SYNODE: Dezentralisierung der Kirche beleidigt Glauben und gesunden Menschenverstand

Papst Franziskusvon Roberto de Mattei*

Papst Franziskus hat am 17. Oktober 2015 angekündigt, wie die Synode über die Familie enden wird. Wenige Tage vor dem Ende der Arbeiten befindet sich die Bischofsversammlung in einer Sackgasse, und der Weg herauszukommen, sei – laut Papst – die Dezentralisierung der Kirche.

Bischofssynode in einer Sackgasse

In der Sackgasse steckt man wegen der Spaltung in jene, die in der Aula mit Nachdruck das immerwährende Lehramt zur Ehe bekräftigen, und jenen „novatores“, die zweitausend Jahre der kirchlichen Lehre, vor allem aber die Wahrheit des Evangeliums umstoßen möchten. Es ist nämlich Christi Wort, göttliches Gesetz und Naturrecht, daß die gültige und vollzogene Ehe der Getauften aus keinem Grund der Welt geschieden werden kann.

Eine einzige Ausnahme würde den absoluten und universalen Wert dieses Gesetzes in Frage stellen. Und wenn dieses Gesetz fällt, würde mit ihm die gesamte Morallehre der Kirche zusammenbrechen. Entweder ist die Ehe unauflöslich oder sie ist es nicht. Eine Unterscheidung zwischen der Verkündigung des Prinzips und seiner praktischen Anwendung ist nicht zulässig. Zwischen dem Denken und den Worten und zwischen den Worten und den Taten verlangt die Kirche eine radikale Übereinstimmung, dieselbe, die von den Märtyrern im Laufe der Geschichte bezeugt wurde.

Kardinal Schönborns Rede in Rom: Die Erfahrung schafft die Wahrheit

Der Grundsatz, laut dem sich die Lehre nicht ändert, aber ihre pastorale Anwendung sich wandelt, treibt einen Keil zwischen die beiden untrennbaren Dimensionen des Christentums: Wahrheit und Leben. Die Trennung von Lehre und Praxis entstammt nicht der katholischen Lehre, sondern der Hegelschen und marxistischen Philosophie, die das traditionelle Axiom agere sequitur esse ins Gegenteil verkehrt. Die Handlung geht, laut Sichtweise der Aufrührer, dem Sein voraus und bedingt es. Die Erfahrung lebt nicht die Wahrheit, sondern schafft sie. Das ist der Sinn der Rede, die Kardinal Christoph Schönborn als Festredner beim Festakt zum 50. Jahrestag der Errichtung der Bischofssynode gehalten hat, bei dem auch Papst Franziskus gesprochen hat.

„Der Glauben kann nicht vertreten, sondern nur bezeugt werden“, behauptete der Erzbischof von Wien und bekräftigte damit den Primat des „Zeugnisses“ über die Lehre. Märtyrer bedeutet auf griechisch Zeuge, doch für die Märtyrer bedeutet Zeugnis geben, die Wahrheit zu leben, während es für die Neuerer bedeutet, sie zu verraten, indem sie sie in der Erfahrung neu erfinden.

Der Primat der Praxis über die Lehre und seine katastrophalen Folgen

Der Primat der pastoralen Praxis über die Lehre ist dazu bestimmt, folgende katastrophalen Konsequenzen zu haben:

1) Die „virtuelle“ Synode, wie es bereits beim Zweiten Vatikanischen Konzil der Fall war, gewinnt die Oberhand über die wirkliche Synode. Die den Abschluß der Synodenarbeit begleitende Botschaft der Medien ist wichtiger als der Inhalt der Dokumente. Die Relatio über den ersten Teil des Instrumentum laboris des Circulus Anglicanus C bekräftigt die Notwendigkeit dieser Revolution der Sprache: „Like Vatican II, this Synod needs to be a language-event, which is more than cosmetic” (Wie das Vaticanum II muß diese Synode ein sprachliches Ereignis sein, das mehr ist als nur Kosmetik).

2) Die nachsynodale Zeit ist wichtiger als die Synode, weil sie deren Selbstverwirklichung darstellt. Die Synode wird die Verwirklichung ihrer Ziele der pastoralen Praxis anvertrauen. Wenn das, was sich verändert, nicht die Lehre ist, sondern die Seelsorge, dann kann diese Veränderung nicht bei der Synode geschehen, sondern muß im täglichen Leben des christlichen Volkes stattfinden und damit außerhalb der Synode, nach der Synode, im Leben der Diözesen und der Pfarreien der Kirche.

3) Die Selbstverwirklichung der Synode erfolgt im Zeichen der Erfahrung der Teilkirchen, also der kirchlichen Dezentralisierung. Die Dezentralisierung erlaubt den Ortskirchen eine Pluralität der pastoralen Erfahrungen auszuprobieren. Wenn es aber nicht mehr eine einzige Praxis gibt, die mit der einzigen Lehre übereinstimmt, bedeutet das, daß es viele gibt und alle es wert sind, ausprobiert zu werden. Die Akteure dieser Revolution der Praxis werden daher die Bischöfe, die Pfarrer, die Bischofskonferenzen, die Ortsgemeinde sein, jeder gemäß eigener Freiheit und Kreativität.

Ent-vatikanisierte Kirche der „zwei Geschwindigkeiten“

Es zeichnet sich vermutlich eine Kirche der „zwei Geschwindigkeiten“ (two-speed Church) ab, oder um es mit der Sprache der Brüsseler Eurokraten zu sagen, der „variablen Geometrie“ (variable geometry). Dasselbe moralische Problem wird man auf unterschiedliche Weise regeln, je nach Situationsethik. Der Kirche der „mündigen Christen“ deutscher Sprache, die der „Ersten Welt“ angehören, wird die „schnelle Geschwindigkeit“ des „missionarischen Zeugnisses“ erlaubt werden; der Kirche der „unterentwickelten“ Katholiken in Afrika oder Polen, die der Zweiten oder Dritten Welt angehören, wird man bei der Anhänglichkeit an die eigenen Traditionen die „langsame Geschwindigkeit“ zugestehen.

Rom würde in den Hintergrund treten, ohne wirkliche Autorität, mit der einzigen Funktion einen „charismatischen Impuls“ zu geben. Die Kirche würde ent-vatikanisiert oder mehr noch ent-römischt. Die romzentrierte Kirche soll durch eine polyzentrische oder polyedrische Kirche ersetzt werden. Das Bild des Polyeders wurde von Papst Franziskus häufig verwendet: „Der Polyeder ist eine Einheit, aber seine Teile sind alle verschieden; jedes hat seine Besonderheit, sein Charisma. Das ist die Einheit in der Vielfalt. Auf diesem Weg bringen wir Christen das hervor, was wir mit dem theologischen Namen ‚Ökumene‘ bezeichnen: Wir versuchen, dafür zu sorgen, dass die Vielfalt vom Heiligen Geist immer harmonischer gestaltet und zur Einheit wird“ (Rede an die Pflingstler und Evangelikalen in Caserta, 28. Juli 2014).

Die Übertragung von Zuständigkeiten an die Bischofskonferenzen ist bereits an einer Stelle von Evangelii Gaudium vorgesehen, die sie „als Subjekte mit konkreten Kompetenzbereichen versteht, auch einschließlich einer gewissen authentischen Lehrautorität. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen“ (Evangelii Gaudium, 32).

Nun verkündet Papst Franziskus dieses „Prinzip der Synodalität“ als Ergebnis der noch stattfindenden Versammlung.

Die alten Häresien des Gallikanismus und der Nationalkirchen

Die alten Häresien des Gallikanismus und des kirchlichen Nationalismus steigen am Horizont wieder auf. Der Jurisdiktionsprimat des Papstes ist ein Glaubensdogma, verkündet vom Ersten Vatikanischen Konzil, und beinhaltet die höchste Autorität der Kirche über alle Hirten und über alle Gläubigen, unabhängig von jeder anderen Macht. Dieses Prinzip stellt die Garantie für die Einheit der Kirche dar: Einheit der Leitung, Einheit des Glaubens, Einheit der Sakramente. Die Dezentralisierung ist ein Verlust von Einheit, der unweigerlich ins Schisma führt. Denn das Schisma ist der Bruch, der unerbittlich eintritt, wenn ein zentraler Bezugspunkt, ein einheitliches Kriterium fehlt, sowohl auf doktrineller Ebene wie auch auf jener der Ordnung und der Pastoral. Die Teilkirchen, die sich in der Praxis unterscheiden, aber auch in einer Lehre, die von der Praxis herrührt, sind auf verhängnisvolle Weise bestimmt, in einen Gegensatz zu treten und Brüche, Schismen und Häresien zu produzieren.

Die Dezentralisierung beschädigt nicht nur den römischen Primat, sondern leugnet auch das Nicht-Widerspruchsprinzip, laut dem „dasselbe Wesen nicht zur selben Zeit und unter denselben Bedingungen sein kann, was es ist und es gleichzeitig nicht sein“. Nur aufgrund dieses ersten logischen und metaphysischen Prinzips können wir unsere Vernunft gebrauchen und die Wirklichkeit erkennen, die uns umgibt.

Sanctiores aures plebis quam corda sacerdotum

Was geschieht, wenn der römische Papst darauf verzichtet, auch nur zum Teil, seine Macht auszuüben, um sie an die Bischofskonferenzen oder an die einzelnen Bischöfe zu delegieren? Offenkundig entsteht eine Diversität der Lehre und der Praxis zwischen den Bischofskonferenzen und von einer Diözese zur anderen. Was in einer Diözese verboten ist, wird in einer anderen erlaubt sein und umgekehrt. Der wiederverheiratete Geschiedene wird in einer Diözese das Sakrament der Eucharistie empfangen können und in einer anderen nicht. Doch etwas ist Sünde oder ist keine Sünde, das aber immer und überall. Das Moralgesetz ist für alle gleich oder es ist überhaupt nicht. Und das gilt auch hier: Entweder hat der Papst den Jurisdiktionsprimat und übt ihn aus oder jemand regiert faktisch außerhalb desselben.

Der Papst gesteht die Existenz eines sensus fidei zu, doch gerade dem sensus fidei der Bischöfe, der Priester, der einfachen Gläubigen, sind die Extravaganzen ein Ärgernis, die in der Synodenaula zu hören sind. Diese Extravaganzen beleidigen in erster Linie den gesunden Menschenverstand, mehr noch als den sensus Ecclesiae der Gläubigen.

Papst Franziskus hat recht, wenn er erklärt, daß der Heilige Geist nicht nur dem Papst und den Bischöfen beisteht, sondern allen Gläubigen (vgl. dazu Melchior Cano, De locis Theologicis (Lib. IV, cap. 3, 117I). Der Heilige Geist ist aber nicht der Geist der Neuheiten. Er führt die Kirche, indem er unfehlbar ihrer Überlieferung beisteht. Durch die Treue zur Tradition spricht der Heilige Geist zu den Gläubigen. Und heute, wie zur Zeit des Arianismus, können wir mit dem heiligen Hilarius sagen: „Sanctiores aures plebis quam corda sacerdotum“, die Ohren des Volkes sind heiliger als die Herzen der Priester (Contra Arianos, vel Auxentium, Nr. 6, in PL, 10, col. 613).

*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Schriftleiter der Monatszeitschrift Radici Cristiane und der Online-Nachrichtenagentur Corrispondenza Romana, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen: Vicario di Cristo. Il primato di Pietro tra normalità ed eccezione (Stellvertreter Christi. Der Primat des Petrus zwischen Normalität und Ausnahme), Verona 2013; in deutscher Übersetzung zuletzt: Das Zweite Vatikanische Konzil – eine bislang ungeschriebene Geschichte, Ruppichteroth 2011. Die Zwischentitel stammen von der Redaktion.

Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana

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michael
Seien wir ehrlich, die Kirche folgt der Liturgie. Diese liegt am Boden, im Vatikan II Dreck des NOM, geschaffen vom hoechst unseligen Paul 6 ! Jeder feiert etwas anderes, bis auf Fetzen bei der Wandlung ist das hl Messopfer weltweit bis zur Unkenntlichkeit veraendert worden. Jede Bischofkonferenz duldet oder foerdert neue Messakrilegien. Insofern ist Bergoglio, nur konsequent wenn er die Kirche in Synoden zerteilt. Sein Amt ist dann auch nicht mehr noetig, warum auch, er ist ja in Wahrheit auch gar kein Papst. Ich denke, je schneller die Kirche sich jetzt in Richtung Marx, Kasper und Bergoglio entwickelt, desto zuegiger… weiter lesen »
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