Der Jesuit auf dem Papstthron – 3. Exkurs: Töhötöm Nagy, „Jesuiten und Freimaurer“

Töhötöm Sándor Nagy (1935)
Töhötöm Nagy (1935)

von Wolfram Schrems*

Der vom Glauben abgefallene und in die Freimaurerei eingetretene ungarische Ex-Jesuit Töhötöm Sándor Nagy (1908 – 1979) wurde schon zweimal auf dieser Seite erwähnt. Er ist ein wichtiger Zeuge für die irreal-euphorische Hochstimmung der Ära von Johannes XXIII. und – anfänglich – von Paul VI. einerseits, für die tiefe Durchdringung der Kirche durch die Freimaurer andererseits.

Nachdem Nagy ausgerechnet in Buenos Aires in die Freimaurerei aufgenommen worden ist, ist ein lokaler Bezug zu Papst Franziskus gegeben. Insofern paßt ein Exkurs gut in unsere Serie.

Aus Platzgründen müssen wir hier auf das für unser Thema Wesentliche eingehen, zur Biographie möge die Information reichen, daß Nagy aus einem nach Trianon zu Jugoslawien bzw. Serbien geschlagenen Gebiet des Banats stammte und nach dem Noviziat in Ungarn in Innsbruck Theologie studierte. 1937 wurde er zum Priester geweiht. Mit dem charismatischen P. Jenő Kerkai arbeitete er in der neugegründeten ungarischen katholischen Landjugend KALOT. Er erledigte auch diplomatische Missionen.

Aufgrund seines Dissenses zur konsequent antikommunistischen Politik des neuernannten Primas von Ungarn, Kardinal József Mindszenty (1892 – 1975), Erzbischof von Gran (Esztergom), wurde er 1947 nach Südamerika versetzt. Schließlich sagt er sich vom Glauben los, wird in den Laienstand zurückversetzt, heiratet und tritt 1952 den Freimaurern bei, wo er bis in den 33. Grad aufsteigt.

Eine ungarische Internetseite, die sich der Aufarbeitung der Geschichte der ungarischen Staatssicherheit widmet, rezensiert eine Publikation von Éva Petrás (Mitarbeiterin des Archivs der ungarischen Staatssicherheit), Behind the Mask – The Life and Thought of Töhötöm Nagy, und zieht daraus die wenig schmeichelhafte Information zu seinem letzten Lebensabschnitt:

„Nachdem ihm die ungarische Politische Polizei eine Rückkehrmöglichkeit angeboten hatte, zog er mit seiner Familie im Jahr 1968 nach Budapest zurück. Bis zu seinem Tod wurde er von der Politischen Polizei als Geheimagent in Kirchenangelegenheiten eingesetzt“ (eigene Übersetzung).

Wenn man sich vor Augen führt, wie sehr die ungarischen Katholiken im Kommunismus gelitten haben und selbst von der vatikanischen Politik im Stich gelassen worden sind (sinnbildlich verdichtet in der Person ihres Primas Kardinal Mindszenty), muß man diese Information (sofern sie zutreffend ist 1)Theoretisch ist es denkbar, daß Nagy seine nachrichtendienstlichen und diplomatischen Fähigkeiten klandestin in den Schutz der Kirche stellte und die Geheimpolizei an der Nase herumführte. Ohne spezielle Forschungen wird man das nicht herausarbeiten können. Die Ausführungen von Frau Petrás gehen aber nicht in diese Richtung. ) als geradezu vernichtend für die moralische Reputation von Ex-Pater Nagy betrachten. Interessant ist auch die Information auf der ungarischen Wikipedia-Seite, wonach Nagy seit 1966 immer wieder nach Rom gefahren sei und die Jesuitenkurie aufgesucht habe. Was er dort gemacht hat, wissen wir nicht.

Jesuitas y Masones (spanische Erstausgabe)
Jesuitas y Masones (spanische Erstausgabe)

Einheit der Welt?

Kommen wir zu unserem Thema, der derzeitigen Koinzidenz von Niedergang von Papsttum und Jesuitenorden.

Nagy brachte 1963 in Buenos Aires seine Autobiographie, Jesuiten und Freimaurer (zit. nach der deutschen Ausgabe, Wilhelm Frick Verlag, Wien 1969), auf den Markt.

Darin kommt er auf das damals laufende Konzil zu sprechen. Dabei wird etwa der undurchsichtige Kardinal Augustin Bea aus dem Jesuitenorden, zuvor Beichtvater von Papst Pius XII., in uns interessierendem Zusammenhang erwähnt:

„Gestern sprach ich mit einigen befreundeten Jesuiten über das II. Vatikanische Konzil und die aus ihm resultierenden Neuerungen. Wir erwarteten mit begründeten Hoffnungen die versprochenen Reformen. Papst Paul VI. besitzt genug Persönlichkeit, Klugheit, Erfahrung und Festigkeit, um das große Werk zu Ende zu führen. Ein Pater las mir aus dem Osservatore Romano einige Worte des Kardinals Bea S. J. vor, die dieser anläßlich der Salzburger Hochschulwochen gesagt hatte: ‚Die gegenwärtige Welt eint sich; die Äußerungen des Geistes streben nach einer Einheit, die eine bessere Zukunft verheißt.‘“ (499)

Besonders die Einheitsrhetorik ist hier zu beachten. Gleichzeitig bleibt die Gesamtaussage im Vagen: Was heißt z. B. der Ausdruck „die Äußerungen des Geistes“? Welchen Geistes überhaupt?

Hat nicht der hl. Ignatius seine Schüler gelehrt, die Geister zu unterscheiden?

Es ist nicht klar, welche „Einheit“ der Jesuitenkardinal hier meint, da es ja auch eine Einheit im Bösen gibt. Diese ist zwar aus inneren Gründen labil, kann aber für einige Zeit durchaus viel Unheil anrichten (in der Mafia oder im Okkultismus o. a.).

Damit ist aber auch der Optimismus einer „besseren Zukunft“ als unfundiert erwiesen. „Bessere Zukunft“ gibt es nur, wenn die Menschen den Geboten Gottes gehorchen, nicht aber, wenn sie lediglich „einig“ sind.

Wer aber ruft heute unzweideutig zum Befolgen der Gebote Gottes auf? Die kirchliche Hierarchie und die Jesuiten ja wohl nicht. Beziehungsweise nicht mehr.

Leider bedient auch Papst Franziskus – bei ausbleibender Mahnung zur Bekehrung – diese optimistische Rhetorik.

Diese Rhetorik führt mit innerer Zwangsläufigkeit zu einer optimistischen Weltzugewandtheit, die ihrerseits zu einer Anhänglichkeit an die Mächtigen dieser Welt führt. Da Papst Franziskus jetzt selbst mit der UNO in das Lied vom „menschengemachten Klimawandel“ einstimmt, sieht man, daß er für diese Weltzugewandtheit optiert hat. Wer aber mit den Mächtigen dieser Welt geht, geht früher oder später auch mit dem „Fürsten dieser Welt“.

Töhötöm Nagy (1956)
Töhötöm Nagy (1956)

„Jesuitas y Masones“

Sodann macht Nagy eine schillernde Aussage zum Verhältnis von Jesuiten und Freimaurern:

„Die Gesellschaft Jesu steht der Maurerei noch um einiges näher als die Kirche selbst. Öfters werden die Jesuiten als die ‚Freimaurer der Kirche‘ apostrophiert; und nicht völlig zu Unrecht. Die grundlegende Analogie besteht darin, daß beide Orden von einem außerordentlich fortschrittlichen Geist beseelt sind“ (505).

Man muß diese Passage (wie das ganze Buch) sehr kritisch sehen:

Eine „grundlegende Analogie“ ist von der Idee beider Vereinigungen her natürlich nicht gegeben. Somit ist die Aussage, die Jesuiten seien die „Freimaurer der Kirche“, ein völliger Unsinn. Allenfalls ist es Wichtigtuerei oder Selbstbeschwichtigung eines aufgrund der Apostasie schlechten Gewissens.

„Fortschrittlicher Geist“ ist auch eine der typischen Worthülsen, die von den spekulativen Bauhütten in die Welt gesetzt werden, eine reine Nebelgranate. Denn es ist ja nicht gesagt, in welche Richtung denn dieser „Fortschritt“ gehen soll.

Ignatius hat durch sein Prinzip magis („mehr“) zweifellos eine ungeheure Dynamik angestoßen: Seine Idee überstieg das (vom Wortlaut, nicht von der Sache her, statische) benediktinische Ut in omnibus glorificetur Deus (Damit in allem Gott verherrlicht werde) hin zum (auch von der Formulierung her dynamischen) Omnia ad maiorem Dei gloriam (Alles zur größeren Ehre Gottes). Ignatius verabscheute Mediokrität. Seine Pädagogik zielt auf ein beständiges Weitergehen ab, ist insofern „fortschrittlich“. Aber die Zielrichtung ist klar: die größere Ehre Gottes, die je besser umgesetzte tätige Liebe, die je mehr für Christus gewonnenen Seelen.

Nicht gemeint ist mit dem magis eine Veränderung der Glaubensinhalte. Auch ein säkularer „Fortschritts“-Glaube fällt nicht darunter.

Dieser Glaube ist Unsinn und Aberglaube. Es bleibt ja immer im Vagen, WAS genau im Fortschritt erreicht werden soll. Damit können die Protagonisten dieses „Fortschritts“, Positivisten, Modernisten, Kommunisten, Nationalsozialisten, Zionisten u. a., natürlich eigene Ziele unter dem Deckmantel „historischer Notwendigkeiten“ u. dgl. verfolgen.

Andererseits hat Nagy insofern recht, da sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts doch der masonische Einfluß in der Gesellschaft Jesu immer mehr Geltung verschafft hat.

Was wird eigentlich in Buenos Aires gespielt?

Für unseren Zusammenhang ist auch die Rolle von Buenos Aires im Freimaurertum von Interesse:

„In Buenos Aires kam es am 12. April 1965 zu einem beispiellosen Ereignis: Pater José Benesch hielt bei einer Sitzung der Großloge Argentiniens einen brillanten Vortrag über die moderne Kirche, der großen Beifall erntete“ (513f, Fußnote) 2)Pater José Benesch war 1961 zum ersten Kanzler und Generalsekretär des neuerrichteten Bistums Avellaneda ernannt worden. Das Gebiet des neuen Bistums war aus der Kirchenprovinz La Plata herausgelöst und als Suffraganbistum dem Erzbistum Buenos Aires unterstellt worden. .

Jesuiten und Freimaurer (ungarische und deutsche Ausgabe)
Jesuiten und Freimaurer (ungarische und deutsche Ausgabe)

Inwieweit die argentinischen Jesuiten im allgemeinen und Papst Franziskus im speziellen einschlägig beeinflußt worden sind, kann man ohne intensivere Nachforschungen natürlich nicht sagen. Daß ein solcher Einfluß existiert, ist aber aufgrund der Ausführungen von Nagy nicht von der Hand zu weisen.

Resümee

Alle diese von Nagy im Hochgefühl einer – vermeintlich – „Neuen Ära“ angesprochenen zitierten Sachverhalte sind offenbar nicht aus der Luft gegriffen. Der „außerordentlich fortschrittliche Geist“ hat in die Gesellschaft Jesu und in die Gesamtkirche breite Schneisen geschlagen. Der „brillante Vortrag“ des Jesuitenpaters Benesch über eine sogenannte „moderne Kirche“ wird die Herren Masonen in ihrem subversiven Tun weiter bestärkt haben.

Der „große Beifall“ kam von den Falschen.

Ignatius hatte im Exerzitienbuch geschrieben, der Exerzitant solle „je mehr mit dem schmacherfüllten Christus Schmach als Ehrenerweise [wünschen], und je mehr darnach [verlangen], als ein Tor und Narr angesehen zu werden um Christi willen, der zuerst als ein solcher angesehen wurde, denn für weise und klug in dieser Welt“ (Dritte Stufe der Demut, EB 167).

Und jetzt läßt man sich von geschworenen Feinden der Wahrheit feiern?

Was für ein Absturz!

Töhötöm Nagy ist aber nur ein Beispiel für die Apostasie der Gottgeweihten, die in der Botschaft von Fatima eine wichtige Rolle spielt. Insofern haben wir es hier mit einem besonders apokalyptischen „Zeichen der Zeit“ zu tun.

Auch hier wären Papst Franziskus und der Generalobere der Jesuiten dringend aufgerufen, korrigierend und exorzierend einzugreifen.

*MMag. Wolfram Schrems, Linz und Wien, Theologe, Philosoph, Katechist

Bild: Wikicommons

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1. Theoretisch ist es denkbar, daß Nagy seine nachrichtendienstlichen und diplomatischen Fähigkeiten klandestin in den Schutz der Kirche stellte und die Geheimpolizei an der Nase herumführte. Ohne spezielle Forschungen wird man das nicht herausarbeiten können. Die Ausführungen von Frau Petrás gehen aber nicht in diese Richtung.
2. Pater José Benesch war 1961 zum ersten Kanzler und Generalsekretär des neuerrichteten Bistums Avellaneda ernannt worden. Das Gebiet des neuen Bistums war aus der Kirchenprovinz La Plata herausgelöst und als Suffraganbistum dem Erzbistum Buenos Aires unterstellt worden.
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zeitschnur
Leider erwähnt der Artikel nicht, dass es 1928 Gespräche zwischen dem Jesuiten Hermann Gruber und zwei Freimaurern gab. In der Folge sah man auf völkischer, auch klerikaler Seite den Beweis für das Zusammenwirken von Jesuiten und Freimaurern. Die Nationalsozialisten verfolgten beide in ähnlicher Weise, weil sie beide verflochten und methodisch ähnlich wirkend ansahen. In Österreich wurde die FM zunächst nicht verboten, aber durch das autoritäre Regime überkontrolliert. Die Großloge von Wien verbot daraufhin 1930 ihren Mitgliedern, zugleich Mitglied einer gewaltbereiten oder FM-feindlichen Partei zu werden. Die Nazis widmeten dem Kampf gegen die FM ebenso viel Raum wie dem gegen die… weiter lesen »
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