El Papa solitario: Nur 20 Prozent der Bischöfe für Franziskus? – Das Schattenkabinett von Santa Marta

El Papa solitario: isoliert oder Selbstisolation?
El Papa solitario: isoliert oder Selbstisolation?

(Rom) Papst Franziskus (fast) findet für alle barmherzige Worte, doch wenn er über die Bischöfe der katholischen Kirche spricht, „scheint er zum Knüppel zu greifen“, so der Corriere della Sera . Italiens Bischöfe mußten sich zur Eröffnung ihrer Frühjahrskonferenz am 18. Mai einiges vom Kirchenoberhaupt sagen lassen. Dabei hatten sie sich in den Tagen zuvor aufgeschreckt bemüht, in Deckung zu gehen und Franziskus milde zu stimmen (siehe „Ciceros“ Stich ins Wespennest – Italiens Bischöfe gehen in Deckung und rehabilitieren sogar Ghostwriter des Papstes).

Seit Monaten registrieren die Bischöfe, nicht nur Italiens, schmerzlich und zu ihrer Überraschung eine Strenge des argentinischen Papst, mit der sie nicht gerechnet hatten. Eine Strenge, die sich gegen sie richtet.

Hinter Treuebekundungen und Anhänglichkeitserklärungen gegenüber dem Heiligen Vater ist ein Unbehagen im Episkopat spürbar. So sehr sich etwa die italienischen Bischöfe auch bemühen, die kulturellen Koordinaten des Papstes zu erkennen, zu verstehen und diesen zu folgen, scheinen sie immer mehr davon überzeugt, daß das argentinische Kirchenoberhaupt – trotz italienischer Wurzeln – ein anti-italienisches Vorurteil hegt, dessen Kanten schwer zu glätten sind.

Papst der „epochalen Wende“ hat Schwierigkeiten im Episkopat Gefolgschaft zu finden

Das Unbehagen betrifft nicht nur die Italienische Bischofskonferenz und den Vatikan. Die Mitarbeiter an der Römischen Kurie lassen seit der päpstlichen 15-Krankheiten-Diagnose vor Weihnachten 2014 die Flügel ohnehin ziemlich lahm hängen. Die Befindlichkeitsstörung hat auch andere Länder und deren Kirchenhierarchien erfaßt. Franziskus, der Papst der „epochalen Wende“ (Corriere della Sera), scheint sich, dank medialer Unterstützung, leicht zu tun, als volkstümlicher Triumphator aufzutreten. Deutlich schwerer tut sich das Kirchenoberhaupt, eine überzeugte Gefolgschaft in der kirchlichen Hierarchie zu finden. Mehr noch, die Zustimmung für Franziskus scheint unter den Bischöfen zu sinken.

Laut dem Corriere della Sera vom vergangenen 20. Mai würden die Zahlen 20, 70, 10 das Stimmungsbild an der Römischen Kurie wiedergeben. Unter den Mitarbeitern des Papstes würden demnach nur 20 Prozent Papst Franziskus aus Überzeugung in dessen Regierung unterstützen. 70 Prozent würden eine „schweigende Mehrheit“ bilden, die sich „neutral“ gibt, ihrer Sache nachkommt und auf den nächsten Papst wartet. Zehn Prozent stark sei hingegen die Gruppe der (wenn auch nicht immer erklärten) Gegner des argentinischen Pontifikats.

Diese Zahlen würden in der päpstlichen Residenz Santa Marta, in der argentinischen Gemeinde Roms und in Argentinien herumgereicht. Der Corriere della Sera spricht von einem „potentiellen geographischen und strategischen Bruch“.

Bischöfe nehmen Pontifikat als „anti-italienisch, anti-europäisch, anti-westlich“ wahr

Katholische Bischöfe
Katholische Bischöfe

Wie genau diese Zahlen zu nehmen sind, läßt sich anhand der vagen Quellenangabe durch die Tageszeitung nicht sagen. Tatsache ist, daß nicht nur in Italien das Pontifikat von Papst Franziskus als „anti-italienisch, anti-europäisch und anti-westlich“ wahrgenommen wird. War es aber nicht gerade das, was die Kardinäle im Konklave wollten? Offenbar nicht ganz.

Mit der V. Generalkonferenz des Lateinamerikanischen Bischofsrats 2007 in Aparecida, dessen Schlußdokument maßgeblich von Jorge Mario Kardinal Bergoglio, damals noch als Erzbischof von Buenos Aires geprägt wurde, rückte er in die erste Reihe der lateinamerikanischen Kirchenführer auf. Papst Franziskus registriere „genau“, daß es Kardinäle und Bischöfe gibt, die Aparecida nie erwähnen. Im Gegenzug ist von hohen Kirchenvertretern zu hören, daß sie die „Reformen von Franziskus“ nicht verstünden. Und überhaupt sei das „Modell Buenos Aires“ nicht einfach auf die gesamte Kirche anwendbar. Dabei handle es sich um „eine“ Erfahrung, aber nicht um „die“ Erfahrung der Kirche.

Aus dem lateinamerikanischen, besonders argentinischen Umfeld des Papstes ist dagegen schnell die Behauptung zur Hand, europäische Bischöfe, und überhaupt die westlichen Bischöfe, hätten die Angewohnheit, sich noch immer „fast wie Fürsten“ zu sehen.

Papst Franziskus scheint nichts zu unternehmen, dieses Auseinanderklaffen zwischen einem kulturhistorisch unterschiedlichen Kirchenverständnis auf Bischofsebene zu verhindern oder gar die beiden Denkweisen zusammenführen zu wollen.

Franziskus „el jesuita“ sucht immer neue Wege, um das gesteckte Ziel zu erreichen

Franziskus ist allerdings ganz Jesuit, weshalb er die gesteckten Ziele auf den jeweils gangbarsten Weg anstrebt. Wird der Widerstand gegen einen Weg zu groß, beharrt er nicht darauf, weicht vielmehr zurück und sucht nach einem anderen Weg, um dasselbe Ziel anzupeilen. Dieser Vorgang wiederhole sich unermüdlich, solange, bis das gesteckte Ziel erreicht ist. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Ziel aufgegeben werde, sei ziemlich gering, denn es setze voraus, daß das Ziel als falsch erkannt wird.

Ein konkretes Beispiel: Als Papst Franziskus nach Rom kam, wollte er die Römische Kurie radikal verändern und weitgehend auflösen. Inzwischen mußte er erkennen, daß dieses Ziel so nicht erreichbar ist. Da er der bestehenden Kurie aber weiterhin nicht vertraut, hat er sich innerhalb der Römischen Kurie seine eigene „Kurie in reduzierter Form“ geschaffen.

Der weiterbestehenden Gesamtkurie las er im Gegenzug in seiner Weihnachtsbotschaft 2014 die „Leviten“. Deutlicher hätte seine Mißbilligung einer ganzen Institution nicht ausfallen können. Manche Vatikanisten waren der Meinung, der Papst habe dadurch sein eigenes Pontifikat unterminiert. Doch Franziskus sieht es anders. Auf diesen Teil der Kurie stützt er sich ohnehin nicht. Seine Kurie ist ein kleiner Teil davon, eine real existierende Parallelkurie.

Papst mit eigener Parallel-Kurie – Cursus honorum: Guthaben mit Rücktritt Benedikts XVI. annulliert

In den bisherigen Vorbereitungen der mehrfach angekündigten Öko-Enzyklika bediente sich Franziskus nicht der Kurie. Vielmehr erfolgte die ganze Vorarbeit an der Kurie vorbei. Er konsultierte von ihm persönlich, hauptsächlich jedoch von seinem Beraterstab ausgewählte Persönlichkeiten und Fachexperten. Für die Niederschrift ließ er seinen Ghostwriter aus Buenos Aires einfliegen. Titularerzbischof Victor Manuel Fernandez hatte auf Anweisung Bergoglios, bereits maßgeblich das Schlußdokument von Aparecida verfaßt. Der Text soll in den vergangenen Wochen einer erneuten Überarbeitung unterzogen worden sein. Die Vertrauenspersonen, die im Auftrag des Papstes Hand anlegten, blieben aber dieselben.

Und was die Bischöfe anbelangt, setzt Franziskus nicht auf strukturelle Veränderungen, sondern auf eine radikale Veränderung des cursus honorum. „So als wären alle Guthaben nach dem Rücktritt von Benedikt XVI. annulliert worden“, so der Corriere della Sera.

„Isolierter“ Papst oder Selbstisolation?

Sich mehrende Stimmen von einem „isolierten“ Papst beziehen sich nicht auf mangelnde Unterstützung des Papstes durch Diözesanbischöfe oder Kurienvertreter, sondern auf eine Form von Selbstisolation. Es ist der Papst, der die traditionellen Hierarchien der Kirche übergeht und die gewohnten Entscheidungswege im Vatikan ignoriert. „Ich weiß nicht, wie lange es dem Papst gelingen wird, die Prozesse zu lenken und zu beherrschen, die er in Bewegung gesetzt hat“, zitiert der Corriere della Sera einen namentlich nicht genannten „besorgten europäischen Kardinal“. Man habe es bei der Bischofssynode vom vergangenen Oktober gesehen. Der Papst „lief Gefahr, daß sie seiner Hand entgleitet“, so derselbe Kardinal.

Stärker verbreitet ist eine andere Sorge. Indem der Papst immer wieder auf alle in der Kirche mit dem Finger zeigt, stärke Franziskus zwar sich selbst, schwäche aber die Kirche. Franziskus habe das Image der Kirche geändert. Konflikte wie Vatileaks, Vatikanbank, Pädophilie würden heute weit weniger traumatisch empfunden, als unter seinem Vorgänger. Auf internationaler Ebene sei die Kirche in politischen Fragen aktiver denn je, von der Ukraine über den Nahen Osten bis Kuba. Auf den Hinweis, daß es viele in der Kirche gibt, auch an führender Stelle, die die Reformpläne des Papstes nicht verstehen, wird vom Umfeld des Papstes mit einer standardisierten Behauptung gekontert: Das würden nur jene sagen, die nichts ändern wollen.

Francesco Kardinal Montenegro
Francesco Kardinal Montenegro

Blitzkarrieren: Vom unbekannten Provinzbischof zum Kardinal

Der Papst versucht Brüche und Klüfte, die sich auftun, weil sein Handeln von einem Teil der Kirche – trotz Bemühungen – nicht verstanden wird, mit seinem Charisma zu überspielen. Wie lange diese möglich sein wird, deutet auch der Corriere della Sera als offene Fragen an. Vor allem gebe es zwischen dem Papst und vielen Bischöfen keine Übereinstimmung in der Sprache.

Wer wendiger ist, wie der Erzbischof von Agrigent, Francesco Montenegro, zu dessen Bistum auch die auf ambivalente Weise schlagzeilenträchtige Einwandererinsel Lampedusa gehört, kann unter Papst Franziskus über Nacht eine kometenhafte Karriere vom unbekannten Provinzbischof zum Kardinal machen und damit den künftigen Papst mitbestimmen, theoretisch sogar selbst ein Anwärter auf die Nachfolge des Petrus sein.

Das Schattenkabinett von Santa Marta

Diese launenhaften Personalentscheidungen verstärken die Kluft zwischen dem „Volkspapst“ (Corriere della Sera) und den Bischöfen. Letztere fühlen sich von der alles überschattenden Gestalt von Franziskus deklassiert. So sagen sie es nicht. Sie beklagen jedoch den Versuch des Papstes, auf Nachfrage ziemlich offen, die Weltkirche mit Hilfe eines Schattenkabinetts in Santa Marta zu regieren. Nicht allen scheint dabei bewußt zu sein, daß diese Kritik auch bedeutet, daß der Umzug des Papstes aus dem Apostolischen Palast nach Santa Marta mehr als nur eine Demutsgeste war, die ihm viel Sympathien in den Medien und bei den Menschen verschaffte. Santa Marta stünde dann nämlich nicht nur für einen virtuellen, sondern für einen tatsächlichen Bruch zwischen dem Papst und der Römischen Kurie.

Papst Franziskus macht immer neue Baustellen auf, doch die dadurch entstehenden innerkirchlichen Probleme und Brüche scheinen ihn selbst in keiner Weise zu bekümmern. Es scheint, als wären die ständige Unruhe, das Unbehagen und eine latente Unzufriedenheit für ihn Mittel der Regierung. Unbehaglich fühlen sich auch zwei Jahre, zwei Monate und zwei Wochen nach seinem Amtsantritt vor allem die Kritiker des argentinischen Papstes. Franziskus selbst scheint sein Pontifikat weiterhin buchstäblich zu genießen.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Corriere della Sera/Angelo Gelo

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5 Comments

  1. Ein Teil des Problems wird hier deutlich angesprochen: es sind die zur Zeit offenkundig kaum zu überbrückenden Differenzen zwischen den verschiedenen Mentalitäten, Erfahrungen und
    der Geschichte Europas und Lateinamerikas. Dazwischen würde ich die Nordamerikaner ansiedeln.

    Der Papst meint wohl, daß Europa irgendwie seine große Zeit hinter sich habe. Trotz seiner italienischen Wurzeln ist J.M. Bergoglio durch und durch Lateinamerikaner. Er fühlt sich als Unterdrückter, der für ganz Lateinamerika spricht und sich nun „rächt“. Ich würde sagen: Gott sei Dank, denn mit Südamerika haben wir zuviel gemeinsam. Das kann auch kein Papst Franziskus ignorieren. Was wäre, wenn „uns“ ein Araber oder Inder oder Chinese vorführen würde?!

    In der Tat sind ja die „Werte“ Europas am Sinken. Europa liegt im Todeskampf- das sieht jeder: Dekadenzen aller Art wie auch der Niedergang des Glaubenslebens und nun die Überflutung mit Menschen aus Asien und Afrika sind Zeichen genug.

    Ich denke, daß Papst Franziskus gute Ratschläge durchaus berücksichtigt, wenn diese auch nicht immer sichtbar in seinem Reden und Handeln Niederschlag finden. Was er sicher nicht mag, ist „europäische“ Besserwisserei. Aber wenn man ihm in Demut und Liebe begegnet, hört er sicherlich zu.

  2. Bei Papst Benedikt hieß es im Mainstream, er sei „einsam und verlassen“ im Vatikan.
    Bei ehrlichem Hinsehen stellte sich aber heraus, dass er gerne mehr Ruhe gehabt hätte, und viele, viele (wenn auch nicht die Mehrheit) wahre, gute Freundschaften pflegte.

    Bei Bischof-von-Rom Franziskus heißt es im Mainstream, dass alle ihn lieben, und er alle liebt… Doch wie einsam und verlassen wohl sein Herz ist (was wahre, gute Freundschaften angeht, nicht Zweck-Bündnisse), das weiß nur Gott allein…

  3. Ein merkwürdiger Artikel!
    Bei Benedikt hatten wir so viel Mitleid und spekulierten so gerne darüber, dass der Ärmste von Wölfen umgeben sei – also: falschen Bischöfen.
    Warum sollte sich daran etwas geändert haben, wenn es so war?
    Das Verhalten F.s, vorausgesetzt die Beschreibung stimmt, zeugt doch für berechtigtes Misstrauen, allgemeinen Okkultismus und einen einzigen Intrigantenstadl.
    Das hat nichts mit Kontinenten zu tun, sondern mit faktischen Netzwerken, die ja wohl nicht aus nationalistischen Gründen, sondern aus geistigen Gründen bestehen!
    Unabhängig davon, wo F. theologisch steht und ohne ihn damit theologisch zu rechtfertigen sage ich das!

    • Ich gebe Ihnen recht, daß es Netzwerke gibt…
      Aber dennoch würde ich ebenfalls betonen, daß der Papst soz. die Kirche aus südamerikanischer Perspektive betrachtet. Denn die Kirche wurde geschichtlich weithin europäisch geprägt- wie auch sonst?, aber da läßt sich nicht alles 1 zu 1 übertragen. Die Kirche ist die Eine und die Lehren sind unteilbar, aber die Erfahrungen der Menschen sind in verschiedenen kulturellen Kontexten dennoch etwas unterschiedlich. Und somit sind auch auch die „heißen Eisen“ von Kontinent zu Kontinent wie auch schon von Land zu Land durchaus verschieden.

      Was ich noch sagen will, ist, daß man dem Papst respektvoll begegnen sollte. Ich hatte das bei Ihnen vermißt und hatte mich da selbst auch im Ton, in manchen Worten Ihnen gegenüber vor kurzer Zeit vergriffen. Da möchte ich hiermit einige dieser Ausdrücke zurücknehmen und Sie um Verzeihung bitten.

      • Franzel @ Natürlich soll man dem Papst respektvoll begegnen, das haben wir
        im Religionsunterricht so gelernt. Aber ein Papst muss sich als solcher erweisen,
        durch tun und reden ( lehren ) . Es genügt nicht, dass er nun einmal rechtlich
        gewählt ist, sondern er verkörpert in seiner Person die eine Weltkirche und muss
        so als Papst deutlich die Weltkirche leiten und vertreten. Ja sagt man “ der Hl.
        Geist “ leitet die Kirche ( oft auf Umwege ) , aber der Geist weht wo er will. Die
        Unruhe und Unklarheit in der Kirche muss man deutlich Papst Franziskus an-
        lasten. Das mit Kulturen und anderer Länder zu entschuldigen, führt an den Problemen “ heißen Eisen “ vorbei. Den von Kardinälen und Bischöfen ge-
        forderte Lockerung in der Lehre, muss ein Papst Kraft seines Amtes, deutlich
        eine Absage erteilen. Ab dann wird ein Papst respektvoll geliebt werden.

        Mit Segensgruß !

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