„Die im Namen einer Religion, einer Ideologie oder eines Wirtschaftssystems verübte Gewalt bekämpfen und Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und persönliche Freiheit schützen“

Papst Franziskus vor dem US-Kongreß
Papst Franziskus vor dem US-Kongreß

(Washington) Papst Franziskus besuchte im Rahmen seiner Pastoralreise in die USA auch das amerikanische Parlament. Vor den in gemeinsamer Sitzung versammelten beiden Häusern des US-Kongresses konnte das katholische Kirchenoberhaupt als erster Religionsführer in der Geschichte des Parlaments der Vereinigten Staaten von Amerika eine Rede halten.

Im Kapitol, dem Sitz des US-Parlaments besuchte der Papst auch die Statue des Franziskanermissionars Pater Juniperio Serra, eine der beiden Persönlichkeiten, die den Staat Kalifornien unter den 100 bedeutendsten Persönlichkeiten der USA vertreten. Eine Initiative kalifornischer Homo-Abgeordneter, die Statue von Pater Serra durch eine Statue für eine lesbische Astronautin zu ersetzen, hatte keinen Erfolg.

Pater Serra, der „Apostel Kaliforniens“ wurde von Papst Franziskus am 23. September in Washington heiliggesprochen.

Die offizielle Übersetzung der Papst-Rede durch den Vatikan liegt inzwischen auch in deutscher Sprache vor:

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BESUCH BEIM KONGRESS DER VEREINIGTEN STAATEN

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Washington D.C.
Donnerstag, 24. September 2015

 

Sehr geehrter Herr Vizepräsident,
sehr geehrter Herr Sprecher,
verehrte Mitglieder des Kongresses,
liebe Freunde,

ich bin sehr dankbar für Ihre Einladung, vor der gemeinsamen Sitzung des Kongresses in dem »Land der Freien und der Heimat der Tapferen« zu sprechen. Der Grund dafür liegt – so meine ich – darin, dass auch ich ein Sohn dieses großen Kontinentes bin, von dem wir alle so viel empfangen haben und dem gegenüber wir eine gemeinsame Verantwortung tragen.

Jeder Sohn oder jede Tochter eines Landes hat eine Aufgabe, eine persönliche und soziale Verantwortung. Ihre eigene Aufgabe als Mitglieder des Kongresses besteht darin, durch Ihre gesetzgebende Arbeit diesem Land zu ermöglichen, in seiner Eigenschaft als Nation zu wachsen. Sie sind das Gesicht Ihres Volkes, seine Repräsentanten. Sie sind dazu berufen, in unermüdlichem und eifrigem Streben nach dem Gemeinwohl die Würde Ihrer Mitbürger zu verteidigen und zu bewahren, denn das ist die Hauptsorge allen politischen Handelns. Eine politische Gesellschaft hat Bestand, wenn sie – als ihre Berufung – darum bemüht ist, die allgemeinen Bedürfnisse zu befriedigen, und dabei das Wachstum all ihrer Mitglieder anregt, besonders derer, die sich in Situationen größerer Verwundbarkeit oder Gefahr befinden. Gesetzgebende Arbeit basiert immer auf der Sorge für das Volk. Dazu sind Sie von Ihren Wählern aufgefordert, gerufen und versammelt.

Papst Franziskus vor dem US-Kongreß
Papst Franziskus vor der Statue des heiligen Juniperio Serra OFM im Kapitol

Ihre Arbeit lässt mich in zweifacher Weise an die Gestalt des Mose denken. Einerseits ist der Patriarch und Gesetzgeber des Volkes Israel ein Symbol für die Notwendigkeit der Völker, durch eine gerechte Gesetzgebung ihr Empfinden der Einheit wachzuhalten. Andererseits führt uns die Gestalt des Mose direkt zu Gott und damit zur transzendenten Würde des Menschen. Mose bietet uns eine gute Synthese Ihrer Arbeit: Sie sind aufgefordert, durch die Gesetzgebung das Gott ähnliche Abbild zu schützen, das dieser jedem menschlichen Gesicht eingeformt hat.

Ich möchte heute nicht nur zu Ihnen, sondern durch Sie zum gesamten Volk der Vereinigten Staaten sprechen. Hier mit ihren Vertretern vereint, möchte ich diese Gelegenheit wahrnehmen, mit den vielen Tausend Männern und Frauen ins Gespräch zu kommen, die täglich darum bemüht sind, eine ehrenwerte Arbeit zu verrichten, das tägliche Brot nach Hause zu bringen, etwas Geld zu sparen und Schritt für Schritt ein besseres Leben für ihre Familien aufzubauen. Es sind Männer und Frauen, die sich nicht einfach damit zufrieden geben, ihre Steuern zu zahlen, sondern die im Stillen das Leben der Gesellschaft unterstützen, indem sie durch ihr Handeln Solidarität schaffen, und Organisationen ins Leben rufen, die den besonders Bedürftigen Hilfe bieten.

Ich möchte auch mit den vielen alten Menschen ins Gespräch kommen, die im Laufe der Jahre einen reichen Schatz an Weisheit angesammelt haben und die auf vielerlei Weise – besonders durch die Arbeit als Freiwillige – versuchen, ihre Erfahrungen und Einsichten weiterzugeben. Ich weiß, dass viele von ihnen pensioniert, aber nicht untätig sind; sie bleiben aktiv, um dieses Land aufzubauen. Ich möchte auch mit all den jungen Menschen ins Gespräch kommen, die sich für die Verwirklichung ihrer großen und edlen Anliegen einsetzen, die sich nicht durch einfache Angebote irreführen lassen und die schwierigen Situationen zu begegnen wissen, die nicht selten das Ergebnis der Unreife vieler Erwachsener sind. Mit Ihnen allen möchte ich ins Gespräch kommen, und ich möchte das auf dem Weg über die Geschichte Ihres Volkes tun.

Mein Besuch findet zu einem Zeitpunkt statt, da viele Menschen guten Willens das Gedächtnis einiger berühmter Amerikaner begehen. Ungeachtet der Vielschichtigkeit der Geschichte und der Realität menschlicher Schwäche waren diese Männer und Frauen bei all ihren Unterschiedlichkeiten und ihren Grenzen durch harte Arbeit, Selbsthingabe – und manche sogar um den Preis ihres Lebens – imstande, eine bessere Zukunft aufzubauen. Sie haben grundlegende Werte geschaffen, die im Geist des amerikanischen Volkes für immer Bestand haben werden. Ein Volk mit dieser Geisteshaltung kann viele Krisen, Spannungen und Konflikte durchleben und dabei immer die Quellen finden, um voranzugehen und dies mit Würde zu tun. Diese Männer und Frauen bieten uns einen Weg, die Wirklichkeit zu sehen und zu interpretieren. Wenn wir ihr Gedächtnis ehren, werden wir angeregt, uns sogar mitten in Konflikten und im Hier und Jetzt des Alltags auf unsere innersten kulturellen Reserven zu stützen.

Vier dieser Amerikaner möchte ich erwähnen: Abraham Lincoln, Martin Luther King, Dorothy Day und Thomas Merton.

In dieses Jahr fällt der hundertfünfzigste Jahrestag der Ermordung von Präsident Abraham Lincoln, dem Hüter der Freiheit, der sich unermüdlich dafür einsetzte, dass »diese Nation unter Gott zu neuer Freiheit geboren werde«. Eine Zukunft der Freiheit aufzubauen verlangt eine Liebe zum Gemeinwohl und eine Zusammenarbeit im Geist der Subsidiarität und der Solidarität.

Wir alle sind uns der beunruhigenden sozialen und politischen Situation der Welt heute sehr bewusst und über sie besorgt. Unsere Welt ist in zunehmendem Maß ein Ort gewaltsamer Konflikte, von Hass und brutalen Grausamkeiten, die sogar im Namen Gottes und der Religion verübt werden. Wir wissen, dass keine Religionsgemeinschaft gegen Formen individueller Verblendung oder gegen ideologische Extremismen gefeit ist. Das bedeutet, dass wir gegenüber jeder Art von Fundamentalismus – sowohl auf religiösem als auch auf jedem anderen Gebiet – sehr aufmerksam sein müssen. Es bedarf einer feinen Ausgewogenheit, um die im Namen einer Religion, einer Ideologie oder eines Wirtschaftssystems verübte Gewalt zu bekämpfen und zugleich die Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit und die persönliche Freiheit zu schützen. Doch es gibt noch eine andere Versuchung, vor der wir uns besonders hüten müssen: Es ist der grob vereinfachende Reduktionismus, der die Wirklichkeit in Gute und Böse oder, wenn Sie wollen, in Gerechte und Sünder unterteilt. Die heutige Welt mit ihren offenen Wunden, unter denen so viele unserer Brüder und Schwestern leiden, verlangt, dass wir jeder Form von Polarisierung entgegentreten, die eine Aufteilung in diese beiden Kategorien versucht. Wir wissen, dass wir in dem Bestreben, uns von dem äußeren Feind zu befreien, in die Versuchung geraten können, den inneren Feind zu nähren. Den Hass von Tyrannen und Mördern nachzuahmen ist der beste Weg, um ihren Platz einzunehmen. Das ist etwas, das Sie als Volk zurückweisen.

Papst Franziskus bei seiner Rede vor den in gemeinsamer Sitzung versammelten beiden Häusern des Parlaments
Papst Franziskus bei seiner Rede vor den in gemeinsamer Sitzung versammelten beiden Häusern des Parlaments

Unsere Antwort muss dagegen eine Antwort der Hoffnung und Heilung, des Friedens und der Gerechtigkeit sein. Wir sind aufgefordert, den Mut und die Intelligenz aufzubringen, die vielen aktuellen geopolitischen und wirtschaftlichen Krisen zu lösen. Auch in der entwickelten Welt sind die Auswirkungen ungerechter Strukturen und Handlungen allzu offensichtlich. Unsere Bemühungen müssen darauf ausgerichtet sein, wieder Hoffnung zu geben, Ungerechtigkeiten zu korrigieren, Verpflichtungen treu einzuhalten und so das Wohl der Einzelnen und der Völker zu fördern. Wir müssen gemeinsam und geschlossen vorangehen, in einem neuen Geist der Brüderlichkeit und der Solidarität, und hingebungsvoll für das Gemeinwohl zusammenarbeiten.

Die Herausforderungen, denen wir heute begegnen, erfordern eine Erneuerung jenes Geistes der Zusammenarbeit, der im Laufe der Geschichte der Vereinigten Staaten so viel Gutes vollbracht hat. Die Vielschichtigkeit, der Ernst und die Dringlichkeit dieser Herausforderungen verlangen, dass wir unsere Ressourcen und Talente vereinen und uns entschließen, uns gegenseitig zu unterstützen, und dabei unsere unterschiedlichen Meinungen und unsere Gewissensüberzeugungen respektieren.

In diesem Land haben die verschiedenen Religionsgemeinschaften bedeutend zum Aufbau und zur Stärkung der Gesellschaft beigetragen. Es ist wichtig, dass die Stimme des Glaubens wie in der Vergangenheit so auch heute weiterhin Gehör findet, denn es ist eine Stimme der Geschwisterlichkeit und der Liebe, die versucht, das Beste jedes Menschen und jeder Gesellschaft zum Vorschein zu bringen. Diese Zusammenarbeit ist ein mächtiges Mittel im Kampf zur Ausrottung neuer Formen von Sklaverei, die aus schweren Ungerechtigkeiten hervorgehen. Und diese können nur durch neue politische Maßnahmen und neue Formen gesellschaftlichen Konsenses überwunden werden.

Ich denke hier an die politische Geschichte der Vereinigten Staaten, wo die Demokratie tief im Geist des amerikanischen Volkes verwurzelt ist. Alles politische Handeln muss dem Wohl der menschlichen Person dienen und es fördern, und es muss auf die Achtung vor der Würde des Menschen gegründet sein. »Wir halten diese Wahrheiten für offensichtlich, dass alle Menschen gleich erschaffen und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet worden sind, zu denen Leben, Freiheit und Streben nach Glück gehören« (Unabhängigkeitserklärung, 4. Juli 1776). Wenn die Politik wirklich im Dienst des Menschen stehen soll, folgt daraus, dass sie nicht Sklave von Wirtschaft und Finanzwesen sein kann. Die Politik ist hingegen ein Ausdruck unserer dringenden Notwendigkeit, in Einheit zusammenzuleben, um gemeinsam das bestmögliche Gemeinwohl zu schaffen: das einer Gemeinschaft, die Einzelinteressen zurückstellt, um in Gerechtigkeit und Frieden ihre Güter, ihre Interessen und ihr gesellschaftliches Leben zu teilen. Ich unterschätze nicht die Schwierigkeit, die das mit sich bringt, doch ich ermutige Sie in diesem Bemühen.

Hier denke ich auch an den Marsch, den Martin Luther King vor fünfzig Jahren von Selma nach Montgomery anführte als Teil der Kampagne, um seinen „Traum“ von den vollen bürgerlichen und politischen Rechten für Afro-Amerikaner zu verwirklichen – ein Traum, der immer noch in unseren Herzen nachklingt. Ich freue mich, dass Amerika weiterhin für viele ein Land der „Träume“ ist. Träume, die zum Handeln führen, zur Beteiligung, zum Engagement. Träume, die das Tiefste und Wahrste im Leben eines Volkes erwecken.

Kongreß USAIn den letzten Jahrhunderten sind Millionen von Menschen in dieses Land gekommen, um ihren Traum vom Aufbau einer Zukunft in Freiheit zu verfolgen. Wir, die Menschen dieses Kontinents, haben keine Angst vor Fremden, denn die meisten von uns sind einst selber Fremde gewesen. Ich sage Ihnen das als Sohn von Einwanderern, da ich weiß, dass viele von Ihnen ebenfalls von Einwanderern abstammen. Tragischerweise sind die Rechte derer, die lange vor uns hier waren, nicht immer respektiert worden. Diesen Menschen und ihren Nationen möchte ich vom Herzen der amerikanischen Demokratie aus erneut meine größte Hochachtung und Wertschätzung versichern. Diese ersten Kontakte waren oft turbulent und gewaltsam, doch es ist schwierig, die Vergangenheit mit den Kriterien der Gegenwart zu beurteilen. Dennoch dürfen wir, wenn ein Fremder in unserer Mitte eine dringende Bitte an uns richtet, nicht die Sünden und Fehler der Vergangenheit wiederholen. Wir müssen uns jetzt entscheiden, so großherzig und gerecht wie möglich zu leben, indem wir die nachfolgenden Generationen lehren, unseren „Nachbarn“ und unserer Umgebung nicht den Rücken zu kehren. Der Aufbau einer Nation fordert uns auf zu erkennen, dass wir ständig mit anderen in Verbindung stehen und die Mentalität der Feindseligkeit ablehnen müssen, um eine Haltung der gegenseitigen Subsidiarität anzunehmen, in dem ständigen Bemühen, unser Bestes zu tun. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt.

Unsere Welt steht vor einer Flüchtlingskrise, die ein seit dem Zweiten Weltkrieg unerreichtes Ausmaß angenommen hat. Das stellt uns vor große Herausforderungen und schwere Entscheidungen. Auch in diesem Kontinent ziehen Tausende von Menschen nordwärts auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Lieben, auf der Suche nach größeren Möglichkeiten. Ist es nicht das, was wir für unsere eigenen Kinder wünschen? Wir dürfen nicht über ihre Anzahl aus der Fassung geraten, sondern müssen sie vielmehr als Personen sehen, ihnen ins Gesicht schauen, ihre Geschichten anhören und versuchen, so gut wir können, auf ihre Situation zu reagieren. In einer Weise zu reagieren, die immer menschlich, gerecht und brüderlich ist. Wir müssen eine heute allgemeine Versuchung vermeiden: alles, was stört, auszuschließen. Erinnern wir uns an die goldene Regel: »Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen« (Mt 7,12).

Diese Regel weist uns in eine klare Richtung. Behandeln wir die anderen mit derselben Hingabe und demselben Mitgefühl, mit dem wir behandelt werden möchten! Suchen wir für die anderen nach denselben Möglichkeiten, die wir uns selber wünschen! Begleiten wir die anderen in ihrem Wachstum, wie wir gerne selber begleitet werden möchten! Kurz gesagt: Wenn wir uns Sicherheit wünschen, dann sollten wir Sicherheit geben; wenn wir uns Leben wünschen, dann sollten wir Leben geben; wenn wir uns Möglichkeiten wünschen, dann sollten wir Möglichkeiten bereitstellen. Der Maßstab, den wir an die anderen anlegen, wird der Maßstab sein, mit dem die Zeit uns messen wird. Die goldene Regel erinnert uns auch an unsere Verantwortung, menschliches Leben in jedem Stadium seiner Entwicklung zu schützen und zu verteidigen.

Diese Einsicht hat mich von Anfang meines Dienstes an dazu geführt, mich auf verschiedenen Ebenen für die weltweite Abschaffung der Todesstrafe einzusetzen. Ich bin überzeugt, dass dieser Weg der beste ist, denn jedes Leben ist unantastbar, jeder Mensch ist mit einer unveräußerlichen Würde begabt, und die Gesellschaft kann aus der Rehabilitation derer, die aufgrund von Verbrechen verurteilt sind, nur Nutzen ziehen. Vor Kurzem haben meine Mitbrüder im Bischofsamt hier in den Vereinigten Staaten ihren Aufruf zur Abschaffung der Todesstrafe erneuert. Ich unterstütze sie nicht nur, sondern ich ermutige auch alle, die davon überzeugt sind, dass eine gerechte und notwendige Bestrafung niemals die Dimension der Hoffnung und das Ziel der Rehabilitierung ausschließen darf.

In diesen Zeiten, in denen soziale Anliegen eine solche Bedeutung haben, darf ich nicht versäumen, die Dienerin Gottes Dorothy Day zu erwähnen, welche die katholische Sozialbewegung Catholic Worker Movement gegründet hat. Ihr soziales Engagement, ihre Leidenschaft für Gerechtigkeit und für die Sache der Unterdrückten waren vom Evangelium, von ihrem Glauben und vom Vorbild der Heiligen inspiriert.

Wie viel Fortschritt ist auf diesem Gebiet in so vielen Teilen der Welt gemacht worden! Wie viel ist in diesen ersten Jahren des dritten Jahrtausends getan worden, um Menschen aus der extremen Armut herauszuziehen! Ich weiß, dass Sie meine Überzeugung teilen, dass noch viel mehr getan werden muss und dass in Zeiten der Krise und des wirtschaftlichen Engpasses der Geist weltweiter Solidarität nicht verloren gehen darf. Zugleich möchte ich Sie ermutigen, sich all jener in unserer Umgebung zu erinnern, die in einer Armutsspirale gefangen sind. Auch ihnen muss Hoffnung gegeben werden. Der Kampf gegen Armut und Hunger muss beständig und an vielen Fronten ausgefochten werden, besonders in ihren Ursachen. Ich weiß, dass viele Amerikaner heute wie in der Vergangenheit daran arbeiten, mit diesem Problem fertig zu werden.

Es versteht sich von selbst, dass ein Teil dieser großen Bemühung darin besteht, Wohlstand zu schaffen und zu verteilen. Die rechte Nutzung der natürlichen Ressourcen, die angemessene Anwendung der Technologie und der Einsatz des Unternehmergeistes sind wesentliche Elemente einer Wirtschaft, die bestrebt ist, modern, solidarisch und nachhaltig zu sein. »Die Unternehmertätigkeit, die eine edle Berufung darstellt und darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern, kann eine sehr fruchtbringende Art und Weise sein, die Region zu fördern, in der sie ihre Betriebe errichtet, vor allem wenn sie versteht, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen ein unausweichlicher Teil ihres Dienstes am Gemeinwohl ist« (Laudato si‘, 129). Dieses Gemeinwohl schließt auch die Erde ein – ein zentrales Thema der Enzyklika, die ich kürzlich schrieb, um »in Bezug auf unser gemeinsames Haus in besonderer Weise mit allen ins Gespräch [zu] kommen« (ebd., 3). »Wir brauchen ein Gespräch, das uns alle zusammenführt, denn die Herausforderung der Umweltsituation, die wir erleben, und ihre menschlichen Wurzeln interessieren und betreffen uns alle« (ebd., 14).

In Laudato si‘ rufe ich zu einer mutigen und verantwortlichen Anstrengung auf, um unseren »Kurs neu [zu] bestimmen« (ebd., 61) und die schwerwiegendsten Auswirkungen der durch menschliches Handeln verursachten Umweltschädigung zu vermeiden. Ich bin überzeugt, dass wir etwas verändern können, und habe keinen Zweifel, dass die Vereinigten Staaten – und dieser Kongress – dabei eine wichtige Rolle zu spielen haben. Jetzt ist der Moment für mutige Handlungen und Strategien, die darauf angelegt sind,  eine »Kultur der Achtsamkeit« ( ebd. 231) einzuführen und »einen ganzheitlichen Zugang, um die Armut zu bekämpfen, den Ausgeschlossenen ihre Würde zurückzugeben und sich zugleich um die Natur zu kümmern« (ebd. 139). »Die menschliche Freiheit ist in der Lage, die Technik zu beschränken, sie zu lenken« (ebd. 112) und »zu erkennen, wie wir unsere Macht […] ausüben und beschränken müssten« (ebd., 78), um so die Technik »in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist« (ebd. 112). In dieser Hinsicht bin ich zuversichtlich, dass Amerikas hervorragende Wissenschafts- und Forschungsinstitute in den kommenden Jahren einen entscheidenden Beitrag liefern können.

Vor hundert Jahren, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, den Papst Benedikt XV. als ein »unnötiges Blutbad« bezeichnete, wurde ein weiterer berühmter Amerikaner geboren: der Zisterziensermönch Thomas Merton. Er ist eine bleibende Quelle spiritueller Inspiration und eine Leitfigur für viele Menschen. In seiner Autobiographie schrieb er: »Ich kam in die Welt. Von Natur aus frei, als Abbild Gottes, war ich trotzdem ein Gefangener meiner eigenen Gewalt und meiner eigenen Ichbezogenheit – ein Abbild der Welt, in die ich hineingeboren worden war. Jene Welt war ein Bild der Hölle, voller Menschen wie ich, die Gott liebten und ihn dennoch hassten, die geboren waren, um ihn zu lieben, und die stattdessen in der Angst eines Hungers lebten, der ohne Hoffnung und in sich selbst widersprüchlich war.« Merton war vor allem ein Mann des Gebetes, ein Denker, der die Sicherheiten seiner Zeit herausgefordert und neue Wege für die Seelen und für die Kirche erschlossen hat. Er war auch ein Mann des Dialogs, ein Förderer des Friedens zwischen Völkern und Religionen.

Gruß von der Terrasse des Kapitols
Gruß von der Terrasse des Kapitols

Aus dieser Perspektive des Dialogs möchte ich die Bemühungen würdigen, die während der letzten Monate unternommen wurden, um zur Überwindung historischer Unstimmigkeiten beizutragen, die mit schmerzlichen Geschehnissen aus der Vergangenheit verbunden waren. Es ist meine Pflicht, Brücken zu bauen und allen Menschen zu helfen, auf jede mögliche Weise dasselbe zu tun. Wenn Länder, die miteinander im Konflikt standen, den Weg des Dialogs einschlagen – eines Dialogs, der aus sehr legitimen Gründen unterbrochen sein mag –, öffnen sich neue Möglichkeiten für alle. Dazu brauchte und braucht es weiterhin Mut und Kühnheit, was nicht mit Verantwortungslosigkeit zu verwechseln ist. Ein guter politischer Leader ist, wer im Gedanken an die Interessen aller die Gunst der Stunde zu nutzen weiß, in einem Geist der Offenheit und des Pragmatismus. Ein guter politischer Leader entscheidet sich immer dafür, Prozesse in Gang zu setzen, anstatt Räume zu besitzen (vgl. Evangelii gaudium 222-223).

Im Dienst des Dialogs und des Friedens zu stehen bedeutet auch,  aufrichtig entschlossen zu sein, die vielen bewaffneten Konflikte in aller Welt abzuschwächen und letztlich zu beenden. Hier müssen wir uns selber fragen: Warum werden tödliche Waffen an die verkauft, welche planen, Einzelnen und Gesellschaften unsägliches Leid zuzufügen? Leider ist die Antwort, wie wir alle wissen: einfach um des Geldes willen. Für Geld, das von Blut – oft unschuldigem Blut – trieft. Angesichts dieses beschämenden und schuldhaften Schweigens ist es unsere Pflicht, dem Problem entgegenzutreten und den Waffenhandel zu stoppen.

Drei Söhne und eine Tochter dieses Landes, vier Einzelpersonen und vier Träume: Lincoln – Freiheit; Martin Luther King – Freiheit in der Vielfalt und Nicht-Ausschließung; Dorothy Day – soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte; Thomas Merton – Fähigkeit zum Dialog und Öffnung auf Gott hin.

Vier Vertreter des amerikanischen Volkes.

Ich werde meinen Besuch in Ihrem Land in Philadelphia abschließen, wo ich am Weltfamilientreffen teilnehmen werde. Es ist mein Wunsch, dass während meines gesamten Besuchs die Familie ein immer wiederkehrendes Thema ist. Wie wesentlich ist die Familie für den Aufbau dieses Landes gewesen! Und wie sehr verdient sie weiterhin unsere Unterstützung und unsere Ermutigung! Doch kann ich meine Sorge um die Familie nicht verbergen, die – vielleicht wie nie zuvor – von innen und von außen bedroht ist. Grundlegende Beziehungen wie die eigentliche Basis von Ehe und Familie werden in Frage gestellt. Ich kann die Bedeutung und vor allem den Reichtum und die Schönheit des Familienlebens nur immer wieder betonen.

Im Besonderen möchte ich die Aufmerksamkeit auf jene Familienmitglieder lenken, die am meisten verletzlich sind, nämlich die jungen Menschen. Vielen von ihnen winkt eine Zukunft voller unzähliger Möglichkeiten, doch sehr viele andere scheinen desorientiert und ziellos,  gefangen in einem ausweglosen Labyrinth von Gewalt, Misshandlung und Verzweiflung. Ihre Probleme sind unsere Probleme. Wir können ihnen nicht aus dem Weg gehen. Wir müssen sie gemeinsam angehen, darüber sprechen und wirksame Lösungen suchen, anstatt uns in Diskussionen zu verzetteln. Auf die Gefahr hin, allzu sehr zu vereinfachen, könnten wir sagen, dass wir in einer Kultur leben, die junge Menschen zwingt, keine Familie zu gründen, weil es ihnen an Chancen für die Zukunft mangelt. Und auf der anderen Seite bietet diese selbe Kultur anderen so viele Wahlmöglichkeiten, dass auch sie von der Gründung einer Familie abgehalten werden.

Eine Nation kann als bedeutend angesehen werden, wenn sie wie Abraham Lincoln die Freiheit verteidigt; wenn sie eine Kultur pflegt, welche die Menschen befähigt, vom vollen Recht für alle ihre Brüder und Schwestern zu „träumen“, wie Martin Luther King es ersehnte; wenn sie so nach Gerechtigkeit strebt und sich um die Sache der Unterdrückten bemüht, wie Dorothy Day es tat in ihrer unermüdlichen Arbeit, der Frucht eines Glaubens, der zum Dialog wird und Frieden sät im kontemplativen Stil Thomas Mertons.

In diesen Bemerkungen habe ich versucht, etwas von dem Reichtum Ihres kulturellen Erbes, vom Geist des amerikanischen Volkes darzustellen. Es ist mein Wunsch, dass dieser Geist sich weiter entfaltet und wächst, so dass möglichst viele Jugendliche ein Land erben und darin leben können, das unzählige Menschen veranlasst hat zu träumen.

Gott segne Amerika!


 

Grußworte des Heiligen Vaters von der Terrasse des Kongresses aus

Einen guten Tag euch allen! Ich danke euch für euren Empfang und für eure Gegenwart. Ich danke den wichtigsten Persönlichkeiten, die hier sind: den Kindern. Ich möchte Gott bitten, euch zu segnen:

Herr, unser aller Vater, segne dieses Volk, segne jeden von ihnen, segne ihre Familien, gib ihnen, was sie am meisten brauchen!

Und ich bitte euch herzlich, für mich zu beten. Wenn unter euch einige sind, die nicht glauben oder nicht beten können, dann bitte ich euch, mir Gutes zu wünschen. Danke. Vielen Dank! Und Gott segne Amerika!

Einleitung: Giuseppe Nardi
Bild: Osservatore Romano/Vatican.va

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1 Kommentar

  1. Wenn man sich nochmals die Rede von Papst Benedikt vor dem Bundestag durchliest und diese Rede in Washington DC, dann kommt man nicht umhin von Bildungwelten zu sprechen, die zwischen beiden klaffen. Die sehr weise Rede von Benedikt und die Anbiederungen und das politisch Korrekte- das grün Linke- dieses Vortrags von „Papst“ Bergoglio.
    Dabei wären die Amerikaner mehrheitlich sicherlich dankbar für kritische und sachkundig dienliche Aussagen gewesen.
    In einem anderen Posting hatte ich mal auf soz. fehlende Bildungsabschlüsse von „Papst“ Franziskus hingeweisen und das ist ein gravierendes Problem für die Kirche.

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