Wenn der Papst „privat“ spricht, ist es doch öffentlich?

L'Osservatore Romano 30. Juli 2014
L‘Osservatore Romano 30. Juli 2014

(Vatikan) Die zwiespältige Öffentlichkeitsarbeit des Vatikans gibt immer neue Rätsel auf. Mehr noch dürfte sie Verwirrung unter Gläubigen und Nicht-Gläubigen stiften. „Die tägliche Messe des Papstes ist privat, die vollständigen Texte seiner Predigten werden nicht veröffentlicht, wenn er aber privat die Pfingstler besucht dann…“, kommentierte die spanischsprachige katholische Internetseite Secretum Meum Mihi. Grund ist der heute erfolgte vollinhaltliche Abdruck der Papstrede vor den Evangelikalen in Caserta durch den Osservatore Romano (siehe Bild). Bereits gestern war die Rede im offiziellen Bulletin des vatikanischen Presseamtes veröffentlicht worden, ebenso auf der Internetseite des Heiligen Stuhls, wo sie unter „Ansprachen“ gereiht wurde.

Einerseits gelten die Predigten in der morgendlichen Heiligen Messe in Santa Marta nicht als Teil des päpstlichen Lehramtes. Dennoch entschied der Vatikan „nach aufmerksamer Überlegung“, so Vatikansprecher Pater Federico Lombardi am 29. Mai 2013, eine Zusammenfassung zu veröffentlichen „um einem großen Publikum den Reichtum der Homilien des Papstes“ zugänglich zu machen. Aus diesem Grund werden gleich zwei unterschiedliche Zusammenfassungen angefertigt und veröffentlicht, eine von Radio Vatikan und eine weitere vom Osservatore Romano. Begründet wurde es unter anderem mit „der situationsbedingten, spontanen und familiäreren Ausdrucksweise des Heiligen Vaters“, die dieser in Santa Marta verwende.

Die Predigt vom 7. Juli in Santa Marta wurde jedoch vollinhaltlich veröffentlicht, wiederum im Osservatore Romano. „Demütig bitte ich um Vergebung“, lautete der Titel. Papst Franziskus hatte sich mit Opfern sexuellen Mißbrauchs durch Kleriker getroffen. Die vollständige Predigt wurde neben der Tageszeitung des Vatikans auch im Bulletin, durch VIS und Radio Vatikan verbreitet.

Wenn es einmal geht, könnte es auch immer gehen. Warum veröffentlicht der Heilige Stuhl nicht täglich die Predigten vollinhaltlich? Oder vielleicht gar nicht? Auch das wäre eine Option. Wahrscheinlich sogar die bessere angesichts eines „privaten“ Lehramtes des Papstes, das drauf und dran ist, das offizielle Lehramt zu überflügeln und in den Schatten zu drängen.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Osservatore Romano

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19 Comments

  1. Genau das scheint geplant: Das „private Lehramt“ überflügelt das öffentliche Lehramt und stellt es in den Schatten. Das ist der erste Schritt. Bis das offizielle Lehramt im Schatten verkümmert.
    Der zweite Schritt ist, dass das „private Lehramt“, da es ja privat ist, nicht mehr an den geoffenbarten Glauben gebunden ist.
    Da der Papst jedoch nicht auf die Macht verzichtet, die mit seinem Amt verbunden ist, haben wir einen Papst, der seine Person, seine persönlichen Gedanken, Gefühle, Abneigungen, Zuneigungen in den Mittelpunkt stellt. Die er nicht mehr am geoffenbarten Glauben messen muss. Das ist der letzte Schritt: Die Pervertierung des Papstamtes, die Zerstörung der katholischen Kirche. In dieser Phase dürften wir uns bereits befinden.
    Dass die deutschsprachige Hierarchie sich nicht aufrafft, um den Glauben zu verteidigen, kann niemanden wundern. Dass sich kein Kardinal weltweit aufrafft, ist bitter.

    Erzbischof Lefebvre und der wenig bekannte Bischof de Castro Mayer haben vor über 40 Jahren die Gefahr erkannt und gehandelt. Wie sehr hat der Erzbischof recht behalten.
    Doch auch sein Werk ist längst in Gefahr, es möge sich niemand Illusionen machen. Die FSSPX hat ungemein viel geleistet, doch geistlich wirkt sie inzwischen erschlafft. Die Widerstandskraft gegen das Rom des Herrn Bergoglio wirkt wie erloschen.
    Das heißt nicht, dass sie die Irrtümer der Konzilskirche übernommen hätte. Noch kann man das nicht sagen. Doch wer den Glauben nicht gegen die gegenwärtigen Irrtümer verteidigt, schwächt ihn.
    Die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften sind zum bedingungslosen Gehorsam verurteilt, wenn sie nicht ihre Existenz aufs Spiel setzen wollen. Wie unter solchen Umständen der Glaube vollumfänglich bewahrt werden kann, ist rätselhaft.
    Dennoch wird das Messopfer zelebriert, der überlieferte Glaube wird in kleinen Nischen überleben. Glücklich die Katholiken, die zwischen allen Trümmern ihre Nische haben, die ein Dach über dem Kopf haben. Das ist besser als nichts…

    • @Zeitlos
      Habe Ihnen unter dem Titel „Papst suspendiert Priesterweihen“ geantwortet bzw. eine Frage gestellt. Würden Sie nachsehen?

  2. Man muss allerdings der Fairness halber bemerken, dass Bergoglio damit nicht angefangen hat.
    es hat schon für Befremden gesorgt, dass Benedikt XVI. seine Jesusbücher „privat“ veröffentlicht hat und in seinem Vorwort zur angeregten Debatte mit ihm aufgerufen hat.
    Kann mich noch erinnern, dass damals protestantische Bekannte mir entgegenhielten, das sei nur vorgeschoben – alles, was ein Papst öffentlich äußere, gehöre auch zu seinem Lehramt, andernfalls würde er es ja für sich behalten haben!
    Wie wahr!
    Auch Benedikt XVI. wollte nicht so recht Papst sein und lieber Privatgelehrter bleiben…

  3. Im übrigen ist es eine Frage, was eigentlich „privat“ und was „öffentlich“ heißt?
    Der Privatus ist ein „Beraubter“, früher oft ein „Emporkömmling“, ehemalige Sklaven, die sich hochgearbeitet haben etc.
    Heute bedeutet „privat“ so etwas wie „intim“, „persönlich“, „subjektiv“.

    Aber davon abgesehen – „öffentlich“ ist alles, was ich öffentlich sage und tu. Wenn ich hier ein Posting setze, ist das öffentlich – an jedermann gerichtet, im Prinzip so wie auch die F.-Perlen an jedermann gerichtet sind und F.-Interviews von Journalisten dann an jedermann weitergegeben werden. Andernfalls würde man schweigen oder nur einem erwählten Kreis persönlicher Bezugspersonen, die keine Bedeutung zur Öffentlichkeit hin haben, eine Mitteilung machen.

    Und was sollte man von mir halten, wenn ich „privat“ das Gegenteil dessen sagen würde, was ich hier poste?

    • Der römische Katholik hängt an seinem Papst wie der Junkie an der Droge. Für die meisten Katholiken gilt: lieber ein häretischer Papst als gar keiner. Warum wohl lehrte der hl. Paulus: Es ist e i n Gott und e i n Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus? (1Tim 2,5) — Vorgestern abend hatte ich ein Gespräch mit einem Priester (gläubig, fromm und Dr. theol.). Als ich „unser Thema“ ansprach, sagte er mir: ein hochrangiger Prälat habe ihm seine Meinung anvertraut, dass Gott deshalb Franziskus zugelassen habe, damit wir lernen, in einer kommenden Christenverfolgung nicht auf den Papst zu bauen, sondern auf das Wesentliche des Glaubens.

      • Der Papst ist der Stellvertreter Christi – allerdings nicht insofern als alle anderen Gläubigen nun nicht mehr IHN abbilden würden.

        Sein spezifischer Part ist die Sorge über die rechte Lehre und die apostolische Sukzession.

        Auch in der Geschichte schon mussten Päpste auf Heilige hören, vorausgesetzt sie waren demütig und echte Päpste.
        Es ist ja gerade eine falsche Einstellung der Tradition, dass sie den Papst wie einen Halbgott versteht und überhaupt das Reich Gottes wie eine vulgär-plumpe „Hierarchie“ versteht.
        Immer wieder stolpere ich über diese Idee in der traditionalistischen Literatur, wie schon öfter gesagt bereits im 19. Jh. Das hängt historisch natürlich mit der Auflösung der alten politischen Ordnungen zusammen. Ab da schlich sich gerade bei den Konservativen dieser Kardinalfehler ein. Das berührt allerdings nicht das Unfehlbarkeitsdogma, denn das grenzt tatsächlich ein auf die oben genannte Autorität, die dann aber auch gelten muss. Wird ein Papst ihr nicht gerecht, ist er auch nicht der Papst. So einfach ist das, und niemand muss ihm gehorchen.

        Dabei hat es Jesus oft genug gesagt: Vor Gott sind viele der Ersten die letzten!

        Es gab die Päpste, die sich mahnen ließen, weil sie es müssen – denn sie sind nicht Gott! Ich denke an Petrus, der sich von Paulus hart ermahnen lassen musste, und es ist uns sogar im Schriftkanon überliefert. Ich denke an Papst Eugen, der „Schüler“ seines Seelenführers Bernhards von Clairveaux war und dessen Mahnungen an sein „Kind“ heute noch nachlesbar sind. Oder der berühmteste Fall der Katharina von Siena.

        All diese Heiligen waren mitnichten Leute, die die Autorität des Papstes bestritten hätten. Aber wer nicht mehr gemahnt wird oder werden müsste, kann nur in die Irre gehen.

  4. Wenn er nicht so viel reden würde dann hätten viele Katholiken vielleicht ein Chance Christus und diese Zeit besser zu verstehen. Sie könnten sich besser auf das Wesentliche vorbereiten. Ich halte das für sehr wichtig.
    Per Mariam ad Christum.

  5. Auf kath.net kommt die Meldung, dass der Papst zu Fuß zum Zahnarzt geht. Er wird – wie auch der Kaiser – an andere Orte zu Fuß gehen. Jeden Tag werden die Meldungen über das Leben des Heiligen Vaters banaler und zur großen Demutsshow insziniert. Der Papst, der in der Mensa ißt, etc. Der Kumpel in Weiß von nebenan. Als nächstes geht er in den Supermarkt. Franziskus, der nicht promoviert hat und keine Fremdsprachen spricht, kann nur wie populistische Politiker punkten: Kinder umarmen, mit dem Arbeiter um die Ecke ein Bier heben und über die Beamten (Kurie) schimpfen. Aber die Rechnung wird nicht aufgehen. Irgendwann merkt jeder, dass Kaiser und Papst keine neuen Kleider tragen, sondern nackt durch die Straßen marschieren und lächerlich geworden sind. Noch bejubeln alle Medien sein Auftreten, aber immer mehr sagen es hinter vorgehaltener Hand:
    Guck mal, der hat ja gar nix an; da is ja nix; da kommt auch nix.

    • Demnächst wird in allen Welt- und Kirchenmedien zu lesen sein, Papst Franziskus habe beim Mittagessen in der Casa Martha geäußert: „Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmacket?“. Daran wird sich eine tagelange Diskussion entspinnen, ob er es wirklich gesagt hat oder ob es ihm nur untergeschoben wurde, und ob es zu dem Zweck war, die Leiblichkeit des Menschen theologisch ins Licht zu rücken oder um die Ökumene mit den Lutheranern neu anzustoßen. Pater Lombardi wird zunächst schweigen, dann dementieren, dann das Dementi dementieren, dann wieder schweigen. Radio Vatikan und der Osservatore Romano werden verschiedene Fassungen bringen, wobei die englische Fassung von Radio Vatikan abweicht von der deutschen Fassung. Die italienische Originalfassung auf einem youtube-Video, das ein Casa-Marta-Gast mit seinem Handy zufällig mitgeschnitten hat, weist an dieser Stelle eine offenkundige Lücke auf. Millionen Katholiken werden, je nachdem, jubelnde oder entrüstete Kommentare in Internet-Foren schreiben. Und die Hölle lacht ein sardonisches Gelächter.

      • Hahaha – Sie sollten das irgendwo für die Satireseit einreichen!

        Aber es ist traurig, dass man über Bergoglio fast nicht umhin kommt, satirisch zu werden:

        Difficile est, satiram non scribere.

  6. @Zeitschnur
    Ich habe selbst kritisiert, dass Benedikt XVI. mit seinen Büchern in eine Debatte eingegriffen hat, die er als Papst entscheiden muss. Es war, als hätte er Urlaub vom Amt des Papstes genommen und sei wieder in die Rolle des Gelehrten geschlupft.
    Dennoch bestehen wesentliche Unterschiede zu Herrn Bergoglio:
    1. Er hat es ganz deutlich geschrieben: Seine Bücher sind kein lehramtlicher Akt. Jeder, der die Bücher las, konnte es lesen .
    2. Er hat höchst seriös gearbeitet. Sorgfältig, mit Quellenangaben, in Auseinandersetzung mit führenden Gelehrten, er hat – nebenbei erwähnt – seinen Urlaub weitgehend dafür geopfert.
    3. Er hat den überlieferten katholischen Glauben als Gelehrter verteidigt.
    Ich wiederhole es: Das geht als Papst nicht mehr. Aber seine Bücher waren alles andere als zerstörerisch für den Glauben. Er konnte damit Menschen erreichen, die auf lehramtliche Akte nichts geben.
    Nun zu Herrn Bergoglio:
    1. Er predigt täglich, 2 Fassungen seiner Predigten werden veröffentlicht – unseriös! Hinter welcher Fassung steht Herr Bergoglio?
    2. Damit stiftet Herr Bergoglio bewusst Verwirrung, was man Benedikt XVI. nie und nimmer vorwerfen kann.
    3. Herr Bergoglio arbeitet genauso unseriös in Interviews. Was hat er gesagt, was dichtet ihm sein Interviewpartner an? Kaum jemand weiß es. Herr Bergoglio macht es ganz bewusst, es ist seine Strategie.
    4. Die Äußerungen dieses Taschenspielers, dieses Tricksers auf dem Stuhl Petri sind viel zu oft direkt gegen den überlieferten Glauben gerichtet. Den er damit zerstört.

    Abschließend möchte ich bemerken: Nach meiner Meinung darf man die Fehler der beiden Päpste nicht über einen Kamm scheren. Die Unterschiede sind dermaßen gravierend, dass man selbst in Gefahr gerät, nicht mehr seriös zu argumentieren, wenn man es macht.

    • Ich bitte um sachgemäßes Lesen meines Postings. ich habe keine Generalvergleich zwischen den beiden „Päpsten“ angestellt – also bitte keine Unterstellungen über „Über einen Kamm scheren“ und ähnliches:

      Mir ging es um die Problematik, dass ein Papst überhaupt nach außen suggeriert, es gebe eine „private öffentliche“ und eine „öffentlich-öffentliche“ Seite seiner Person.

      Letztendlich begründet diese falsche Haltung Benedikts auch seinen Rücktritt und den „papa emeritus“.

      Das Benedikt wesentlich intelligenter und stilvoller ist, und dass er diese fehlerhafte Haltung nicht so vulgarisiert hat, wie Bergoglio das tut, mag ja sein, aber es ändert nichts an dem, was ich hervorheben wollte:

      dass diese prinzipielle Auffassung des Papstamtes außerhalb der Tradition steht, ob nun stilvoll und in der falschen Haltung konsequent oder vulgär und in derselben falschen Haltung inkonsequent.

      • @ Zeitschnur
        Ich habe Ihren Kommentar aufmerksam gelesen. Mein Hinweis, dass beide Päpste „nicht über einen Kamm zu scheren sind“, war allgemein gemeint, nicht direkt auf Sie bezogen. Das Missverständnis tut mir leid.
        Ich habe dennoch eine abweichende Meinung, und das ist ja auch nicht schlimm.
        Ich denke schon, dass ein Papst ein Buch schreiben und bemerken darf, es habe nicht ausdrücklich lehramtlichen Charakter, der Inhalt sei nicht verbindlich für alle Katholiken zu glauben. Ob es sinnvoll ist, ist eine andere Frage.

        Bei Benedikt verhielt es sich anders, weitaus bedenklicher. Er griff in eine Debatte ein, in der wesentliche Glaubensinhalte geleugnet werden. Er darf dann nicht nur als Gelehrter den Glauben verteidigen, sondern er muss als Papst verurteilen.
        Wir alle wissen, er hat es nicht getan. Doch diese Entwicklung hat Johannes XXIII. zu verantworten. Was Benedikt nicht grundsätzlich entschuldigt, aber sein Verhalten verstehen lässt.

        Es ist wirklich kompliziert: Zwischen den vorkonziliaren Päpsten und den Konzils- und Nachkonzilspäpsten besteht eindeutig ein Bruch. Doch es ist auch nicht zu bestreiten, dass Benedikt XVI. von all diesen „Bruch- Päpsten“ der seriöseste war, der den Bruch nicht wollte. Der gerade deshalb angefeindet wurde, wie kaum ein Mann der Kirche nach dem 2. Vat. Konzil. Der mit „Summorum Pontificum“ den überlieferten römischen Ritus aufgewertet hat, was ihm seine Gegner nie verzeihen werden. Denn diese Aufwertung kann entscheidend zu einer Heilung der bedrohlichen Glaubens- und Kirchenkrise führen, jedenfalls langfristig.

        Herr Bergoglio will den Bruch. Und zwar radikal, brutal. Er bekämpft den überlieferten Ritus, so weit es ihm möglich ist.

        Sie bestreiten das nicht. Aber es gibt hier noch mehr Leser und Leserinnen, wir führen ja keinen privaten Austausch.
        Deswegen betone ich es nochmal ausdrücklich.

      • @ zeitlos

        Ich denke, Sie wissen ja, dass ich Benedikt XVI. anfangs posititiver gesehen habe und ihm viel zugute hielt. Er hat Stil, er ist klug, er konnte etwas von dem „alten“ Papsttum noch mal aufleben lassen, keine Frage.
        Bergoglio ist einfach nur vulgär, wühlt ausschließlich in der untersten Schublade und behauptet auch noch frech, es gäbe nur diese eine Schublade…

        Aber mit zunehmender Ratzinger-Lektüre musste ich zur Kenntnis nehmen, dass er einen wesentlichen Teil der tradierten Lehre zwar nicht direkt leugnet, aber das tut, was das Vaticanum I verworfen hatte:

        „Wer sagt, es könne geschehen, dass den von der Kirche vorgelegten Lehrsätzen einmal entsprechend dem Fortschritt der Wissenschaft ein anderer Sinn zuzuschreiben sei als der, den die Kirche gemeint hat und meint: der sei mit dem Anathema belegt.“ (Dei filius, Canon 3 über „Glaube und Vernunft“

        Seither sehe ich ihn mit anderen Augen, denn seine „Hermeneutik der Reform“ macht ja in der Tat die theologische Reform zu einem unberechenbaren und ideologischen Faktor der ganzen Theologie. Denn die Frage, wie eine solche Reform in Kontinuität eigentlich aussehen soll, hat er nirgends so beantwortet, dass nicht am Ende doch wieder alles offen wäre.
        Er ist wegen seiner Intelligenz wesentlich schwerer zu fassen und zu kritisieren … und auch zu stoppen gewesen. Vielleicht wissen Sie, dass seine Habilschrift von einem der Korrektoren wegen dieser modernistischen philosophischen Grundlage verworfen wurde. Man hat also durchaus das Ratzinger-Problem in treuen theologischen Kreisen gesehen…damals..

        Sie sagen es ja selbst, dass es unverantwortlich ist, in einer desolaten theologischen Jesus-Debatte als Papst nun „ganz privat“ ein Buch zu veröffentlichen. Immerhin ist Jesus der Herr, der Bräutigam, der, dem die Kirche gehört und dem ich gehöre! Und Ratzinger war sein Stellvertreter!

        Bergoglio dagegen ist vulgär, tyrannisch und populistisch. Er ist zudem ein Häretiker schlimmster Sorte. Von Anfang an habe ich ihn so gesehen und habe mich hier auf Katholisches, aber auch über private Emails und auf meinem Blog dafür halb totschlagen lassen müssen.
        Ich habe stets gute Gründe genannt, und niemand konnte sie auf der Sachebene widerlegen. Die fortschreitende Zeit zeigt, dass ich ihn nicht falsch beurteilt habe – bis jetzt ist alles so gekommen, wie ich es befürchtet hatte. Er wird bald ganz offen sein Visier herunterklappen, und dann wird es schlimm, richtig schlimm. Er verursacht mir Alpträume. Und ich wünschte immer noch, ich hätte nicht recht…

        Sancta Maria ora pro nobis peccatoribus!

      • Zeitlos:

        Wenn etwas nicht sinnvoll ist, dann sollte man es doch überhaupt nicht tun.

        Ist es nicht wie mit einem jeden Gedanken: Entweder er ist gut – und damit gottgefällig, oder er ist schlecht – und stammt damit vom …?

  7. Immer schon sprachen Päpste öffentlich und privat. Der Mensch ändert sich ja nicht. Es hängt sicherlich großenteils mit den Medien zusammen, die omnipräsent sind, daß man das heute erst bemerkt und früher halt nicht- wie auch! Da wird jeder Fingerzeig und alles Mögliche dann der ganzen Welt zugleich „mitgeteilt“. Bei Benedikt wars mal so eine Nikolauskappe- es war ihm kalt, die das rege Interesse der Mediengemeinde fand. Von Johannes Paul II. wurden etliche Fotos auf seinen Reisen in alle Welt geschossen. Das Bild ist sooo wichtig. Es ist auch wichtig. Letztlich wichtiger als Buchstaben. Man hat ja ein Bild von seinen Lieben auf was auch immer stehen und nicht einen schönen Brief, den man sich täglich anschaut. Das Bild machts.

    Es gibt dann so „Bild“- Nachrichten wie, daß der Papst zu Fuß zum Zahnarzt geht und wo er seine Pizza ißt. Da kann der Papst aber nichts dafür. Das alles ist in der heutigen Medienwelt „interessant“ und findet seine Leser und Zuseher.
    Scheinbar Banales wird wichtig, längst nicht alles, aber auch wichtig. Der auferstandene Herr zeigte sich den Jüngern und mußte es auch. Er hätte auch der Maria Magdalena ein Schriftstück geben können: „Ich, Euer Jesus, bin auferstanden. Wartet auf den Hl. Geist. Auf Wiedersehen im Himmel! Machts gut!“

  8. @ Zeitschnur

    Vielleicht muss man sich als Grundlage jeder Debatte immer wieder vor Augen führen: Wir leben in einem beispiellosen Wirrwarr, was den katholischen Glauben anbetrifft. Oder bildlich gesprochen: Das Kind ist in den Brunnen gefallen, das Lehramt der katholischen Kirche ist zusammengebrochen. Und das seit Jahrzehnten.
    Was Ratzinger anbetrifft: Allein sein weit verbreitetes Buch „Einführung in das Christentum“ enthält Häresien. Er hat sie als Kardinal und später als Papst nie mehr wiederholt. Aber er hat sein Buch nie korrigiert, jede Neuauflage erscheint unverändert.
    Diese Widersprüchlichkeit ist für ihn typisch.
    Vielleicht gibt es für seine Widersprüchlichkeit eine Erklärung, die in seinem Charakter begründet ist. Menschlich wirkte er zwar bescheiden, aber als Gelehrter hat er sich enorm überschätzt. Er bildete sich ein, er könne seine teils neomodernistischen Ideen mit der Tradition verbinden.

    Bergoglio hasst die Tradition, Ratzinger bildete sich ein, er könne sie verändern ohne sie zu zerstören.
    Nach den Grundprinzipien ist beides übel, man braucht eigentlich nicht zu unterscheiden.

    Doch die Frage ist, wie ist diese Krise zu überwinden? Da bisher in der Kirchengeschichte die Vorsehung Gottes sich menschlicher Werkzeuge bedient hat, könnten einige Entscheidungen Benedikt XVI. aus der Krise herausführen.

    Hier muss ich wieder „Summorum Pontificum“ erwähnen. Unter Benedikt XVI. hätten die Franziskaner der Immakulata dieses Schicksal, zerstört zu werden, nicht erlitten. Wahrscheinlich wären sie gar nicht aufgeblüht ohne ihre Hinwendung zur Messe aller Zeiten. Ähnliches gilt für die Diözese Ciudad del Este. Bergoglio hat die Macht, auch dort zerstörerisch zu wirken, und er wird sie ausnutzen.

    Aber irgendwann ist es vorbei mit dieser Bergoglio-Generation und ihren Nachfolgern. Und vielleicht befindet sich in irgendeinem Seminar der Petrusbruderschaft oder einer anderen Ecclesia-Dei-Gemeinschaft ein junger Seminarist, der später Papst wird. Und dieser Papst praktiziert den überlieferten Glauben, er feiert das Messopfer, spendet die Sakramente in der überlieferten Form. Und es gibt genug Gläubige, denen dank „Summorum Pontificum“ sein Wirken vertraut ist, die katholisch geblieben sind.

    Wer weiß, ob es so kommt. Wie immer es ausgeht: Vom Nullpunkt kann kein Papst die Heilung einleiten. Ohne „Summorum Pontificum“ wäre die Tridentinische Messe wahrscheinlich verkümmert. Mit der Messe Paul VI. ist eine Heilung undenkbar.
    Davon bin ich überzeugt.

    Auch wenn es grundsätzlich stimmt: Wer nur eine Glaubenswahrheit leugnet, verzerrt, verdreht, der leugnet den ganzen katholischen Glauben, so kann man gegenwärtig nur noch nach den Goldkörnchen suchen in all dem Staub und Schmutz. Und die sind im Pontifikat Benedikt XVI. zu finden, trotz seiner widersprüchlichen Theologie.

    Der integrale katholische Glaube ist das Ziel. Der Weg zum Ziel kann wahrscheinlich nur noch schrittweise erfolgen.

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