Solesmes und Dom Guéranger

Solesmes-und-Dom-Gueranger-1805-1875von M. Benedikt Buerger

In seiner kurzen Vorrede zu „Solesmes und Dom Guéranger (1805-1875)“ von Dom Louis Soltner OSB beschreibt der Benediktinerpater Cyrill Schäfer, Chef des EOS Verlags, wie es zur deutschen Ausgabe des bereits Mitte der 1970er-Jahre in Frankreich erschienenen Buches kam. „Bei einem Besuch in der Abtei Solesmes im April 2009 wurde von Verlag zu Verlag besprochen, wie die französische Tradition des benediktinischen Ordenslebens besser im deutschen Sprachraum bekannt gemacht werden könne.“ So kam es im EOS Verlag in den letzten Jahren zu einer Reihe lesenswerter Veröffentlichungen auf jenem Gebiet, darunter im Jahre 2011 eben auch das angesprochene Werk von Dom Soltner. Da das benediktinische Ordensleben – wie das Ordensleben überhaupt – nach der brutalen und kirchenfeindlichen französischen Revolution wieder neu aufgebaut werden musste, ist die von Pater Cyrill erwähnte „französische Tradition“ der Benediktiner untrennbar verbunden mit Dom Prosper Guéranger und der Abtei Saint-Pierre de Solesmes.Während die Biografie des Gründers und ersten Abtes von Solesmes aus der Feder von Dom Guy-Marie Oury OSB (2013 auf Deutsch erschienen im Be&Be-Verlag) äußerst umfangreich ist, gelingt der Einstieg in die nachrevolutionäre Wiederherstellung des Ordenslebens in Frankreich mit „Solesmes und Dom Guéranger (1805-1875)“ gerade für Leser ohne nennenswerte Vorkenntnisse etwas leichter. Es gibt weder einen Fußnotenapparat noch ein Literaturverzeichnis, dafür aber zahlreiche Bilder, die das auch visuelle Eintauchen in die Zeit Dom Guérangers ermöglichen. Dabei sind einige wenige Abbildungen leider gar zu klein geraten.

In elf Kapiteln schildert Dom Soltner die Herausforderungen, denen sich Dom Guéranger gegenübersah, und zeichnet ein feines Charakterbild des Abtes von Solesmes. Der Aufbau des Buches ist praktisch und angemessen: „Wir wollen über das Leben von Dom
Guéranger nicht rein chronologisch berichten, sondern ihn auch als Mönch in seiner Gemeinschaft würdigen.“ Die Übersetzung von
Elisabeth Gais ist an sich recht solide, doch gibt es einige marginale Schwächen. Beispielsweise ist einmal von der Weihe zum
„stellvertretenden Diakon“ die Rede, womit das Subdiakonat gemeint ist, oder von „Konfirmation“ statt von „Firmung“ – wobei im
Eifer des Gefechts das französische Wort „confirmation“ schnell falsch übersetzt werden dürfte.

Besonders lesenswert sind die Ausführungen Dom Soltners zur väterlichen „Herrschaft“ des Abtes in seinem Kloster. Dom Guéranger zeigte sich etwa gegenüber menschlichen Schächen seiner Mönche durchaus nachsichtig: „[Dom Guéranger] störten nur fehlendes Interesse und mangelnde Begeisterung.“ Seine Nächstenliebe sei „der Zärtlichkeit eines mitfühlenden Herzens“ entsprungen, schreibt Dom Soltner. Ein gesunder Humor war Dom Guéranger nicht fremd: „Wenn der Abt abwesend war, fehlte sein Schwung bei den Spaziergängen und in den Rekreationen. Er schätzte ernsthafte Unterhaltungen – etwa mit Dom Pitra –, aber er liebte es auch, seine Mitbrüder zum Lachen zu bringen. Seine heitere Natur half ihm dabei: ‚Ich habe eine besondere Gnade erfahren, die mich vor der Schwermut schützt. Nie ist sie in mir aufgekommen, und ich verjage sie, wo immer ich sie antreffe.‘ Tatsächlich machten die Mönche einen glücklichen Eindruck: In dieser Zeit der romantischen Melancholie waren einige Besucher darüber sehr erstaunt.“

Im letzten Kapitel, „Die Kunst des Erbens“, zitiert der Autor einen gewissen Bischof Freppel: „Gott loben heißt, dafür zu sorgen, dass Gott gelobt wird. Das ganze Werk Dom Guérangers steckt in diesem einzigen Gedanken: Alles Übrige ist nur die Folge. Darin bestand der Sinn seines Auftrags und seines ganzen Lebens.“ Das Lebenswerk des großen Abtes von Solesmes, das gerade durch den EOS Verlag nun – Gott sei Dank! – auch einem deutschsprachigen Leserkreis immer weiter zugänglich gemacht wird, fasst Dom Solter in „Solesmes und Dom Guéranger (1805-1875)“ mit folgenden Worten zusammen: „Er hat als Mann des Glaubens bei seinen Mönchen und bei vielen seiner Zeitgenossen das Wichtigste überhaupt erreicht: die Lobpreisung Gottes.“ Möge auch heute die Gestalt Dom Guérangers all jene, die ihr begegnen, zu einer immer vertrauteren Beziehung mit unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus führen!

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