Patriarch Ignatius Joseph III.: „Diktatur, die Gesetze respektiert, besser als Islamistenherrschaft“

Patriarch Ignatius Joseph III. in Madrid
Patriarch Ignatius Joseph III. in Madrid

(Damaskus) Dramatische Worte zur Lage der Christen im Nahen Osten fand Ignatius Joseph III. Younan, Patriarch von Antiochien der mit Rom unierten Syrisch-Katholischen Kirche. „Eine Diktatur, in der das Gesetz respektiert wird, ist besser als ein islamistischer Totalitarismus.“ Demokratieverwöhnten westlichen Ohren mag das befremdlich klingen, doch im Nahen Osten geht es ums nackte Überleben.

Der syrisch-katholische Patriarch von Antiochien sprach beim Kongreß #WeAreN2015 – Wir alle sind Nazarener für verfolgte Christen in Madrid. „Im Nahen Osten sind Teile des Volkes gegen die Christen aufgebracht, weil die Christen als Verbündete des Westens gesehen werden“, so Ignatius Joseph III. Das entbehre nicht „einer bitteren Ironie“, so der Patriarch, „weil wir Christen uns vom Westen im Stich gelassen fühlen“.

Am Rande des Kongresses sollte später ein Mitarbeiter des Patriarchen sogar von einer „tödlichen Ironie“ sprechen, denn „im Nahen Osten sterben Christen wegen der westlichen Regierungspolitik, der die Christen gleichgültig sind“. Auf Nachfrage, was die westliche Regierungspolitik mit Islamisten zu tun habe, die Christen ermorden, sagte er: „Das Klima, in dem Islamisten morden, mußte erst geschaffen werden und auch an der Entfesselung des Islamischen Staates ist der Westen nicht unschuldig.“

„Christen sind im Irak und in Syrien zu Geiseln geworden“

Die Christen „sind im Irak und in Syrien zu Geiseln geworden“. Sie sind ein „leichtes Ziel“ und „am verwundbarsten“ inmitten eines Bruderkrieges zwischen islamischen Gruppen. Die Lage im Nahen Osten sei „hochkomplex“. Es gebe zu viele Akteure, die sich von außen einmischen würden. „Die christliche Gemeinschaft bildet dabei die demographisch verwundbarste Gruppe“. Sie sei „zum leichten Ziel für die islamistischen Angriffe geworden. Das vergangene Jahr ist das schrecklichste Jahr für die Christen in der jüngsten Verfolgung gewesen, im Irak wie in Syrien“, so der Patriarch.

Die Christen des Nahen Ostens seien in den vergangenen Jahrzehnten zwar Einschränkungen unterworfen gewesen, doch hätten sie im Vergleich zu heute sowohl im früheren Irak als auch in Syrien ein respektiertes und eigenständiges Leben führen können: „Eine Diktatur, in der das Gesetz respektiert wird, ist besser als ein islamistischer Totalitarismus“, so Ignatius Joseph III. in Anspielung auf die Lage der Christen in Syrien unter der Regierung Assad, ohne diese zu nennen.

Enttäuschung über Westen, dem Christen „egal“ sind

Die geordneten Verhältnisse unter dem Alawiten Assad seien das genaue Gegenteil dessen, was die „Mordbanden“ der Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) gebracht hätten. Aus dem Mund von Mitarbeitern des Patriarchen bekommen dessen Worte am Rande des Kongresses in persönlichen Gesprächen eine deutlichere Note. Sie halten auch mit Zorn über den Westen nicht zurück. „Nicht über den Westen, nicht die Christen“, aber über die westlichen Regierungen sei man verärgert und von ihnen enttäuscht. „Sie mischen sich inoffiziell im Nahen Osten ein und sagen offiziell aber etwas ganz anderes. Die Konsequenzen für die Christen des Nahen Ostens sind ihnen egal. Und die Moslems sagen dann: ‚Ihr seid die Komplizen des Westens.‘ Das sind wir aber nicht! Wir haben keinen Einfluß auf die westliche Politik. Wir sind Opfer der Islamisten, aber wir sind auch Opfer einer westlichen Politik, die keine christliche Politik ist.“

„Islamischer Staat von reichen Petrodollar-Staaten finanziert“

Im Gegensatz zu seinen Mitarbeitern bemühte sich der Patriarch um Zurückhaltung in seinen Worten. In einem Punkt wurde er jedoch deutlich: „Die Dschihadisten rekrutieren von überallher ihre Kämpfer. Finanzielle Unterstützung bekommen sie aber aus den reichen Petrodollar-Staaten.“ Eine unzweideutige Anspielung auf die IS-Finanzierung durch die sunnitisch regierten Golfmonarchien.

„Aufgabe des Westens muß es sein, zur Versöhnung aufzurufen und die verschiedenen islamischen Gruppen zu einem wirklichen Dialog zu bewegen.“ Das sei der einzige Weg, um das Leben und Überleben der Christen in diesen Ländern zu retten, so der Patriarch.

In Syrien kein Bürgerkrieg, sondern ausländischer Versuch die Regierung Assad zu stürzen

Patriarch Ignatius Joseph III., 1944 in Hassaké in Syrien geboren, ist seit 2009 Patriarch von Antiochien und der Syrer mit Sitz in Beirut. Er gehört zu den wichtigsten Stimmen der verfolgten Christen im Nahen Osten. Der Patriarch spricht neben Aramäisch, der Sprache Jesu, auch Arabisch, Englisch, Französisch, Türkisch, Italienisch, Latein und Deutsch.

Seit Ausbruch der Unruhen in Syrien erhebt er seine Stimme, um den Westen aufzufordern, die Anti-Assad-Rebellen nicht zu unterstützen. Hinter dem Konflikt, der den Islamischen Staat (IS) groß werden hat lassen, sieht er primär den Versuch ausländischer Mächte, die Regierung Assad zu stürzen. Die verschiedenen syrischen Gruppen würden lediglich mißbraucht worden, um den Eindruck eines „Bürgerkriegs“ zu erwecken.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: InfoVaticana

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4 Comments

  1. Welch ein undurchschaubares Chaos!
    Eines aber dürfte nach diesen Aussagen – die ich ernstnehme, weil sie vernünftig sind und ohne diese platten Verschwörungstheorien auskommen – sicher sein: die Einflussnahme westlicher Mächte (wer immer das eigentlich ist) ist auf den orientalischen Raum erheblich größer und verheerender als umgekehrt der islamische Einfluss auf den Westen.

    Diesen Gedanken des Patriarchen gemäß sollte man weniger die „Islamisierung des Abendlandes“ fürchten als die Zerstörung des Orients durch anti- oder pseudochristliche westliche und europäische (auch russische) Einflussnehmer.

  2. Da ist mir ein superschlauer Computer dazwischen gefahren.

    Eine Diktatur spielt ihre Regeln. Das kann man an Nationalsozialismus, Sozialismus, Kommunismus und Genderismus eindeutig nachvollziehen.

    Haben Sie nicht gesehen, was dabei herauskommt, wenn die USA einen „Kreuzzug“ für Demokratie starten?

    Demokratie ist nicht die beste Regierungsform.
    Gab es je einen König, der einen erheblichen Teil seiner zukünftigen Untertanen der Willkür ihrer Erzeuger preisgab?

    In der Demokratie gibt der Pöbel die Marschrichtung vor.

    Wem dienen die Medien, der Vernunft???

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