Mythos und Wirklichkeit der Zweitehe bei den Orthodoxen

Orthodoxe Hochzeit gemeinsamer Weinbecher aber keine Kommunion(Rom/Konstantinopel) Es ist verbreitete Meinung, daß die Ostkirchen nach der Scheidung eine neue Eheschließung zulassen und den wiederverheiratet Geschiedenen auch die Kommunion spenden. Doch dem ist nicht so, sagt der bekannter Liturgiker Don Nicola Bux. Nur die erste Ehe wird als wirkliches Sakrament gefeiert.

Auf dem Rückflug aus dem Heiligen Land stellte sich Papst Franziskus den Fragen der Journalisten. Eine Frage lautete im Zusammenhang mit verheirateten Priestern und der Zweitehe für Geschiedene, „ob die Katholische Kirche etwas von den orthodoxen Kirchen lernen könnte“.

Auf die eine wie auf die andere Frage antwortete Papst Franziskus ausweichend. Alle erinnern sich daran, was er im Zusammenhang mit der Wiederverheiratung in einem vorherigen Pressegespräch auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro auf die Frage des Journalisten Gianguido Vecchi vom Corriere della Sera geantwortet hatte:

„Klammer auf: Die Orthodoxen folgen der Theologie der Oikonomia, wie sie sie nennen, und geben eine zweite Möglichkeit [der Eheschließung], sie erlauben es. Ich glaube, daß dieses Problem – und damit schließe ich die Klammer – im Rahmen der Ehepastoral geprüft werden sollte.“

Rückflug von Rio und die unterschlagene Papst-Aussage in der deutschen Übersetzung

Vielleicht ist die Stelle zumindest im deutschen Sprachraum nicht so bekannt, weil der Vatikan diese Passage in der offiziellen deutschen Übersetzung ausgelassen hat, während sie sich im italienischen Original findet.

Auf diese ostkirchliche Praxis bezog sich auch Kardinal Walter Kasper in seinem Einführungsvortrag beim Kardinalskonsistorium im vergangenen Februar. Papst Franziskus beklagte sich, daß die gesamte Diskussion um den Kasper Vortrag sich nur um die wiederverheiratet Geschiedenen drehe. Tatsächlich aber war es Kasper, der mit seinem Vortrag die Bischofssynode über die Familie auf dieses Thema zu fixieren versuchte und darin Kern und Stoßrichtung seiner Ausführungen sah und – wie Interviews und Vorträge seither belegen – bis heute sieht.

Die irrige, von Kardinal Kasper geförderte Vorstellung von der orthodoxen Praxis

Die vorherrschende Meinung im Westen lautet: in den orthodoxen Kirchen gibt es eine sakramentale Zweit- und sogar Drittehe und den wiederverheiratet Geschiedenen wird auch die Kommunion gespendet. Die Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus. Die Zulassung von Zweit- und Drittehen ist historisch gut faßbar und einem bestimmten Kontext zuzuordnen, in dem die staatliche Macht Druck auf die Kirche ausübte. Die orthodoxe Kirche gab unter diesem weltlichen Druck wegen ihrer nationalkirchlichen Abhängigkeit zwar nach, bringt jedoch bis heute ihre Mißbilligung zum Ausdruck. Zwischen der ersten und sakramentalen Ehe und der zweiten oder dritten nicht sakramentalen Ehe zog die Ostkirche immer eine deutliche Trennlinie, die sie durch einen unübersehbaren Unterschied in der Liturgie zum Ausdruck bringt. Der Unterschied bezieht sich nicht nur auf das Zeremoniell, sondern auch auf die Substanz. So zum Beispiel im starken Bußcharakter, in dem die Zweiteheschließung gehalten ist.

Der Vatikanist Sandro Magister verweist in diesem Zusammenhang auf die historische Studie des lateinischen Priesters griechischer Abstammung Basilius Petrà, der als Ordinarius am Päpstlichen Orientinstitut die Frage der Zweitehe in der orthodoxen Tradition studierte (Basilio Petrà: Divorzio e seconde nozze nella tradizione greca. Un’altra via, Assisi 2014, 212 Seiten, 15,90 Euro).

Ehesakrament im Westen reiner bewahrt – Warum also darin dem Osten folgen?

Magister veröffentlichte eine klärende Darstellung des bekannten Liturgikers Don Nicola Bux über das, was die Zweitehe in der orthodoxen Theologie und Praxis wirklich ist und was nicht. Dabei wird erkennbar, daß die orthodoxe Kirche sich bewußt ist, mit ihrer Nachgiebigkeit gegenüber dem weltlichen Druck an einem bestimmten historischen Moment in einen Widerspruch zum Anspruch des von Christus gestifteten Ehesakraments getreten zu sein. Der Zwiespalt zwischen weltlichem Begehren und göttlichem Anspruch hatte eine schwierige Gratwanderung zur Folge, die bis heute negative Auswirkungen hat, die sich schließlich sogar negativ auf den Ritus der Erstehe ausgewirkt haben. Die lateinische Kirche, die sich in langem, opferreichen Kampf weitgehend von staatlicher Beeinflussung freihalten konnte, bewahrte das Ehesakrament reiner. Warum also sollte sie, ohne Zwang, den Weg in dieselbe Abschwächung und Verdunkelung des Sakramentes gehen, das auch das Altarsakrament und Bußsakrament betrifft?

Bux lehrt an der Theologischen Fakultät von Bari und ist Consultor der Gottesdienstkongregation und der Heiligsprechungskongregation. Er nahm 2005 an der Bischofssynode über die Eucharistie teil, von der er eine interessante Episode berichtet, in deren Zusammenhang daran zu erinnern ist, daß der brasilianische Kardinal Hummes der einflußreiche Stichwortgeber für den erwählten Kardinal Jorge Mario Bergoglio war, sich als Papst den Namen Franziskus zuzulegen. Es war ein Privileg Hummes, mit dem neuen Papst auf die Mittelloggia des Petersdoms zu treten, als sich dieser das erste Mal der Welt zeigte. Bis zum Herbst 2013 war er durch Ernennung von Papst Benedikt XVI. auch Consultor des Amtes für die päpstlichen Meßfeiern. Eine Aufgabe, in der Papst Franziskus keinen der von seinem Vorgänger ernannten liturgischen Consultoren bestätigte.

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Die orthodoxe Kirche und die Zweitehe

von Nicola Bux

Jüngst bezog sich Kardinal Walter Kasper auf die orthodoxe Praxis der Zweitehe, um die Meinung zu vertreten, auch die wiederverheiratet geschiedenen Katholiken sollten zum Kommunionempfang zugelassen werden.

Vielleicht hat er nicht auf die Tatsache geachtet, daß die Orthodoxen im Ritus der Zweitehe gar keine Kommunion empfangen, weil im byzantinische Ritus der Kommunionempfang nicht vorgesehen ist, sondern in Erinnerung an die Hochzeit zu Kana nur der Tausch eines gemeinsamen Weinbechers, der nicht der konsekrierte Kelch ist. Zudem wird unter Katholiken verbreitet, die Orthodoxen würden die Zweitehe erlauben, weshalb sie auch die Scheidung vom ersten Ehepartner tolerieren würden.

Staatliche Scheidung für orthodoxe Kirchen irrelevant

In Wirklichkeit ist dem aber nicht so, weil es nicht um die moderne rechtliche Institution geht. Die orthodoxe Kirche ist bereit, die Zweitehe von Personen zu tolerieren, deren Eheband von ihr gelöst wurde, nicht vom Staat. Dies geschieht auf der Grundlage der Vollmacht, die Jesus der Kirche übertragen hat, „zu lösen und zu binden“. Weiter gewähren sie in einigen Sonderfällen eine zweite Möglichkeit. In der Regel, wenn der Ehepartner beharrlichen Ehebruch begeht. Auch in gewissen Fällen, in denen das Eheband nur Schein ist, gilt dasselbe.

In diesem Sinn ist auch die Möglichkeit einer Drittehe vorgesehen, wenn davon auch entschieden abgeraten wird. Grundsätzlich wird die Möglichkeit zu einer Zweitehe nach Auflösung des Ehebandes nur dem unschuldigen Ehepartner gewährt.

Erstehe sakramentale Freude – Zweitehe ein Bußritus

Die zweite und dritte Ehe wird im Gegensatz zur ersten Ehe bei den Orthodoxen mit einem Sonderritus zelebriert. Ein Ritus, der als Bußritus bezeichnet wird. Da im Ritus der Zweitwehe seit jeher die Krönung der Eheleute fehlt, den die orthodoxe Theologie als den essentiellen Moment der Trauung betrachtet, gilt die Zweitehe nicht als wirkliches Sakrament, die es den Neuvermählten erlaubt, ihre Verbindung als wirklich von der Kirche anerkannt zu betrachten. Der Ritus der Zweitwehe wird auch bei Eheleuten angewandt, die verwitwet sind.

Die fehlende Sakramentalität der Zweitehe kommt auch im Fehlen der eucharistischen Kommunion in den byzantinischen Trauungsriten zum Ausdruck, die durch einen Weinbecher als Symbol des gemeinsamen Lebens ersetzt wurde.

Historischer Widerspruch im orthodoxen Eheverständnis – „Entsakramentalisierung“ als Folge

Das scheint ein Versuch der „Entsakramentalisierung“ der Ehe zu sein, vielleicht wegen der wachsenden Verlegenheit, die durch die Zweit- und Drittehen verursacht wurden, wegen der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe, die in direktem Verhältnis zum Sakrament der Einheit steht, der Eucharistie.

In diesem Zusammenhang schrieb der orthodoxe Theologe Alexander Schmemann, daß gerade der zum Symbol des gemeinsamen Lebens erhobene Becher „die Entsakramentalisierung der Ehe zeigt, die zu einem natürlichen Glück reduziert ist. In der Vergangenheit wurde dieses durch die Kommunion, die gemeinsame Eucharistie als letztem Siegel der Vollendung der Ehe in Christus erreicht. Christus soll die wahre Essenz des gemeinsamen Lebens sein.“

Kardinal Hummes und die Häresie, daß Messe ohne Kommunionempfang ungültig sei

Wie sollte diese „Essenz“ aufrecht bleiben? Daher handelt es sich um ein qui pro quo, das im katholischen Bereich auf das mangelnde oder gänzlich fehlende Verständnis für die Glaubenslehre zurückgeht. Deshalb konnte sich die Meinung, besser gesagt, die Häresie herausbilden, daß die Heilige Messe ohne Kommunionempfang nicht gültig sei. Die ganze Aufmerksamkeit um die Kommunion für die wiederverheiratet Geschiedenen, die nicht mit der orthodoxen Sichtweise und Praxis zu tun hat, ist eine Folge davon.

Vor zehn Jahren, als ich an den Vorbereitungen der Bischofssynode über die Eucharistie mitwirkte, an der ich 2005 als Experte teilnahm, wurde diese „Meinung“ von Kardinal Claudio Hummes, damals Mitglied des Synodensekretariats vorgebracht. Aufgefordert von Kardinal Jan Peter Schotte, dem damaligen Generalsekretär der Synode, fiel es mir zu, Kardinal Hummes daran zu erinnern, daß die Katechumenen und die Büßer – zu denen auch die Digamen [in zweiter Ehe verheirateten] gehörten – in den verschiedenen Bußgraden an der Zelebration der Heiligen Messe oder Teilen von ihr teilnahmen, nicht aber an der Kommunion.

Eucharistie kein rituelles Mahl

Heute ist unter Klerikern und Gläubigen eine irrige „Meinung“ verbreitet, wie Joseph Ratzinger anmerkte. Es gelte sich wieder viel klarer der Tatsache bewußt zu werden, daß die eucharistische Zelebration nicht wertlos ist, für die, die nicht kommunizieren. Da die Eucharistie nicht ein rituelles Mahl ist, sondern das gemeinschaftliche Gebet der Kirche, in dem der Herr mit uns betet und sich mit uns vereint, bleibt sie kostbar und groß, ein wahres Geschenk, auch wenn wir nicht kommunizieren können. Würde man eine bessere Kenntnis dieser Tatsache wiedergewinnen und die Eucharistie auf korrektere Weise sehen, würden eine Reihe von pastoralen Problemen, wie die Frage der wiederverheiratet Geschiedenen automatisch viel von ihrer drückenden Last verlieren. Das Beschriebene ist das Ergebnis eines Auseinanderfallens oder sogar des Gegensatzes zwischen Dogma und Liturgie, der entstanden ist.

Der Apostel Paulus forderte jene, die zur Kommunion gehen wollen auf, sich selbst zu prüfen, um sich nicht die Verdammnis zu essen und zu trinken: „Denn wer davon ißt und trinkt, ohne zu bedenken, daß es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er ißt und trinkt“ (1 Kor 11,29).

Christentum ohne Androhung des Gerichts ist verfälscht

Das bedeutet: Wer das Christentum nur als frohe Verkündigung will, in der es keine Androhung des Gerichts geben darf, verfälscht es, wie Joseph Ratzinger schrieb.

Man fragt sich, wie man an diesen Punkt gelangen konnte. Verschiedene Autoren haben in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Theorie vertreten, wie Ratzinger erinnert, laut der die Eucharistie sich mehr oder weniger ausschließlich von den Mahlzeiten herleitet, die Jesus mit den Sündern einnahm. Daraus folgt eine Vorstellung von der Eucharistie, die nichts mit jener der Urkirche zu tun hat.

Paulus: Mißbrauch der Eucharistie bedeutet Verfluchung

Obwohl Paulus die Kommunion mit einem Anathema gegen Mißbrauch schützt, wenn er sagt: „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht!“ (1 Kor 16,22), behauptet jene Theorie, daß es Essenz der Eucharistie sei, daß sie unterschiedslos „allen“ angeboten werde, auch den Sündern, mehr noch, sogar den Ungläubigen.

Dagegen setzt Ratzinger ein klares Nein. Seit dem Ursprung der Eucharistie wurde sie nie als Mahl mit den Sündern aufgefaßt, sondern als Hingabe und Einheit mit Christus der mit Gott Versöhnten. Denn für Eucharistie gab es von Anfang an klare Zugangsbedingungen und darauf wurde die Kirche aufgebaut.
Die Eucharistie ist das Festmahl der Versöhnten, wie die byzantinische Liturgie in Erinnerung ruft, wenn sie im Moment der Kommunion die Einladung ausspricht: Sancta sanctis, die heiligen Dinge der Heiligen.

Dennoch beeinflußt die falsche Theorie der Ungültigkeit der Messe ohne Kommunionempfang noch immer unsere heutige Liturgie.

Einleitung/Übersetzung: Settimo Cielo/Giuseppe Nardi
Bild: ortox.ru

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1 Kommentar

  1. Ein sehr guter Artikel. Differenziert und sachlich.
    Das Eheband kann nicht gelöst werden, wenn die gültige sakramentale Ehe vollzogen wurde. Denn ab dann ist die Ehe unauflöslich. Dazu hat die Kirche gar keine Macht.

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