Wie Benedikt XVI. doch an Bischofssynode teilnimmt und Kasper widerspricht

Benedikt XVI.
Benedikt XVI.

(Rom) Im innerkirchlichen Ringen um die „neue Barmherzigkeit“, die Kardinal Walter Kasper mit Wohlwollen des regierenden Papstes postulierte, korrigierte der emeritierte Papst Benedikt XVI. einen Aufsatz aus dem Jahr 1972. Grund dafür war, daß Kasper den Aufsatz zur Stützung seiner Thesen zitiert hatte. Dieses Hausieren war ein dialektischer Schachzug, um Gegner weniger inhaltlich, dafür aber mit dem Namen von Joseph Ratzinger zu entwaffnen und Wasser auf die eigenen Mühlen zu lenken.

Auf diese Weise nimmt Benedikt XVI. (indirekt) doch an der Doppel-Synode 2014/2015 teil. Ermöglicht wurde es ihm ausgerechnet von Kardinal Kasper. Der emeritierte Papst tut es auf seine leise Art in der festen Überzeugung, daß das Aufzeigen der erkannten Wahrheit auch andere überzeugt, wenn sie bereitwillig hören wollen.

Unterdessen zeigte sich Kardinal Angelo Scola sicher, daß Papst Franziskus wiederverheiratet Geschiedene nicht zur Kommunion zulassen werde.

Die Haltung von Kardinal Ratzinger und Papst Benedikt XVI. zur Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene ist bekannt und eindeutig. Er formulierte sie mehrfach sowohl als Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation und dann als Kirchenoberhaupt.

Kaspers Trumpfkarte bei Kardinalskonsistorium

Ratzingers Landsmann Walter Kasper machte jedoch eine Entdeckung, die er als Trumpfkarte im Ärmel behielt. Der Theologe Ratzinger, damals Professor in Regensburg, hatte 1972 einen Aufsatz zu einem Sammelband über Ehe und Scheidung beigesteuert.

Kasper zückte die Karte vergangenen Februar in seiner Rede vor dem Kardinalskonsistorium, das Papst Franziskus einberufen hatte, um mit Blick auf die bevorstehende Bischofssynode über das Thema Familie zu sprechen.

Kardinal Kasper und Papst Franziskus bei der Bischofssynode 2014
Kardinal Kasper und Papst Franziskus bei der Bischofssynode 2014

Der Schwerpunkt von Kaspers Ausführungen galt der Wiederzulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zur Kommunion. Die Urkirche zeige auch heute die Richtung, auf die bereits „der Professor Joseph“ 1972 hingewiesen hatte. Mit einem Nebensatz lenkte der deutsche Kardinal auf Joseph Ratzinger über, den er – auf Wirkung hoffend – zum Kronzeugen seiner „neuen Barmherzigkeit“ erhob.

Der damals 45jährige Theologe Ratzinger schrieb tatsächlich, daß die Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene unter bestimmten Bedingungen völlig in Übereinstimmung mit der Tradition der Kirche erscheine und besonders mit jener Art von Ablaß, der bei Basilius erkennbar werde, wo nach einer längeren Bußzeit jenen, die in einer Zweitehe leben, ohne Annullierung derselben die Kommunion gewährt wird im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, der die Buße nicht unbeantwortet läßt. Ratzingers Aufsatz „Zur Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe“ wurde im Sammelband „Ehe und Ehescheidung. Diskussion unter Christen“, hrsg. von Franz Henrich und Volker Eid, Katholische Akademie München, München 1972 veröffentlicht.

Klare Haltung des Glaubenspräfekten Ratzinger

Der Aufsatz war das erste und einzige Mal, wo der Theologe Ratzinger eine „Öffnung“ gegenüber wiederverheiratet Geschiedenen in Erwägung zog. Dann kehrte er ganz auf die Linie der überlieferten Lehre zum Ehesakrament zurück, wie sie Johannes Paul II. bekräftigte, und wurde zum entschiedenen Verfechter eines Kommunionverbots. Als Glaubenspräfekt hatte er wesentlichen Anteil, die Ehelehre argumentativ abzustützen. So vor allem durch die Unterschrift unter das Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über den Kommunionempfang von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen vom 14. September 1994, mit dem der Heilige Stuhl die Thesen zugunsten der Kommunion für die wiederverheiratet Geschiedenen zurückwies, die damals von einigen deutschen Bischöfen vertreten wurden, darunter mit lauter Stimme auch von Walter Kasper als Bischof von Rottenburg-Stuttgart.

1998 verfaßte Ratzinger als Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation den Aufsatz „Die Ehepastoral muß auf der Wahrheit gründen. Zu einigen Einwänden gegen die kirchliche Lehre über den Kommunionempfang von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen“, der vom Vatikanverlag Casa Editrice Vaticana im Band 17 der Schriftenreihe der Glaubenskongregation Documenti e Studi (S. 20-29) veröffentlicht wurde. Als Papst Benedikt XVI. ließ er den Aufsatz am 29./30. November 2011 vom Osservatore Romano ergänzt und in mehreren Übersetzungen, darunter auch Deutsch, erneut publizieren. Der Aufsatz stellte ante eventum bereits die Antwort auf die Rede von Kardinal Kasper vor dem Kardinalskonsistorium 2014 dar. Die Neuveröffentlichung zeigt, daß die „neue Barmherzigkeit“ bereits damals, in der Öffentlichkeit weniger beachtet, an die Tore des Vatikans klopfte. Ausreichend heftig, daß Benedikt XVI. mit seinen sensiblen Fühlern den Ansturm zu ahnen schien und frühzeitig auf seine Art, der argumentativen Überzeugungsarbeit, gegenzusteuern versuchte.

Hinzukommen die lehramtlichen Aussagen von Papst Benedikt XVI., mit denen er im Zusammenhang mit der Seelsorge für wiederverheiratet Geschiedene das Kommunionverbot mehrfach bekräftigte.

Kaspers Rede ausschlaggebend für Überarbeitung

Gesammelte Schriften
Gesammelte Schriften

Die Rede von Kardinal Kasper vor den Kardinälen war der ausschlaggebende Grund für den emeritierten Papst, erneut seinen in Vergessenheit geratenen Aufsatz von 1972 in die Hand zu nehmen und Hand daran zu legen. Als Kronzeuge für die „neue Barmherzigkeit“ Kaspers wollte er sich nicht mißbrauchen lassen. Kaspers Hinweis auf den Aufsatz von 1972 unterschlug alle anderslautenden nachfolgenden Äußerungen Joseph Ratzingers und vermittelten damit ein völlig falsches Bild. Ein gewiefter Schachzug Kaspers zugunsten seiner Thesen und gleichzeitig ein in seiner Verkürztheit unredlicher Seitenhieb gegen Benedikt XVI. Die schrittweise Herausgabe der Gesammelten Schriften bot dem emeritierten Papst den geeigneten Rahmen, den korrigierten Aufsatz von 1972 neu zu veröffentlichen und den Bestrebungen Kaspers einen Riegel vorzuschieben.

Die Gesammelten Schriften sind thematisch in Bänden geordnet. Im soeben bei Herder erschienenen Band IV (insgesamt der neunte bisher erschienene) findet sich auch der Aufsatz von 1972 in korrigierter und erweiterter Fassung. Der Aufsatz wurde damit in Einklang mit seiner seither gültigen Haltung gebracht.

Die Chronologie der Ereignisse wird vollends deutlich, wenn man weiß, daß Kasper seine umstrittene Rede im Februar 2014 hielt und Benedikt XVI. den überarbeiteten Aufsatz einen Monat später als letzten Beitrag des bereits für die Drucklegung zusammengestellten neunten Bandes ablieferte.

Im jüngsten Band der Gesammelten Schriften wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß der Beitrag von 1972 vom Autor völlig überarbeitet wurde (Joseph Ratzinger /Benedikt XVI. Gesammelte Schriften, Band 4: Einführung in das Christentum. Bekenntnis, Taufe, Nachfolge, Verlag Herder, Freiburg 2014).

Die Herder-Korrespondenz stellte in ihrer jüngsten Ausgabe (Herder Korrespondenz 68 (2014), Heft 12, S. 609-612) die entscheidenden Schlußfolgerungen der beiden Textversionen gegenüber:

Herder Korrespondenz Textversionen
Herder Korrespondenz Textversionen

Schlußfolgerungen 2014

(…) Die Kirche ist die Kirche des Neuen Bundes, aber sie lebt in einer Welt, in der „die Sklerose des Herzens“ (Mt 19, 8) fortbesteht, die Mose zu seiner Gesetzgebung veranlasst hatte. Was kann sie da konkret tun, besonders in einer Zeit, in der sich der Glaube bis ins Innere der Kirche hinein immer weiter verdünnt und „das Leben wie die Heiden“, vor dem der Herr die Jünger warnt (vgl. Mt 6, 32), immer mehr zum Normalfall zu werden droht? Das Erste und Wesentliche kann nur sein, dass sie eindringlich und verstehbar die Botschaft des Glaubens verkündigt und Räume zu öffnen versucht, wo er wirklich gelebt werden kann. Die Heilung der „Sklerose des Herzens“ kann nur vom Glauben kommen, und nur wo er lebendig ist, kann gelebt werden, was der Schöpfer dem Menschen vor der Sünde zugedacht hatte. Deshalb ist das Erste und Wesentliche, was die Kirche zu tun hat, den Glauben lebendig und stark zu machen.

Zugleich muss die Kirche immer wieder versuchen, die Grenze und die Weite der Worte Jesu auszuloten. Sie muss dem Auftrag des Herrn treu bleiben, darf ihn aber auch nicht überdehnen. Mir scheint, dass die sogenannten Unzuchtsklauseln, die Matthäus an die bei Markus überlieferten Herrenworte angefügt hat, bereits ein solches Mühen spiegeln. Es wird ein Falltypus genannt, der vom Wort Jesu nicht betroffen ist. Solches Mühen ist die Geschichte hindurch weitergegangen. Die Kirche des Westens hat unter der Führung des Petrusnachfolgers sich nicht dem Weg der byzantinischen Reichskirche anschließen können, die sich immer mehr dem weltlichen Recht angenähert und damit das Spezifische des Lebens im Glauben abgeschwächt hatte. Aber sie hat auf ihre Weise Grenzen der Anwendbarkeit des Herrenwortes herausgestellt und damit ihre Reichweite konkreter definiert. Dabei sind vor allem zwei Bereiche sichtbar geworden, die einer besonderen Lösung durch die kirchliche Autorität offenstehen.

1) In 1 Kor 7, 12–16 sagt der heilige Paulus – als seine persönliche Weisung, die nicht vom Herrn kommt, zu der er sich aber bevollmächtigt weiß – den Korinthern und durch sie der Kirche aller Zeiten, dass im Fall einer Ehe zwischen einem Christen und einem Nichtchristen diese dann gelöst werden kann, wenn der Nichtchrist den Christen in seinem Glauben behindert. Daraus hat die Kirche das sogenannte Privilegium paulinum abgeleitet und in ihrer Rechtstradition immer weiter interpretiert (vgl. CIC cann. 1143–1150). Aus den Worten des heiligen Paulus hat die kirchliche Tradition erschlossen, dass nur die Ehe zwischen zwei Getauften wirkliches Sakrament und daher absolut unauflöslich ist. Ehen zwischen einem Nichtchristen und einem Christen sind zwar Ehen nach der Schöpfungsordnung und damit in sich endgültig. Aber sie können zugunsten des Glaubens und einer sakramentalen Ehe geschieden werden. Die Tradition hat dieses „paulinische Privileg“ schließlich zum Privilegium petrinum erweitert. Damit soll gesagt werden, dass dem Petrusnachfolger die Vollmacht gegeben ist, im Bereich der nichtsakramentalen Ehen zu entscheiden, wo Trennung gerechtfertigt ist. Dieses sogenannte Privilegium petrinum ist allerdings nicht in den neuen Kodex eingegangen, wie ursprünglich beabsichtigt war. Dies lag an dem Dissens zwischen zwei Gruppen von Fachleuten. Die eine betonte, dass das Ziel des ganzen Kirchenrechts, sein innerer Maßstab das Heil der Seelen ist. Daraus folgt dann, dass die Kirche das kann und darf, was diesem Ziel dient. Die andere Gruppe war hingegen der Meinung, man dürfe die Vollmachten des Petrusamtes nicht überdehnen und müsse sich an die vom Glauben der Kirche erkannten Grenzen halten. Da zwischen beiden Gruppen keine Einigung erzielt werden konnte, hat Papst Johannes Paul II. entschieden, diesen Teil der rechtlichen Gewohnheiten der Kirche nicht in den Kodex aufzunehmen, sondern weiterhin wie bisher der Glaubenskongregation anzuvertrauen, die zusammen mit der konkreten Praxis zugleich immer neu Grund und Grenze kirchlicher Vollmacht in diesem Bereich bedenken muss.

2) Im Lauf der Zeit ist immer deutlicher ins Bewusstsein getreten, dass eine scheinbar gültig geschlossene Ehe aufgrund rechtlicher oder faktischer Mängel beim Eheabschluss nicht wirklich zustande gekommen, also nichtig sein kann. In dem Maß, in dem die Kirche ein eigenes Eherecht entwickelt hat, hat sie auch die Bedingungen der Gültigkeit und die Gründe für eine mögliche Nichtigkeit detailliert entfaltet. Nichtigkeit der Ehe kann durch Fehler in der rechtlichen Form entstehen, vor allem aber auch durch eine unzulängliche Willensentscheidung. In ihrem Umgang mit der Wirklichkeit Ehe hat die Kirche sehr früh erkannt und klargestellt, dass Ehe als solche konstituiert wird durch die gegenseitige Willensübereinstimmung der beiden Partner, die in einer vom Recht zu definierenden Form auch öffentlich geäußert werden muss (CIC can. 1057 §1). Inhalt dieser gemeinsamenWillensentscheidung ist, sich mit einem unwiderruflichen Bund einander zu schenken (CIC can. 1057 §2; can. 1096 §1). Das kirchliche Recht setzt dabei voraus, dass erwachsene Menschen von sich aus, von ihrer Natur her wissen, was Ehe ist, und so auch um ihre Endgültigkeit wissen; das Gegenteil müsste ausdrücklich bewiesen werden (CIC can. 1096 §1 und §2).

An dieser Stelle hat in den letzten Jahrzehnten ein neues Fragen begonnen. Kann man heute noch voraussetzen, dass dieMenschen „von Natur“ aus um die Endgültigkeit und Unauflöslichkeit der Ehe wissen und in ihrem Ja mitbejahen? Oder ist nicht in der gegenwärtigen Gesellschaft, jedenfalls in den westlichen Ländern, eine Bewusstseinsänderung vor sich gegangen, die eher das Gegenteil erwarten lässt? Kann man den Willen zum Endgültigen als selbstverständlich voraussetzen, oder ist nicht eher das Gegenteil zu erwarten – dass man sich schon im Voraus auch auf ein Scheitern einstellt? Wo die Endgültigkeit bewusst ausgeschlossen würde, wäre eine Ehe im Sinn des Schöpferwillens und seiner Auslegung durch Christus nicht wirklich zustande gekommen. Hier wird auch sichtbar, wie wichtig eine rechte Vorbereitung auf das Sakrament heute geworden ist.

Die Kirche kennt keine Ehescheidung. Aber sie kann die Möglichkeit nichtiger Ehen nach dem eben Angedeuteten nicht ausschließen. Die Nichtigkeitsprozesse müssen in einer doppelten Richtung mit großer Sorgfalt geführt werden: Es darf nicht eine verkappte Ehescheidung daraus werden. Das wäre unehrlich und dem Ernst des Sakraments entgegengesetzt. Sie müssen andererseits die Problematik möglicher Nichtigkeit mit dem gebührenden Ernst betrachten und da, wo gerechte Gründe für Nichtigkeit sprechen, das entsprechende Urteil fällen und so diesen Menschen eine neue Tür auftun.

In unserer Zeit sind neue Aspekte des Problems der Gültigkeit aufgetreten. Ich habe vorhin schon darauf hingewiesen, dass das selbstverständliche Wissen um die Unauflöslichkeit der Ehe problematisch geworden ist und von hier aus sich für die Prozessführung neue Aufgaben ergeben. Zwei weitere neue Elemente möchte ich noch kurz anführen:

a) Can. 1095 Nr. 3 hat moderne Problematik ins Kirchenrecht eingetragen, wenn er sagt, unfähig eine Ehe zu schließen seien Personen, „die aus Gründen der psychischen Beschaffenheit die wesentlichen Verpflichtungen der Ehe nicht zu übernehmen imstande sind“. Die psychischen Probleme des Menschen werden gerade einer so großen Realität wie der Ehe gegenüber heute deutlicher wahrgenommen als früher. Doch muss hier nachdrücklich davor gewarnt werden, eilfertig von psychischen Problemen her Nichtigkeit zu konstruieren. Allzu leicht kann man dabei in Wirklichkeit auch eine Ehescheidung unter dem Deckmantel der Nichtigkeit erklären.

b) Mit großem Ernst drängt sich heute eine andere Frage auf. Immer mehr gibt es heute getaufte Heiden, das heißt Menschen, die durch die Taufe zwar Christen geworden sind, aber nicht glauben und nie den Glauben kennengelernt haben. Dies ist eine paradoxe Situation: Die Taufe macht zwar den Menschen zum Christen, aber ohne Glaube bleibt er eben ein getaufter Heide. Can. 1055 §2 sagt, dass es „zwischen Getauften keinen gültigen Ehevertrag geben (kann), ohne dass er zugleich Sakrament ist“. Aber wie ist das, wenn ein ungläubiger Getaufter das Sakrament überhaupt nicht kennt? Er kann vielleicht den Willen zur Unauflösbarkeit haben, aber das Neue des christlichen Glaubens sieht er nicht. Das Drama dieser Situation wird vor allem sichtbar, wenn heidnische Getaufte sich zum Glauben bekehren und ein ganz neues Leben beginnen. Hier stellen sich Fragen, auf die wir noch keine Antworten besitzen. Umso dringender ist es, ihnen nachzugehen.

3) Aus dem bisher Gesagten ist deutlich geworden, dass die Kirche des Westens – die katholische Kirche – unter der Führung des Nachfolgers Petri einerseits sich streng gebunden weiß an das Herrenwort von der Unauflöslichkeit der Ehe, andererseits aber auch die Grenzen dieser Weisung zu erkennen versucht hat, um den Menschen nicht mehr als unbedingt nötig aufzuerlegen. So hat sie von dem Ratschlag des Apostels Paulus ausgehend und zugleich auf die Autorität des Pe­trusamtes bauend bei den nichtsakramentalen Ehen die Möglichkeit einer Scheidung zugunsten des Glaubens weiter ausgearbeitet. Ebenso hat sie das Problem der Ungültigkeit einer Ehe nach allen Richtungen durchleuchtet.

Das Apostolische Schreiben „Familiaris consortio“ von Johannes Paul II. aus dem Jahr 1981 ist noch einen Schritt weitergegangen. In Nummer 84 heißt es: „Zusammen mit der Synode möchte ich die Hirten und die ganze Gemeinschaft der Gläubigen herzlich ermahnen, den Geschiedenen in fürsorgender Liebe beizustehen, damit sie sich nicht als von der Kirche getrennt betrachten […]. Die Kirche soll für sie beten, ihnen Mut machen, sich ihnen als barmherzige Mutter erweisen und sie so im Glauben und in der Hoffnung stärken.“ Hier ist der Pastoral ein wichtiger Auftrag erteilt, der wohl noch nicht genügend ins Leben des kirchlichen Alltags übersetzt ist. Einige Details sind in dem Schreiben selbst angegeben. Dort wird gesagt, dass diese Menschen als Getaufte am Leben der Kirche teilnehmen können, ja, dazu verpflichtet sind. Es wird aufgezählt, was alles an christlichen Aktivitäten für sie möglich und nötig ist. Vielleicht müsste man aber auch noch deutlicher herausstellen, was vonseiten der Hirten und der Mitgläubigen geschehen kann, damit sie die Liebe der Kirche wirklich spüren können. Ich denke, man sollte ihnen die Möglichkeit zuerkennen, in kirchlichen Gremien aktiv zu werden und auch den Auftrag eines Paten anzunehmen, was bisher vom Recht nicht vorgesehen ist.

Noch ein weiterer Gesichtspunkt drängt sich mir auf. Die Unmöglichkeit, die heilige Eucharistie zu empfangen, wird nicht zuletzt auch deswegen als so verletzend empfunden, weil gegenwärtig praktisch meist alle in der Messe Anwesenden auch zum Tisch des Herrn hinzutreten. So erscheinen die Betroffenen gleichsam öffentlich als Christen disqualifiziert. Ich denke, dass die Mahnung des heiligen Paulus zur Selbstprüfung und zum Bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, wieder ernster genommen werden müsste: „Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt“ (1 Kor 11, 28 f.). Eine ernste Selbstprüfung, die auch zum Verzicht auf die Kommunion führen kann, würde uns die Größe des Geschenks der Eucharistie neu erfahren lassen und auch eine Art von Solidarität mit den geschiedenen Wiederverheirateten darstellen.

Noch einen ganz anderen praktischen Vorschlag möchte ich anfügen. In verschiedenen Ländern ist es üblich geworden, dass Personen, die nicht kommunizieren können (z. B. Angehörige anderer Konfessionen), zwar mit vortreten, aber die Hände auf die Brust legen und so zu erkennen geben, dass sie das heilige Sakrament nicht empfangen, aber um einen Segen bitten, der ihnen dann als Zeichen der Liebe Christi und der Kirche geschenkt wird. Diese Form könnte gewiss auch von Menschen gewählt werden, die in einer zweiten Ehe leben und daher nicht zum Tisch des Herrn zugelassen sind. Dass dabei gerade so eine intensive geistliche Kommunion mit dem Herrn, mit seinem ganzen Leib, mit der Kirche möglich ist, könnte für diese Menschen eine geistliche Erfahrung sein, die sie stärkt und ihnen hilft.

Aus: Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Zur Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe. Bemerkungen zum dogmengeschichtlichen ­Befund und zu seiner gegenwärtigen Bedeutung, in: Joseph Ratzinger, Gesammelte Schriften, Band 4, hrsg. von Gerhard Ludwig Müller, Freiburg 2014, S. 600–621, hier 515–621.

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Ehe und Ehescheidung 1972
Ehe und Ehescheidung 1972

Schlußfolgerungen 1972

(…) Die Kirche ist die Kirche des Neuen Bundes, aber sie lebt in einer Welt, in der die „Herzenshärtigkeit“ (Mt 19,8) des Alten Bundes unverändert fortbesteht. Sie kann nicht aufhören, den Glauben des Neuen Bundes zu verkünden, aber sie muß ihr konkretes Leben oft genug ein Stück unterhalb der Schwelle des Schriftwortes beginnen. So kann sie in klaren Notsituationen begrenzte Ausnahmen zur Vermeidung von noch Schlimmerem zulassen. Kriterien solchen Handelns müßten sein: Ein Tun „gegen das, was geschrieben steht“, findet seine Grenze darin, daß es nicht die Grundform selbst in Fragen stellen darf, von der die Kirche lebt. Es ist also an den Charakter der Ausnahmeregelung und der Hilfe in dringlicher Not gebunden – wie es die missionarische Übergangssituation, aber auch die reale Notsituation der Kirchenunion etwa war.

Damit aber entsteht die praktische Frage, ob man eine derartige Notsituation in der Kirche der Gegenwart benennen und eine Ausnahme beschreiben kann, die diesen Maßstäben genügt. Ich möchte versuchen, mit aller gebotenen Vorsicht einen konkreten Vorschlag zu formulieren, der mir in diesem Rahmen zu liegen scheint. Wo eine erste Ehe seit langem und in einer für beide Seiten irreparablen Weise zerbrochen ist; wo umgekehrt eine hernach eingegangene zweite Ehe sich über einen längeren Zeitraum hin als eine sittliche Realität bewährt hat und mit dem Geist des Glaubens, besonders auch in der Erziehung der Kinder, erfüllt worden ist (so daß die Zerstörung dieser zweiten Ehe eine sittliche Größe zerstören und moralischen Schaden anrichten würde), da sollte auf einem außergerichtlichen Weg auf das Zeugnis des Pfarrers und von Gemeindegliedern hin die Zulassung der in einer solchen zweiten Ehe Lebenden zur Kommunion gewährt werden. Eine solche Regelung scheint mir aus zwei Gründen von der Tradition her gedeckt:

Man muß doch nachdrücklich an den Ermessensspielraum erinnern, der in jedem Nichtigkeitsprozess steckt. Dieser Ermessensspielraum und die Chancenungleichheit, die von der Bildungssituation der Betroffenen wie auch von ihren finanziellen Möglichkeiten her unweigerlich kommt, sollte vor der Vorstellung warnen, auf diesem Weg könne der Gerechtigkeit einwandfrei Genüge getan werden. Überdies ist vieles nicht einfach judikabel, was dennoch real ist. Die prozessuale Fragestellung muß sich notwendig auf das rechtlich Beweisbare beschränken, kann aber damit doch gerade an entscheidenden Tatbeständen vorbeigehen. Vor allem erhalten damit formale Kriterien (Formfehler oder bewußt unterlassene kirchliche Form) ein Übergewicht, das zu Ungerechtigkeiten führt. Insgesamt ist die Verlegung der Frage in den ehebegründenden Akt zwar rechtlich unumgänglich, aber doch eine Einengung des Problems, die dem Wesen menschlichen Handelns nicht vollauf gerecht werden kann. Der Nichtigkeitsprozeß gibt praktisch eine Gruppe von Kriterien, um festzustellen, daß auf eine bestimmte Ehe nicht die Maßstäbe der Ehe unter Glaubenden anwendbar sind. Aber er erschöpft nicht das Problem und kann daher nicht jene strenge Ausschließlichkeit beanspruchen, die ihm unter der Herrschaft einer bestimmten Denkform zugeschrieben werden mußte.

Die Forderung, daß sich eine zweite Ehe über eine längere Zeit hin als sittliche Größe bewährt haben und im Geist des Glaubens gelebt worden sein muß, entspricht faktisch jenem Typus von Nachsicht, der bei Basilius greifbar wird, wo nach einer längeren Buße dem „Digamus“ (= dem in einer Zweitehe Lebenden) ohne Aufhebung der zweiten Ehe die Kommunion gewährt wird: im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, der die Buße nicht unbeantwortet läßt. Wenn in einer zweiten Ehe moralische Verpflichtungen gegenüber den Kindern, gegenüber der Familie und so auch gegenüber der Frau entstanden sind und keine gleichartigen Verpflichtungen aus der ersten Ehe existieren; wenn also aus moralischen Gründen das Aufgeben der zweiten Ehe unstatthaft ist und andererseits praktische Enthaltsamkeit keine reale Möglichkeit darstellt (magnorum est, sagt Gregor II.), scheint die Eröffnung der Kommuniongemeinschaft nach einer Zeit der Bewährung nicht weniger als gerecht und voll auf der Linie der kirchlichen Überlieferung zu sein: Die Gewährung der communio kann hier nicht von einem Akt abhängen, der entweder unmoralisch oder faktisch unmöglich wäre.

Die Unterscheidung, die mit dem Zueinander von These 1 und These 2 versucht ist, dürfte auch der Vorsicht von Trient gemäß sein, obwohl sie als konkrete Regel darüber hinausgeht: Das Anathem gegen eine Lehre, die die kirchliche Grundform zum Irrtum oder wenigstens zur überholbaren Gewohnheit machen will, bleibt in aller Strenge.

Die Ehe ist sacramentum, sie steht in der unaufhebbaren Grundform der entschiedenen Entscheidung. Aber dies schließt nicht aus, daß die Kommuniongemeinschaft der Kirche auch jene Menschen umspannt, die diese Lehre und dieses Lebensprinzip anerkennen, aber in einer Notsituation besonderer Art stehen, in der sie der vollen Gemeinschaft mit dem Leib des Herrn besonders bedürfen. Zeichen des Widerspruchs wird der kirchliche Glaube auch so bleiben: Das ist ihm wesentlich, und gerade darin weiß er sich in der Nachfolge des Herrn, der seinen Jüngern vorausgesagt hat, daß sie nicht über dem Meister zu stehen erwarten dürfen, der von Frommen und Liberalen, von Juden und Heiden abgelehnt worden ist.

Aus: Joseph Ratzinger: Zur Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe. Bemerkungen zum dogmengeschichtlichen Befund und zu seiner gegenwärtigen Bedeutung, in: Ehe und Ehescheidung. Diskussion unter Christen, hrsg. von Franz Henrich und Volker Eid (= Münchener Akademie-Schriften 59), München 1972, S. 35–56, hier 53–56.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Settimo Cielo/MiL/Foros de la Vigen/InfoVaticana/Herder-Korrespondenz

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catholicus

Wie lange soll das Kasperltheater noch weitergehen? Bendedikt ist desertiert, und so wurde möglich, was heute in der Kirche los ist. Durch das von ihm gewählte Rücktrittsdatum und die von ihm selbst ermöglichte Vorverlegung des Konklave war ER es, der Kasper, Lehmenn, Re und Consorten nocheinmal eine Schlüsselstellung bei demselben ermöglichte. Das jetzige Nachtarokieren bringt nichts mehr. Ratzinger hatte seine Chance, und er hat sie durch seine Desertion vertan. Jetzt nehmen die Dinge eben ihren Lauf, und den kann nur noch der Himmel aufhalten. Gnade uns Gott!

Victor

Was ist Ironie? Wenn jemand so einen Kommentar verfaßt und sich „catholicus“ nennt…

(oder wenn jemand einen wüsten Schimpf- und Hetzkommentar mit den Worten schließt „Gottes und Marien Segen“…)

catholicus
@Es wäre mir lieber gewesen, Sie hätten mich eines Irrtums überführt, aber scheinbar war es Ihnen nicht möglich, meine Argumente zu widerlegen. So bin ich mehr denn je davon überzeugt, daß die ganze Vatikankomödie nur ein wohlinszeniertes Theater unter Brüdern ist. Wenn man sich über Bergogliaccios Verhalten in vielen Punkten entrüstet, dann ist für den Tieferblickenden nur die Ratzinger’sche Kosmetik weggefallen. Er ist in den Synagogen die Türen eingerannt, hat in Moscheen „gebetet“, in Luthertempeln „gepredigt“ und die Assisischande fortgesetzt u.s.f. Daß er dabei Mozetta mit Pelzbesatz trug, kann wohl nur die alleoberflächlichsten Pseudokonservativen beeindruckt haben. Mittlerweile sehe ich auch… weiter lesen »
Traditionstreuer

Danke, werter Catholicus, für Ihre klaren Worte über den glasklaren Modernisten „Professor Joseph“. Auch ich habe immer wieder versucht, die verblendeten (Pseudo-)Traditionsfreunde hier, die Herrn Ratzinger für einen der Ihen halten wollen, davon zu überzeugen, wie komplett sie hier einem tragischen, trojanischen Irrtum erliegen. Umsonst. Sie halten weiter an der These des heldenhaften, traditionstreuen Papstes fest. Sic transit gloria ecclesiae.
Ratzinger hat alle häretischen Akte des unsäglichen JP II weitergeführt, hat sich von keinem einzigen expessis verbis distanziert.

Juventus
@traditionstreuer Undifferenziert mit der Keule um sich schlagen nützt aber auch nichts. Vor allem: wen soll das überzeugen, wenn man Benedikt XVI., Franziskus und Wir sind Kirche in einen Topf wirft? Der ungebildetste Laie erkennt, daß Welten zwischen deren Positionen liegen. Tatsache ist, daß es unter JPII und BXVI in eine andere Richtung ging als unter JXXIII und PVI. Tatsache ist ebenso, daß BXVI der Tradition einen durch Jahrzehnte verwehrten Freiraum gewährte. Daß er mehr tun hätte können/sollen/müssen steht auf einem anderen Blatt. Die Richtung hat aber gestimmt und hat in der Kirche gute Kräfte freigesetzt und aktiviert. Diese Entwicklung… weiter lesen »
Methodus

Genau. Nicht nur Ironie, da wehen Geister, und zwar heftig, der Bergoglio Harmoniegeist im voraus. Doch der Allmächtige Gott, die Liebe Jesu Christi, der Heilige Geist hilft den Gerechten…

Markus

Juventus, danke für Ihren Kommentar.

Traditionstreuer
@Juventus: Mit Verlaub, aber dann träumen Sie weiter. Die häretischen Taten und Worte des Benedikt/Ratzinger sind hier von etlichen Kundigen oft genug erinnert worden. Wenn Sie das augenzwinkernd beiseite legen, weil ja so ganz allgemein „Die Richtung gestimmt“ habe, dann kann Sie keiner hindern, das so zu sehen. Dann beklagen Sie aber auch bitte nicht den Untergang der Kirche unter dem jetzigen Papst, der der Wuchs der Saat ist, die JP II und B 16 gesät haben. Dass Ratzinger das Datum des Konklaves gezielt so gelegt hat, dass Lehmann, Kasper et. al. noch aktiv daran teilnehmen und ihre Verschwörung umsetzen… weiter lesen »
J.G.Ratkaj

Ratzinger war immer ein großer Blender.
Der Unterschied zu seinen Konzils-Kampfgefährten war nur der, daß sich diese noch weiter radikalisierten während Ratzinger/Benedikt XVI. insofern „konservativ“ war indem er seiner Linie am Konzil immer treu blieb.

Juventus
@Traditionstreuer Um ehrlich zu sein, kann ich die gebetsmühlehaften Hinweise auf Ratzingers „Einführung in das Christentum“ nicht mehr hören. So nachtragendsein bedeutet, alles, was er seither gesagt und getan hat, zu ignorieren. BXVI hat erst soeben mit seiner Korrektur unter Beweis gestellt, welche Entwicklung er zum Positiven durchgemacht hat. Falls Sie konkrete Details an dem genannten Buch zu beanstanden haben, schreiben Sie doch an das Kloster Mater Ecclesiae und bitten den emeritierten Papst um Klärung. Haben Sie das schon versucht? Insgesamt ist die Ankekserei unter Gläubigen hier ziemlich abschreckend: Ich kannte einmal einen frommen Traditionalisten, der hielt sich für so… weiter lesen »
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