Pius IX.: „starker und unbequemer“ Papst des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis

Seliger Papst Pius IX
Seliger Papst Pius IX.

(Rom) Das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria ist untrennbar mit dem Dogma der unbefleckten Empfängnis verbunden, das der selige Papst Pius IX. für alle Gläubigen unverrückbar verkündete. Der am 13. Mai 1792 als Giovanni Maria Graf Mastai-Ferretti geborene Papst proklamierte am 8. Dezember 1854 das Dogma, das von der katholischen Kirche als gebotener Festtag begangen wird. Die sterblichen Überreste des seligen Pius IX., die sich in der römischen Basilika San Lorenzo al Verano befinden (auch als San Lorenzo fuori le mura bekannt) , wurden 2011 notumgebettet.

Pius IX., dessen Pontifikat von 1846-1878 dauerte, und damit eines der längsten der Kirchengeschichte war, wurde auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin im antiken, von Papst Pelagius II. (579-590) erbauten Narthex der Basilika San Lorenzo fuori le mura beigesetzt, der heutigen Kapelle Pio IX. 1881 wurden die sterblichen Überreste des Papstes feierlich und würdevoll in die Basilika überführt, obwohl Antiklerikale mehrerer Attentate auf die Prozession verübten. Das zwischen 1859 und 1870 ausgerufenen und geeinte Italien war damals von kirchenfeindlichen und freimaurerischen Kräften beherrscht. In das Pontifikat Pius IX. fiel 1870 auch nach mehr als tausendjährigem Bestand die Zerschlagung des Kirchenstaates und die Eroberung Roms durch die garibaldinisch-piemontesisch geprägte italienische Nationalbewegung.

„Starker und unbequemer“ Papst, weshalb Seligsprechung lange verzögert wurde

Mit der Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 wurde der erstaunlich unverweste Körper von Pius IX. in einen Glassarg umgebettet. Bereits bei einer ersten Erkundung, die 80 Jahre nach dem Tod des Papstes erfolgte, überzeugte man sich, daß der Körper völlig intakt war. Die Überreste des Seligen waren seither für die ihn verehrenden Gläubigen sichtbar unter einem Altar eingelassen. Auch Papst Benedikt XVI. besuchte seinen Vorgänger, um am Grab des Seligen zu beten, dessen Seligsprechung erst nach langem innerkirchlichen Tauziehen als kirchenpolitischer Kompromiß möglich wurde, indem parallel auch der Konzilspapst Johannes XXIII. seliggesprochen wurde.

Als 2011 die Gläubigen ohne einen Hinweis plötzlich vor dem leeren Glasschrein standen, entstand erhebliche Aufregung. Die Kapuziner, von denen die Basilika betreut wird, teilten mit, daß die Leiche nach dem letzten Hochwasser in Rom vom Oktober jenes Jahres entfernt werden mußte. Das eingedrungene Wasser hatte auch die Kapelle überflutet. Durch die Feuchtigkeit drohte den Kleidern des Seligen Schimmelbefall, wie die Kapuziner auf Nachfrage bestätigten.

Seit seiner Notumbettung befindet sich die sterbliche Hülle des seligen Pius IX. in einer der Klosterzellen. Er liege auf dem Bett, „als würde er schlafen“. Die Reliquie des Papstes soll bis zum 7. Februar 2012, seinem liturgischen Gedenktag, wieder an ihren Platz in der Basilika zurückkehren.

Papst des Mariendogmas und der Verteidigung der katholischen Lehre

Nicht bestätigt wurde hingegen, daß der Leichnam für eine kanonische Untersuchung entfernt wurde, die mit der eventuellen Heiligsprechung Pius IX. zusammenhänge. Dem verstorbenen Papst wird insgesamt wenig Aufmerksamkeit zuteil. Auf der Homepage der Basilika San Lorenzo in Verano muß man genau suchen, um wenige Zeilen zu entdecken, die Auskunft über den in der Basilika begrabenen Papst geben.

Messa in Latino stellte in diesem Zusammenhang die Frage, ob es sich um ein absichtliches Vergessen eines „starken und unbequemen“ Papstes handle, wie es sich bereits vor und rund um die Seligsprechung im Heiligen Jahr 2000 gezeigt hatte.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Messa in Latino

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27 Comments

  1. paßt alles in die Logik der Leute, die so tun, als ob die Kirche erst beim Zweiten Vatikanum gegründet worden wäre…

  2. Nein der wird nicht heilig gesprochen, das würde dem Gedanken und Bestreben der Ökumene mit den Protestanten widersprechen! Ich möchte zusammmen mit St. Wojtila und St. Roncalli auch nicht selig gesprochen werden. Ich würde das als Alarmzeichen für mich betrachten!

  3. Einer der ganz Großen der Papstgeschichte.
    Ich sammle jeden Artikel und jedes Buch, die über ihn erscheinen bzw. erschienen sind.
    Ich habe in meiner Hauskapelle einen Schrein mit mehreren Berührungsreliquien von Papst Pius IX., für dessen Kanonisierung ich jeden Tag bete. Freilich ist diese im jetzigen Regime nicht möglich, da Pio Nono alles in sich vereint was Bergoglio ablehnt.

    • Absolut richtig, vielen Dank für die lieben Worte für einen ganz großen Heiligen der Kirche jesu Christi.

  4. Im Sinne des Freiburger „Entweltlichungs“-Programms des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. war die Zerschlagung des tausendjährigen ruhmreichen Kirchenstaates ein Segen, weil dieses Entreissen von „äußeren Privilegien“ die Kirche wieder zurück „zum Kern ihrer Sendung“ gefhrt hätte.
    Woran man sieht, wie fatal die Benediktinische „Entweltlichung“ in Wahrheit ist, die leider viele naive „Neokonservative“ noch heute als Forderung nachplappern. Es ist ein Glück, dass Benedikt dieses selbstzerstörerische „Programm“ nicht weiter umsetzen konnte. Leider hat er durch den gezielt gewählten Zeitpunkt seines Rücktritts noch subtil dafür gesorgt, dass ein ihm genehmer Nachfolger gewählt wurde…

    • Semper Catholicus @ Hier muss ich eine Lanze für Benedikt XVI. brechen. Es mag sein
      oder auch nicht, dass Ratzinger in jungen Jahren, besonders nach dem Konzil, Thesen
      vertrat, die ihn als Progressisten , wenn auch nicht radikal, einstuften. Hier hat er später
      und zum Teil auch in seinen Büchern, einiges zurück genommen und revidiert. Hierbei
      muss man an die Euphorie denken, die durch das Konzil verursacht wurde. Als Präfekt
      der Glaubenslehre hat er einige Dinge des Konzils zurecht gerückt. Man kann und muss
      sagen, dass er sich um den katholischen Glauben, Verdienste erworben hat. Das ist der
      Grund, warum ihm die Mehrzahl der Kardinäle nicht mehr folgten und ihn dann zum frei-
      willigen Rücktritt zwangen. Die Geschichte wird zeigen, dass Papst Benedikt XVI. der
      einzige Konzil-Papst ist, der heilig genannt werden kann.

      Gelobt sei Jesus Christus.

      ,

    • Sie argumentieren mit dem Kirchenstaat von früher. Ich hab aber die Freiburger Rede so ‎verstanden, daß sich die Kirche nicht von einem Staat, der für sie den «Mitgliedsbeitrag» ‎eintreibt, zu stark vereinnahmen läßt und dann alle Irrwege dieses Staates bei Themen wie ‎Abtreibung, Gender etc. mitmacht / mitmachen muß, weil sonst Entzug der Kohle drohlt, mit der ‎man seine aufgeblähten Verwaltungsapparate heizen muß…‎

      • Das ist halt die rosarote Brille, die die naiven Konservativen sich aufgesetzt haben, weil von Benedikt ja nur Gutes kommen kann/darf.
        Studieren Sie die die verhängnisvolle „Freiburger Rede“, und Sie werden feststellen, dass dort mitnichten von Abtreibung und Gender die Rede ist, dafür um so mehr von den verschiedenen Phasen der „Säkularisierung“ (z.B. 1806, 1870 etc.), die für die Kirche in Wahrheit kein Verlust, sondern ein „Segen“ gewesen seien.

        Übrigens haben kundige Journalisten bald nach der Rede herausgefunden, dass Ratzinger das meiste darin bereits Jahrzehnte früher, Anfang der 60er Jahre publiziert hatte. Noch vor dem Räuberkonzil. Also zu einer Zeit, als es das Wort „Gender“ noch gar nicht gab, und noch kaum abgetrieben wurde…

      • Die Freiburger Rede ist genial. Sie ist auf in einer bestimmten Situation an ein bestimmtes Publikum gerichtet, aber so formuliert, daß sich durchaus eine allgemeingültige Aussage für alle Zeiten und Situationen herauslesen läßt. Die Adressaten haben es auch sofort verstanden und fühlten sich auf den Schlips getreten. Sie wussten, was gemeint war: die stickreiche Kirchensteuerkirche, die nur mehr durch das Geld aufrechterhalten wird, aber innerliche, glaubensmässig am Ende liegt. Mit Bischöfen, deren einzige Aufgabe ist, die Kirchenaustritte zu minimieren, damit viel Geld in die Kassen fliesst. Da die Gläubigen nicht austreten, kümmern sie sich nur um die Liberalen, was automatisch zum ständigen Linskruck führt.
        Die Freiburger Rede versteht nur, wer sie zusammen mit der sofort danch erfolgten ersten offiziellen Reaktion der deutschen Bischofskonferenz liesst, laut der, die Rede „nichts“ mit dem Kirchensteuersystem zu tun hat.
        Es geht aber immer noch schlimmer: A, D, CH. In Österreich Hitler-Kirchensteuer, bekommt der Bischof, aber der Staat treibt nicht ein. In D (schlimmer): Hitler-Steuer bekommt der Bischof und der Staat treibt ein (bringt wesentlich mehr Geld). In der Schweiz: Kirchensteuer, brauchte es nicht einmal einen Hitler, treibt der Staat ein, bekommt aber nicht einmal der Bischof, sondern irgendein Staatskirchenverein… Oder aber ich da etwas falsch verstanden?

      • Mich interessiert aber nicht, was jemand in den 60ern mal geschrieben hat, sondern wie die Lage heute ist, und da wird die Kirche vom Staat mit der Kirchensteuer bei diesen Themen, die Sie nicht zu interessieren scheinen, vor sich hergetrieben. Oder wie ich in einem amerikanischen Blog gelesen habe: Deutschland – leere Kirchen – volle Kassen…

        Aber ich unterwerfe mich selbstverständlich gerne Ihrem Unfehlbarkeitsdogma und dem von @Traditionstreuer 😉

      • Ach wo, die Freiburger Rede war alles andere als „genial“. Wo finden Sie das Wort „Kirchensteuer“ dort? An keiner einzigen Stelle. Statt dessen mehrfach das Wort „Säkularisierung“ – und dieses Schreckenswort wurde dort POSITIV interpretiert. Abgründig!
        Begreifen Sie doch bitte: Ratzinger war KEIN Mann des glaubenstreuen Lagers.

      • @Semper catholicus:
        Geben Sie’s auf, es ist vergebliche Liebesmüh. Das begreifen diese benediktolatrischen „Tradi“-Lemminge nie. Lieber folgen sie ihrer Lichtgestalt willenlos auf dem Weg ad inferiora.

      • Es wäre interessant zu wissen was der gute Pio Nono über Anti-Syllabus-Ratzinger/Benedikt XVI. gesagt hätte. Sehr schwer hätte er sich wohl mit dem Panegyrikus der „Generation Benedikt“ getan.
        Die von semper catholicus zu recht inkriminierte Stellungnahme zur „Säkularisation“ ist sehr bedenklich. Doch ist dies nur ein Akzent unter vielem sehr Bedenklichen.

  5. Insbesondere heute – angesichts des teils häretischen Wildwuchses innerhalb der „katholischen Theologie“ gerade auch bez. den Dogmen über die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria – wären starke und unbequeme Worte wie Nachfolgende dringlicher denn je. Papst Pius IX. hat seinerzeit in einer Ansprache vor Universitäts-Rektoren (!) die furchtbare Folge des Wirkens der Feinde der Lehre der Kirche und somit auch der Feinde der Jugend benannt:

    -
    „Sie machen es schlimmer noch als dieser grausame König, 
    der das Massaker an Tausenden von unschuldigen Kindern anordnete.
    [….]
    während bei dem moralischen Massaker, 
    das hier geschieht, das Übel viel grösser ist, 
    weil es darum geht, den Seelen das Leben zu nehmen, indem der Glaube in ihnen ausgelöscht wird“
    -

  6. Pius IX. war allerdings zu Beginn seines Pontifikates recht liberal gesonnen und löste auch bei den katholischen, national-liberalen Kräften Italiens große Freude aus. Er setzte erst einmal einige liberale Reformen durch.
    Erst allmählich nahm er Distanz ein, was m.E. mit der Tatsache zusammenhing, dass er sich und den Kirchenstaat einem neuentstandenen italienischen Nationalstaat hätte beugen/unterwerfen und einverleiben lassen und damit auch Österreich hätte brüskieren müssen, das Schutzmacht des Kirchenstaates war und gegen dessen Machtansprüche sich die italienische Einigungsbewegung in der Hauptsache richtete. Angeführt wurde die Bewegung durch Viktor Emmanuel aus altem savoyischem Geschlecht…

    Auch nachdem dann während des Vaticanum I italienische Truppen in den Vatikan marschierten und Rom zur Hauptstadt ganz Italiens ausgerufen wurde, kam es Jahrzehnte lang zu keiner Klärung der Frage, was nun mit dem Rest-Kirchenstaat (Vatikanstadt) sei. Bekanntermaßen wurde darüber erst in der Lateranverträgen mit Mussolini eine Klärung vorgenommen…

    Meines Wissens hat Pius IX. an sich nicht primär beklagt, dass man ihm Land wegnimmt. Die Hauptspitze des Syllabus errorum und anderer Rundschreiben richtete sich auf die Abwehr der Meinung, der Staat sei der Kirche übergeordnet bzw. der Staat und die Kirche seien radikal voneinander zu trennen.

    Wie genau aber sie miteinander geschirren sollten, war angesichts der riesigen Umwälzungen unter Pius IX. eine offene Frage. Später schloss der Vatikan Konkordate mit allen möglichen Staaten ab…

    Was an Pius IX. aber groß ist, das ist dass er defensiv blieb. Genau das wurde ihm auch in der Prophetie von La Salette eingeschärft. Er hob nicht das Schwert, schärfte aber den Geist.

    In einer gewissen Weise ist daher das Stichwort „Entweltlichung“ nicht einfach ein „falsches“ oder „naives“ Kontraprogramm. Man würde Pius IX. vergewaltigen, wenn man ihn so auffasste!
    Es ging ihm und allen Päpsten bis hin zu Pius XI. auf jeden Fall darum, dass die Kirche innerhalb neu entstehender Staaten „den Fuß in der Tür behält“, aber nicht um Macht und Besitz (Pius X. gab später in Frankreich bewusst ALLES auf!), sondern um die geistige Freiheit – die durch materielle Bindungen auch verloren gehen kann, da soll sich niemand täuschen.
    Auch Leo XIII. hat später immer wieder geschrieben, dass es „früher“ keineswegs besser war, sondern das mittelalterliche Kaiser- und Königtum teilweise mit härtesten Bandagen gegen die Kirche bzw. deren geistlichen Anspruch vorging und sich denselben selbst anmaßen wollte.

    Pius IX. ist interessant angesichts der Probleamtik des 19. Jh und angesichts seines radikalen „Umsteigens“ auf die geistige Waffenrüstung, von der Paulus spricht.
    Anstatt auf alten Organisationsformen zu beharren, suchte er mit Vehemenz, in den sich neu formierenden Realitäten, die Freiheit der Kirche zu erhalten!

  7. Vor 150 Jahren am 8. Dezember 1864
    veröffentlichte Papst Pius IX zugleich mit der Enzyklika »Quanta cura« den Syllabus über geächtete Irrtümer.
    Auch dies ist in wirren Zeiten eine Lektüre wert.

  8. Pius IX. war ein großer Papst. Seine Verkündigung des Dogmas der unbefleckten Empfängnis, seine Verurteilung der Zeitirrtümer durch den berühmten Syllabus, der in seiner Aktualität erschreckt, neben der Enzyklika“ Quanta cura“, sind große Taten. Unter seinem Pontifikat wäre ein Bergoglio niemals in der Hierarchie empor gekommen. Der Verlust des Kirchenstaates war der schmerzlichste Einschnitt in seiner 32 jährigen Herrschaft. Als die Truppen Garibaldis mit dessen Eroberung im Sept. 1870 diesen heiligen Staat schändeten und profanierten, zündeten sie ein Fanal an, daß zum Signal für alle Kirchenhasser wurde, und zeigte wie verwundbar die katholische Kirche geworden war. Ich glaube nicht, daß der Verlust des Papstkönigtums ein Glücksfall für die Kirche war. Dieser Frevel durch Garibaldi und Italien, goß erst recht Wasser auf den Mühlen der Modernisten. Pius IX. bitte für uns!

    • Das Papstkönigtum ist doch nicht durch die Schrumpfung des Kirchenstaates verloren gegangen!

      Pius IX. hat zwar im Syllabus die Meinung verurteilt, die Kirche DÜRFE keinen Besitz oder auch weltliche Macht haben, aber er hat auch nicht behauptet, die Kirche MÜSSE zwingend Besitz und irdische Macht haben!

      Hätte er das behauptet, hätte er die wahre Gestalt des Christkönigs verleugnet, die vor Pilatus – der irdischen macht – so verstörend klar sagte: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier. “ (Johannes 18)

      Wann ist das Papstkönigtum wirklich verloren gegangen?

      Paul VI. ließ sich zwar noch mit der Tiara, die das Symbol dafür war, dass der Papst Haupt der Welt, Vater aller Staatsgewalten und Stellvertreter Christi ist, krönen, verschenkte sie aber dann „an die Armen“. JP I und II ließen sich nicht mehr krönen, trugen die Tiara aber noch im Papstwappen. Benedikt XVI. entfernte sie dann auch aus dem Papstwappen. Seit Paul VI. also ein schleichender Prozess.
      Ob die Kirche einen Staat hat oder nicht, wie groß er ist, ist tatsächlich sachlich von untergeordneter Bedeutung. In der fruchtbarsten Zeit der frühen Kirche hatte die Kirche gar keine weltliche Macht, und doch…

      • Paul VI gab also die Tiara an die Armen. Mir schwant, er brachte sie dorthin in Sicherheit, dieses Symbol der wichtigen Idee dafür, daß die Kirche über der Welt steht. In Sicherheit deshalb, weil ja der Rauch Satans in Rom eingedrungen war. Er war vielleicht auch nur unbewußtes Werkzeug und folgte bewußt nur dem Impetus, diese Idee herabzusetzen. So wie seine Nachfolger dies weiter betrieben.
        Fragt sich nun, ob Franziskus deshalb bei den Armen sucht, weil er die Tiara/ihren Gedanken nun gänzlich zu vernichten sucht oder aber – sicher unbewußt – diese wiederfinden/diesen wiederherstellen muß.
        Gelasius I. war schon reichlich grenzwertig mit seiner Zwei-Schwerter-Lehre (obschon im Kontext seiner Zeit sicher notwendig), sah aber immerhin die weltliche Gewalt noch unter Weisung der geistlichen. Er ist übrigens für den Erstbeleg des Adjektivs „modernus“ bekannt, das er benutzt, um neue Lehren („admonitiones modernas“) von alten Regeln („antiquis regulis“) abzugrenzen.

      • Als Ergänzung zu den Ausführungen von der geschätzten Fr. Zeitschnur:
        Pius IX. hat in seiner Allocution „Quum catholica“ (1860) geschrieben:
        „Da die von Christo gegründete und angelegte, um sich um das ewige Wohl der Menschen zu kümmern, Katholische Kirche die Gestalt einer vollkommenen Gesellschaft kraft ihrer göttlichen Errichtung erlangte, soll sie daher eine derartige Freiheit genießen, daß sie in der Verrichtung ihres heiligen Dienstes keiner bürgerlichen Macht unterstellt würde.“

        Diese Freiheit der Kirche zu verteidigen und zu bewahren war der Impetus seiner energischen Verteidigung der päpstlichen Staaten, denen er eine heilige Sendung zuspricht. Und gerade angesichts des Dienstes der päpstlichen Staaten der Kirche zuliebe sei nicht erstaunlich, daß die Widersacher der Kirche oftmals sie mit vielartigen Machenschaften und Versuchen zu zerstören und zerrütten trachten.

  9. Findet hier nicht eine trditionalistische Fetischisierung einer völligen Nebensächlichkeit statt, nämlich des Kirchenstaats? Ich will der Kirche nicht verübeln, dass sie sich ein unabhängiges Territorium gesichert hat – im frühen Mittelalter, als noch alle naselang eine Horde mordbrennender Barbaren vor der Haustür stand. Aber ist so ein Konstrukt wirklich im Sinne Jesu Christi? Ein Stellvertreter Christi als Haupt eines weltlichen Staates, der Armeen und Kanonen ins Feld schickt, um sich ein paar Städtchen und Dörfer zu erobern? Das ist leider auch Teil der Kirchengeschichte, ähnlich wie bei den geistlichen Fürstentümern in Deutschland. Nichts davon steht in der Bibel. Alle weltliche Macht korrumpiert, und sie hat Leute in die Kirchenämter gezogen, die mit Christus nichts am Hut haben, sondern nur eben weltliche Macht suchten. Alexander der VI. ist denke ich ein gelungenes Beispiel. Wir sollten froh, sein, dass der Kirche keine weltliche Macht mehr wie ein Klotz am Bein hängt.

    • Ob dazu was in der Bibel steht, weiß ich nicht. Entscheidend ist, was die TRADITION dazu sagt. Und die Tradition lehrt, dass die von Christus gestiftete Kirche die societas perfecta, die vollkommene Gesellschaft ist, an der sich alle anderen irdischen Gesellschaften zu orientiern und an ihr Maß zu nehmen haben. Deshalb sollten, wenn möglich, weltliche Staaten katholisch sein. Wie zuletzt das Spanien unter dem großen Generalisimo Franco, einem wirklich treuen Sohn der Kirche.
      Und weil die Kirche eben eine vollkommene und keine defizitäre Gesellschaft ist, gehört schon rein logisch auch ein staatliches Territorium dazu. Sonst fehlte ihr etwas Entscheidendes. So hat es die Tradition immer gesehen …

      • Genau das beunruhigt mich bei einigen Teilen der Traditionalisten. Entscheidend scheint nicht das Wort Gottes zu sein, sondern die Tradition an sich. Aber woher soll man wissen, ob die alle Teile der Tradition richtig und wahr ist, wenn man sie nicht ständig dem Urteil der Heiligen Schrift unterwirft? Ab ein paar Generationen Praxis werden auch die nachkonziliaren Fehlentwicklungen Tradition sein – wie soll man dann dagegen angehen? Zu Franco: Er war nunmal waschechter Faschist, der zehntausende politsche Gegner einfach umbringen ließ – nach dem Bürgerkrieg, wohl gemerkt. In einer Zeit, in der Kommunismus und Nationalsozialismus wüteten, sicher trotzdem das kleinere Übel. Ihn einen großen Sohn der Kirche zu nennen, ist denke ich sehr gewagt. Wenn er die Kirche förderte, dann wohl zum eigenen Machterhalt. Wohl eher ein großer Pharisäer vor dem Herrn. Es ist auch kein Ruhmesblatt für die Kirche, wenn sie sich im Tausch gegen Privilegien von den Mächtigen den Mund verbieten lässt, ähnlich wie heutzutage das Schweigen der deutschen Bischöfe zu Abtreibung, Homoehe etc. im Gegenzug für die Kirchensteuermilliarden.

      • Niemals kann und darf die Tradition der Schrift unterworfen werden – das wäre Protestantismus in Reinstkultur, wo die Schrift als „norma normans“, die „Bekenntnisse“ nur als „norma normata“ gelten.
        Katholisch geht gerade umgekehrt: die Schrift ist immer an der Tradition zu prüfen, schließlich ist die Schrift erst durch die Tradition zur Schrift geworden.

        Zu Franco: da werden wir usn nicht einig. ich verehre ihn als einen der allerletzten tiefgläubigen katholischen Führer. Dass es solche praktisch nicht mehr gibt, ist ein Elend des Niedergangs unserer katholischen Zivilisation.

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