Käßmann’s Erzählungen (I)

Schnitt von Lucas Cranach zu den Abkanzeleien vom neuen Weltenrichter Martin Luther
„Jetzt brennen sie in der ewigen Hölle!“ Schnitt von Lucas Cranach zu den Abkanzeleien vom neuen Weltenrichter Martin Luther

Das Reformationsjubiläum 2017 wirft seine Schatten voraus. Aber auch die Schatten der lutherischen Vergangenheit wirken nach. Denn die starken Lichtkegel auf den legendischen Luther können die Schattenseiten des Reformators nicht wegretouschieren.

Ein Gastbeitrag von Hubert Hecker

Im Lichte der „Toleranz“ erscheint Luther als Mensch der Intoleranz

Die kirchlichen Gemeinschaften der Reformation wollen in Vorbereitung auf das Luther-Jubiläum 2017 ihrem Reformator ein zeit(geist)gemäßes Gewand anlegen. Als ein Losungswort für die Lutherdekade haben sie „Toleranz“ gewählt. Doch im Lichte dieses Begriffs der Aufklärung erweist sich, dass Martin Luther in vielfacher Hinsicht ein Mensch der Intoleranz war:

Bekannt ist Martin Luthers Intoleranz gegen die damals aufständigen Bauern. In seiner Schrift gegen die Bauern, die ab 1523 in wehrhaften Haufen ihre nicht unberechtigten Forderungen durchsetzen wollten, lehnte Luther ausdrücklich Vernunftgespräch und Barmherzigkeit ab: „Mit der Faust soll man antworten, dass ihnen das Blut aus der Nase läuft“. Die Fürstenheere sollten die aufrührerischen Bauern „wie tolle Hunde totschlagen“. Bei der historischen Einordnung dieser barbarischen Intoleranz Luthers hilft es wenig, darauf hinzuweisen, dass Thomas Müntzer als ideologischer Anführer der Bauern in seinen gnadenlosen Vernichtungsimperativen noch radikaler agitierte: „Man soll auch die gottlosen Regenten töten, sonderlich Pfaffen und Mönche, die uns das Heilige Evangelium Ketzerei schelten. Die Gottlosen haben kein Recht zu leben.“

Zweifelhafte Relativierung von Luthers Intoleranz

Luther wird vielfach zugute gehalten, dass er es eigentlich und anfangs immer gut gemeint hätte. Er hätte sich dann aber durch die harten Reaktionen der Gegenseite zu radikalen Reden hinreißen lassen – nicht zu entschuldigen, aber zu verstehen. Auch im Fall der Bauernkriege habe Luther zunächst die Sache der Bauern verteidigt und gerecht genannt, sei dann aber durch die Schmähreden des „Erzteufels“ Müntzer auf die Seite der Fürsten gewechselt.

Nach diesem Muster werden auch die anderen Radikalisierungen Luthers relativiert und insbesondere die gesamte Kirchenspaltung erklärt: Luther habe doch anfangs nur eine Reform der Kirche gewollt. Als dann die Papstkirche diese Reformen abgelehnt hätte, sei er gewissermaßen zu der Abspaltung seiner Anhänger-Gemeinden gezwungen gewesen. Damit wird die Schuld an der Kirchenspaltung der angeblich reformblockierenden Papstkirche zugeschoben.

Verschiebung des Lutherjahrs auf 2020!

Diese durchsichtige Luther-Rechtfertigung ist nicht überzeugend. Luther selbst würde gegen diesen Ansatz protestieren, insofern ihm damit die volle Verantwortung für jede seiner Schritte und Schriften abgeprochen wird. Zum andern ist es ein gültiges Interpretationsgesetz, dass die jeweils letzteren Ansichten und Einschätzungen in der Biografie einer öffentlichen Lehr- und Führer-Person als die reifen Werke zu gelten haben – und nicht etwa unausgegorene Frühschriften oder Jugendsünden. In diesem Sinne sind die drei Schriften zur „reformatorischen Wende“ von 1520 Luthers maßgebliche Werke, die die Abspaltung und Eigenständigkeit der reformatorischen Kirchengemeinschaften begründen. Somit enthalten nicht die Reformbemühungen in den 95 Thesen von 1517 die Substanz von Luthers ausgereifter Theologie, sondern erst die Konfrontations- und Abgrenzungsschriften von 1520 sind als Gründungstexte der Reformation zu betrachten. Das Lutherjahr zum Reformationsabspaltung sollte also auf 2020 verschoben werden.

Luther poltert gegen Papst und Papisten, Kardinäle und Kirche

In den drei reformatorischen Wende-Werken läuft Martin Luther zur Hochform von Intoleranz gegen Papst und Papisten, Kardinäle und Kirche auf. Er nennt den Papst, den er in früheren Schriften noch mit „Bruder“ angeredet hatte, nun einen „gottlosen Menschen“, „Anti-Christen“ oder „Erzteufel“, das Papsttum die „widerchristliche Tyrannei“. Die römisch-katholische Kirche bezeichnet er als „Kloake, in die ihr den Hl. Geist einsperrt“. Diese Papstkirche sei „vom Teufel gestiftet“, in ihr herrschten „Wölfe, Räuber, geistliche Tyrannen“, eine „Herrschaft des Antichristen“, die schlimmer sei als „Sodoma und Gomorrha“. Luther beschimpft das katholische Kirchenverständnis als „Terror der gottlosen Papisten“, wenn sie die geistliche Dimension an das institutionelle Gefüge von Ämtern, Formen und Personen binden. Kirche ist für Luther allein die unsichtbare, geistliche Gemeinschaft der Gläubigen. Wenn heute die Protestanten darum betteln, dass ihre Gemeinschaften doch auch als gleichwertige Kirchen von Rom anerkannt werden sollten, so ist ihnen gleichermaßen mit Kardinal Ratzinger und Martin Luther zu entgegnen: Die frühen Protestanten wollten auf keinen Fall so Kirche sein wie die römisch-katholische und erst recht nicht von ihr anerkannt sein.

Gift und Galle gegen die Wiedertäufer

Auch gegen die Wiedertäufer stieß Luther seine Gift-Tiraden an Intoleranz aus. Für ihn waren die Täufer von einem „mörderischen, aufrührerischen, rachgierigen Geist, dem der Odem nach dem Schwert stinkt“. Die infolge der zunehmenden Verfolgung geheim abgehaltenen Zusammenkünfte der Täufer waren für Luther „ein gewiss Zeichen des Teufels“. Aufrührerische Wiedertäufer sollten nach Luther und Melanchton mit dem Tode bestraft werden.

„Tod den Hexen und Satansbräuten!“

In der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung besteht ein Höhepunkt von Intoleranz. 1532 wurde in der „Peinlichen Gerichtsordnung“ von Kaiser Karl V. festgehalten: Wenn Hexen Schadenszauber ausführten, sollen sie durch Verbrennen bestraft werden. Luther beteiligte sich an der Hexenhatz, der im Deutschen Reich bis 1650 mehr als 30.000 Männer und Frauen zum Opfer fielen – etwa die Hälfte davon in protestantischen Gebieten. Luther bekräftigte: „Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an.“ „Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder. Sie sollen getötet werden, auch weil sie Umgang mit dem Satan haben.“

„Die Juden sind Pestilenz und alles Unglück“

In drei Spätschriften von 1538 bis 1544 fasst Luther alle Vorurteile, Gehässigkeiten und sozialneidische Gemeinheiten gegen die Juden zusammen: „Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Wenn ich könnte, wo würde ich ihn [den Juden] niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren. Jawohl, sie halten uns [Christen] in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen sie dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein … sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.“

Daraufhin entwickelt Luther Empfehlungen von brennender Intoleranz:
„Dass man ihre Synagogen mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erden überhäufe und beschütte…
Dass man auch ihre Häuser des gleichen zerbreche und zerstöre… Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun, wie die Zigeuner, auf dass sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande….
Dass man ihnen den Wucher verbiete und alle Barschaft und Kleinode an Silber und Gold nehme und verwahre….
Dass man den jungen, starken Jüden und Jüdin in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen.“

Auch die Türken sind Teufelsdiener – außer sie kämpfen gegen den Papst

In seinen beiden „Türkenschriften“ von 1529 und 1530 stellt Luther fest: „Der Türke ist ein Diener des Teufels, der nicht allein Land und Leute verdirbt mit dem Schwert, sondern auch den christlichen Glauben verwüstet.“ Diese Verdammung der Türken wird nur gemildert, wenn Luther den Papst diskreditieren kann: Die Niederlagen der christlichen Heere in Ungarn sei ein Zeichen dafür, dass Gott mit „dem Türken“ die sündige Christenheit und insbesondere Papst und Papisten bestrafe. Durch die Schriften des mittleren und des alten Luther zieht sich das wie ein roter Faden: Papst, Jude und Türke werden zu den Feinden der Christus-Botschaft schlechthin, ja zum Werkzeug des Teufels und zum Antichrist stilisiert. Der Kampf gegen Jude, Türke, Papst und alle Verleugner des Erlösungswerkes Christi allein aus Gnade ist daher als apokalyptischer Endkampf zu betrachten.

Nach dieser sicher nicht vollständigen Übersicht – erwähnt wird in einem Zitat Luthers Ausgrenzung gegen Zigeuner – kann man nicht umhin, in Martin Luther einen zeitgenössischen Prototyp der Intoleranz zu erkennen. Warum um alles in der Welt will der Rat der EKD ihren Frontmann der Reformationsgründung unbedingt mit der Aufklärertugend „Toleranz“ zusammenbringen, mit der Luther absolut nichts am Hut hatte?

Dazu machen die EKD-Verantwortlichen einige argumentative Verbiegungen, um die Intoleranz Luthers mit der heute geforderten Aufklärungstoleranz irgendwie zusammenzubringen, was natürlich nicht gelingen kann.

Heutige Toleranz als Zeichen gegen Luthers Intoleranz

Die brutalstmögliche Methode, mit den „Schatten der Reformation“ (EKD-Broschüre zum Toleranz-Jahr) umzugehen, ist der dialektisch-antithetische Ansatz: „Luther war gegen die Türken – also brauchen wir mutige Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit. Luther kochte nicht selbst – also brauchen wir mehr Geschlechtergerechtigkeit“ (FAZ-Kommentar zum 29. 3. 2013). Dieses Vorgehen nimmt die Tatsache ernst, dass Luthers Intoleranz mit der heutigen Norm von Toleranz in jeder Hinsicht unvereinbar ist. Wenn die EKD die Toleranz der Aufklärung zur neuen Super-Norm für die protestantischen Gemeinschaften erklärt, muss man Luther und seiner eskalierende Intoleranz konsequenterweise in Antithese stellen und die Verbindung zu ihm abschneiden. Es stellt sich dann aber die Frage: Wieso dann noch ein Lutherjahr?

Lutherische Intoleranz bis 1945, danach antilutherische Toleranz?

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Luther-Botschafterin der EKD, Frau Käßmann, bezüglich Luthers Hass-Schriften gegen die Juden. Der späte Luther sei ein erschreckendes Beispiel (un)christlicher Judenfeindschaft gewesen. Damit hätte er die protestantischen Gemeinschaften auf einen „entsetzlichen Irrweg“ geführt – bis hin zum institutionellen Versagen der Evangelischen Kirchen in der Nazi-Zeit. Aber die bedrückende Geschichte des christlichen Antijudaismus habe nach 1945 „eine Lerngeschichte im Verständnis des Judentums freigesetzt“. Auch dieser Argumentation liegt die antithetische Maxime zugrunde: Luthers schlechtes Beispiel an Judenhass und dessen Wirkgeschichte über 450 Jahre gebe uns Anlass und Ansporn, genau das Gegenteil von Luthers Intoleranz zur allgemeinen Norm zu erheben. Die Luther-Botschafterin geht offenbar nach der Regel vor, dass nichts so schlecht ist, dass es nicht noch als schlechtes Beispiel dienen könnte.

Allerdings versteckt Frau Käßmann dann doch ein bisschen Verständnis für Luthers Antijudaismus in die Einleitungspassage ihres Luthertextes: Über die Darstellung der Juden in der Matthäus-Passion von J. S. Bach kommt sie zu dem Urteil: „Diese Passage (aus dem Matthäusevangelium) legt mit anderen aus dem Neuen Testament den biblischen Grundstein für die Schuldgeschichte der Kirchen mit den Juden.“ Wenn also in den biblischen Schriften die Basis-Schuld für historischen Antijudaismus liegen sollte, dann wären Luthers antijüdischen Ausfälle eher verständlich, insofern sie zumindest ansatzweise der Schrift entsprächen. Bei dieser Kritik an den Schriften des Neuen Testaments ist es nur konsequent, wenn sich die EKD und insbesondere Frau Käßmann für eine politisch korrekte Neuschrift und einen zeitgeistigen Neusprech der Bibel einsetzen. Auf den Gedanken, dass Luther die Bibel bezüglich der Rolle von Juden falsch verstanden haben könnte, kommt Frau Käßmann natürlich nicht.

Toleranz als prinzipienloser Opportunismus?

Angesichts solcher Ausführungen fragt man frappiert, ob man die Luther-Botschafterin mehr für ihre radikale Ehrlichkeit bis hin zur evangelischen Selbstverleugnung bewundern oder ihre Positionen eher als prinzipienlosen Opportunismus verachten sollte. (Pardon, im Zeichen der Toleranz sollte man Haltungen weder bewundern noch verachten, sondern gleichmäßig und gleichgültig Duldungs- und Respekt-Toleranz für jegliche Positionen zeigen.)

Die Intoleranz Luthers soll angeblich ein „erhebliches Toleranzpotential“ enthalten

Während Frau Käßmann den Umschwung zur Toleranz in den evangelischen Kirchengemeinschaften erst vor 60 Jahren ansetzt, sehen andere Interpreten den Lernprozess der Protestanten direkt nach Luther beginnen. Sie wollen eine permanente protestantische Lerngeschichte seit 500 Jahren erkennen – von Luthers Intoleranz anfangend bis zum heutigen Zeitgeist der Duldsamkeit. Und der ehemalige Präses Nikolaus Schneider meinte, dass die Lerngeschichte zur Toleranz in der Gegenwart noch gar nicht abgeschlossen sei.
Naheliegend bei Luthers intoleranter Haltung ist die Hypothese, dass diese Entwicklungsgeschichte zur Duldsamkeit trotz oder gegen Martin Luther abgelaufen sein müsste – mit maßgeblichen Impulsen von außerhalb. Auch in diesem Fall fragt man sich allerdings, warum man dann noch ein Luther-Jahr feiern sollte.

Den freiheitsunfähigen Menschen sollte die Obrigkeit nachhelfen

Um sein Lutherjahr doch noch zu retten, bevorzugte Präses Schneider eine weitere Erklärungsvariante, nämlich dass Luther und seine Auffassungen insgeheim doch die europäische Toleranzgeschichte angestoßen hätte: „Der reformatorische Grundgedanke, dass es in Gewissens- und Glaubensfragen keine Gewalt geben dürfe, sondern nur das überzeugende Wort“, trage ein „erhebliches Toleranzpotential“ in sich, das aber nicht unmittelbar zu einer Toleranzkultur den Kirchen der Reformation geführt habe.
Warum wohl, Herr Schneider?
Zum einen war die Freiheit von Zwang in Glaubensdingen durchaus kein reformatorisches Novum, sondern schon lange vorher ein Grundgedanke der Scholastik. Zum andern unterhöhlte Luther den Grundsatz der Freiwilligkeit von Glaubensentscheidungen, indem er den erbsündlich durchbösten Menschen grundsätzlich den freien Willen absprach. Dazu kam die Rolle des absolutistischen Staates, die Luther der fürstliche Obrigkeit zusprach. Sie bestärkte die theokratische Konzeption, nach der der gottverantwortliche Fürst die Religion seiner Untertanen bestimmen und die irdische (Kirchen-) Heilsordnung regulieren sollte, um angesichts der totalen menschlichen Verderbtheit die Sorge für das Seelenheil der christlichen Untertanen zu gewährleisten.

Eigen-Toleranz zu widersprüchlichen Luther-Interpretationen

Frau Käßmann ist selbst allseitig tolerant – auch gegenüber ihren eigenen differenten Ansichten. Obwohl sie den evangelischen Kirchengemeinschaften seit Luther eine 450jährige Intoleranzgeschichte bescheinigt, kann sie wortreich auch das Gegenteil verteidigen: Luthers Rede von Freiheit habe maßgeblich die neuzeitliche Lerngeschichte zur Toleranz und Freiheit beeinflusst, wenn nicht gar initiiert. Bei der Eröffnungspredigt zum Toleranzjahr des Luthertums sagte sie in Worms am 31. 10. 2012:
„Luthers Freiheitsbegriff hat in der Tat zu mancher Freiheit heute geführt. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Schlagworte der französischen Revolution haben im Gedanken der Freiheit eines Christenmenschen durchaus Wurzeln. Selbst denken, selbst urteilen, Meinungs-, Rede- und Gewissensfreiheit – das sind reformatorische Errungenschaften, die gerade in ihrer Entwicklung durch die Aufklärung manches Mal durchaus gegen die Institution Kirche erkämpft werden mussten.“
Das soll wohl heißen:
Der intolerante Luther pflanzte die Wurzeln zu jenem Toleranzbaum, der als aufgeklärter Freiheitsbaum der Französischen Revolution die kernigen Früchte von Religions- und Meinungsfreiheit hervorgebracht haben soll, allerdings im Gegenwind der reformatorischen Kirchen.

Weder weltliche noch geistliche Freiheit für die Untertanen

Wie oben schon gesagt: Allein dadurch, dass Luther die Willensfreiheit der Einzelnen leugnete, entzog er dem freien Entscheiden und Handeln des Menschen die (anthropo-) logische Basis. Sodann formulierte Luther seine Thesen oftmals schön dialektisch, so dass man/frau sich das jeweils Passende aussuchen kann: „Ein Christenmenschen ist in allen Dingen ein freier Herr….. und zugleich ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“ Im Zusammenhang mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre ist dieser Satz jedoch eindeutig: In öffentlich-gesellschaftlichen Fragen hat der christliche Bürger nach Luther auf keinen Fall die politischen Grundfreiheiten wie Meinungs- und Redefreiheit (wie Frau Käßmann ihrem Reformationsidol unterstellt), sondern ist der Obrigkeit untertänigst ausgeliefert. Aber auch die geistliche „Freiheit eines Christenmenschen“ wird durch den späteren Luther in ihr Gegenteil verwandelt: Durch Luthers Idee, nach der die gottgesetzten Fürsten neben der weltlich-staatlichen Gewalt auch die Funktion von Notbischöfen und heilsbeauftragter Obrigkeit zu übernehmen hätten, wurde die ursprünglich geforderte geistliche Freiheit der Christen in geistliche Unfreiheit gekehrt, nämlich in staatskirchliche Untertänigkeit. Übrigens kam dieses Konzept in den protestantischen Staaten noch während der Aufklärung zur Blüte.

Luther wollte keine Toleranz und noch weniger Pluralität

Wenn man die allseitige Intoleranz Luthers Revue passieren lässt und sich dazu die argumentativen Verbiegungen der protestantischen Protagonisten vor Augen hält, dann wird es umso unverständlicher, warum die EKD-Verantwortlichen in der Reformationsjubiläumsdekade unter dem Bild von Luther dick und fett „Toleranz“ schreiben lassen.

Der Berliner Historiker Hein Schilling, Verfasser eines Luther-Buches, kritisiert den Ansatz der EKD: Luther könne nicht „am Toleranzbegriff des 21. Jahrhunderts gemessen werden.“ Der moderne Toleranzbegriff habe sich erst mit und nach der Aufklärung gebildet. Von Luther und den anderen Reformatoren seien Toleranz und Pluralität nicht gewollt oder angestrebt worden. Erst als Ergebnis der historisch-politischen Patt-Konstellation zwischen katholischen und protestantischen Fürsten ist über das notdürftig befriedende Cuius-regio-eius-religio-Prinzip eine allein staatsrechtliche Duldungstoleranz vereinbart worden. Diese enthielt aber weder „Respekt-Toleranz“ (N. Schneider) vor der Religion der konfessionsverschiedenen Fürsten und erst recht keine Duldung von Religionsfreiheit bei den fürstlichen Untertanen, wie oben schon dargelegt.

Eine Distanzierung von allen Intoleranzen Luthers ist notwendig

Dr. Volker Jung, der Präsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, forderte auf der Frühjahrssynode in Frankfurt, dass die EKD sich in aller Deutlichkeit von den untragbaren und verhängnisvollen Äußerungen Martin Luthers gegen die Juden distanzieren sollte. Eine offizielle Distanzierung von den antijüdischen Schriften Luthers „stünde der EKD auf dem Weg zum Reformationsjubiläum gut an“. Die diesbezügliche Distanzierung vom Reformator begründet sich aber nicht allein im guten Anstehen. Sie ist auch nicht nur in einem Fall notwendig. Wenn die Protestanten die Jahresparole von der „Toleranz“ ernst nähmen, dann sollten sie sich von allen Intoleranzen Luthers distanzieren, insbesondere auch von den pauschalen Verteufelungen und „durchbösten“ Schmähschriften des Reformators gegen Papst und Kirche.

Durch prinzipienlosen Opportunismus zum Patchwork-Luthertum?

Die Verantwortlichen der EKD scheinen einen anderen Weg gehen zu wollen. Mit ihren widersprüchlichen und verwirrenden Äußerungen zu Martin Luther vermitteln sie einen zwiespältigen Eindruck. Sie halten zwar einige Aussagen des Reformators für einseitig-überzogen, andererseits aber bemühen sie sich, dessen Kampfschriften historisch zu relativieren, theologisch zu rechtfertigen, wirkungsgeschichtlich zu verharmlosen oder sogar ins Gegenteil zu verkehren (so etwa bei der politischen Freiheitsgeschichte). Unter diesem Aspekt wird der Verdacht vom prinzipienlosen Opportunismus der Strategen des Luther-Jubiläums noch einmal bestärkt, insofern sie das moderne „Toleranz“-Etikett zum Bergfest-Motto für die Luther-Jubiläumsdekade festlegten:

Man will dem reformatorischen Luthertum partout einen zeitgeistigen Rock anpassen, ihm ein Aggiornamento-Kleid schneidern und dann das Patchwork-Gewand der Aufklärung umhängen. Anschließend wird auf die modernistische Drapierung des Protestantismus der historische Luther-Kopf mit schwarzem Doktoren-Barett aufgesetzt. Bei dieser aufgehübschten Inszenierung der reformatorischen Geschichte kann man zwar mit den Flötentönen von Käßmann’s Erzählungen die Luthertumspuppe zum Tanzen bringen, aber kaum das Fehlen von innerer Konsistenz und Glaubwürdigkeit verdecken.

Text: Hubert Hecker
Bild: Lucas Cranach der Jüngere: Abendmahl der Protestanten und Höllensturz der Katholiken (um 1540)

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fredius
Ja, das Luther-Jahr. Es soll ein großes Erlebnis werden, mit einem Luther den es so nicht gab. Unsere Bischöfe stehen schon in den Startlöchern und bereiten die Lobes-und Ehr-Dudeleien vor. Dabei müsste doch eigentlich jeder Mensch der sich mit Luther ein wenig beschäftigt, er- kennen, dass hier keine Lichtgestalt sondern ein Chaot gefeiert werden soll. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen und in dem Fall Luther, die Glaubensspaltung mit ihren Folgen bis in un- sere Zeit hinein. Wie kann man da auf die irrige Meinung kommen “ Luther könne ein Lehrer für die katholische Kirche sein “, so Kardinal… weiter lesen »
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