Der „Islamische Staat“ (IS), Al-Azhar, der Vatikan und die Politik des Westens

Abu Bakr al-Baghdadi
Abu Bakr al-Baghdadi

(Rom/Kairo) Wie unzählige andere Medien berichtete auch der Osservatore Romano am vergangenen 6. Februar auf der Titelseite über die Reaktion der Al-Azhar-Universität von Kairo, der anerkanntesten, aber nicht verbindlichen Autorität des sunnitischen Islam, zu den brutalen Verbrechen der Dschihadisten des Islamischen Staates (IS). In Al-Azhar werden sunnitische Imame und islamische Religionsführer der ganzen Welt ausgebildet.

Der Osservatore Romano titelte: „Islam contro l’Is“ (Islam gegen den IS). Die Schlagzeilen anderer Medien lauteten: „Terrorismus: Ägyptische Universität ruft zur ‚Kreuzigung‘ von IS-Kämpfern auf“ (Die Zeit); „Al-Azhar-Universität: IS-Terroristen auf gleiche Art bestrafen“ (Stern); „Fatwa fordert Kreuzigung von IS-Terroristen“ (ORF); „Ägypten: Großiman verurteilt ‚Islamischen Staat‘“ (Radio Vatikan).

Bereits am 3. Januar hatte der Osservatore Romano im Zusammenhang mit einer Aufforderung von Ägyptens Staatspräsident al-Sisi an die Al-Azhar-Universität getitelt: „Rivoluzione religiosa contro il fanatismo“ (Religiöse Revolution gegen den Fanatismus).

Was der Osservatore Romano nicht schrieb

Osservatore Romano: Al-Azhar gegen "Islamischen Staat" IS
Osservatore Romano: Al-Azhar gegen „Islamischen Staat“ (IS)

Was der Osservatore Romano nicht schrieb, ist, daß der seit 2010 amtierende Großscheich von Al-Azhar, Ahmad Mohammad al-Tayyeb, für die Kämpfer des Islamischen Staates (IS) nichts mehr und nichts weniger als „den Tod oder die Kreuzigung oder die Amputierung der Hände und Füße“ forderte. Der Al-Azhar-Scheich forderte damit genau das, was die Dschihadisten ihren Opfern antun, nämlich die Strafen, die „vom Koran vorgeschrieben“ sind.

Vor allem die Forderung nach Kreuzigung weckt bei Christen zweifelhafte Gefühle. Dieses alttestamentliche „Aug um Auge“ und die Hinrichtungsarten wurden von der Vatikanzeitung deshalb sicherheitshalber unter den Tisch gekehrt. Schließlich möchte man gerne eine geneinsame Haltung von Kirche und Moschee suggerieren.

Vor allem der Titel führt in die Irre. Er will den falschen Eindruck vermitteln, als stünde auf der einen Seite „der“ Islam und auf der anderen Seite eine Terrororganisation, die mit dem Islam nichts zu tun habe. So möchte es der Westen, und offensichtlich auch der Vatikan, gerne sehen. Nichts ist aber falscher als das.

Al-Azhar verharrt in „Logik der Gewalt“ und folgt nicht Empfehlung Benedikts XVI.

Aus demselben Grund veröffentlichte der Osservatore Romano auch nicht, was zur selben Zeit der Moslem Khaled Fouad Allam in der Tageszeitung Avvenire der Italienischen Bischofskonferenz schrieb. Dabei war Allam sogar schon für ganz kurze Zeit Leitartikler der Vatikanzeitung gewesen. Der Moslem kritisierte die Al-Azhar-Erklärung als „fundamental falsch“. Sie sei Gefangene jener „Logik der Gewalt“, die der Religionsanthropologe René Girard einer vernichtenden Kritik unterworfen hat.

Der Osservatore Romano erwähnte auch nicht, daß Al-Azhar bis heute nicht den Dialog mit der Kirche von Rom wiederaufgenommen hat, den sie Anfang 2011 einseitig aus Protest aufgekündigt hatte, weil Papst Benedikt XVI. öffentlich für die Opfer des blutigen Attentats auf eine koptische Kirche in Alexandria in Ägypten gebetet hatte. Für Großscheich al-Tayyeb sei das ein Affront gegen den Islam gewesen, denn laut seiner bis heute nicht korrigierten Logik ist immer der Papst schuld.

Al-Azhar geht mit ihrer Fatwa gegen den Islamischen Staat (IS) nicht den Weg der Vernunft, den Benedikt XVI. der islamischen Welt mit seiner Regensburger Rede empfohlen hat, aber auch nicht den Weg der „friedlichen Revolution“, den jüngst Ägyptens Staatspräsident General al-Sisi von den Islam-Gelehrten von Al-Azhar forderte. Die bekannteste Imam-Ausbildungsstätte  des sunnitischen Islams bleibt der Gewaltlogik des Koran verhaftet. Wo aber liegt letztlich genau der Unterschied zwischen den kreuzigenden Moslems des Islamischen Staates (IS) und den kreuzigenden Moslems von Al-Azhar?

Aus welcher Perspektive führt westliche Politik „Kampf der Kulturen?

Wenige Tage zuvor hatte der neue linkskatholische italienische Staatspräsident Sergio Mattarella am 3. Februar seine Antrittsrede vor dem Parlament gehalten. Dabei sagte er ,die in zahlreichen Staaten stattfindende Islamistenoffensive sei gefährlicher als der „Kampf der Kulturen“ (Samuel Huntington). Mattarella nannte beispielhaft für die islamische Gewalt die Ermordung des jüdischen Jungen Stefano Taché, der 1982 vor der Synagoge getötet worden war. „Er war erst zwei Jahre alt, es war ein Kind von uns, ein italienisches Kind.“

Damit stellte das neue Staatsoberhaupt allerdings eine umstrittene Gleichung auf, die einer spezifischen Parteinahme für den Staat Israel gleichkommt. Der aber ist selbst Partei im Nahost-Konflikt und hat wesentlichen Anteil am Entstehen des „Kampfes der Kulturen“ mit jenem zunehmend gewalttätiger werdenden Gegensatz zwischen der islamischen Welt und dem Westen. Soll der Westen und die christlichen Völker vor den Karren Israels gespannt werden? Warum fällt es der westlichen Politik so schwer, die christlichen Opfer zu erwähnen? Warum will sie den Abwehrkampf gegen die Islamisten an das Judentum koppeln? Das ist aus jüdischer Sicht verständlich und nützlich. Ist es das aber auch aus christlicher Sicht? Die Frage, warum heute im Nahen Osten, in Syrien und dem Irak so viele Christen sterben und flüchten müssen, ist berechtigt und sollte auch von der Politik gestellt und beantwortet werden.

„Globale Bedrohungen fordern globale Antworten“

Neo-Präsident Mattarella lenkte dann auf die Lösungsebene um: “Auf globale Bedrohungen braucht es globale Antworten. Ein so schwerwiegendes Phänomen kann man nicht bekämpfen, indem man sich in die kleine Festung der Nationalstaaten zurückzieht. Die Haßprediger und jene, die Mörder rekrutieren, gebrauchen Internet und moderne Kommunikationsmittel, die sich ihrer Natur wegen einer territorialen Dimension entziehen. Die internationale Gemeinschaft muß alle ihre Ressourcen aufbieten. Mit meinem Gruß an das bei der Republik akkreditierte Diplomatische Corps möchte ich die Hoffnung auf eine intensive Zusammenarbeit in diese Richtung zum Ausdruck bringen. Der Kampf gegen den Terrorismus ist mit Entschlossenheit, Intelligenz und Unterscheidungsfähigkeit zu führen. Ein anspruchsvoller Kampf, der von der Sicherheit ausgehen muß: Der Staat muß das Recht der Bürger auf eine ruhiges und angstfreies Leben sicherstellen.“ Was aber bedeutet das für die nationale Souveränität? Fragen die ausgeblendet werden, während sich die Bevölkerung durch brutale Attentate wie jenem von Paris in Schockstarre befindet.

Offener Brief an „Kalif al-Baghdadi“ von Moslems, die in islamischer Welt kein Gewicht haben

Gegen den Islamischen Staat (IS) haben sich auch einige Moslems zu Wort gemeldet. In einem offenen Brief „an Dr. Ibrahim Awwad al-Badri, alias Abu Bakr al-Baghdadi“ werfen sie dem Anführer des Islamischen Staates (IS) „eine falsche Interpretation des Islams“ vor.

In Italien wurde der offene Brief von der jüngsten Ausgabe der linkskatholischen Zeitung Il Regno – Documenti veröffentlicht samt einem Neuabdruck der Antworten von 138 Islam-Gelehrten auf die Regensburger Rede von Benedikt XVI. Der nicht erwähnte Unterschied liegt allerdings darin, daß im Gegensatz zu 2007 der heutige offene Brief fast ausschließlich von Moslems unterzeichnet wurde, die im Westen leben und dem von westlichen Regierungen alimentierten akademischen Betrieb entstammen. Und die vor allem aber in den moslemischen Staaten weder Gewicht haben noch Gehör finden.

Text: Andreas Becker
Bild: Wikicommons/Osservatore Romano (Screenshot)

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2 Comments

    • König Abdullah ist mir suspekt, weil er eine führende Rolle in der interreligiösen Agenda spielt.
      Andererseits scheint Jordanien das einzige arabische Nachbarland Israels zu sein, das – wenn man die alttestamentlichen Propheten wörtlich nimmt – in den Endzeitkriegen nicht zerstört wird und den Juden Zuflucht bieten wird (Stichwort „Petra“).

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