Die Unbarmherzigkeit von Kardinal Kasper gegenüber geschiedenen „Wiederverheirateten“

von Pater Franz Schmidberger

Im kommenden Herbst wird in Rom eine außerordentliche Bischofssynode zum Thema der Familie stattfinden, bei der in besonderer Weise die Probleme der christlichen Familie in einer vom Säkularismus gezeichneten Welt zur Sprache kommen sollen: Zusammenleben außerhalb der Ehe, Ehescheidung, Kontrazeption etc. Ein eigener Fragebogen wurde vom Vatikan im Vorfeld an die Bischöfe verschickt mit besonderen Fragen zur Ehemoral, welche die Oberhirten beantworten sollten. In einigen Ländern, insbesondere im deutschen Sprachraum, haben die Bischöfe den Fragebogen an ausgewählte Gläubige weitergeleitet, die entsprechend geantwortet haben. Die Antworten zeigen, wie weit der Zersetzungsprozess der christlichen Ehemoral im ehemals christlichen Volk schon fortgeschritten ist. Auf die Frage „Empfanden Sie es als Sünde, wenn Sie bei der Geburtenregelung sogenannte unerlaubte Methoden verwandt haben?“ antworteten 86 % mit nein, 14 % mit ja. Nächste Frage: Sind Sie deshalb schon der Eucharistie ferngeblieben? Hier antworteten 90 % mit nein, 10 % mit ja. Im Bistum Aachen geht aus den Antworten hervor, „die kirchliche Ehe- und Sexualmoral“ stelle „für viele ein Glaubenshindernis dar.“ Im Bistum Bamberg bringen die Antworten „eine kritische Haltung gegenüber der Morallehre zum Ausdruck“. Im Bistum Essen sprechen sich Befragte dafür aus, „gleichgeschlechtlichen Paaren eine Segensfeier zu ermöglichen“. Im Bistum Freiburg ist „das Zusammenleben vor einer kirchlichen Trauung kein Sonderfall, sondern der Normalfall“. Im Bistum Köln wird „die Lehre der Kirche als welt- und beziehungsfremd angesehen“. Im Bistum Magdeburg hat „die Kirche weitgehend ihre Deutungshoheit für den Lebensbereich von Ehe und Familie verloren“. In der Diözese Mainz wird „die Verwerfung künstlicher Methoden der Empfängnisregelung von fast allen Menschen abgelehnt bzw. weithin als völlig irrelevant betrachtet“. Im Bistum Osnabrück „wenden sich immer mehr von der Kirche ab“. Im Bistum Rottenburg wird „ein Verbot von Kondomen als sträflich bezeichnet“. Im Bistum Trier erwarten die Antwortenden „gelebte Barmherzigkeit in Fragen der Ehe, des Scheiterns, des Neuanfangs und der Sexualität“. 1)Zitate entnommen aus der Zeitschrift Der Spiegel 5/2014

Die verhängnisvolle Rolle von Kardinal Kasper

Für die Woche vom 17. – 22. Februar berief der Heilige Vater ein Konsistorium ein, an dessen Ende die Kreierung der neuen Kardinäle stand und das sich insbesondere in seiner Arbeit der Vorbereitung der Bischofssynode widmete. Als einziger Redner war vom Papst Kardinal Kasper benannt worden, der am Donnerstagvormittag, dem 20. Februar vor seinen Mitbrüdern im Kardinalat ein langes Referat hielt. Bevor wir auf dieses näher eingehen, wollen wir dessen theologische Position etwas näher beleuchten.

Geboren 1933, wurde er 1957 zum Priester geweiht, widmete sich der wissenschaftlichen Arbeit, wurde als Assistent von Hans Küng Professor der Theologie und 1989 zum Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart ernannt. In dieser Zeit seines 10-jährigen Wirkens, nämlich 1993, machte er mit dem jetzigen Kardinal Lehmann und dem inzwischen verstorbenen Erzbischof Saier einen Vorstoß zugunsten der sakramentalen Kommunion für geschiedene „Wiederverheiratete“, der vom damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, entschieden zurückgewiesen worden ist. 1999 wurde Bischof Kasper zum Sekretär des päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen nach Rom berufen; bald danach wurde er Präsident dieses Rates. In hohem Maß war er bei der Ausarbeitung und Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung der Katholiken und Protestanten im Jahr 1999 in Augsburg mitbeteiligt. Im Jahr 2010 trat er aus Altersgründen von seinem Amt zurück, war aber bei der Papstwahl im letzten Jahr ein entschiedener Förderer der Erhebung von Kardinal Jorge Bergolio auf den päpstlichen Stuhl.

Werfen wir jetzt einen kurzen Blick auf das wissenschaftliche Schaffen Kaspers, indem wir uns einige seiner Werke näher ansehen. Im Jahr 1967 stellte er in einem Artikel fest: „Der Gott, der als unveränderliches Wesen über der Welt und der Geschichte thront, stellt eine Herausforderung an den Menschen dar. Man muss ihn leugnen um des Menschen willen, weil er die Würde und Ehre, die an sich dem Menschen gebühren, für sich beansprucht. […] Gegen diesen Gott muss man sich aber nicht nur um des Menschen willen, sondern auch um Gottes willen wehren. Er ist gar nicht der wahre Gott, sondern ein kümmerlicher Götze. Denn ein Gott, der nur neben und über der Geschichte ist, der nicht selbst Geschichte ist (Hervorhebung durch uns), der ist ein endlicher Gott. Wenn man ein solches Wesen als Gott bezeichnet, dann muss man um des Absoluten willen A-theist werden. Ein solcher Gott entspricht einem starren Weltbild; er ist der Garant des Bestehenden und der Feind des Neuen.2)Gott in der Geschichte, Aufsatz von Walter Kasper, erschienen in Gott heute, 15 Beiträge zur Gottesfrage von Norbert Kutschki, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, 1967

In dem Buch Einführung in den Glauben meint er, Dogmen können „durchaus einseitig, oberflächlich, rechthaberisch, dumm und voreilig sein.“ 3)Einführung in den Glauben, Walter Kasper, 1974, Matthias-Grünewald-Verlag, 7. Auflage 1983, Kapitel 9.4, S. 148

In dem Werk Jesus der Christus schreibt er bezüglich der Wunderberichte im Neuen Testament: „Literarkritisch lässt sich die Tendenz feststellen, die Wunder zu steigern, zu vergrößern und zu vervielfältigen. […] Damit verringert sich der Stoff an Wunderberichten sehr wesentlich.“ 4)Jesus der Christus, Walter Kasper, Matthias-Grünewald-Verlag, 7. Auflage 1978, II. Teil: Geschichte und Geschick Jesu Christi, Kapitel III, S. 105-106

Sodann sind für ihn die Wunderberichte ein „Übertragen außerchristliche[r] Motive auf Jesus, um seine Größe und Vollmacht zu unterstreichen“. […]Manche Wunderberichte erweisen sich formgeschichtlich als Rückprojektionen von Ostererfahrungen in das irdische Leben Jesu bzw. als vorweggenommene Darstellungen des erhöhten Christus.“ 5)ibd., S. 106 So insbesondere die Geschichte von der Totenerweckung der Jairus-Tochter, des Jünglings von Naim und des Lazarus. […] „So erweisen sich gerade die Naturwunder als sekundärer Zuwachs zur ursprünglichen Tradition.“ 6)ibd., S. 106

Zum ältesten Evangelienbericht über die Auferstehung Christi (Mk 16,1-8) meint er, „dass es sich hier nicht um historische Züge, sondern um Stilmittel handelt, die Aufmerksamkeit wecken und Spannung erzeugen sollen.“ 7)ibd, S. 149-150 Aber nicht nur der Glaube an die Auferstehung des Herrn, das ganze christologische Dogma wird von Kasper aufgelöst. Er schreibt: „Nach den synoptischen Evangelien bezeichnet sich Jesus selbst nie als Sohn Gottes. Damit ist die Gottessohn-Aussage eindeutig als Glaubensbekenntnis der Kirche ausgewiesen.8)ibd., S. 129 An einer anderen Stelle sagt er: „Er hat sich also vermutlich weder als Messias noch als Gottesknecht oder als Gottessohn und wohl auch nicht als Menschensohn bezeichnet.“ 9)Kasper, Jesus un der Glaube, in: Walter Kasper, Jürgen Moltmann, Jesus ja – Kirche nein? /theologische Meditationen 32), Zürich, Einsiedeln, Köln 1973, S. 20 Das Dogma, dass Jesus „ganz Mensch und Gott ist“, sei „überholbar10)Kasper, Einführung in den Glauben, S. 55. Ist dies nicht Modernismus im eigentlichen Sinn, Modernismus in Reinkultur? Und dieser Mann wird vom Papst beauftragt, das Referat vor dem Konsistorium über die Familie und die heutigen drängenden Familienprobleme zu halten! Aber kann ein solcher modernistischer Glaube noch Grundlage für die christliche Sittenlehre sein? Und wo bleibt hier die Furcht des Herrn, die der Anfang jeglicher Weisheit ist (vergl. Ps 109)?

Die Rede von Kardinal Kasper am 20. Februar 2014 vor dem Konsistorium

Doch kehren wir zum Referat zurück, das fristgerecht zur Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 10. März bei Herder in gedruckter Form erschienen ist. Man geht wohl kaum fehl, wenn man hier eine Nebenabsicht vermutet.

Im ersten Teil behandelt der Kardinal die Familie in der Schöpfungs- und christlichen Erlösungsordnung, spricht von den Strukturen der Sünde im Leben der Familie und von der Familie als Hauskirche. Dabei findet sich durchaus der eine oder andere schöne und richtige Gedanke; so heißt es z. B. auf S. 42: „Das neue Herz verlangt immer wieder neu Herzensbildung und setzt Herzenskultur voraus. Das familiäre Leben will gepflegt werden gemäß den drei Schlüsselworten des Heiligen Vaters: Bitte, Danke, Entschuldigung. Man muss Zeit füreinander haben und den Sabbat bzw. Sonntag miteinander feiern, immer wieder Nachsicht, Vergebung und Geduld üben; immer wieder neu sind Zeichen des Wohlwollens, der Wertschätzung, der Zärtlichkeit, der Dankbarkeit und der Liebe nötig. Das gemeinsame Gebet, das Sakrament der Buße und die gemeinsame Feier der Eucharistie sind eine Hilfe, um das Band der Ehe, das Gott um die Ehepartner gelegt hat, immer wieder neu zu festigen. Es ist immer etwas Schönes, älter gewordenen Ehepaaren zu begegnen, die noch im fortgeschrittenen Alter in einer reif gewordenen Weise verliebt sind. Auch dies ist Zeichen eines erlösten Menschseins.“ Aber ist die Familie wirklich „der Weg der Kirche“, wie der Kardinal dies am Ende von Kapitel 4 behauptet? Ist nicht vielmehr die Kirche der Weg der Familie?

Der Hauptakzent im ganzen Referat gilt jedoch ohne Zweifel dem Problem der geschiedenen „Wiederverheirateten“, dem 5. Kapitel. Er hat völlig recht, wenn er feststellt, die zunehmende Zahl von zerbrochenen Familien bedeute für die Zukunft der Kirche eine Tragödie. Leider vermisst man die tieferen Gründe für eine solche Entwicklung: Verwässerter, verkürzter und verfälschter Glaubensunterricht bzw. völliges Ausfallen eines solchen Unterrichts nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte hindurch, bezüglich der Heiligkeit der Ehe als Abbild der Verbindung zwischen Christus und seiner Braut, der Kirche, und damit der Unauflöslichkeit des ehelichen Bandes. Hier muss entschiedene Anklage gegen die Bischöfe erhoben werden, die als Lehrer des Glaubens und der Sitten in ihrer Diözese ihr Amt sträflich vernachlässigt haben. Von Kardinal Kasper ist beispielsweise nicht bekannt, dass er als Bischof von Rottenburg gelegen und ungelegen die Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe in Predigt, Katechese und Vorträgen verteidigt hätte.

Der Referent hat Recht, wenn er sagt, man dürfe den „Heroismus verlassener Partner, die allein bleiben und sich allein durchs Leben schlagen, […] bewundern und unterstützen“ (S. 55). Aber das Christentum fordert eben bisweilen einen solchen Heroismus, der aus menschlicher Kraft heraus nicht aufgebracht werden kann, wohl aber mit Hilfe der Gnade Gottes, wie auch in unserer Zeit das Verhalten zahlreicher verlassenen Ehegatten beweist, die die Treue bewahren. Hat nicht der hl. Paulus gesagt, er vermöge alles in demjenigen, der ihn stärkt?

Die nächsten Sätze Kardinal Kaspers lassen einem die Haare zu Berge stehen: „Doch viele verlassene Partner sind um der Kinder willen auf eine neue Partnerschaft und auf eine neue zivile Eheschließung angewiesen, die sie ohne Schuld nicht wieder aufgeben können. Oft erfahren sie in solchen Verbindungen nach vorhergehenden bitteren Erfahrungen menschliches Glück, ja geradezu ein Geschenk des Himmels.“ (S. 55) (Hervorhebungen von uns.) Sagen wir es klipp und klar: Eine solche neue Verbindung ist und bleibt ein Anschlag auf die Unauflöslichkeit der Ehe und stellt eine schwere Sünde dar. Es ist wahr, dass man die Kinder, die aus solchen Verbindungen geboren wurden, nicht ohne weiteres verlassen kann; doch die Kirche weiß in ihrer Weisheit auch auf solche konkreten Situationen zu antworten mit Lösungen, welche das allgemeine Sittengesetz beobachten. Es nützt demnach wenig, wenn im nächsten Abschnitt gesagt wird: „Die Unauflöslichkeit einer sakramentalen Ehe und die Unmöglichkeit, zu Lebzeiten des anderen Partners eine zweite sakramentale Ehe zu schließen, [ist] ein verbindlicher Teil der Glaubenstradition der Kirche.“ (S. 55)

Etwas weiter finden wir in dem Text eine wahre Offenbarung des Denkens des Kardinals und seiner Gesinnungsfreunde. Es heißt dort: „Wir befinden uns heute in einer ähnlichen Situation wie beim letzten Konzil, als es um die Frage der Ökumene oder der Religionsfreiheit ging. Auch damals gab es Enzykliken und Entscheidungen des Heiligen Offiziums, die weitere Wege zu versperren schienen. Das Konzil hat jedoch, ohne die verbindliche dogmatische Tradition anzutasten, Türen geöffnet.“ (S. 57) Das ist es, was die Bruderschaft St. Pius X. seit Jahren beklagt: Das Konzil hat Türen hin zum Irrtum geöffnet und damit den nachkonziliaren Zusammenbruch wesentlich verursacht. Eminenz rechtfertigt diese „Weiterentwicklung“ mit einer „Hermeneutik, die zugleich juristisch und pastoral ist“ (S. 60).

Papst Benedikt XVI. hat geschiedenen „Wiederverheirateten“ zwar nicht die sakramentale, wohl aber die geistige Kommunion zugestanden, so unser Referent; und er fragt sich, warum sie dann nicht die sakramentale Kommunion empfangen können. Die Antwort ist einfach: Die geistige Kommunion setzt die Reue über die Sünden voraus und fleht Gott um Hilfe an, um einen Ausweg aus dieser Lage zu finden, während die sakramentale Kommunion den sündhaften Zustand sanktioniert, Scheidung und Konkubinat segnet und den Sünder auf seinem Weg des zeitlichen und ewigen Verderbens bestätigt. Das Gleiche gilt übrigens auch für die vom Kardinal vorgeschlagene Zeit der Buße, bevor geschiedene „Wiederverheiratete“ die hl. Kommunion empfangen können: Wie die Reue, so muss auch die Buße begleitet sein vom ernsten Willen der Lebensbesserung; sonst ist sie wertlos. Hat nicht der Heilige Geist durch den Mund bzw. die Feder des hl. Paulus verkündet, wer unwürdig esse und trinke, d. h. die Eucharistie sakramental empfange, der esse und trinke sich das Gericht (1 Kor 11,29)? Kann es also eine größere Unbarmherzigkeit den Seelen gegenüber und ein größeres Unrecht hinsichtlich der Lehre der Kirche geben? Das Kompendium zum Katechismus der katholischen Kirche sagt mit der ganzen Tradition auf S. 242, die Sünder zurechtzuweisen sei ein geistiges Werk der Barmherzigkeit. Hier sieht man, wie die Männer der Kirche nach dem Konzil den übernatürlichen Gesichtspunkt des Heiles der Seele fast vollständig aus dem Blick verloren haben. Offensichtlich weiß der Kardinal nicht zu unterscheiden zwischen dem Verwerfen der Sünde und der Barmherzigkeit dem Sünder gegenüber. In seiner Antwort auf die Einwände seiner Mitbrüder im Kardinalskollegium betont er, die Barmherzigkeit sei „hermeneutisches Prinzip für die Auslegung der Wahrheit“ (S. 79) – mit diesem Argument kann freilich jedes Dogma ausgehebelt werden – und beruft sich dann auf die Epikie (S. 82). Diese besteht darin, dass man bei Abwesenheit des Gesetzgebers in einem konkreten Fall begründeter Weise annimmt, dieser habe in diesem schwierigen Fall nicht verpflichten wollen, obwohl er ganz klar unter den Wortlaut des Gesetzes fällt. Da aber Gott als Schöpfer das Naturgesetz in seine Schöpfung hineingelegt und jeden Fall vorausgesehen hat und er allgegenwärtig ist, gibt es für das Naturgesetz schlechthin keine Epikie.<

Die Haltung des Papstes

Nach der Rede am Donnerstagvormittag kam es am Nachmittag im Konsistorium zum Teil zu heftigem Widerspruch und Angriffen auf die Rede Kaspers. Doch Papst Franziskus fand am Freitagmorgen viel Lob für den deutschen Kardinal. In seinen Ausführungen „habe ich die Liebe für die Kirche gefunden“. Und weiter: „Gestern vor dem Einschlafen, aber nicht um einzuschlafen, habe ich die Arbeit von Kardinal Kasper gelesen, noch einmal gelesen“, sagte der Papst heute zur Eröffnung des zweiten Tages des Konsistoriums. Franziskus meint die Rede von Kardinal Kasper. „Ich möchte ihm danken, weil ich eine tiefe Theologie vorgefunden habe, ein gelassenes und unbeschwertes theologisches Denken. Es ist angenehm, eine unbeschwerte Theologie zu lesen. Und ich habe das vorgefunden, was der hl. Ignatius den sensus ecclesiae nennt, die Liebe für die Mutter Kirche. Es hat mir gut getan und es kam mir dazu eine Idee, aber bitte, verzeihen Sie mir, Eminenz, wenn ich Sie in Verlegenheit bringe. Die Idee ist: Das nennt sich, Theologie auf den Knien zu betreiben. Danke. Danke.“ 11)Giuseppe Nardi, Katholisches.info vom 21. Februar 2014

Die weiteren Folgen

Neben dem Widerspruch, den der Kardinal beim Konsistorium nach seiner Rede erfuhr, gab es freilich auch Zustimmung für seinen Vorstoß. Münchens Erzbischof, Kardinal Marx, zeigte sich nach der Rede Kaspers begeistert. Die Rede sei die „Ouvertüre“ zu einer Diskussion, die so schnell nicht enden werde. Kardinal Marx hatte den Glaubenspräfekten Müller öffentlich und bissig getadelt, als dieser an die katholische Lehre erinnerte, nämlich an die Unauflöslichkeit der Ehe und damit an die Unmöglichkeit, geschiedene „Wiederverheiratete“ zur Kommunion zuzulassen. Beeindruckt gab sich auch Wiens Erzbischof, Kardinal Schönborn. In der aktuellen Ausgabe der Wiener Kirchenzeitung bezeichnet er Kaspers Referat als „blendend formuliert“ und „hervorragend“. Es gehe darum, zu „sondieren, wo die Familien der Schuh drückt“, so Kardinal Schönborn. 12)Giuseppe Nardi, Katholisches.info. vom 27. Februar 2014

Die mit der Rede Kaspers aufgebrochene Wunde wird noch lange eitern und dem mystischen Leib Christi weiter schwersten Schaden zufügen, und dies nicht zuletzt wegen der Deckung Kaspers durch den Papst. Die Spaltung zeigte sich unmittelbar bei der Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Münster, insbesondere auch anlässlich der Wahl des neuen Vorsitzenden.

Die jetzt in Gang gekommene Diskussion stellt einen neuen Dammbruch dar ähnlich jenem nach der Enzyklika Humanae vitae von Paul VI. durch die Königsteiner Erklärung, in der die deutschen Bischöfe feststellten, die Eheleute könnten ihrem persönlichen Gewissen folgen. Eine Vorwegnahme dieser weiteren Folgen für die Ehemoral kann man bereits nachlesen in der Handreichung für die Seelsorge, herausgegeben im September 2013 vom erzbischöflichen Seelsorgeamt der Erzdiözese Freiburg. Dort finden sich unter anderem folgende Aussagen:

„Die zweite eheliche Gemeinschaft muss sich über einen längeren Zeitraum hinweg im Sinne eines entschiedenen und auch öffentlich erkennbaren Willens zum dauerhaften Zusammenleben nach der Ordnung der Ehe als sittliche Realität bewährt haben. […]“

Solche Partner „verdienen aufgrund der menschlichen Werte, die sie gemeinsam verwirklichen, und nicht zuletzt durch ihre Bereitschaft, in öffentlicher Form und auf rechtlich verbindliche Weise Verantwortung füreinander zu übernehmen, moralische Anerkennung. […] Das Paar wünscht sich die Zusage, von Gott in seinem Leben begleitet und beschützt zu sein. Sie erhoffen sich eine Begleitung, die ihnen Ermutigung und Zuversicht für das Wagnis ihres neuen Lebensprojekts zuspricht. […] Als Zeichen dienen die Segnung und die Übergabe einer Kerze. […]

Entsprechend gibt es dann eine liturgische Feier mit Segnung für solche Paare: „Eine Kerze wird an der Osterkerze entzündet, das Paar hält die Kerze gemeinsam.“ Folgendes Gebet wird vorgeschlagen: „Lasset uns beten. Ewiger Gott, bei dir finden wir Vergebung, Liebe und neues Leben. Du machst das Leben hell. Wir bitten dich, segne diese Kerze. Wie ihr Schein das Dunkel erhellt, so erleuchtest du den Lebensweg eines jeden Menschen. Sei Licht für NN. und NN., damit sie dich in glücklichen Tagen loben, in der Not sich bei dir aufrichten und in allem, was sie tun, deine stützende Nähe erfahren. Hilf, dass sie sich in deinem Licht bergen und stärken. Darum bitten wir dich durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Je nach Situation und Ort evtl. sinnvoll: Gebet für die ganze (neue) Familie (Benediktionale S. 239) – Segensgebet für das gemeinsame Haus (Benediktionale S. 270)“.

Ist dies nicht die Segnung des Konkubinats und damit die Segnung der Sünde?

Der Kardinal prognostiziert in seinem Vorstoß die sakramentale Kommunion nur für einen kleineren Teil der im Konkubinat lebenden Menschen. Aber wer wählt hier aus? Und werden sich nicht alle anderen dann als Dummköpfe vorkommen? Wie bei der Königssteiner Erklärung ist der Damm gebrochen, die Praxis sakrilegischer Kommunionen des angesprochenen Personenkreises wird sich rapide überall durchsetzen.

Die Neomodernisten haben im Konzil und nach dem Konzil dem Glauben und der Tradition der Kirche schweren Schaden zugefügt, aber wenigstens offiziell noch einigermaßen die Sittenlehre verteidigt. Kardinal Kasper bläst jetzt zum Angriff auf diese.

Die Lehre der Kirche über die Ehe

Die christliche Ehe ist die geistige Nachbildung des Bundes Gottes mit seinem Volk, noch mehr der bräutlichen Verbindung Jesu Christi mit seiner Kirche. Sie ist, wenn sie vollzogen ist, unauflöslich und vom Herrn selbst als ein wahres und eigentliches Sakrament eingesetzt.

Ihr erstes Ziel liegt darin, das Leben weiterzuschenken und die von Gott anvertrauten Kinder zu wahren Christen zu erziehen. Ihr zweites Ziel liegt in der gegenseitigen Hilfe und Heiligung der Ehegatten. Dazu ist sie ein Heilmittel gegen die ungeordnete fleischliche Begierde.

Führen wir zur Verteidigung der Würde, Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe als Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau die Christusworte an: „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,6) und „Jeder, der seine Frau entlässt und eine andere heiratet, der bricht die Ehe; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe“ (Lk 16,18). Geht der Christ folglich während der Lebenszeit seines Ehegatten eine neue zivile Verbindung ein, so ist dies ein Ehebruch und schwere Sünde, die ihn vom Empfang der Sakramente ausschließt, „Täuschet euch nicht! Ehebrecher werden das Reich Gottes nicht besitzen“ (1 Kor 6,9).

Dies ist die durchgehende Lehre der Kirche, die das Konzil von Trient in seiner 24. Sitzung am 11. November 1563 noch einmal mit aller Klarheit herausgestellt hat. Im Kanon 7 über das Sakrament der Ehe heißt es: „Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie lehrte und lehrt, gemäß der Lehre des Evangeliums und des Apostels [vergl. Mt 5,32; 19,9; Mk 10,11f; Lk 16,18; 1 Kor 7,11] könne das Band der Ehe wegen Ehebruchs eines der beiden Gatten nicht aufgelöst werden, und keiner von beiden, nicht einmal der Unschuldige, der keinen Anlass zum Ehebruch gegeben hat, könne, solange der andere Gatte lebt, eine andere Ehe schließen, und derjenige, der eine Ehebrecherin entlässt und eine andere heiratet, und diejenige, die einen Ehebrecher entlässt und einen anderen heiratet, begingen Ehebruch: der sei mit dem Anathema belegt.“ 13)Heinrich Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Herder Verlag, 40. Auflage 2005, S. 574-575

In jüngster Zeit hat die Glaubenskongregation am 14. September 1994 in einem Schreiben über den Kommunionempfang von geschiedenen „wiederverheirateten“ Gläubigen eine solche Praxis verworfen. Als Folge auf das lebhafte Echo hat dann Kardinal Ratzinger noch einmal die Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe betont und auf Einwände und Vorwürfe geantwortet. Als im 16. Jahrhundert Heinrich VIII. von England unrechtmäßig eine neue Verbindung mit der Hofdame Anna Boleyn eingehen wollte, hat der Heilige Stuhl die Heiligkeit der Ehe selbst um den Preis des Abfalls eines ganzen Landes von der römischen Mutterkirche verteidigt. Weiter zurückblickend sehen wir bereits Johannes den Täufer, der den ehebrecherischen Herodes mahnt, „es ist dir nicht erlaubt, deines Bruders Frau zu haben“ (Mk 6,18). Für dieses Zeugnis hat er sein Leben hingegeben und sein Blut vergossen. Nur eine solche Wahrheitsliebe und Standhaftigkeit bei den Männern der Kirche, allen voran bei den Bischöfen und den Vertretern des Heiligen Stuhles, sind imstande, die Christenheit wieder aufzurichten.

Pater Franz Schmidberger ist Regens des Seminars Herz Jesu, ehemaliger Generaloberer der Bruderschaft St. Pius X.

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Referenzen   [ + ]

1. Zitate entnommen aus der Zeitschrift Der Spiegel 5/2014
2. Gott in der Geschichte, Aufsatz von Walter Kasper, erschienen in Gott heute, 15 Beiträge zur Gottesfrage von Norbert Kutschki, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, 1967
3. Einführung in den Glauben, Walter Kasper, 1974, Matthias-Grünewald-Verlag, 7. Auflage 1983, Kapitel 9.4, S. 148
4. Jesus der Christus, Walter Kasper, Matthias-Grünewald-Verlag, 7. Auflage 1978, II. Teil: Geschichte und Geschick Jesu Christi, Kapitel III, S. 105-106
5, 6. ibd., S. 106
7. ibd, S. 149-150
8. ibd., S. 129
9. Kasper, Jesus un der Glaube, in: Walter Kasper, Jürgen Moltmann, Jesus ja – Kirche nein? /theologische Meditationen 32), Zürich, Einsiedeln, Köln 1973, S. 20
10. Kasper, Einführung in den Glauben, S. 55
11. Giuseppe Nardi, Katholisches.info vom 21. Februar 2014
12. Giuseppe Nardi, Katholisches.info. vom 27. Februar 2014
13. Heinrich Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Herder Verlag, 40. Auflage 2005, S. 574-575
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Zeitlos
Mühelos kann sich jetzt jede, jeder, überzeugen, dass Kasper Häresien verbreitet hat, die den katholischen Glauben im Kern treffen. Er durfte nicht nur mit vielen anderen bei denjenigen den Glauben zerstören, die ihn als Priester oder Laientheologen weiter zu geben haben, er wurde für seine zerstörerische Tätigkeit geehrt, zum Bischof geweiht und zum Kardinal ernannt. Nicht nur er. Er ist aufgestiegen, Bischof und Kardinal geworden unter Johannes Paul II. Glaubenspräfekt Ratzinger hat – so weit bekannt ist – keinen Einspruch erhoben. Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. hat ihn, Johannes Paul II., im Eiltempo seliggesprochen. Nun steht uns in 14… weiter lesen »
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