesen sein? Eine Flucht vor der immer gefährlicher werdenden Situation in Jerusalem wäre es nicht gewesen, denn da hätte sich nach Jesu Rat die wesentlich nähere Dekapolis als Fluchtgebiet angeboten. Musste etwa von ihr die in Arbeit befindliche lukanische Kindheitsgeschichte bezeugt werden? Warum begegnen wir im Umkreis von Ephesus/Troas im gleichen Zeitraum neben Lukas und Johannes auch Petrus und Markus sowie Paulus, und auch Matthäus konnte nach Papias von Hierapolis nicht weit gewesen sein. Worauf deutet das hin? Beinhaltet bereits die neue Barmherzikeitstheologie die Antwort? Aber wäre das wirklich eine Antwort angesichts der Historizität von frühverschrifteten Gerichtsreden Jesu und der Tatsache, dass das Substantiv „Bermherzigkeit“ als Abstaktum im NT nicht vorkommt?

      • NachtragIII
        Hier die protestantische Spätdatierung, der, Kardinal Kasper anhängt, dort die apostolische Frühdatierung, von deren Richtigkeit Joseph Ratzinger/Papst em. Benedikt XVI. in der Tradition der Kirche überzeugt ist.
        Wer von beiden ist glaubwürdiger?

        Rein aus Vernunftgründen scheint die Wahrscheinlichkeit der Spätdatierung sehr gering zu sein, wenn ihre Vertreter behaupten, dass erst nach der Tempelzerstörung zwischen 70 und 100 mündlich umherirrendes, dabei bereits verändertes Jesusmaterial von unbekannten Verfassern, zu unbekannten Zeiten, unter falschem Namen, in unbekannten Gemeinden, unabhängig voneinander, gesammelt, geordnet, erweitert, zum Teil aus dem Alten Testament herausgesponnen, mythologisch überformt, an den Zeitgeist angepasst und endlich zu den vier Evangelien verschriftet worden ist, in Gesellschaft mit weiteren 16 Schriften ebenso unbekannter Herkunft, alles geschrieben von Gemeindetheologen, die niemand gesehen und gekannt hat und die unreflektiert von Juden und Heiden, wieder spurlos im Dunkel der Geschichte verschwunden sind.

        Berechnet man die mathematische Wahrscheinlichkeit des gleichzeitigen Eintreffens all dieser Faktoren zwischen den Jahren 70 und 100, so erhält man einen Wert von 1:1000000000 (in Worten: eins zu 1 Milliarde) Das heißt: Wenn die Spätdatierung der Evangelien nur zu einem Milliardstel richtig sein kann, muss aus historisch-kritischer Sicht die konfessionsideologische Hypothese von der Spätdatierung falsch sein und damit alles, was aus ihr abgeleitet wird. Damit bleibt auch mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit alles falsch, was der Dogmatiker Kardinal Kasper bis heute an relativistischen Reformvorschlägen aus der falschen Spätdatierung wiederaufbereitet hat. Richtig bleibt, dass die von Jesus Christus geoffenbarte und in den Evangelien apostolisch bezeugte Wahrheit Gottes, gesichert im geistgeleiteten Lehramt der Kirche, nicht aus relativierbaren Menschenworten besteht, sondern unrelativierbare Verbindlichkeit besitzt – bezeugt durch die Martyrien der Augenzeugen.

        Als Entscheidungshilfe schlage ich Papst Franziskus vor, Papst em. Benedikt XVI. und Kardinal Kasper folgende 15 Fragenkomplexe zur getrennten schriftlichen Beantwortung vorzulegen.

        1. Warum gibt es von den angeblich späten, anonym gebliebenen Gemeindetheologen, den angeblichen Verfassern der Evangelien, angesichts einer im Römerreich schon früh verbreiteten christlichen Brief- und Reisekultur nicht den Hauch einer Spur. Weder zu den Entstehungszeiten, noch zu den Entstehungsorten mit ihren Gemeindegremien, noch gar zu einzelnen Personen! Warum hat keiner zwischen 70 und 100 der bereits vorhandenen Ortsbischöfe die überraschend viergestaltig aufgetretene Verschriftung der einen „Guten Nachricht“, sowie die Apostelgeschichte und die vielen Briefe freudig begrüßt, gewürdigt und die Vorzüge von Schriftlichem gegenüber vagabundierenden Jesusüberlieferungen für den Gottesdienst gebührend hervorgehoben? Warum ist kein einziger der „Gemeindetheologen“ in auch nur einer frühchristlichen Gemeinde des weiten römischen Reiches im 1. Jahrhundert als Sammler, Abschreiber, Überformer, Dazuerfinder, Auswähler und Kritiker von fluviatilen Jesusstoffen in irgend einer Weise bekannt geworden?

        2. Warum geht es in den altkirchlichen Evangeliennachrichten nie um zufällig von Mund zu Mund, von Sitz zu Sitz geisternde literarische Kleinformen, nie um erzählerische Einheiten und Episoden, Wundergeschichten, Gleichnisse, Märchen, Mythen und Legenden, nicht um pointierte Einzelwörter, Lehrsätze, nicht um Bilder, Symbole, Metaphern, nicht um Evangelienhäppchen mit zungenbrechenden griechischen Namen, also nie um irgendwelche sprachlichen Atome und Moleküle, vielmehr geht es immer und überall um die vollständigen Evangelientexte, über die bekannte Kirchenschriftsteller, also geschichtlich nachgewiesene Personen von Gewicht, sprechen. Warum finden wir nicht die geringste Spur von angeblich herumgeisternden Jesusmaterial in den Briefen von Ignatius von Antiochien und Polykarp von Smyrna?

        3. Wie kommen Bibelwissenschaftler dazu, den frühkirchlichen Christen zuzutrauen, auf den Schwindel mit den getürkten Verfassernamen hereingefallen zu sein. Nein, die Unwahrheit wäre in den Gemeinden nicht zu verbergen gewesen. Welchen Sinn hätte es gehabt, sich hinter Autoritäten wie Markus und Lukas zu verstecken, die keine Autoritäten gewesen wären, wenn sie vor 70 nichts geschrieben gehabt hätten. Hätte man in den christlichen Gemeinden am Ende des 1. Jhdts. nicht fragen müssen, warum das Matthäus- und Johannesevangelium, wenn sie tatsächlich von den überlieferten Aposteln stammten, nicht schon Jahrzehnte früher aufgetaucht sind.

        4. Warum ist nirgendwo in der frühkirchlichen Literatur auch nur ein Hauch von dem zu spüren, was historisch-kritische Exegeten seit dem 19. Jahrhundert über die Entstehung der Evangelien angenommen haben. Keiner der Patristiker, deren Lebenswurzeln bis in die zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts zurückreichen und sich mit den ausklingenden Lebenszeiten der überlebenden Apostel und Mitglieder der Familie Jesu überschneiden, lässt sich zum Beweis für postapostolisch existente „Evangelisten“ in den Zeugenstand rufen, obwohl die Pseudepigraphen von 20 der 27 neutestamentlichen Texte noch zu ihren Lebzeiten erschienen wären. Der Apostel Johannes Zebedäus (+ 98), die apostolischen Väter Clemens von Rom (ca. 40 – 101), Ignatius von Antiochien (ca. 40 – 107), Polykarp von Smyrna (69 – 155), Papias von Hierapolis (ca. 60 – 140) hätten doch etwas vom reichen Strom mündlich herumwabernder Kleinformen mit Jesusstoffen merken müssen, der sich auch ihnen angeboten hätte, um gesammelt, ergänzt, mythisch erweitert, kollektiv diskutiert, neuerdings auch historisiert, endlich aufgeschrieben und in ihren Gemeinden stolz präsentiert zu werden. Die genannten Väter wären noch Zeitgenossen der besagten „Gemeindetheologen“ gewesen, die ihre Anonymität vergeblich zu wahren versucht hätten. Pseudepigraphen hätten vor diesem Hintergrund keine Chance gehabt.

        5. Wie konnte in einer so geschichtsbewussten Schreibkultur wie der jüdisch-hellenistischen die Kenntnis von der Entstehung solch wichtiger Texte wie der Evangelien sowie die wirklichen Namen der gemeindlichen Evangelienverfasser an vier unterschiedlichen Orten zwischen 70 und 100 fast gleichzeitig unbekannt bleiben? In allen vier Fällen findet sich zu den Personen hinter den Pseudepigraphen nicht die kleinste Notiz, ebensowenig zu den angeblich anonym gebliebenen vierzehn Briefeschreibern. Warum hat keiner der anonymen hellenistisch geprägten Verfasser den öffentlichen Ruhm des Autors für sich beansprucht, wo doch Streben nach Ruhm zum antiken Lebenssinn gehörte. Warum hat sich niemand über die von ihnen anonym reichlich spät in Umlauf gebrachten, sprachlich einfach gehaltenen Texte gewundert, wo doch Zeit genug gewesen wäre, vor allem auf die Evangelien etwas mehr inhaltliche und sprachliche Sorgfalt zu verwenden.

        6. Warum haben die angeblich in anonymen Theologenzirkeln zwischen 70 und 100 kompilierten und mythologisierten Evangelientexte keinerlei internen Streit, wie unter Theologen üblich, ausgelöst? Warum gibt es gegen Ende des 1.Jhdts. keinerlei öffentliche Reaktion auf das plötzlich aufgetauchte neue Schriftgut, weder von christlichen, noch von heidnischen Schriftstellern und Philosophen? Warum haben heidnische Autoren eine solch völlig gesichts- und geschichtslose Entstehung der Evangelientexte nicht aufs Korn genommen? Wie konnten sich die früh verfolgten, zahllos hingemordeten Christen von irgendwelchen unbekannten Gemeindetheologen mit erfundenen Mythen so betrügen lassen? Entspricht es dem menschlichen Selbsterhaltungstrieb für zweifelhafte, herkuftsunsichere, mythologisierte Texte ins Martyrium zu gehen? Wäre es den anonymen Gemeindegenies nach der Erfahrung der neronischen Verfolgung nicht ein Leichtes gewesen, sich der gefährlichen Lebenswirklichkeit anzupassen und mit einem flugs erfundenen Jesuswort die Vereinbarkeit von Kaiserkult und Christuskult theologisch zu begründen, um in den Arenen Christen das Leben retten zu können?

        7. Warum treten die Evangelien im Gegensatz zu den historischen Berichten des Alten Testaments und den meisten späteren apokryphen Texten stofflich und sprachlich so reduziert in Erscheinung. Aus der germanischen Literatur weiß man, dass sich Stoffkerne, wie das Sigurdlied aus den Island-Sagas, quantitativ eher ausdehnen, je länger sie mündlich und schriftlich unterwegs sind. Eine spätere, literarisch ambitionierte Verschriftlichung wie das Nibelungenlied stellt eine erhebliche Stofferweiterung des Sigurdstoffes dar. Wären nicht auch bei spät entstandenen Evangelien erhebliche Stofferweiterungen zu erwarten? Warum ist dies bei den kanonisierten Evangelien nicht der Fall? Der Evangelist Johannes geht 20, 30.31 und 21,25 ohne nähere Begründung auf den reduzierten Charakter seines Evangeliums ein. Ist nicht Zeitmangel herauszuhören? Machen nicht auch das Markusevangelium und die Apostelgeschichte einen unfertigen Eindruck? Warum bildet das viergestaltige Evangelium bei allen Abweichungen im Detail, im Sprachduktus und in der theologischen Substanz dennoch eine die Zeiten überdauernde relativ knappe, aber geschlossene Einheit?

        8. Hätten die Jünger Jesu, die tatsächlichen Augen- und Ohrenzeugen des Geschehens, den Briefeschreiber Paulus zwölf Jahre lang untätig zuschauen können, ohne ihrerseits ein schriftliches Zeugnis für ihren Herrn abzulegen? Noch dazu, wenn dieser Paulus zum Thema Rechtfertigung Abweichendes predigte? Wie durfte der Schriftgelehrte und Ex-Pharisäer Paulus es wagen, unter den Augen der apostolischen Zeugen ohne verfügbare Textgrundlage theologische Briefe an christliche Gemeinden zu schreiben, obwohl er Jesus nicht gefolgt war? Hätten die von Paulus anerkannten Säulen der Jerusalemer Urgemeinde, Petrus, Johannes und Jakobus, in Verantwortung vor Gott das Zeugnis über ihren gekreuzigten und auferstandenen Herrn zur Verschriftung unbekannten Leuten überlassen dürfen, die keine Augenzeugen gewesen wären und damit nach mosaischem Recht zu später Zeit gar kein Zeugnis abgeben hätten dürfen – noch dazu unter falschen Namen!

        9. Warum scheint Paulus am historischen Jesus von Nazareth nicht interessiert zu sein? Warum findet sich in der Apostelgeschichte nicht der kleinste Hinweis auf die Paulusbriefe? Warum finden wir in diesem Geschichtswerk, das die Taten der Apostel zum Inhalt haben sollte, nicht den leisesten Hinweise auf die paulinische Rechtfertigungslehre. Warum begegnen wir diesem Mangel an theologischer Resonanz auch in den Evangelien? Warum hat Lukas auf keinen der katholischen Briefe Bezug genommen? Warum differieren Paulusbriefe und Apostelgeschichte in verschiedenen Details zur Person des Apostels Paulus? Warum erweckt Paulus in den selbstbiographischen Passagen seiner Briefe den Eindruck, Richtigstellungen und Erweiterungen gegenüber der Apostelgeschichte vornehmen zu müssen? Wie kann Paulus im Brief von eigener Hand an die Galater (1,16-20) Sachaussagen vom Anfang der Apostelgeschichte (9, 23-30) korrigieren, wenn diese erst an die fünfundzwanzig Jahre nach seinem eigenen Tod (62/63) geschrieben worden wäre? Warum ist Lukas mit seiner Apostelgeschichte in Verzug gekommen und nicht fertig geworden?

        10. Welcher anonyme Gemeindetheologe unter dem Namen Lukas, der sich in seinem Evangelium als antiker Historiker vorstellt, hätte am Ende des ersten Jahrhunderts, als er alles historisch bedeutsam Gewordene überblicken und gewichten konnte, beschließen können, die Apostelgeschichte ausgerechnet vor der neronischen Christenverfolgung, vor dem Tod von Petrus und Paulus, vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels und damit vor der Auflösung des jüdischen Staates abzubrechen? Warum hat dieser „Lukas“ über die drei Säulen der Jerusalemer Urkirche Petrus, Johannes Zebedäus und dem Herrenbruder Jakobus in den Jahren nach dem Jerusalemer Apostelkonzil 48 kein Wort mehr verloren? Mehr noch: Die Acta Apostolorum, die vorgeben, die Taten aller Apostel zu behandeln, schweigen zu den Taten der meisten von ihnen. Von den elf Namen der Apostelliste in der Apostelgeschichte (1,13) stehen nur am Anfang die Apostel Petrus und Johannes Zebedäus im Mittelpunkt der Darstellung; dann endet die Berichterstattung über sie, ohne wieder aufgenommen zu werden. Insgesamt erfahren wir nur wenig über Philippus, Notwendigstes über den Tod des Jakobus Zebedäus, aber nichts über Andreas, Thomas, Bartholomäus, Matthäus, Jakobus, dem Sohn des Alphäus, Simon den Zeloten und Judas, den des Jakobus. Auch nichts über die Art und Weise ihres Sterbens! Ist das die Art eines spätdatierten Kirchenhistorikers, der den Umfang seines Vorhabens ankündigt, aber nicht verwirklicht, obwohl er dazu am Ende des Jahrhunderts genügend Zeit gehabt hätte?

        11. Wer hat die angeblich einander unbekannten, in weit voneinander entfernt schreibenden „Evangelisten“ dazu verpflichtet, die Stoffordnung ähnlich zugestalten, verwandte bis identische Textteile zu verwenden, eines Sinnes die mittlere Zeitspanne im Leben Jesu auszusparen und ansonsten Auftakt und Abschluss ihrer Evangelien aufeinander abzustimmen? Warum stimmen die einander unbekannten Evangelisten ausgerechnet darin überein, über die „verborgenen Jahre“ Jesu zu schweigen, über die es nach der Spätverschriftungshypothese auch fluktuierendes mündliches Material gegeben haben müsste? Da wäre doch wenigstens ein erkennbarer Versuch zu einer biographischen Darstellung des Lebens Jesu in der langen Zeit zwischen 7 vor und 27 nach Chr. zu erwarten gewesen. Warum hat wegen dieser Fragen und Feststellungen niemand längst die Zweiquellentheorie pulverisiert? Das einheitliche gemeinsame Schweigen kann kein Zufall gewesen sein. Es setzt einen einheitlichen Willen der vier Evangelisten und damit eine entsprechende Zusammenarbeit und Regie voraus – zumindest eine abschließend einheitliche Redaktion, wie sie nur eine herausragende Autorität hätte wagen dürfen, denn Juden war auch das neutestamentliche Schriftwort nicht frei verfügbar, sondern heilig.

        12. Warum haben die angeblichen späten, anonymen christlichen Gemeindeschreiber aus der Tempelzerstörung nach 70 für die Kreuzigung Jesu kein missionarisches Kapital geschlagen? Zumindest in den historisch-kritisch spät datierten Pseudo-Briefen hätte ein Hauch von Genugtuung über das „göttliche Strafgericht über Jerusalem“ spürbar werden müssen. Doch nirgends im kanonisierten Schrifttum wird auf das für Juden und Christen so einschneidende Faktum der Tempelzerstörung aus christlicher Sicht eingegangen. Nur hinter der Apokalypse des Sehers Johannes werden in der Darstellung des „himmlischen Jerusalems“ wie durch eine Folie die historischen Realitäten des verlorenen irdischen Jerusalems aus nicht allzu großer zeitlicher Distanz sichtbar.

        13. Wenn, wie die Spätdatierer meinen, nach der Tempelzerstörung (70) noch überall mündliche Überlieferungen über Jesus kursierten, warum sind die apokryphen Evangelien dieser Zeit um so vieles phantastischer, ausufernder und damit theologisch „schlechter“, als die vier Evangelien. Warum sind anderseits die „späten“, „unechten“ Pseudo-Paulinen nach Inhalt und Sprache nur unwesentlich verschieden von den „echten“ Paulusbriefen? In welchen Gemeinden gab es zwischen 80 und 100 noch qualifizierte Paulusimitatoren, die Paulusbriefe so gut erfinden konnten, dass die Sprachdifferenz zum echten Paulus nur 5% beträgt? Wer sollte solche Fälschungen in Auftrag gegeben und autorisiert haben, wo doch jeder Christ wusste, dass Paulus bereits Jahrzehnte tot war. Warum ist der Schwindel nicht gleich aufgeflogen? Das gilt genauso für die spätdatierten katholischen Briefe. Als sie auftauchten, musste sich jeder Christ um die Jahrhundertwende fragen, wer die Briefe so lange unter Verschluss gehalten hat, wenn sie doch aus der Feder von Petrus, Paulus, Jakobus, Johannes und Judas stammten? Wer hat nach welchen Kriterien die Briefe zu apostolischer Zeit gesammelt, bewertet und unsinniger Weise geheim gehalten, anstatt sie zu verschicken.

        14. Warum enthalten jene 20 der 27 Schriften nach Jahrzehnten wilder Überlieferung nichts Häretisches, worüber Hegesippus hätte klagen müssen. Wären die neutestamentlichen Schriften unter jenen späten, nachapostolischen Bedingungen entstanden, hätte man wohl Häretisches gefunden. Clemens Romanus, der Mitarbeiter von Paulus, der in seinen letzten Lebensjahren auf den Stuhl Petri die Möglichkeit und Macht gehabt hätte, häretisches Schrifttum auszumerzen, hatte nicht die geringste Veranlassung, gegen neutestamentliche Schriften einzuschreiten. Warum hegt Eusebius, dessen ausgewiesene Absicht es gewesen ist, von den Schriftstellern zu berichten, „was sie zu den Schriften sagen, die biblisch und anerkannt sind, und jenen, die es nicht sind“ (HE III, 3), mit Ausnahme des Hebräerbriefes und der Geheimen Offenbarung keine Verfasserzweifel an den kanonischen Texten des NT, obwohl Fragen nach der Echtheit auftauchender Texte durchaus gestellt worden sind? Wenn Evangelien ungeklärter Herkunft erst so spät verfügbar gewesen wären, warum ist von keinem der hochrangigen kirchlichen Amtsträger, Theologen und Philosophen wie Clemens von Rom, Ignatius von Antiochien, Hegesippus, Polykarp von Smyrna, Irenäus von Lyon, Tertullian, Julius Africanus, Klemens von Alexandrien, Herakles von Alexandrien, Origines, Hippolyt von Rom, Cyprian von Rom, Victorinus von Pettau, Hieronymus und vor allem Eusebius selbst um der Wahrheit Willen der Impuls ausgegangen, die fragwürdige Herkunft dieser überraschend aufgetauchten Evangelien zu erforschen und offenzulegen? Nichts dergleichen ist geschehen. Es gab um die überlieferten Verfasserschaften der Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, also um die tatsächliche apostolische Herkunft der Evangelien und anderen neutestamentlichen Schriften nirgends die geringsten Zweifel und damit keinen Bedarf, solche zu klären. Spätdatierer müssten doch erwarten, dass schon Papias von Hierapolis, Irenäus von Lyon, Klemens von Alexandrien, Origines oder Hieronymus eine nichtapostolische Entstehung der Evangelien erkannt und als unhistorisch abqualifiziert hätten. Warum kann Eusebius in der Rückschau auf die altkirchlichen Schriften seiner Vorgänger deren Notizen zur Entstehung der Evangelien bei den chronologisch behandelten altkirchlichen Autoren belassen, so dass diese Evangelienmitteilungen seltsam verstreut erscheinen. Warum bestand noch knapp dreihundert Jahre nach Jesu Tod für eine Zusammenfassung der Einzelnachrichten zu einer thematisch geschlossenen Geschichte der Entstehung der Evangelien kein Bedarf?

        15. Warum gibt es eine sehr frühe Überlieferung, derzufolge der Apostel Johannes Zebedäus ziemlich genau im Jahr 56 n.C. mit Jesu Mutter Maria im Alter etwa 70 Jahren ausgerechnet nach Ephesus gekommen ist? Warum gibt es nicht nur in Jerusalem, sondern auch in Ephesus mit dem „Haus Mariens“ eine Marientradition. Warum gibt es diese Tradition nicht auch in Antiochien oder Alexandria? Was könnte der Grund für eine solche rund 14-tägige Seereise von Caesarea Maritima ausgerechnet nach Ephesus gewesen sein? Eine Flucht vor der immer gefährlicher werdenden Situation in Jerusalem wäre es nicht gewesen, denn da hätte sich nach Jesu Rat die wesentlich nähere Dekapolis als Fluchtgebiet angeboten. Musste etwa von ihr die in Arbeit befindliche lukanische Kindheitsgeschichte bezeugt werden? Warum begegnen wir im Umkreis von Ephesus/Troas im gleichen Zeitraum neben Lukas und Johannes auch Petrus und Markus sowie Paulus, und auch Matthäus konnte nach Papias von Hierapolis nicht weit gewesen sein. Worauf deutet das hin? Beinhaltet bereits die neue Barmherzikeitstheologie die Antwort? Aber wäre das wirklich eine Antwort angesichts der Historizität von frühverschrifteten Gerichtsreden Jesu und der Tatsache, dass das Substantiv „Barmherzigkeit“ als Abstaktum im NT nicht vorkommt?

    • Nachtrag2

      Die „Confessio“ des Weihekandidaten Jorge Mario Bergoglio SJ aus dem Jahr 1969 zeigt, in welche Existenzkrise auch katholische Priesteranwärter geraten können, wenn sie sich im Studium der liberalen Leben-Jesu-Forschung ausliefern müssen. Was das inhaltlich bedeutet, lässt der promovierte, ehemals evangelisch-lutherische Theologe und nunmehrige atheistische Verleger und Autor Werner Kubitza erkennen. Der Autor verdeutlicht mit einem Buch „Der Jesuswahn“ mit dem Untertitel „Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung“ (2011, 3. Aufl. 2013), welchen Glaubensgefährdungen der aus einem italienischen Frömmigkeitsmilieu stammende ehemalige Chemieangestellte Jorge Mario Bergoglio SJ schon in seinem Studium ausgesetzt gewesen sein muss.
      Kubizas „Glaubensbekenntnis“ lautet: „Die historische Forschung ist sich weitgehend einig, dass der Jesus, wie ihn die Kirchen verkündigen und wie er teilweise schon in der Bibel verkündet wird, so niemals existiert hat. Wie die Bibel das am meisten überschätzte Buch der Weltliteratur ist, dürfte Jesus die am meisten überschätzte Person der Weltgeschichte sein. Wer Jesus wirklich war und was man heute wissenschaftlich verantwortbar über ihn sagen kann, soll deshalb … über ihn festgehalten werden……Die Wahrheit des Christentums ist prinzipiell keine Frage des Glaubens mehr, nichts, wofür man sich entscheiden kann oder auch nicht. Denn noch vor aller zu glaubenden Dogmatik ist das Christentum bereits durch die historische Vorprüfung gefallen. Die historische Forschung hat die Frage nach der Wahrheit des Christentums nachhaltiger gelöst als es Bibliotheken von Dogmatiken je hätten tun können….Das christliche Paradigma kann intellektuell verantwortbar als erledigt, die Frage nach seiner Wahrheit in negativem Sinne als gelöst betrachtet werden…..Die Kirchen und ihre Dogmen sind jedoch, dies hat nicht zuletzt die historische Forschung gezeigt, geradezu Formen der organisierten Irrationalität“.
      Wie nah damit Kardinal Kasper mit seinem nie wiederrufenen Dogmen-Bonmot von 1972 und der Forderung nach einem Paradigmenwechsel bei dem Ex-Theologen und nunmehr bekennenden Atheisten liegt, müsste ihm eigentlich im Hinblick auf den Verlauf der Synode zu denken geben – es sei denn, der Wortführer der Kirchenreformer will tatsächlich nur noch die äußere Form, nicht mehr die Glaubenssubstanz der katholischen Kirche vor Schaden bewahren. Daher kann man in diesen Tagen nicht oft genug in Richtung der Reformer, Papst Franziskus eingeschlossen, sagen: Der Weg, den ihr z.B. in Sachen Wiederverheiratete Geschiedene und Lebenspartnerschaften Homosexueller gehen wollt, führt die katholische Kirche tatsächlich „vom Protestantismus über den Modernismus in den Atheismus“ (Papst Pius X. 1907).

      Nachdem ein Kommentator dieses Buch als radikale Außenseitermeinung verrissen hatte, glaubte sich der Autor persönlich mit einer Gegendarstellung verteidigen zu müssen. Was hier der Verteidiger seiner selbst zusammengetragen hat, ist die Summe der Leben-Jesu-Forschung nach dem Stand von 2011.
      Kubitza sagt: „Die zentralen Aussagen meines Buches zum Leben Jesu stellen eben keine radikale Außenseitermeinung dar, sondern summieren die opinio communis zu diesem Themenkreis. Es sind nicht meine Erkenntnisse, ich bringe sie lediglich pointiert zur Sprache. Und ich darf eine unvollständige Liste hier mal anführen:

      Es ist in der neutestamentlichen Forschung allgemeine Meinung und keineswegs eine Randmeinung, dass das Leben Jesu fast 30 Jahre offenbar unspektakulär war, dass er nicht in Bethlehem geboren wurde, sondern dies eine theologische Konstruktion ist, dass seine Stammbäume ebenfalls aus theologischen Erwägungen erstellt worden sind, dass die Geburtsgeschichten mit allen Details erfunden worden sind, dass die Jungfrauengeburt eine späte theologische Konstruktion ist, dass es keine heiligen drei Könige, keinen Kindermord und keine Flucht nach Ägypten gegeben hat.
      Es gab keine Darstellung des Kindes im Jerusalemer Tempel, erst recht keine Wunder des Gotteskindes, wie sie in den (apokryphen) Kindheitsevangelien erzählt werden. Johannes der Täufer darf wohl nicht als Ankündiger von Jesus verstanden werden, sondern war eine Person aus eigener Kraft. Jesus hat sich bei ihm der Sündertaufe unterzogen. Seine Äußerungen über Jesus waren jedenfalls wohl eher verhalten, die Äußerungen Jesu dem Täufer gegenüber dagegen meist überschwänglich. Nicht wenige nehmen deshalb an, dass Jesus ein Schüler von Johannes war, wie er ja auch seine Verkündigung im Wesentlichen fortgesetzt hat. Es ist in der Forschung unbestritten, dass wir eine Biographie Jesu nicht mehr erstellen können und dass es erst Jahrzehnte nach seinem Auftreten zu erhaltenen schriftlichen Zeugnissen über ihn gekommen ist.
      Die Evangelisten, damit verkennen Sie, aber auch viele andere, den tatsächlichen Stand der Forschungen zum historischen Jesus und zum frühen Christentum, waren allesamt keine Augenzeugen und auch keine Jünger Jesu. Den Geschehenszusammenhang (den Rahmen der Geschichte Jesu) scheint erst der Evangelist Markus geschaffen zu haben, in dem er die umlaufenden Geschichten zu seinem Evangelium verband.
      Es ist ebenso opinio communis, dass viele der Worte Jesu nicht historisch sind, sondern Erfindungen seiner späteren Gemeinde, dass es z.B. die Bergpredigt so nicht gegeben hat (obwohl sich darin auch offenbar historisches Gut befindet). Es ist völlig klar, dass dies besonders auf das Johannesevangelium zutrifft, das fast völlig eine Erfindung des Evangelisten sein dürfte.
      Es ist weiter klar, dass die Wunder Jesu zu einem nicht geringen Teil aus der Umwelt, dem Hellenismus, dem Alten Testament (das es in dieser Form damals noch nicht gab) und der jüdischen Überlieferung auf ihn übertragen worden sind. Paulus scheint noch keine Wunder Jesu gekannt zu haben, für ihn ist das Leben Jesu einfach nicht wichtig. Sicherlich wäre dies anders gewesen, hätte er von Wundern gewusst.
      Auch geht die Forschung weit überwiegend davon aus, dass Jesus keine neue Religion gründen wollte, sondern dass sein Wirken ganz aus dem Judentum heraus begriffen werden muss, dass er sich nur gesandt sah „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“, dass er also an den Angehörigen anderer Völker und Religionen schlicht nicht interessiert war. Man ist sich sicher, dass seine Opposition gegen die Pharisäer eine spätere, christliche gefärbte Sicht der Dinge ist, dass das jüdische Gesetz für ihn noch eine viel bedeutendere Rolle gespielt hat, als es Paulus und die sich auf ihn berufende Kirche formulierte. Die Anschauungen Jesu und Paulus` sind vielfach gegensätzlich.
      Es ist klar, dass die Urgemeinde in Jerusalem sich noch Jahrzehnte an Gesetz und Beschneidung gehalten, und dass dies nur vorstellbar ist, wenn Jesus selbst dies so angeordnet hat. Es ist klar, dass das Vater-Unser-Gebet ein durch und durch jüdisches Gebet ist und mit dem Christentum eigentlich nichts zu tun hat. Die weit überwiegende Zahl der Neutestamentler geht heute davon aus, dass sich Jesus nicht als Sohn Gottes bezeichnet hat und auch nicht als Messias, sondern dass ihm diese Hoheitstitel erst von der gläubigen Gemeinde beigelegt worden sind. In Frage kommt höchstens noch der Titel „Menschensohn“, von dem aber nicht wenige meinen (hier aber eine relativ große Meinungsvielfalt), dass er diesen Titel gar nicht auf sich selbst bezogen hat. Die Leidensweissagungen gelten in der Forschung als klare vaticinia ex eventu, also als ebenfalls nachträglich eingefügt.
      Es ist für die Forschung ebenso klar, dass Jesus nicht als Gott oder als Gottmensch auftrat, sondern als eine Art Wanderprediger, der in Übereinstimmung mit gewissen Zeitströmungen das Kommen des Reiches Gottes erwartet und verkündigt hat. In dieser Erwartung hat sich Jesus wie alle Endzeitverkündiger geirrt. Weder ist das Reich Gottes gekommen, noch ist er selbst wiedergekehrt, wie es seine Gläubigen noch bis ins zweite Jahrhundert erwartet hatten, ja noch bis heute erwarten. Sein Tod kam wohl eher ungewollt und traf seine Jünger unvorbereitet. Alt freilich sind die Bekenntnisformeln, die von seiner Auferstehung berichten, wobei die meisten Neutestamentler am Anfang des Auferstehungsglaubens Visionen sehen (die nicht unbedingt einen auferstandenen Leichnam voraussetzen), von denen einzelne Jünger berichtet haben und die dann offenbar von anderen geglaubt wurden.
      Die Auferstehungserzählungen gelten jedoch alle als klare Legenden. Es ist in der Forschung ebenfalls eine opinio communis, dass die Christologie Jesu langsam gesteigert wurde, dass seine Hoheit offenbar anfangs zunächst in seiner behaupteten Auferstehung gesehen, später dann schon in seiner Taufe angesetzt, mit der Jungfrauengeburt weiter rückdatiert wurde, und er im Johannesevangelium schließlich sogar als praeexistent angesehen wird. Für die Forschung ist weiterhin klar, dass die späteren dogmatischen Ausschmückungen der Kirche (Zweinaturenlehre, Trinität, Kreuzestheologie, Sühnetodvorstellung, aber auch die Rechtfertigungslehre, ganz zu schweigen von den Mariendogmen etc.) erst recht keinen Anhalt im Leben Jesu haben und künstliche Gebilde sind…..Diese unvollständige Auflistung, so wie sie hier steht, könnte sicher von 90% der wissenschaftlich arbeitenden Neutestamentler unterschrieben werden“. Mit den auf der Basis der apostolischen Herkunft der neutestamntlichen Schriften geschriebenen Jesusbücher von Papst Benedikt XVI. haben Papst Franziskus und alle seine Nachfolger eine bibelwissenschaftliche Denkalternative zur Verfügung, die auch gegen die reformerische Spätdatierungstheologie eines Kardinal Kasper gerichtet ist. Wem wird Papst Franziskus in Zukunft mehr vertrauen?

  20. Liebe Redaktion!
    Durch einen Bedienungsfehler bei der Fehlerkorrektur habe ich gestern zwei störende Doubletten „erzeugt“, die ich, wenn möglich, zu löschen bitte:
    Es handelt sich um NachtragIII von 19.03 und um Nachtrag2 von 19.15!
    Danke!

  21. Hochverehrter @ Sophus,

    herzlichen Dank nochmals für Ihre interessanten und tiefgreifenden Ausführungen zum Thema Datierung der Evangelien.

  22. Danke, hochverehrter @ Suarez. Ihre positive Replik ist mir sehr wertvoll. Was ich hier eingestellt habe, entstammt meinem Manuskript zur Frühdatierung, aus dem ich mich auch in meinem Synoden-Rundschreiben an die Kirche als „Gemeinschaft aller Gläubigen“ bedient hatte.
    Werter @ Leo Laemmlein! Für Ihre Antwort auf meinen letzten Kommentar (unter dem schon älteren „CO2″-Strang) zum Blutverzehrverbot danke ich Ihnen sehr herzlich. Ihr mitgeteilter weiterer Aspekt, „den der mündlichen jüdischen Gesetzesauslegung“, ist für mich sehr wichtig, da er einen zusätzlichen Beleg darstellt, dass die Apostelgeschichte vor 70 geschrieben sein muss, denn ein später hellenistischer Gemeindetheologe wäre nach der Tempelzerstörung wohl nie auf die Idee der Erwähnung der Speisegebote des Jerusalemer Apostelkonzils unter Einbeziehung der jüdischen Gesetzesauslegung gekommen.
    Danke noch einmal Ihnen beiden und gesegnete Weihnachten!

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