Deutsche Distanzierung und die „dezentrale“ Suche nach Plan B

Synoden-Anmerkungen von Giuseppe Nardi (3)

(Rom) Am Mittwoch veröffentlichte das Presseamt des Vatikans auch den dritten Bericht des Circulus Germanicus der Bischofssynode. Die offiziellen kirchlichen Medien titelten: „Schönborn-Gruppe: Papst soll katholische Ehe-Lehre reformieren“ (Kathpress, Nachrichtenagentur der Österreichischen Bischofskonferenz); „Eintracht in kontroversen Fragen – Der deutsche Synoden-Sprachzirkel will Reform der Ehe-Lehre“ (cathkathcatt.ch, die Nachrichtenplattform der Schweizerischen Bischofskonferenz) und – besonders hochtrabend – „Sakrament für die neue Welt. Der dritte Zwischenbericht der deutschen Sprachgruppe“ (katholisch.de die Nachrichtenplattform der Deutschen Bischofskonferenz). Alles gewohnheitsgemäß sekundiert von der Deutschen Sektion von Radio Vatikan: „Kardinal Marx: Synode soll dem Papst nicht in den Arm fallen“; „Bericht aus den Arbeitsgruppen: Pastorale Kreativität“; „Interview mit Erzbischof Koch“ und „Deutsche Gruppe auf Synode: „Wir distanzieren uns entschieden“.

„Wir distanzieren uns entschieden“? In der Tat beginnt der Bericht des deutschen Synodenkreises mit für vatikanische Verhältnisse ungewöhnlichen, für deutsche Verhältnisse weniger ungewöhnlichen Worten:  nämlich mit einer Betroffenheitsbekundung und einer Distanzierung. Beides also typisch deutsch.

Deutscher Synodenkreis: „Mit großer Betroffenheit und Trauer“

Wie wird die Bischofssynode zu Ende gehen?
Wie wird die Bischofssynode zu Ende gehen?

„Mit großer Betroffenheit und Trauer haben wir die öffentlichen Äußerungen einzelner Synodenväter zu Personen, Inhalt und Verlauf der Synode wahrgenommen. Dies widerspricht dem Geist des Zusammengehens, dem Geist der Synode und ihren elementaren Regeln. Die gebrauchten Bilder und Vergleiche sind nicht nur undifferenziert und falsch, sondern verletzend. Wir distanzieren uns entschieden.“ Mit diesen Worten beginnt der heute vorgelegte Bericht der „Schönborn-Gruppe“ (Kathpress).

Die Bezeichnung „Schönborn-Gruppe“ bezieht sich dabei nicht nur auf die Funktion des Wiener Erzbischofs als Moderator des Circulus. Kardinal Marx würdigte ausdrücklich die „Vermittlerrolle“ Schönborns, die auch bei der Forderung nach Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion ein einstimmiges Ergebnis „ohne Gegenstimmen“ möglich machte. Wörtlich sagte Marx: „Wir haben in unserer Gruppe alle Entscheidungen einstimmig gefällt. Es gab keine Gegenstimmen.“

Der deutsche Synoden-Sprachzirkel nützte mit dem ersten Absatz den Zwischenbericht zu einer innerkirchlichen Abrechnung und attackierte die dreizehn Kardinäle-Synodalen, die sich auf Initiative von Kardinal George Pell am 5. Oktober mit einem Beschwerdebrief an Papst Franziskus wandten. Natürlich ohne sie namentlich zu nennen. Warum aber erst jetzt? Hätte die Abrechnung nicht bereits vergangene Woche stattfinden können, nachdem der Brief öffentlich bekannt geworden war?

„Störmanöver“ der 13 Kardinäle und das Pell-Interview

Kardinal Marx: "Deutsche Arbeitsgruppe einstimmig für Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene
Kardinal Marx: deutscher Circulus „einstimmig“ für Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene

Die wegen des „Störmanövers“ erhitzten deutschen Gemüter (Bundesdeutsche, Österreicher und Deutschschweizer) scheint endgültig ein Interview von Kardinal Pell zum Kochen gebracht zu haben, das am Montag, den 19. Oktober von Le Figaro veröffentlicht wurde.

Zufällig am Mittwoch, parallel zur Veröffentlichung des Circulus-Berichtes, war Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, um 13 Uhr Gast von Vatikansprecher Lombardi bei der täglichen Synoden-Pressekonferenz. Die amerikanische Journalistin Ines San Martin von Crux und Boston Globe fragte den Erzbischof von München-Freising, was es mit dem kryptischen ersten Absatz des deutschen Berichts auf sich habe (siehe Video unten, das mit der Frage der Journalistin bei Minute 39:20 beginnt). Und vor allem: Wer ist damit gemeint?

Kardinal Marx bestätigte, daß sich die Distanzierung gegen Kardinal Pell (und damit letztlich gegen die 13 Beschwerdeführer) richtet, der im Le Figaro-Interview einige Dinge beim Namen nannte und zur Verdeutlichung von einem Kampf zwischen Kasperianern und Ratzingerianern sprach.

„In der Synode sind wir nicht im Krieg. Ratzinger ist nicht gegen Kasper“, gab sich Marx vor der im Vatikan versammelten Presse empört. Ein Forum, das Kardinal Pell noch nicht zuteil wurde. Genausowenig wie im vergangenen Jahr Kardinal Raymond Burke, dem Papst Franziskus durch seine Entfernung aus der Römischen Kurie auch die Teilnahme an der Synode 2015 verwehrte. Pell fiel es zu, Burkes Platz als äußerer Wortführer der Verteidiger des Ehesakraments einzunehmen.

Deutscher Unmut und die Suche nach Plan B

Die deutschen „Kasperianer“ mußten offenbar ihrem Unmut Luft verschaffen, daß der synodale Durchmarsch nicht so gelingen will, wie man es sich erhofft hatte. Die Widerstände jener Synodenväter, die am Auftrag Christi, der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe, festhalten wollen, sind stärker als in München, Wien und Berlin angenommen. Offenbar hatte man zu sehr vom Eigenen auf andere geschlossen und den synodalen Weg für bahnbrechend gehalten. In der Tat könnte bei „Synoden“ im deutschen Sprachraum mit satten Mehrheiten zugunsten von Kaspers „neuer Barmherzigkeit“ gerechnet werden.

Unterdessen scheint die Synodenregie nach einem Plan B zu suchen. Diesen hatte Kardinal Luis Tagle bereits am 9. Oktober angedeutet und Vatikansprecher Lombardi am 10. Oktober wortgetreu wiederholt. Die Synode könnte ohne Schlußdokument enden, weil es „mehr Zeit“ brauche, ließ der philippinische Kardinal die Presse wissen. Die offenen Fragen würden damit weiter offenbleiben. Die Hoffnung der „Kasperianer“ bliebe ungeschmälert, zu einem anderen Zeitpunkt, mit einem neuen Anlauf und über einen anderen Weg doch noch zu erreichen, wozu die Kirche noch immer „nicht reif“ scheint.

Kardinal Kasper deutete am 19. Oktober in seinem Interview mit SIR, dem Nachrichtendienst der Italienischen Bischofskonferenz, in dieselbe Richtung. Er forderte die Synodenväter wohl eindringlich auf, für die Kommunionzulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zu stimmen. Dabei ließ er ziemlich ungeniert erkennen, daß er Papst Franziskus zu den „Kasperianern“ zählt, um es etwas unzutreffend zu formulieren. Gleichzeitig ließ Kasper jedoch durchblicken, daß er gar nicht so sicher mit einer Mehrheit für die „Barmherzigkeitsagenda“ rechne, weshalb er davon sprach, daß es „mehr Zeit“ brauche für ein Schlußdokument, womit wir wieder bei Plan B wären.

Frage „offen(-halten)“

Kasperianer gegen Ratzingerianer
Kasperianer gegen Ratzingerianer?

Was empfehlen die Circuli Minores? Von den dreizehn Arbeitsgruppen hat sich keine direkt für die Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion ausgesprochen. Bei näherer Betrachtung läßt sich anhand der Tendenz aber erkennen, wie die Mehrheitsverhältnisse in der jeweiligen Arbeitsgruppe waren.

Nur ein stichwortartiger Überblick:

Erstaunlich zurückhaltend gibt sich der Circulus Germanicus unter der Moderation von Kardinal Schönborn. Der Schwerpunkt liegt auf dem „Forum internum“ und dazu wird Familiaris Consortio Nr. 84 von Johannes Paul II. zitiert. Daß der zweite Teil von Nr. 84 unerwähnt bleibt, läßt erkennen, in welche Richtung die Mehrheit der deutschen Gruppe tendiert. In diesem zweiten Teil von Nr. 84 heißt es, daß wiederverheiratete Geschiedene, die sich „aus schwerwiegenden Gründen“ nicht trennen können, „wie Bruder und Schwester“ leben sollen. Die Berufung auf Nr. 84 ist im Vergleich zum Ausgangspunkt, der Rede Kaspers im Februar 2014 vor dem Kardinalskonsistorium und die von ihm dargelegte Kasustik ziemlich bescheiden. Unschwer läßt sich erkennen, daß der Text ein Kompromiß ist, um ein einstimmiges Votum zu ermöglichen. Die Frage ist was wird gesagt und vor allem was nicht, bleibt also Auslegungssache.

Deutlich in Richtung „via caritatis“ geht auch der von Kardinal Maradiaga (Honduras) moderierte Circulus Hispanicus A und empfiehlt dafür den Weg der „Dezentralisierung“, der dabei helfen könnte, „die Lösung handlicher und sicherer zu machen“.

Zwei Arbeitsgruppen legen eine weitere „Vertiefung“ der Frage durch eine einzusetzende Kommission nahe: direkter der Circulus Anglicus B (moderiert von Kardinal Nichols von Westminster) , zurückhaltender der Circulus Italicus B (moderiert von Kardinal Menichelli).

Auf der anderen Seite kommen die klarsten Worte zugunsten des Ehesakraments von englischsprachiger Seite vom Circulus Anglicus A (moderiert von Kardinal Pell), der jede Dezentralisierung als „Schaden“ für die Kirche zurückweist, und vom Circulus Anglicus D (moderiert von Kardinal Collins und dem Relator Erzbischof Chaput), der vorschlägt, die gesamte Nr. 84 aus Familiaris Consortio im Schlußdokument zu zitieren, um jeden Zweifel über die Reichweite des „internen Forums“ auszuräumen.

Seit der etwas verzögert erfolgten Veröffentlichung der Berichte aus den Sprachkreisen ist plötzlich zu hören, so auch auf der quasi offiziösen Papst-Seite Vatican Insider, die Positionen zu den umstrittenen Fragen seien „zu verschieden“, es gebe „viele unterschiedliche Lösungsvorschläge“, „keine einheitliche Meinung“. Tatsache ist vielmehr, daß es unter den Synodenvätern eine breite Ablehnung gegen Kaspers Vorschlag zur Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion gibt. Und da diese Mehrheit die überlieferte Lehre der katholischen Kirche bewahren will, umgekehrt Neuerungen – wenn schon – nur mit breitester Übereinstimmung der Bischöfe mit dem Papst, der Heiligen Schrift, dem Lehramt und der Tradition erfolgen können, werden die „Kasperianer“ in Wirklichkeit als das sichtbar, was sie sind, als Minderheit und mehr noch als Abweichler. Damit sollte an dieser Stelle, sprich mit dem Schlußvotum am kommenden Samstag, die Frage der direkten oder indirekten Anerkennung der Zweitehe eigentlich endgültig abgeschlossen und der Kasper Vorschlag vom Tisch sein.

Dagegen reden sich die deutschen Synodalen (Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel) gerade den Mund wund, indem sie wie mit einem Endlosband wiederholen, die Frage „ist weiter offen“ (siehe Erzbischof Heiner Koch oder Kardinal Schönborn). Die so betonte „Vielfalt“ der Positionen trotz klarer Mehrheitsverhältnisse, kann demnach nur den einen Zweck haben, möglichst ein Schlußdokument zu verhindern, mit dem eine lehramtstreue Mehrheit die katholische Ehelehre bekräftigen und damit die Frage vor aller Öffentlichkeit für beendet erklären könnte.

Tatsächlich haben mehrere erklärte Verteidiger der katholischen Ehe- und Morallehre auf die Notwendigkeit eines eindeutigen Schlußdokuments hingewiesen, um progressiven Vorstößen einen möglichst definitiven Riegel vorzuschieben.

Tagles Versuchsballon 1 – Kaspers Versuchsballon 2

Das Schlußdokument bildet den entscheidenden Zankapfel. Darauf konzentrieren sich die Blicke der „Kasperianer“. Berlins Erzbischof Heiner Koch meinte am Dienstag sogar, der „Synoden-Schlußtext sollte vom Papst kommen“. Die Synode, die der Papst einberuft, damit sie ihn berät, sollte einen Text verabschieden, den der Papst selber verfaßt? Absurdere Papolatrie läßt sich kaum vorstellen. Kochs Vorschlag gilt allerdings weniger dem Petrusamt, sondern der Erreichung eines gesteckten Ziels. Aus ihm spricht die Sorge, daß bei der Schlußabstimmung nicht die gewünschten Mehrheiten zustandekommen. Mit der Vorahnung „heißer Diskussionen“ am kommenden Samstag wird Koch von der Tagespost zitiert. „Dabei dämpfte der Berliner Erzbischof Heiner Koch in einem Interview die Erwartungen und drückte die Hoffnung aus, dass der Papst einen eigenen Text verfassen werde“, schrieb Kathpress. Und da ist er wieder, der Papst, als letzter Trumpf der Kasperianer.

Papst Franziskus, der tatsächlich das Ruder letztlich in der Hand hält, schob die Frage nach der Prozedur des Synodenabschlusses in den vergangenen Wochen vor sich her (Wie wird abgestimmt? Gibt es überhaupt ein Schlußdokument?). So konnte er sehen, wie sich die Dinge entwickeln. In zwei Tagen geht die Synode aber zu Ende. Eine Entscheidung wird fällig.

Tagles Vorstoß zum Schlußdokument und das darauf folgende, mutwillig inszeniert wirkende Verwirrspiel von Erklärungen, Gegenerklärungen und Dementi zwischen papstnahen Synodalen, dem Synoden-Generalsekretariat und dem Presseamt, also Angehörigen desselben Kreises, verschaffte Papst Franziskus jedenfalls die Option eines offenen Synodenendes. Kasper erklärte bereits, der Papst solle (falls die Mehrheiten nicht passen) das Schlußdokument auf irgendwann verschieben und statt dessen, in seiner Schlußrede die „Öffnungen“ für die wiederverheirateten Geschiedenen (und auch die Homosexuellen?) im Alleingang verkünden.

Daß Kasper dem Papst seine Empfehlung über die Medien ausrichten muß, ist ziemlich unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, daß Kasper, wie bereits Tagle, für den Papst einen Versuchsballon steigen ließ, um die Reaktionen zu testen.

„Dezentralisierung“ und das Heinrich VIII.-Syndrom

Papst Franziskus
Was wird Papst Franziskus entscheiden?

Auch Papst Franziskus, immer noch sich selbst sein bester Stratege, machte am 17. Oktober eine Ankündigung. Ob wir diese nun Plan C nennen wollen oder ob es sich nur um eine Variante von Plan B handelt, sei dahingestellt und ist letztlich nicht von Bedeutung.

Papst Franziskus bekräftigte beim Festakt zum 50. Jahrestag der Errichtung der Bischofssynode, daß er die Dezentralisierung der Kirche voranzutreiben gedenke. Es genügt darauf zu achten, wer begeistert vom Sessel aufsprang – oder wer dem Papst ständig Rosen streut. Kardinal Marx, etwa, sprach von einer „historischen Rede“, Kardinal Schönborn lobte Franziskus für die „offenste Synode“, die er je erlebt habe. Eine jener vielen kleinen und großen Seitenhiebe, mit denen der Wiener Erzbischof seit dem März 2013 Benedikt XVI. und Johannes Paul II. bedenkt, nach dem Motto: Heute ist heute, was kümmert’s mich, was ich gestern gesagt habe.

Die „Dezentralisierung“, sprich die Erzeugung von Nationalkirchen und deren Auslieferung an die Mehrheit der jeweiligen Bischofskonferenz, ist eine weitere neue alte Forderung der progressiven Agenda, die bereits auf die 1960er Jahre zurückgeht. Die 68er-Erklärungen von Königstein, Maria Trost und Solothurn lassen grüßen. Nur nebenbei sei erwähnt, daß der Papst für seine Ankündigung, wie inzwischen gewohnt, wenn es um ein progressives Thema geht, den Heiligen Geist für sich in Anspruch nahm. „Genau der Weg der Synodalität ist der Weg, den Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet“, so der Papst wörtlich. Eine gewagte Aussage für eine nicht näher definierte Neuerung, die zudem gleich für ein ganzes Jahrtausend proklamiert wird. Erst recht, wenn man weiß, daß diese Neuerung so ganz neu gar nicht ist, sondern unter verschiedenen Namen und Vorzeichen in der Kirchengeschichte bereits mehrfach mit negativen Konsequenzen präsent war und bekämpft wurde.

Aus heutiger Sicht mag sich noch heute mancher deutscher Kirchenvertreter die Haare raufen wegen der römischen Sturheit in Sachen Ehescheidung König Heinrichs VIII. von England. Dabei hätte man der Kirche von England doch nur ein klein wenig „Dezentralisierung“ zugestehen brauchen. England wäre noch heute katholisch, mit ihm der Commonwealth, und die noch stureren Märtyrer der Treue gegenüber der heiligen Kirche und dem Ehesakrament, Kardinal John Fisher und Lordkanzler Thomas Morus, hätten in Amt und Würden eines natürlichen Todes sterben können. Lauter Vorteile! Allerdings, diesen „engstirnigen“, fast schon ein bißchen „fanatischen“ Katholiken könnte man ohnehin nicht helfen, die sind letztlich an ihrem Schicksal selber schuld. So oder ähnlich könnten die Gedanken eines an den „Lebenswirklichkeiten“ orientierten, praxisorientierten („pastoral“ denkenden) deutschen Prälaten sein.

Botschaft an wen? – Und nochmals Heinrich VIII.

Die Dezentralisierungs-Ankündigung von Papst Franziskus wirkt im Kontext jedenfalls wie eine Botschaft an progressive Kirchenkreise des Westens, die vielleicht folgendermaßen übersetzt werden könnte: Habt Geduld, auch wenn es bei der Synode keine neuen Mehrheiten geben sollte; denn wenn sich die Kirche auf Weltebene nicht ändern läßt, läßt sich das vielleicht auf Länderebene machen.

Bleiben wir daher bei Heinrich VIII. und der von ihm ausgerufenen Nationalkirche von England. Die Anglikaner machen es auch heute vor mit der Zulassung von Frauen und Homosexuellen zum Pastoren- und Bischofsamt. Die „liberalen“ Briten und Amerikaner erlauben alles, ganz „synodal“, während die „konservativen“ Afrikaner ganz „dezentral“ eben beibehalten sollen, wovon sie sich nicht trennen können. Damit bewegt sich die anglikanische Weltgemeinschaft ständig am Abgrund und droht zu explodieren. Zur Explosion ist es zwar noch nicht gekommen, dafür aber naht die Implosion durch einem zweifachen Auflösungsprozeß: einem zentrifugalen Erosionsprozeß an den Rändern in Richtung katholische Kirche und strenge anglikanische Ableger und einem Verdunstungsprozeß des saturierten liberalen Kerns.

Päpstliche Gunsterweise

Päpstliche Gunsterweise: Vorwort für Kardinal Martinis "Gesammelte Werke", Ernennung zum Consultor für Enzo Bianchi
Päpstliche Gunsterweise für Kardinal Martini und Enzo Bianchi

Papst Franziskus ließ auch rund um die Synode kaum eine Gelegenheit aus, dem progressiven Kirchenrand Gunsterweise zukommen zu lassen. Über der Synode bleibt die Last der erneuten Ernennung zum Synodalen von Kardinal Godfried Danneels. Eine ganz persönliche, fast demonstrative Entscheidung des Papstes. Die Enthüllung der Existenz eines progressiven Geheimzirkels in der katholischen Kirche, die mit Danneels Zustimmung erfolgte, kann dem Papst nicht unbekannt geblieben sein. Schon gar nicht die geradezu spitzbübische Ergänzung Danneels‘, die Gruppe Sankt Gallen sei von ihren Mitglieder „die Mafia“ genannt worden. Immerhin war es erklärtes Ziel dieser kirchlichen „Mafia“, Einfluß auf die Kirchenleitung und auf die Papst-Wahl zu nehmen. Dan Brown hätte diesen Zirkel nicht besser erfinden können.

Das alles hinderte Papst Franziskus nicht, wie von allem unberührt, das Vorwort zur Edition der Gesammelten Werke von Kardinal Carlo Maria Martini zu schreiben, deren erster Band seit Mittwoch im Buchhandel erhältlich ist. Kardinal Martini war der Gründer der „Mafia“, die sich nach ihrem Schweizer Versammlungsort Sankt Gallen nannte. Martini und Bergoglio gehören dem Jesuitenorden an, der eine strebte nach dem Papstamt, der andere erlangte es.

Zwei Tage vor dem Ende der Synodenarbeiten, die am Samstag Nachmittag mit dem Votum über die Relatio finalis enden sollte, steht nur fest, daß nichts fest steht, jedenfalls nichts davon, wie die Synode enden wird. Es könnte durchaus sein, daß die zweijährige Familiensynode mit einem Sieg der Verteidiger der katholischen Ehe- und Morallehre endet und sie dennoch möglicherweise die eigentlichen Verlierer sein könnten, weil Papst Franziskus die Synode offen ad acta legt und in die Schublade greift nach Plan B oder C oder … Wie sagte Kardinal Marx am Mittwoch? „Die Synode geht ihrem Ende zu, aber sie endet nicht hier.“ Welche Kompromisse werden eingegangen? Was bleibt Interpretationssache?

Die offenen Fragen, zu den umstrittenen Synoden-Themen, aber mehr noch zur Gesamtausrichtung der Kirche, den Absichten von Papst Franziskus und seinem Kirchenverständnis, werden sich möglicherweise nach dem kommenden Sonntag brennender anfühlen als je zuvor.

Das wirklich Zuversichtliche an der Sache ist die Gewißheit, daß der Heilige Geist immer Sieger bleibt und letztlich die Kirche lenkt, auch gegen alle und trotz aller eventuellen Fehlleistungen der Menschen. Allerdings fordert jede Fehlleistung ihren Tribut.

Bisher erschienen:
Synoden-Anmerkungen (1) – Papst Franziskus warnt vor „konspirativer Hermeneutik“
Synoden-Anmerkungen (2) – Beschwerdebrief von Kardinälen schreckt Kirche auf

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana

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4 Comments

  1. Das sind wiederum beste Informationen und Einschätzungen.
    Das schlechte Spiel von den „Deutschen“ inklusive des „Papstes Bergoglio“ ist am Samstag noch nicht zuende. Es reicht aber nun und um weitere Verwirrung und unnötige Kämpfe zu vermeiden, sollten die treuen Kardinäle tabula rasa machen- und einen Papst wählen.

    Es wäre wünschenswert, wenn sich Rom danach von den Bischöfen der deutschsprachigen Länder distanzieren würde und sie in die von ihnen selber gewünschte Trennung entlassen würde. Ansonsten breitet sich die Krankheit in diesen Ländern noch mehr aus, und das Nachsehen haben alle gutwilligen Katholiken, die seit Jahrzehnten ein ums andere Mal mitansehen müssen wie alles bewußt zum Schlechten verändert wird. Man hat als kleiner Katholik wirklich keine Kraft mehr, von dieser Bande, ja Verbrecherbande, weiterhin betrogen zu werden und seine ganze Energie gegen die Irrlehren und alles Unmögliche in den Ortsgemeinden aufzuwenden.
    Das Ergebnis des seit Jahrzehnten geführten Kampfes gegen den Glauben sind desorientierte Menschen, ein desorientiertes Volk im Verfall. Es muß daher Schluß sein mit diesen falschen Theologen/ Wölfen, Bestien.

  2. Das ist der falsche Schritt und falsche Weg. Eine Dezentralisierung würde der Weltkirche einen
    Schaden zufügen, wie damals die Reformation durch Luther. Der Einbruch durch die Zulassung
    der Kommunion für Wiederverheiratete, wäre die Öffnung für weitere Tendenzen in Richtung Pro-
    testanzismus. Das Rütteln an Dogmen und Sakramenten würde als zeitgemäß und Barmherzig-
    keit erklärt. Es ist ja bekannt, dass die deutschsprachigen Bischofkonferenzen, besonders die
    deutsche Bischofskonferenz unter Kardinal Marx, protestantisch angehaucht sind. Das Land der
    Reformation und die vielen ökumenischen Begegnungen haben bei vielen Bischöfen, aber auch
    bei vielen Priestern Spuren hinterlassen, die oft einem Freigeist entsprechen. Die Stärkung im
    Glauben und Rettung der Seelen, ist aus dieser Richtung nicht zu erwarten. Das ist auch eine
    Folge der Allerlösungs-Theologie die nach dem Konzil Fuß fasste. Gott sei Dank scheint die
    Mehrheit der Synodalen diesen angeblich neuen Weg abzulehnen. Es kann sein, dass bei dem
    Abschluss-Dokument kein Ergebnis manifestiert wird und das wäre genau so schlecht wie ein
    negatives Ergebiss, denn die Bischofkonferenzen würden fortfahren ihre selbsternannten Son-
    derwege auszubauen.

  3. „Barmherzigkeit“ ist ein Wort, an dem ich mich schon laenger aufhalte.

    Ausser dem Herrgott kann doch niemand barmherzig sein, denn auch die Kirche kann die Suenden vergeben, aber auch nur in Christi Namen (durch sein Wirken) und auch nur dann, wenn echte Reue und Umkehr gelobt wird, ist die Suende auch vergeben.
    Das ist die Barmherzigkeit die Gott uebt, aber nicht die Kirche.

    Insofern liegt doch hier ein riesen Ettikettenschwindel vor, der auch durch immerwaehrendes Wiederholen, nicht richtiger und wahrer wird.
    Es spricht fuer die Perfidie des Teufels und seiner Handlanger (Kasper und Co.) ein Wort zu benutzen, um damit Suende fuer Gut zuerklaeren und die Praxis der Suende zu garantieren.
    Scheidung, offen praktizierte Sexualitaet zb. sind fuer den Herrn ein Greuel, also Suende.
    Insofern kann den „Fruechten“ dieser Praxis nicht auch noch der kirchliche Segen folgen, weil ja irgendwie etwas Gutes innewohnen koennte !
    Damit das Kirchenvolk aber nicht murrt, wird schnell das Ettikett „Barmherzigkeit“ darangeheftet, wer koennte schon dagegen sein wenn man so sein will.

    Wissen diese Mietlinge eigentlich was sie tun ?

    Ich glaube ja und damit sind sie unentschuldbar !

  4. Woher hat Katholisches dieses Foto von Kardinal Kasper? Mit blauem Auge und ohne Hände, das hat schon Seltenheitswert. 🙂

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