Japans Kirche an den Ufern des Rheins, statt des Tibers angekommen

Japans Kirche am Rhein angekommen(Tokio) „Japan ist an den Ufern des Rheins angekommen. Die Kapitulation der Kirche“, mit diesen Worten kommentiert der Vatikanist Sandro Magister die Beantwortung des vatikanischen Fragebogens zu Ehe und Familie durch die Japanische Bischofskonferenz. Die Antworten der japanischen Bischöfe ähneln jenen der Bischofskonferenzen des deutschen Sprachraums und sind „ein Einknicken der Katholiken vor dem vorherrschenden ‚Einheitsdenken‘“ so Magister. Sie sind aber auch Ausdruck der Führungsschwäche der Hirten, so der Vatikanist. Wörtlich attestiert er den Bischöfen „Führungsunfähigkeit“.

Die neue „Rheinische Allianz“

Bisher hatten fünf Bischofskonferenzen die vatikanischen Vorgaben verletzt und die gebotene Vertraulichkeit gebrochen, indem sie ihre Beantwortung des Fragebogens öffentlich machten. Begonnen hatten damit die Bischofskonferenzen von Deutschland, Schweiz und Österreich. Kein Versehen, wie Kritiker vorwerfen, sondern der gezielte Versuch, den öffentlichen Druck auf die Katholische Kirche und vor allem die Bischofssynode zu erhöhen, um die katholische Sakramenten- und Morallehre in konstitutiven Teilen der Glaubenswahrheit zu kippen. Die anderen zwei Bischofskonferenzen sind jene von Belgien und Frankreich. Alle fünf gehörten zur sogenannten „Rheinischen Allianz“, die durch frühzeitige Organisation maßgeblichen Einfluß auf den Verlauf des Zweiten Vatikanischen Konzils ausübte. Neu in diesem Reigen ist nun die Bischofskonferenz Japans hinzugestoßen.

Damit sie ihre Wirkung nicht verfehlen, sorgte die progressive Dehonianer-Zeitschrift Il Regno umgehend für die Übersetzung aller sechs Beantwortungen ins Italienische, der inoffiziellen Verkehrssprache der Katholischen Kirche (Il Regno, Nr. 5, 7, 9/2014).

Druck aus verweltlichten Ortskirchen

Die „Rheinische Allianz“ konnte wesentliche Durchschlagskraft erlangen, weil sich der deutsch- und französischsprachige Teil Europas frühzeitig organisierte und sich damit gegenüber anderen Strömungen einen nicht mehr einzuholenden Vorsprung sichern konnte, wie der Historiker Roberto de Mattei in seiner Konzilsgeschichte aufzeigte (Roberto de Mattei: Das Zweite Vatikanische Konzil: Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2011). Die katholische Kirche in allen an der „Rheinischen Allianz“ beteiligten Ländern erlebte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil allerdings nicht die durch ihren Kurs als sicher angekündigte neue Blüte, sondern eine radikale Verweltlichung.

Heute kommt erneut aus diesem, inzwischen stark entchristlichten Raum neuer Druck auf die Katholische Kirche, ihre Lehre und pastorale Praxis radikal zu ändern. Konkret zielt die Forderung auf das Ehesakrament ab, wobei die Ehe in der Diskussion meist gar nicht mehr als Sakrament angesprochen wird. Den Anfang soll die Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zur Kommunion bilden.

Statt zu führen, vermeidet Papst Franziskus inhaltliche Festlegung

Es heißt zwar in „Normalisten“-Kreisen, Papst Franziskus störe die Fixierung der Diskussion rund um Ehe und Familie auf die Kommunion für die wiederverheiratet Geschiedenen. Tatsächlich war es allerdings er, der die Bischofssynode über die Familie ausdrücklich im Zusammenhang mit dieser Frage ankündigte. In seinen Wortmeldungen vermied es der Papst mit erstaunlicher und irritierender Akribie, inhaltlich auf die Frage einzugehen. Es wäre ihm ein Leichtes, angesichts der sich aufheizenden Debatte klarzustellen, daß jedenfalls nicht sein werde, was nicht sein kann, nämlich die Aufweichung der Unauflöslichkeit des Ehesakraments. Damit könnte er der Diskussion klare Grenzen aufzeigen. Doch dergleichen tut das katholische Kirchenoberhaupt nicht. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, interpretierte Evangelii gaudium als „Öffnung“ des Papstes gegenüber der Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene. Im Tornielli-Interview vom Dezember 2013 antwortete Papst Franziskus darauf, beschränkte sich jedoch lediglich auf die Feststellung, daß er in Evangelii gaudium gar nicht auf diese Frage eingegangen sei. Eine meritorische Antwort hört sich anders an.

Irritierende Telefonseelsorge als päpstliche Position?

Auf dem Rückflug aus Tel Aviv sprach das katholische Kirchenoberhaupt lediglich davon, daß die Frage der Familie „viel, viel umfassender“ sei und in ihrer „Globalität“ anzugehen sei, denn die Familie sein „weltweit in der Krise“. Auch damit drückte sich der Papst um die Beantwortung der eigentlich interessierenden Frage herum: Was denkt er zur Kommunion für die wiederverheiratet Geschiedenen? Ein Telefonanruf bei einer Argentinierin, der er empfohlen habe, sich einfach einen anderen Priester zu suchen, der die Kommunion spendet, falls ein Priester sie verweigern sollte, liefert ein erschreckendes Indiz. Eine Gewißheit über die Authentizität der Aussage läßt sich jedoch nicht gewinnen. Die private Telefonseelsorge des Papstes stiftet zwar viel Verwirrung, der Vatikan zieht sich notgedrungen auf die Position zurück, daß sie nicht Teil des päpstlichen Handelns und daher einfach zu ignorieren sei. Da es dem Papst niemand verwehren kann, zum Telefonhörer zu greifen, bleibt dem Vatikan freilich auch nichts anderes übrig.

Japan in den Rhein gemündet

Die Antworten der japanischen Bischöfe auf den 39 Fragen umfassenden Fragebogen des Generalsekretariats der Bischofssynode bestätigt Papst Franziskus jedenfalls in seiner Analyse, daß sich die Familie in einer „weltweiten Krise“ befindet.

Sie bestätigen aber noch weit mehr. „Sie sind die Bestätigung, daß der Verfall des christlichen Familienmodells nicht nur das Produkt des vorherrschenden Denkens ist, sondern auch der Kapitulation der Kirche vor diesem Denken“, so der Vatikanist Sandro Magister.

Die Antworten der japanischen Bischöfe offenbaren „den verbreiteten Verzicht seit Jahrzehnten“, die immer gültige „Neuheit der christlichen Lehre“ zu den entscheidenden Bereichen des Lebens und der Familie zu verkünden und zu verteidigen.

In Japan machen die einheimischen Katholiken gerade einmal 0,35 Prozent der Bevölkerung aus. Japan ist ein Land, das nie christianisiert wurde. Liest man die Antworten der Bischöfe, gewinnt man aber nicht den Eindruck einer „kreativen Minderheit“ in einem Missionsland, sondern den einer erlahmten, auf sich selbst fixierten, der Verwaltung des Bestehenden konzentrierten, stark verweltlichen Kirche, wie man es von Mitteleuropa kennt. Japan ist nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil konsequenterweise nicht an den Ufern des Tibers angekommen, sondern an jenen des Rheins.

Antworten widerlegen zentrale Analyse von Papst Franziskus

Vor allem widerlegen die Antworten aller sechs „rheinischen“ Bischofskonferenzen, die so viel wert auf einen Schulterschluß mit der veröffentlichten Meinung legen, die zentrale Analyse von Papst Bergoglio, die Kirche sei unter seinen Vorgängern Johannes Paul II. und Benedikt XVI. geradezu von bestimmten Themen wie Abtreibung, „Homo-Ehe“ und Verhütungsmittel „besessen“ gewesen und damit in eine Schieflage geraten. Bestenfalls könnte man sagen, daß die genannten Päpste einen ziemlich einsamen, mutigen Kampf führten, der ihre Kräfte aufzehrte, bei dem sie von der kirchlichen Hierarchie, bis auf löbliche Ausnahmen, zumindest im sogenannten „westlichen“ Europa weitgehend alleingelassen wurden. Die Schieflage entstand daher nicht durch die Richtungsvorgabe dieser Päpste, sondern durch die Gefolgschaftsverweigerung vieler Bischöfe, Theologen, Priester und Laien.

Aus keiner der sechs Beantwortungen läßt sich auch nur annähernd entnehmen, daß die Enzyklika Evangelium vitae oder die „nicht verhandelbaren Werte“ eine tragende Säule des kirchlichen Wirkens in den genannten Ländern sind oder waren. Weit näher kommt man der Wahrheit, wenn man zum Schluß gelangt, daß das ortskirchliche Wirken vielmehr vom offenen oder verdeckten Widerspruch dagegen geprägt ist. Mit ein zentraler Grund, weshalb ihnen auch ein missionarischer Eifer abhanden gekommen ist.

Kapitulation vor vorherrschender Meinung und Versagen der Bischöfe

Die Beantwortung der Japanischen Bischofskonferenz, unterschrieben von ihrem Vorsitzenden Erzbischof Peter Takeo Okada von Tokio, müßte für Papst Franziskus umso aufschlußreicher sein, da sie ausschließlich das Ergebnis von Konsultationen der Bischöfe und der Ordensoberen ist. Sie gibt damit noch direkter den Zustand der dortigen Kirchenführung wieder als in den fünf europäischen Ländern, wo Ergebnisse von Umfragen unter den Gläubigen mit einflossen.

Die Antworten der Bischöfe der „Rheinischen Allianz“ sind jedenfalls nicht das, was sie selbstbewußt als Ausdruck „mündiger Christen“ vorgeben zu sein, sondern der ausdrückliche Beweis ihrer Kapitulation vor dem nicht christlichen, tonangebenden Denken und der Unfähigkeit, unter den modernen Heiden Hirten und Führer zu sein.

Wird Papst Franziskus nun, da sie durch die Fakten widerlegt wird, seine Analyse korrigieren?

Text: Settimo Cielo/Giuseppe Nardi
Bild: Settimo Cielo

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5 Comments

  1. Es stimmt: Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben entschlossen, mutig, unmissverständlich für die katholische Ehe- und Sexualmoral gekämpft, sie waren in der Frage das letzte Bollwerk.
    Doch es musste brechen, es ist logisch, es war und ist nur eine Frage der Zeit. Wird die Bastion geschleift, ist der Priesterzölibat an der Reihe, vielleicht läuft es zeitlich auch umgekehrt, aber auch das ist nur eine Frage der Zeit.

    Dennoch ist es einseitig, unlogisch, allein Bergoglio dafür verantwortlich zu machen. Wenn Johannes Paul II. die Allerlösungstheorie vertritt, wenn wir durch die Inkarnation und den Kreuzestod Jesu Christi erlöst sind, egal ob wir an Ihn glauben oder nicht, wenn alle Religionen und Weltanschauungen zum Heil führen, dann zerstört er den Glauben. Er kann immer noch die katholische Ehelehre vertreten, sie als DEM MENSCHEN GEMÄß verteidigen, aber sie verliert den verpflichtenden Charakter. Sie wird zur Privatangelegenheit.

    Oder mit anderen Worten: Die Kirche hat kein Recht, unglücklich Geschiedenen ein wirkliches Glück in einer Zweitehe zu verweigern, wenn diese NICHT gegen ein göttliches Gebot verstoßen. Wenn die Aufgabe der Kirche nicht mehr darin besteht, die Menschen zum Himmel zu führen, sondern dem Aufbau einer gerechten, brüderlichen Welt zu dienen, hat sie dem irdischen Wohlbefinden auch der einzelnen Gläubigen zu dienen. „Gaudium et Spes“ war der Anfang, der Konzilsvater Wojtyla hat entscheidend am Konzilsdokument mitgewirkt.

    Wenn der katholische Glaube zusammenbricht, erstickt unter den Häresien, die seit Johannes XXIII. nicht mehr bekämpft werden brauchen, dann muss ja wohl der Zusammenbruch der Ehe- und Sexualmoral folgen. Danach oder vielleicht doch davor fällt der verpflichtende Priesterzölibat. In einer verweltlichten Zeitgeistkirche ist er nicht mehr vermittelbar.

    Die katholische Kirche wird unter diesen Bedingungen möglicherweise eine Randerscheinung, die Zukunft scheint den Evangelikalen zu gehören. Die Konzilskirche ist eine synkretistische Missgeburt, ich muss mich so ausdrücken. Sie ist weder protestantisch noch katholisch und hat durch Bergoglio die Päpste heiliggesprochen, die für diesen trostlosen Zustand verantwortlich sind.

    Das ist die gegenwärtige Lage. Der Heilige Geist weht, wo er will, nur Er kann die Kirche neu beleben. Aber er wird ja außer direkt an Pfingsten nicht mehr angerufen, sein Kommen wird nicht mehr erfleht. Darin sind sich die „Konzilskirche“ und die Tradition übrigens einig. „Der Heilige Geist, der unterschätzte Gott,“ las ich, als ich googelte. Das war vor dem 2. Vatikanischen Konzil so und ist es jetzt auch. Nur hier hat es keinen Bruch gegeben zwischen der vor- und der nachkonziliaren Kirche.

    In einer geistlosen Kirche herrschen geistlose Zustände. Wen wundert es?

  2. Daß der Rhein in den Tiber geflossen ist, ist eine geologische Unmöglichkeit. Aber der Ungeist von 1517 kann weltweit wirken. Dieser lastet auf Deutschland und wirkt über unser Land in die Welt.

    Erzbischof Eder ist mit dem Allerheiligsten zur Salzach gezogen und hat diese gesegnet. Salzburg blieb vom Hochwasser verschont.

    Rein spekulativ: Was wäre wohl geschehen, wenn der Erzbischof von Tokio die durch den Tsunamie havarierte Reaktoranlage von Fukushima gesegnet hätte?

    Eines ist 100%ig sicher, geschadet hätte es garantiert nicht.

  3. Die japanische Kirche zeigt vor allem, welches „Missonspotential“ der christliche Glaube hat, wenn er weder durch Zwang, noch Geld, noch durch das Ausnutzen von Notlagen verbreitet werden kann …

  4. Den Fragebogen hätte man sich schenken können. Der war völlig überflüssig. Rom weiß doch, wie es nicht nur in Deutschland um die Praxis bestellt ist. Das wundert auch nicht bei immer schwächer werdenden Glaubenskenntnissen.

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