Das Ergebnis der Familiensynode I – Die Abstimmung

Synode 10
Synode 10

(Rom) Die Bischofssynode über die Familie endete am Sonntag nach zwei Jahren der Arbeiten und Vorarbeiten mit einer feierlichen Papstmesse im Petersdom. Am Tag zuvor hatten 265 Synodenväter, die an den Schlußabstimmungen teilnahmen, über die Relatio finalis abgestimmt, das Schlußdokument, das dem Papst zu dessen Beratung übergeben wurde. 94 Paragraphen wurden einzeln abgestimmt. Der Text wurde erstaunlicherweise, wie bereits andere wichtige Dokumente der Synode, nur in italienischer Sprache den Synodalen vorgelegt und so auch vom Heiligen Stuhl veröffentlicht.

Die Synode ist zu Ende und es stellt sich die nicht leichte Frage, eine genaue Bewertung eines lange, aber undeutlich formulierten Dokuments vorzunehmen. Eine Bewertung, die damit von vorneherein Möglichkeit zu unterschiedlichen Interpretationen bietet.

Die umstrittensten Paragraphen

Die Abstimmungsergebnisse zeigen ein differenziertes Bild. Jedenfalls wußten die Synodalen, worüber sie abstimmen. Besonders umstritten waren die Paragraphen 69, 70, 71, 75, 84, 85 und 86 und damit ein beachtlicher Teil des dritten und letzten Teils. Dieser Bereich war bereits im Zusammenhang mit dem Instrumentum laboris umstritten, das als Arbeitspapier für die Synode 2015 diente.

Die Paragraphen 69-71 lassen eine Position erkennen, wie sie im Vorfeld besonders auch von Wiens Erzbischof Kardinal Schönborn vertreten wurde. Die Betonung liegt auf einer positiven Sichtweise, während jede negative Sprache vermieden werden soll. In jeder Verbindung seien daher die „positiven Elemente“ zu erkennen, die zwar noch nicht die „Fülle“ seien, aber auf dem Weg dorthin gesehen und geführt werden sollen.

Paragraph 69 betont einerseits den treuen und unauflöslichen Bund der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, gilt aber in erster Linie „komplexen Situationen“ irregulärer Verbindungen, denen „in besonderer Weise die pastorale Aufmerksamkeit“ gelten müsse.

Paragraph 70 betont in Fortsetzung, daß einerseits diesen irregulären Situationen „mit Klarheit die evangelische Botschaft“ nahegebracht werden soll „und die positiven Elemente in diesen Situationen aufgegriffen“ werden sollen. „Alle diese [irregulären] Situationen sind auf konstruktive Weise anzugehen“, im Versuch, sie in einen geeigneten „Weg der Umkehr zur Fülle der Ehe und der Familie im Licht des Evangeliums zu führen“.

Paragraph 71 erklärt die irregulären Situationen nicht aus „Vorurteilen oder Widerständen“ gegen den sakramentalen Bund, sondern aufgrund von kulturellen und damit zusammenhängenden Situationen. „In vielen Umständen“ bestehe die Absicht zu einer „Perspektive der Stabilität“. Wo diese Beständigkeit gegeben sei, gelte es einen Weg in Richtung sakramentaler Ehe zu fördern.

Paragraph 75 bezieht sich auf den „Zugang zur Taufe von Personen“, die sich in „komplexen ehelichen Verhältnissen“ befinden. Personen, die eine stabile Beziehung eingegangen sind zu einem Zeitpunkt, als ein Partner den christlichen Glauben noch nicht kannte. Die Bischöfe werden angehalten, eine pastorale Unterscheidung zu treffen, die auf das geistliche Wohl der Betroffenen abzielt.

Paragraph 76 befaßt sich mit dem Thema Homosexualität, das unter dem Blickwinkel der Familie behandelt wird, in der ein Familienmitglied eine homosexuelle Neigung oder einen solchen Lebenswandel haben könnte. Diesen Familien solle besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Zum Thema Homosexualität sagt die Synode nichts. Auch zu diesem Punkt fehlt jedes Wort der Kritik oder der Verurteilung, wie Papst Franziskus es wollte.

Die Paragraphen 84 bis 86 beziehen sich auf das Unterkapitel „Unterscheidung und Integration“.

Paragraph 84 verlangt, daß „die Getauften, die geschieden und standesamtlich wiederverheiratet sind, mehr in die christlichen Gemeinschaften in den verschiedenen möglichen Formen zu integrieren“ sind, wobei „jede Gelegenheit des Skandals“ vermieden werden solle. „Sie sind getauft, sie sind Brüder und Schwestern, der Heilige Geist gießt ihnen Gnaden und Charismen ein für das Wohl aller“. Ihre Teilhabe könne sich in „verschiedenen kirchlichen Diensten“ ausdrücken. Wo sie derzeit liturgisch, pastoral, erzieherisch und institutionell ausgeschlossen sind, gelte es ihre Eingliederung zu prüfen. „Sie dürfen sich nicht nur nicht exkommuniziert fühlen, sondern können als lebendige Glieder der Kirche leben und reifen“. Sich dieser Personen anzunehmen „ist keine Schwächung des eigenen Glaubens und der Zeugenschaft für die Unauflöslichkeit der Ehe“.

Paragraph 85 beruft sich auf den „heiligen Johannes Paul II.“, der das Kriterium zur Unterscheidung geliefert habe, um „diese Situationen zu bewerten“. Aus Familiaris Consortio wird der zweite Absatz der Nr. 84 zitiert: „Die Hirten mögen beherzigen, daß sie um der Liebe willen zur Wahrheit verpflichtet sind, die verschiedenen Situationen gut zu unterscheiden. Es ist ein Unterschied, ob jemand trotz aufrichtigen Bemühens, die frühere Ehe zu retten, völlig zu Unrecht verlassen wurde oder ob jemand eine kirchlich gültige Ehe durch eigene schwere Schuld zerstört hat. Wieder andere sind eine neue Verbindung eingegangen im Hinblick auf die Erziehung der Kinder und haben manchmal die subjektive Gewissensüberzeugung, daß die frühere, unheilbar zerstörte Ehe niemals gültig war.“
Den einzelnen Priestern wird die „Aufgabe“ zugesprochen, die „betroffenen Personen“ auf dem Weg der Unterscheidung nach der Lehre der Kirche und den Richtlinien der Bischöfe zu begleiten. „In diesem Prozeß wird es nützlich sein, eine Gewissensprüfung durchzuführen durch Momente des Nachdenkens und der Reue. Die wiederverheirateten Geschiedenen sollten sich fragen, wie sie sich gegenüber ihren Kindern verhalten haben, als ihr ehelicher Bund in Krise geraten ist; ob es Versuche der Versöhnung gab; wie die Situation mit dem verlassenen Partner ist; welche Konsequenzen die neue Beziehung auf die übrige Familie und die Gemeinschaft der Gläubigen hat; welches Beispiel sie den Jugendlichen bieten, die sich auf die Ehe vorbereiten sollen. Ein ehrliches Nachdenken kann das Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes stärken, die niemandem verweigert wird.“

Zudem beruft sich der Paragraph auf den Katechismus KKK 1735, daß es Handlungen geben kann, in denen Anrechenbarkeit und Verantwortung „vermindert, ja sogar aufgehoben sein“ können.

Paragraph 86 verweist auf das „Forum internum“, das Gespräch mit dem Priester, der Bewußtseinsbildung und Unterscheidung. Der Priester solle die Betroffenen erkennen lassen, warum es Hürden für ihre volle Teilhabe am kirchlichen Leben geben kann. An dieser Stelle wird die Gradualitätsthese von Kardinal Schönborn verworfen und darauf verwiesen, daß es im selben Gesetz keine Gradualität gibt. Jene Gradualität, die in der Annahmen „positiver Elemente“ in irregulären Situationen jedoch von Paragraph 70 anerkannt wird. Deshalb könne die Unterscheidung nie von Wahrheit und Nächstenliebe des Evangeliums abweichen. Es gehe um eine ehrliche Suche nach dem Willen Gottes und dem Wunsch zu einer Antwort zu gelangen, die diesem am besten entspricht.

Die Abstimmungen

Bei der Schlußabstimmung waren 265 Synodenväter anwesend.
Für die Beschlußfassung bedurfte es einer Zustimmung von mindestens zwei Dritteln der Synodalen. Das notwendige Quorum wurde vom Synoden-Generalsekretariat mit 177 Stimmen angegeben.

Das zehnköpfige Redaktionskomitee hatte zuvor bereits alle 94 Paragraphen einstimmig gutgeheißen.

Die Enthaltungen sind nicht eigens ausgewiesen. Ihre Zahl ergibt sich aus der Gesamtzahl von 265 Synodalen abzüglich der Ja- und Nein-Stimmen.

Der umstrittenste Paragraph war laut Abstimmungsergebnis Paragraph 85, der mit 178 Ja-Stimmen nur wegen einer einzigen Stimme die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit erreichte. 80 Synodalen lehnten den Paragraphen ab, sieben Synodalen enthielten sich der Stimme.

Im Gegensatz zum ersten Teil der Familiensynode, der vor einem Jahr stattfand, wurde kein Paragraph des Schlußdokuments abgelehnt. Im Oktober 2014 fanden drei Paragraphen nicht die nötige Mehrheit. Da Papst Franziskus sie dennoch zum integralen Bestandteil ernannte, hatte die Ablehnung durch die Synode keine direkte Auswirkung, außer jener, daß die Formulierungen der Relatio finalis 2015 zurückhaltender gehalten wurden – und damit ausnahmslos angenommen wurden.

Die umstrittensten Paragraphen sind fett gekennzeichnet. Sie zeigen, daß sich eine Minderheit der Synodenväter im gefundenen Kompromiß der jeweiligen Formulierung nicht wiedergefunden haben.

Paragraph Ja Nein
1 260 0
2 257 0
3 255 1
4 256 2
5 256 3
6 249 9
7 248 9
8 245 9
9 254 4
10 253 7
11 256 1
12 253 5
13 255 5
14 256 5
15 255 5
16 254 8
17 259 1
18 258 1
19 255 5
20 257 3
21 256 4
22 252 4
23 253 4
24 255 5
25 242 15
26 256 2
27 251 9
28 257 4
29 249 8
30 250 7
31 253 7
32 249 6
33 246 12
34 245 11
35 259 2
36 256 3
37 252 6
38 251 5
39 255 3
40 255 6
41 253 7
42 257 2
43 254 6
44 247 11
45 249 6
46 254 5
47 246 11
48 253 6
49 253 5
50 252 6
51 250 11
52 252 5
53 244 15
54 236 21
55 243 14
56 248 10
57 257 2
58 247 14
59 258 3
60 259 1
61 254 7
62 259 0
63 237 21
64 247 11
65 252 7
66 258 0
67 259 0
68 253 3
69 236 21
70 213 47
71 218 42
72 229 29
73 236 24
74 223 36
75 205 52
76 221 37
77 247 11
78 250 8
79 246 14
80 253 6
81 253 7
82 244 16
83 248 12
84 187 72
85 178 80
86 190 64
87 255 3
88 252 4
89 257 2
90 255 5
91 248 12
92 256 4
93 255 2
94 253 5

 

 

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Una Fides

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5 Comments

  1. Die Sache ist so kompliziert und da kann sich jeder heraussuchen, was zu ihm paßt. In München werden die Dinge anders gehandhabt als vermutlich in Regensburg. Es ist alles möglich und von Land zu Land wie auch innerhalb wirds Unterschiede gegen. Die Einheit des Glaubens und der Lehre in der Wahrheit ist nicht vorhanden und das sozusagen amtlich.
    Nichts ist wirklich geregelt. Es wird von den Kasperianern und „Marxisten“ weitergemacht wie bisher auch und nur zu diesem Zweck wurde diese Synode einberufen.

  2. Hat der HEILIGE REST, die KLEINE HERDE der 80 den MUT, die HURE BABYLON zu verlassen (Offb 17f)?

    • Es wäre zu wünschen, zumal den 80 doch noch einige folgen würden. Wer aber Gemeinschaft im faulen Kompromiss sucht, der ist nicht eins mit der Wahrheit und wird in der Lüge zugrunde gehen.

    • @Koppe: sind Sie der protestantischen Irrlehre anheim gefallen?
      Es war bekanntlich Martin Luther, welcher die römische Kirche als „Hure Babylon“ geschmäht hat.

      • …“Hure Babylon“ ist keine Erfindung Luthers, sondern des Apostels Johannes ind er Apokalypse… das ist schon merkwürdig, dass manche Katholiken DIE zentrale und absolute Offenbarungsquelle mit dem Protestantismus verwechseln… da werden sich die Lutheraner aber bestätigt sehen…

        Ich habe Michael Koppe so verstanden, dass er nur den „heiligen rest“ als die wahre römische Kirche ansieht, die vom Glauben abgefallene Mehrheit, die die Ämter besetzt hält, dagegen nicht.

        Immerhin muss man sich ja überlegen, was der hl. Johannes wohl mit diesem Bild geschaut hat. Und es ist an sich sehr naheliegend – bildimmanent – dass damit die Kirche bzw. ihre Perversion gemeint ist.

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