Die sieben letzten Worte — Das fünfte Wort: Mich dürstet!

erstes_wortvon Bischof Fulton J. Sheen

Dies ist der kürzeste der sieben Rufe vom Kreuz. In unsere Sprache übersetzt enthält er nur zwei Wörter, aber das Original hat nur eines. Unser Herr fährt in Seiner Predigt fort; er flucht nicht denen, die Ihn ans Kreuz schlugen, Er findet kein Wort des Tadels für Seine furchtsamen Jünger am Saum der Straße, kein Wort der Verachtung für die römischen Soldaten, keines der Hoffnung für Magdalena, keines der Liebe für Johannes, und Er richtet kein Wort, das Leben verspräche, an Seine eigene Mutter. Nicht einmal an Gott wendet Er sich in diesem Augenblick. Aus den Tiefen Seines heiligen Herzens kommt nur ein erschütternder Ruf über Seine trockenen Lippen: „Mich dürstet!“

Er, der Gottmensch, der die Sterne in ihre Bahnen lenkte und Sphären in den Raum schleuderte, dem die Erde wie Flittertand am Handgelenk baumelt, aus dessen Händen Planeten und Welten fielen, hätte sagen können: Das Meer ist Mein und Mein sind die Flüsse in tausend Tälern wie die Wasserfälle in tausend Gebirgen. Er bittet jetzt den Menschen, einen Teil Seiner Schöpfung, um Hilfe. Er fleht um einen Trunk. Nicht nach einem Trunk irdischen Wassers verlangt Ihn, das meint er nicht, aber nach einem Trunk der Liebe. „Mich dürstet — nach Liebe!“

Das vorausgehende Wort offenbarte das Leid und die Qualen des Menschen in der Gottesferne; dieses Wort nun enthüllte das Leid Gottes in der Menschenferne. Der Schöpfer kann nicht ohne das Geschöpf leben, der Hirt nicht ohne das Schaf und der Durst von Christi Liebe braucht das Wasser der Christenseelen.

Aber was tat Er, das Ihm einen Anspruch auf meine Liebe geben könnte? Wie sehr liebt Gott mich? Oh, wenn ich es wirklich erfahren möchte, wie sehr Gott mich geliebt hat, dann muß ich die tiefe Bedeutung dieses Wortes „Liebe“ einmal ausloten, jenes Wortes, das so oft gebraucht und so wenig verstanden wird. Liebe heißt in erster Linie geben. Gott hat Seine Allmacht dem Nichts geschenkt, Sein Licht in die Dunkelheit gegeben, das Chaos mit Seiner Ordnung erfüllt — das ist die Schöpfung. Die Liebe drängt es, dem Geliebten Geheimes zu erzählen; in der Heiligen Schrift hat Gott von den Geheimnissen der Natur und von seiner großen Liebe zu der gefallenen Menschheit gesprochen; dies ist die Offenbarung. Aber Liebe heißt auch, für den Geliebten leiden und darum sprechen wir von den Pfeilen der Liebe, die Wunden schlagen. Gott leidet für uns jetzt am Stamm des Kreuzes, denn „niemand hat größere Liebe als wer sein Leben hingibt für seine Freunde“. Liebe bedeutet schließlich auch ein Einswerden mit dem andern, nicht nur in der Einheit des Fleisches, sondern auch in der Einheit des Geistes. Gott hat uns so geliebt, daß er die Eucharistie einsetzte, damit wir in Ihm und Er in uns Wohnung nehmen in der Einheit des Brotes des Lebens, die alle Begriffe übersteigt. Die Liebe sehnt sich nach ewiger Vereinigung mit dem Geliebten; Gottes Liebe ist so groß, daß Er uns die Wohnungen Seines Vaters verheißen hat, wo Friede und Freude regieren, wie die Welt sie nicht geben und die Zeit sie nicht nehmen kann; das ist der Himmel.

Gewiß, nun hat die Liebe sich verausgabt; da ist nichts mehr, was Christus noch für Seinen Weinberg tun könnte. Er hat alle Wasser Seiner ewigen Liebe auf unsere verdurstenden Herzen ausgegossen und so ist es denn kein Wunder, daß nun Er nach Liebe dürstet. Wenn Liebe auf Gegenseitigkeit beruht, dann hat sicher niemand mehr Recht auf unsere Liebe als Er. Warum nur erwidern wir sie nicht? Warum lassen wir das Göttliche Herz nach dem Menschenherzen dürsten? Warum muß er klagen:

„Weh dir, da du Mich fliehst, flieh‘n alle Dinge dich,
Du traurig, kläglich, nutzlos Ding.
Warum denn sollte irgend jemand lieben dich.
Ich machte groß dein Nichts“, so sprach der Herr,
„Gab Menschenliebe dir, nach dem Verdienst.
Wie hättest du’s verdient,
Von allen Menschen du der Niedrigste?
Du weißt ja nicht
Wie wenig du der Liebe würdig bist.
Bei wem willst armer Wurm du Liebe finden denn
Wenn nicht bei Mir, bei Mir allein!“
(Francis Thompson, The Hound of Heaven)

Gebet

Lieber Jesus! Du hast alles für mich gegeben und ich gebe Dir nichts dafür. Wie oft bist Du gekommen, um in dem Weinberg meiner Seele zu ernten, und fandest nichts als nur wenige Trauben. Wie oft suchtest Du und fandest nichts. Wie oft klopftest Du an, und das Tor meines Herzens blieb Dir verschlossen! Wie oft batest Du um einen Trunk und ich gab Dir nur Essig und Galle!

Wie oft, lieber Jesus, fürchtete ich, ich dürfte nichts anderes mehr besitzen, wenn ich Dich mein eigen nennte. Ich vergaß, daß ich wohl nicht mehr an den Funken dächte, besäße ich die Flamme, daß ich nicht mehr an die Kerze des Menschenherzens dächte, besäße ich die Sonne Deiner Liebe; daß ich nicht mehr an den gebrochenen Bogen der Erde dächte, wenn ich das vollkommene Rund Deines Glücks besäße. Oh Jesus, meine Geschichte ist die traurige Geschichte eines Menschen, der sich weigerte, Herz für Herz und Liebe um Liebe zu geben. Schenk mir, von allen menschlichen Gaben die süße Gabe des Mitgefühls mit Dir.

Bin ich ein Stein und nicht ein Schaf,
Daß unter Deinem Kreuz ich stehen kann, oh Herr, Und sehen wie Dein Blut verströmt
Und keine Träne hat mein Antlitz mehr.

So war die Liebe jener Frauen nicht,
Die voller Schmerz beklagten Dich.
Wie anders weinte Petrus nach dem Fall,
Wie anders war bewegt der Dieb.

Nicht so wie Sonn und Mond
Die ihr Gesicht verbargen
Am Himmelszelte ohne Sterne
Als Schrecken ob der großen Dunkelheit zur Mittagszeit mich überfiel.

Doch gib nicht auf,
Such, treuer Hirte, nun Dein Schaf
Und wende Dich und schau noch einmal um;
Größer als Moses schlage an den Fels.
(Christian Rossetti)

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