EKD schneidert sich ein Toleranz-Mäntelchen (II)

Luther-Botschafterin Käßmann: EKD-Themenjahr "Toleranz"
Luther-Botschafterin Käßmann: EKD-Themenjahr „Toleranz“

Die EKD setzt den Begriff Toleranz an die zentrale Stelle ihrer Luther-Dekade. Die dadurch erhoffte politisch-korrekte Signalwirkung war ihr anscheinend so wichtig, dass sie die am Toleranz-Maß aufscheinende krasse Intoleranz von Martin Luther in Kauf nimmt. Es stellt sich aber die Frage, was unter Toleranz als christlicher Tugend zu verstehen ist und was – davon unterschieden – die Toleranz-Kategorie der Moderne hergibt. Oder sollte Toleranz nur ein Modebegriff sein, der die zeitgeistige Beliebigkeitslehre der EKD bemäntelt?

Ein Gastbeitrag von Hubert Hecker.

Die Liebe erträgt und erduldet alles

Im Neuen Testament ist ‚tolerantia’ eine christliche Sekundärtugend. Für den Apostel Paulus sind die primären Tugenden eines Christen Glaube, Hoffnung, Liebe – „am größten aber ist die Liebe“ (1 Kor 13,13). Erst die Liebe adelt die anderen Kardinaltugenden wie Weisheit, Mut, Gerechtigkeit und Mäßigung. Aus der Liebe (Gottesliebe und Nächstenliebe) folgen weitere Sekundärtugenden wie Nachsicht, Güte und Freude an der Wahrheit. Gleichzeitig vermeidet die Liebe – so Paulus – eiferndes Verhalten, sie bläht sich nicht auf, sie sucht nicht das Ihre, sie hat nicht Freude am Unrecht. „Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles“ (1 Kor 13,7). Die Liebe also erzeugt tolerantia. Aus der Liebe der Christengemeinde untereinander folgt, dass „einer des anderen Last trage“ (Gal 6,2).

Vorbild für dieses christliche Ertragen und Erdulden aus Liebe ist der leidende Gottesknecht nach Jesaia – ein Vorläufer des Christus-Messias, der mit seinem Leiden die Sünden der Menschen trägt und dadurch aufhebt.

Wenn die christliche tolerantia ein Ausfluss der Liebe ist, dann ist damit auch die Grenze der Toleranz angedeutet: Die Liebe erträgt zwar den Sünder, aber sie duldet nicht die Sünde und die Unwahrheit. Für die Unzucht in der Gemeinde von Korinth hat Paulus kein Verständnis, zeigt er keinerlei Toleranz. Er rügt die Habsucht und Raffgier einzelner. Und: „Nicht gut sind euer Rühmen, eure Streitsucht und Parteiungen!“

Anschaulich kommt die liebende tolerantia in der Gattenliebe zum Ausdruck: Die Liebe erträgt die schlechten wie die guten Tage der Ehe, trägt die Treue in Krankheit und Gesundheit durch, steht zum anderen in Krisen und Belastungen.

Staatliche Duldungsakte von autokratischen Herrschern

Etwas anderes als diese christliche tolerantia im menschlichen Miteinander ist die Duldungstoleranz als staatlicher Akt – etwa die Toleranz-Vereinbarung von Mailand aus dem Jahre 313. Damals vereinbarten der römische West-Kaiser Konstantin und der Ost-Kaiser Licinius, „sowohl den Christen als auch allen Menschen freie Vollmacht zu gewähren, ihre Religion zu wählen, damit die himmlische Gottheit uns und allen gnädig und gewogen bleiben kann. (…) Es soll jedermann erlaubt sein, seinen eigenen Glauben zu haben und zu praktizieren, wie er will.“

Dieser Toleranzakt aus staatlicher Vollmacht gewährt einen bestimmten Status – in diesem Fall der freien Religionsausübung. Er wird nicht aus Liebe, Respekt oder Achtung vor den Bürgern gesetzt, sondern aus staatspolitischem Kalkül oder zu einem entsprechenden Zweck – in diesem Fall, „damit die himmlischen Gottheiten uns gewogen bleiben“. Auch gesellschaftliche Befriedung oder Nutzung der Religionen als politische Ressourcen können weitere Gründe für Religionstoleranz sein. Beim Preußenkönig Friedrich II. war die Duldung der verschiedenen Religionen – ‚Jeder soll nach seiner Facon selig werden!’ – von einer ausgesprochenen Gleichgültigkeit begleitet: Den absolutistischen Herrscher interessierte ausschließlich die Steuerfähigkeit seiner Untertanen. Schließlich liegt es im Charakter eines staatlichen Duldungsaktes, dass er jederzeit widerrufen werden kann. So wurde das Toleranz-Edikt von Nantes (1598) von Ludwig XIV. 1685 wieder aufgehoben.

Rechte und Freiheiten von Natur aus, nicht aus staatlicher Toleranz

Von dem herrschaftlichen Duldungs- oder Toleranzakt als gnädige Gewährung von freier Religionsausübung durch einen autokratischen Herrscher ist der naturrechtliche Anspruch auf Freiheit zu unterscheiden. Nach John Locke schließen sich die Menschen in einem staatlichen Gesellschaftsvertrag zusammen, damit ihre ursprünglichen Rechte und Freiheiten besser zur Geltung kommen sollen. Auftrag und Zweck des Staates ist es demnach, die vorstaatlichen Rechte der Einzelnen – auch die zur freien religiösen Betätigung – zu gewährleisten. Verfehlt wäre es, das Verhältnis vom Staat zu Bürgern mit Toleranz zu kennzeichnen, wie es Kanzler Willy Brandt in seiner Regierungserklärung von 1969 tat. Die Bürgerrechte sind nicht vom Staat gewährt, erlassen, geduldet oder erlaubt, sondern diese Rechte und Freiheiten bestehen von Geburt an oder von Natur aus. Der Staat hat sie zu achten. Wenn die Rechte von anderen Bürgern verletzt werden, darf der Staat das nicht tolerieren, sondern muss eingreifen, wehren und schützen. Das Verhalten der Bürger zum Staat ist ebenfalls nicht von Toleranz geprägt, sondern von staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten.

Französische Aufklärung und Revolution – Alptraum der Intoleranz

Lessing, Rousseau, Voltaire (v.l.)
Lessing, Rousseau, Voltaire (v.l.)

Es ist ein weit verbreitetes historisches Vorurteil, dass die kontinentale Aufklärung und als Folge davon die Französische Revolution die Menschenrechte und -freiheiten einschließlich der Religionsfreiheit begründet, erkämpft und etabliert hätten. Der französische Aufklärungsphilosoph Voltaire ist ein offenkundiges Beispiel für dieses Fehlurteil: Über Mohammed und den Islam schrieb er ein übles Schmäh-Stück. Die Juden als Volk und Religion übergoss er mit antisemitischem Hass und Häme. Auf die Zertrümmerung der „ruchlosen“ Kirche insistierte er genauso stetig wie Cato auf die Zerstörung Karthagos. Diese Saat von Hass und Gewalt gegen Kirche und Katholiken ging dann in der Revolution auf, als die Jakobiner tausende Kirchen zerstören ließen, zehntausende Priester, Nonnen und Laien-Katholiken ihres Glaubens wegen drangsalierten, deportierten oder töteten.

Auch der politisch maßgebliche Aufklärer Jean Jacques Rousseau hatte alles andere als Menschenrechte und Religionsfreiheit im Sinn. Er bekämpfte jede autonom verfasste Religion, insbesondere die katholische Kirche mit Papst und Priestern, Dogmen und Riten. Rousseau wollte nur eine abstrakte Vernunftreligion dulden, wie sie später von seinem Schüler Robespierre staatlich verordnet wurde. Die angebliche Toleranz-Lehre des Philosophen aus Genf erwies sich in der Praxis als System der Intoleranz, die geforderte Vernunftpolitik entwickelte sich in der Revolution zum Albtraum von Tugend-Terror.
Auch das staatskirchliche Konstrukt in der ersten Phase der Revolution war nicht ein Ergebnis von Toleranz oder Religionsfreiheit. Die Kirche sollte völlig der Staatsraison eingeordnet und in den beamteten Staatsapparat integriert werden. Die Priester mussten bei Strafe von Deportation oder Guillotine den Eid auf die staatliche Revolutionsverfassung ablegen.

Immanuel Kant duldete nur eine verschwindende Vernunft-Kirche

Wie sieht es bei den deutschen Aufklärern zu Toleranz und Religionsfreiheit aus? In der grundlegenden Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ entwickelte Immanuel Kant seine Lehre zu Religionen und Kirchen. Bekanntlich lehnte der Agnostiker Kant religiöse Grundlagen wie das Sein, die Erkenntnis und Offenbarung Gottes ab. Daraus folgt dann in seiner Argumentation die Ablehnung der Offenbarungsschriften, deren historische Ausformungen in Dogmen und die darauf gegründete „sichtbare, statuarische“ Kirche mit ihren Ämtern, Liturgien, Gebeten etc. Gemessen an der einzig zulässigen Vernunftreligion seien alle bisherigen Religionen Selbsttäuschungen, Unmündigkeiten, Religionswahn und Afterdienst Gottes. Vor dem Gerichtshof seiner Vernunft duldete der Königsberger Aufklärer nur eine „unsichtbare Kirche“ der Vernunftgläubigkeit, deren praktische Prinzipien allein durch die reine Vernunft, wie Kant sie sah, als notwendig „geoffenbart“, erkannt und nachvollzogen werden könnten. Ziel eines solchen Vernunft-Glaubens sei die moralische Vervollkommnung der Menschheit, also die Religion des Humanismus. Kants grundsätzliche Kritik an allen bestehenden Religionen und seine Propagierung der einzig wahren Vernunftreligion lassen keinen Raum für Toleranz gegenüber den realen Weltreligionen und damit auch die Ablehnung von Religionsfreiheit. Aus diesem Grund galt der Königsberger Religionskritiker für alle kommunistischen Christenverfolgungsregime als Vordenker, bis heute wird in China Kants Religionskritik nachgeplappert und Religionsunterdrückung praktiziert.

Intoleranz hinter der Maske der Gleichgültigkeit

Aber Lessings Stück „Nathan der Weise“? Ist das nicht der Inbegriff von aufgeklärter Toleranz?

Lessing geht ähnlich wie Rousseau und Kant davon aus, dass die bisherigen Religionen mit ihren unterschiedlichen Identitäten durch die wahre Vernunftreligion der reinen Menschlichkeit überwunden werden müssten. Im Eifern um „Wohltun, Sanftmut und Verträglichkeit“ würde sich der einheitlich-wahre Kern aller bisherigen Weltreligionen in einer neuen Humanismus-Religion erweisen.

Obwohl Lessing eine Weltsicht „frei von Vorurteilen“ predigt, malt er die Protagonisten der Religionen höchst vorurteilsbehaftet in krasser (un)moralischer Schwarz-weiß-Zeichnung aus: Dem Christentum werden in der Figur des Jerusalemer Patriarchen alle negativen Eigenschaften aufgeladen wie Hinterlist, Fanatismus, Borniertheit, pompöses Auftreten, Verschlagenheit, Verfolgungseifer und was sich die Aufklärer sonst noch an unmoralischen Haltungen ausdachten.

In der Person des aufgeklärten Juden Nathan dagegen nimmt die Menschheitsvision Lessings Gestalt an: Alles Religiöse ist von ihm abgestreift, auch alle Dogmen und „vernunftwidriger Wunderglauben“. Erst nachdem aus ihm „das Judentum euthanasiert“ wurde – so eine Forderung Kants –, kann die reine Menschlichkeit des „bloßen Menschen“ in dem Juden aufscheinen. (Selbstverständlich verleiht der Jude Nathan auch kein Geld gegen Zinsen, sondern verschenkt es einfach an Saladin – ein Modell für das heutige Verhältnis von jüdischen Israelis zu muslimischen Arabern?)

Lessing sagt über seinen Prototyp des neuen Menschen: „Jud’ und Christ und Muselmann und Parsi – alles ist ihm eins.“ Was vordergründig als Toleranz erscheint in der Form von Gleichgültigkeit und Desinteresse an den Religionen und ihren Unterschieden, erweist sich als Basis für eine gleich-gültige Ablehnung aller Religionen. Dieser Art Toleranz mündet in die intolerante Weisung, die orthodoxen Religionen hätten ihre religiösen Identitäten aufzugeben, um in der neuen Menschheitsreligion des Humanismus aufzugehen.

Die EKD verheddert sich im Bedeutungsgestrüpp der „Toleranz“

Nach dem Durchgang durch die Begriffsgeschichte der Toleranz ist auf die Ausgangsfrage zurückzukommen. Die EKD hat den Begriff Toleranz zur zentralen Kategorie ihrer Luther-Dekade hochstilisiert. Anscheinend wollten die Verantwortlichen damit einen Gegenpol zur politisch unkorrekten Intoleranz setzen – mit der Nebenwirkung, dass die vielfältigen Intoleranzen Luthers schonungslos aufgedeckt werden. Es stellt sich aber die Frage, welchen Begriff von Toleranz die Protestanten dabei im Sinn haben.

Die Duldungspolitik von autokratischen Herrschern dürfte nicht in der Präferenz heutiger Protestanten stehen. Auch viele vermeintliche Toleranzakte von Aufklärung und Französischer Revolution entpuppen sich beim näheren Hinsehen als krasse Intoleranzen. Soweit bei aufgeklärten Monarchen und Schriftstellern Toleranz vermittelt wurde, handelte es sich um Haltungen von Gleichgültigkeit, Indifferenz, Desinteresse und Ablehnung, von denen sich Ex-Präses Nikolaus Schneider ausdrücklich distanziert.

Wenn die EKD-Verantwortlichen mit dem Wort Toleranz die Verhältnisse im modernen Staat auf der Basis von Menschenrechten und Freiheiten charakterisieren wollten, so wären sie auch damit auf dem Holzweg. Denn Rechte und Freiheiten sind weder Ergebnis von (staatlicher) Toleranz noch sind die pflichtmäßige Achtung und Respektierung dieser Rechte von Seiten des Staates wie der Bürger untereinander mit Toleranz zu charakterisieren.

Pathetische Wort-Flickerei

Wie schon bei den neuen Kleidern des Luthertums (vgl. den Artikel Käsmann’s Erzählungen) so versuchen sich die EKD-Verantwortlichen die Bedeutung von Toleranz so zurechtzuschneidern, dass sie das zeitgeistangepasste Selbstverständnis und die entsprechende Praxis des heutigen Protestantismus widerspiegeln sollen.

Doch das Kleid der Toleranz wird tatsächlich dünn und durchsichtig, wenn man die klassischen Bedeutungselemente herausschneidert – wie etwa Indifferenz und Gleich-Gültigkeit.
Daher versucht man, die Bedeutungsblöße mit pathetischen Wort-Flicken zuzudecken: „Wahre Toleranz wird ihre Grenze an der Intoleranz finden“ – so Frau Käßmann in tautologischer Nichtssagigkeit.

Im Strahlenkranz des Zeitgeistes

Die amtliche Botschafterin für Toleranz im allgemeinen und des Lutherjahrs im besonderen strahlt wie niemand sonst die Aura des Zeitgeistes aus. Ihre gutmenschlich geäußerten Mainstream-Meinungen sind so authentisch wie die kieselsteinpolierten Kommentare im Hauptstrom der veröffentlichten Medien-Meldungen. Unnachahmlich ist allein die Form ihrer öffentlichen Darlegungen, mit der es ihr oftmals gelingt, ethische Widersprüche so wortgalant zu verpacken, dass sie im allseitigen Wohlgefallen des Sowohl-als-auch wie weggezaubert erscheinen.

Die Ruferin der Gutmenschlichkeit

In ihrem neuen Buch zur Verteidigung der Gutmenschlichkeit schreibt sie: „Abtreibungen kann ich nicht einfach so befürworten, weil sie Leben zerstören.“ Die Formulierung „nicht einfach so zu befürwortende Abtreibung“ sowie die schwammige Begründung „Leben zerstören“ (statt die Abtreibung von ungeborenen Kinder zu benennen) lassen erahnen, dass Frau Käßmanns vorgespielte Intoleranz gegenüber Abtreibungen schon im folgenden Satz in Toleranz für die hunderttausendfachen vorgeburtlichen Tötungen umzuschlagen scheint: „Aber ich kann mit dem Kompromiss in unserem Land sehr gut leben, dass sie bis zum Ende des dritten Monats der Schwangerschaft nicht strafrechtlich verfolgt werden.“ Da stellt sich die Frage, was an der Straffreiheit des Fristentötungsgesetzes ein guter Kompromiss sein soll. Noch verräterischer ist das Werturteil „sehr gut“ für diesen faulen Kompromiss auf Lebenskosten der Ungeborenen. Die selbsterklärte GutmenschIn Käßmann glaubt sich ein gutes lutherisches Gewissen machen zu können, wenn sie damit „sehr gut leben kann“, was „das Leben zerstört“.

Toleranz ist tödlich – bei täglich 400 Abtreibungen im wohl(an)ständigen Deutschland

Der faule ethische Kompromiss, den Frau Käßmann hier in der Form der persönlichen Überzeugung darlegt, ist natürlich nichts anderes als die Strömungsmeinung der breiten Medien-Öffentlichkeit. Insofern kann der offenkundige ethische Widerspruch auch allgemein formuliert werden: Toleranz gegenüber der Fristenregelungs-Abtreibung von Seiten des Staates (Gewährung von Straffreiheit) sowie als Akzeptanz bei der Mehrheit der Bevölkerung ist zugleich eine tödliche Intoleranz gegenüber den ungeborenen Kindern in den ersten drei Lebensmonaten.

Genderismus in der EKD: Zwangsgleichheit (EKD-Kampagne: "Eine Tür genügt")
Genderismus: Zwangsgleichheit (EKD-Kampagne: „Eine Tür ist genug“)

Modernes Wortgeklingel

An anderer Stelle fasst die Neusprech-Expertin Toleranz ebenfalls in vordergründig zustimmungsfähiges Wortgeklingel wie: „ein dynamisches Geschehen auf Gegenseitigkeit“. „Dynamisch“ und „Gegenseitigkeit“ sind zwei positiv besetzte Modewörter – wer würde es wagen, etwas dagegen zu sagen? Wenn man allerdings die schnell dahingesagte Phrase auf ihren sozialen und ethischen Gehalt hin befragt, dann wird zweifelhaft, was daran christlich sein soll:

Toleranz als Tor zur Promiskuität?

Zum Beispiel die Toleranzvereinbarung auf Gegenseitigkeit zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Statt einer ehelichen Bindung auf der Basis von freiwillig versprochener und gehaltener Treue schlossen die beiden einen Toleranz-Pakt. Neben ihrer Paarbeziehung sollte jede/r beliebig viele Gelegenheitsliebschaften eingehen können. Sartre pflegte ein ausschweifendes Sexualleben mit „Wanda“, „Olga“ und vielen anderen. De Beauvoir ihrerseits hatte sowohl Beziehungen zu Frauen – darunter auch Geliebte von Sartre – als auch zu Männern. Man sieht: eine äußerst tolerante Beziehung auf Gegenseitigkeit mit dynamischer Entwicklung.

Die christliche Liebe und tolerantia lehren etwas anderes

Doch wenn Beliebigkeit an die Stelle der Liebe tritt, ist das kein Muster für die Ausgestaltung der christlichen Ehe in Liebe und Treue. Toleranz war zwar für Sarte/de Beauvoir auch nur eine Sekundärtugend – aber nicht wie bei der tolerantia von Paulus eine Konsequenz der durchdringenden und durchhaltenden Liebe, die „alles erträgt“, sondern eine Folge ihrer egoistischen Lebensziele, die vor allem auf narzisstische Befriedigung ihrer Trieb- und Intellekt-Bedürfnisse gerichtet waren. Somit steht dieses Toleranz-Modell „auf Gegenseitigkeit“ von Sartre & de Beauvoir im krassen Gegensatz zur christlich-personalen Gatten- und Nächstenliebe.

Reklametechnische Überhöhung von Toleranz

Die geschickteste Methode, einen Begriff wie Toleranz semantisch zu überformen und positiv zu überhöhen, ist von der Werbung abgeguckt: Man verbindet das reklamierte Werbe-Wort einfach mit einem anderen positiv besetzten Leitwort der globalen Moderne – wie etwa Dialog: „Mit Blick auf den Dialog der Konfessionen, der Religionen und auch der Kulturen bedeutet Toleranz die größte Herausforderung.“ Frau Käßmann vergaß zu erwähnen, dass sich wahre Toleranz nur in herrschaftsfreiem Dialog ereignet.

Modernität um jeden Preis

Der ehemalige EKD-Präses Nikolaus Schneider fand endlich den Sitz im Leben der „allseits begrüßten Toleranzforderung“ – nämlich in unserer modernen „Lebenswelt“: Darin sei Toleranz „für ein friedliches und gemeinschaftsgerechtes Miteinander unabdingbar“.

Naja, „Lebenswelt“ ist auch so ein Wort, das alles und nichts abdecken kann. Aber in Verbindung mit „modern“ ahnt man schon, worauf Schneider hinaus will. Schließlich wird er dann konkret: Er möchte Toleranz für Minderheiten unserer Gesellschaft reklamieren. Minderheiten ist ebenfalls ein Gut-Wort, das im Zusammengang mit Toleranz apodiktische Zustimmung erheischt. Über diese Minderheiten-Schiene kriegt dann Schneiders Toleranz-Zug die Kurve zu Lesben und Schwulen. (Natürlich wird er sich hüten, Toleranz für politisch inkorrekte Minderheiten zu fordern wie etwa Neo-Nazis oder Islamisten. Die sind als nicht „gemeinschaftsgerecht“ aus dem gesellschaftliche „Miteinander“ auszuschließen.)

Des EKD-Pudels Kern: die tolerierte Homo-Ehe

Mit dieser nicht überraschenden Wendung sind wir auf die Zielgrade der protestantischen Toleranz-Debatte eingebogen. Das Ziel vor Augen, wird auch plausibel, weshalb die EKD Toleranz ins Zentrum der Lutherdekade gestellt hat und im Zentrum der Toleranz die Duldung der Homo-Ehe sieht: Sie will damit anscheinend die Praxis der protestantischen Landeskirchen rechtfertigen, dass schwule und lesbische Paarungen von PastorInnen den kirchlichen Segen erhalten, selbst ins Pfarrhaus einziehen und dort eine tolerante Partnerschaft praktizieren – natürlich mit verordneter Toleranz von der protestantischen Gemeinde.

Text: Hubert Hecker
Bild: Una Fides

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5 Comments

  1. Bemerkenswert, wie die einstigen Feinde: römischer Katholizismus und lutheranische Reformation, nach 500 Jahren beim gleichen Ergebnis herauskommen: Gleichgültigkeit gegen Jesus Christus und Duldsamkeit gegen die Sünde.
    „Mein Volk, geh hinaus aus Babylon…!“

  2. Seltsam ist, dass gerade Intolerante von der Toleranz als Alleinstellungsmerkmal profitieren. Toleranz hat im gesamtgefüge einen bestimmten stellenwert, sie darf nicht zur Standortlosigkeit führen. Das ist der Punkt. Um ein bekanntes Trainerwort zu zitieren: Die EKD hat fertig.

  3. Tolerant ist das Wort, dass zur EKD passt und eigentlich nichts oder wenig besagt. Diese Parodie
    von Kirche die man gern sein will, hat mit ihrem Gründer Luther die richtige Galionsfigur, die von
    Anfang an das falsche Kirchenschiff lenkte. Bis heute hat sich hier nichts geändert, denn mit der
    Zustimmung zur Homo-Ehe und das noch in Pfarrhäusern, hat sich die EKD von der Luther-Bibel
    und den Geboten Gottes verabschiedet. Wenn sich nichts ändert, kann man davon ausgehen,
    dass man auch gegenüber der Gender-Ideologie Toleranz zeigen wird. Das Kirchenvolk, das noch den gesunden Menschenverstand hat, wird nicht gefragt. Die EKD-Leitung mit ihren Gremien hat
    das Gebaren einer Lobby, die die Aufgabe hat ihre Berechtigung nachzuweisen. Und so wird un-
    ter anderem, Luther auf das Kirchenschild gehoben und alle jubeln. Die deutsche Bischofskonfe-
    renz unter Kardinal Marx, hat schon lange kein Rückrad mehr, denn sie wird hier laut und unüber-
    hörbar mitjubeln.

    • Toleranz hat mit Christ sein überhaupt nichts gemeinsam, im Gegenteil: Toleranz steht für „weder kalt noch heiß sein“ – einfach für pure Lauheit, vor der die Apokalypse, das Buch der Enthüllungen, so sehr warnt: „Weil du aber weder kalt noch heiß bist, will ich dich ausspeien aus meinem Munde.“
      Das Ertragen der anderen in Geduld, von dem oben die Rede ist, hat nichts mit Toleranz zu tun, sondern ist Ausfluss der Gottes- und Nächstenliebe. Toleranz aber meint das Gegenteil von Liebe, weil es den/die anderen im Irrtum belässt. Jemand aber, der mir nicht gleichgültig ist, werde ich immer mit der Wahrheit konfrontieren!

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