Postmoderner Papst Franziskus will theologische Diskussion überwinden – Die Niederlage Benedikts XVI.

Die Niederlage Benedikts XVI. und der Aufstieg des ersten wirklichen Konzilspaptes Franziskus(Rom) Das Leiden, an dem die Kirche krankt, rührt von weit her. Seinen Ausdruck findet es darin, daß sich der Glauben von der transzendenten Wahrheit löst und zur „Erfahrung“ wird. Der bekannte Historiker Roberto de Mattei befaßt sich in seinem jüngsten Aufsatz mit der Kritik an den Aufsätzen des Rechtsphilosophen Mario Palmaro und des Journalisten Alessandro Gnocchi, in denen sie Bedenken zu Aussagen und Gesten von Papst Franziskus äußern. De Mattei kommt dabei zum Schluß, daß Joseph Ratzinger den Kampf um die Überwindung des „virtuellen“ Konzils verloren hat. Eine Niederlage, die auch daher rühre, daß er als Papst Benedikt XVI. die Frage der Interpretation des Konzils und damit die Diskussion über Fehlentwicklungen der Nachkonzilszeit nicht mit päpstlicher Autorität entschied. Mehr noch, daß er mit einer bloßen Frage der Hermeneutik der von ihm erkannten Fehlentwicklung nicht wirklich etwas entgegengesetzt hat, das Abhilfe schaffen hätte könnnen. Durch diese Niederlage breite sich nun die neue „Pastoralität“ von Franziskus aus. Für de Mattei ist Franziskus der erste Papst, der wirklich das „Produkt“ des  Zweiten Vatikanischen Konzils auf dem Stuhl Petri ist. Die für einen Papst erstaunlichen wie unzumutbaren theologischen Ungenauigkeiten, durch die Papst Franziskus auffällt, wären demnach kein Zufall, sondern das Ergebnis des Vorrangs, der der Glaubenspraxis vor der Glaubenslehre eingeräumt wird. Ungenauigkeiten bis hin zu Widersprüchlichkeiten seien gewollt, da sich Papst Franziskus als postmoderner Papst verstehe, der die theologische Diskussion überhaupt überwinden wolle. Die Theologie habe sich der situationsbedingten pastoralen Praxis zu unterwerfen.

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Die sich verflüssigende Kirche – Das Leiden der Kirche kommt von weit her

Von Roberto de Mattei

Der Großteil derer, die sich von den Artikeln von Alessandro Gnocchi und Mario Palmaro in der Tageszeitung Il Foglio distanziert haben, beschränkte sich auf eine grundsätzliche Verurteilung und mied eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den von den beiden katholischen Autoren berührten Argumenten. Doch die von Gnocchi und Palmaro aufgeworfenen Probleme drücken nicht nur das Unbehagen vieler aus, sondern werfen eine Reihe von Problemen auf, die über die Person von Papst Franziskus hinausgehen und insgesamt die vergangenen 50 Jahre im Leben der Kirche betreffen. Gnocchi und Palmaro haben diese Probleme bereits in einem Buch ans Tageslicht gebracht, das nicht die Aufmerksamkeit fand, die es verdient hätte: (Dornröschen. Warum die Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in eine Krise geraten ist. Warum sie sich wieder erholen wird. 1)La Bella addormentata. Perché dopo il Vaticano II la Chiesa è entrata in crisi. Perché si risveglierà, Fede & Cultura, Verona 2012 Die „schlafende Schöne“ ist die Braut Christi, die in ihrer göttlichen Erscheinung ihre Schönheit unverändert bewahrt, aber in einen tiefen Winterschlaf gefallen scheint. In ihrer menschlichen Erscheinung aber hat sie ein entstelltes Gesicht von einer Plage, die tödlich schiene, wenn wir nicht wüßten, daß ihr Unsterblichkeit verheißen ist.

Das Übel, das mit Zweitem Vatikanum zum Ausbruch gelangte

Das Übel, an dem die Kirche leidet, kommt aus der Ferne und kam mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zum Ausbruch, dessen 50jähriges Gedenken man feiert. Das Zweite Vatikanum, eröffnet am 11. Oktober 1963, war ein Pastoralkonzil, dem – laut eigener ausdrücklicher Erklärung – die voluntas definiendi fehlte, das heißt die Absicht, in formaler Weise dogmatische Wahrheiten zu definieren. Diese Pastoralität hatte einen anormalen Charakter, wie ein empfehlenswertes, soeben erschienenes Buch des Philosophen Paolo Pasqualucci herausstreicht (Katholiken erhebet die Herzen! Kämpfen wir furchtlos für das Wiedererstarken der Kirche). 2)Cattolici in alto i cuori! Battiamoci senza paura per la rinascita della Chiesa, Fede & Cultura, Verona 2013 Das Vatikanum II beschränkte sich eben nicht darauf, auf neue Weise (nove) die überlieferte Lehre auszudrücken, sondern wollte zu einigen Punkten auch „neue Dinge“ (nova) lehren. Keine dieser Neuheiten wurde mit dem Siegel einer dogmatischen Definition ausgestattet, aber in ihrer Gesamtheit stellten sie ein regelrechtes Lehramt dar, das als Alternative zum traditionellen präsentiert wurde. Im Namen des Vatikanum II erhoben die Neuerer den Anspruch, ab imis die gesamte Kirche zu reformieren. Um dieses Ziel zu erreichen, gingen sie vor allem auf der Ebene der Praxis beziehungsweise einer Pastoralität vor, die durch Anwendung selbst zur Doktrin wurde. Nicht zufällig sehen Giuseppe Alberigo und seine Schüler der „Schule von Bologna“ in der Pastoralität die konstituierende Dimension des Zweiten Vatikanums. Im Namen des „Konzilsgeistes“, der aus der Pastoralität des Konzils ausströmt, widersetzten sich die „Bologneser“ der „Erneuerung in der Kontinuität“, die von Benedikt XVI. vertreten wurde und begrüßen heute mit Begeisterung das Pontifikat von Papst Franziskus.

Benedikt XVI. legte seine Grundthese zum Konzil in zwei Reden am Anfang und Ende seines Pontifikats dar

Benedikt XVI. hat seine Grundthese in zwei Reden dargelegt, die sein Pontifikat einleiteten und beendeten und einen Leitfaden bieten: jener an die Römische Kurie vom 22. Dezember 2005 und jene an den römischen Klerus vom 14. Februar 2013, drei Tage nach der Rücktrittsankündigung. Diese letzte, ausführliche und artikulierte Rede hielt er frei, ex abundantia cordis und stellt gewissermaßen ein doktrinelles Testament Benedikts XVI. dar. Der Papst gibt eine Kirchenkrise zu, die mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusammenhängt, aber er schreibt die Verantwortung dafür einem „virtuellen“ Konzil zu, das das wirkliche Konzil überlagert habe. Das virtuelle Konzil ist jenes, das von den Medien und von bestimmten theologischen Kreisen durchgesetzt wurde, die im Namen eines falschverstandenen „Geistes“ des Zweiten Vatikanums, die Absichten der Konzilsväter verzerrt hätten. Eine mißbräuchliche nachkonziliare Praxis habe die Wahrheit des Konzils, die in seinen theologischen Dokumenten ausgedrückt ist, verraten und man müsse zu diesen Texten zurückkehren, um die Echtheit wiederzufinden. Das Problem des Konzils ist für Papst Benedikt nicht an erster Stelle ein historisches oder theologisches, sondern zunächst vor allem ein hermeneutisches: das Problem einer falschen Hermeneutik, die sich der authentischen Interpretation widersetzt, und zwar nicht nur der Texte, sondern des Konzilsereignisses selbst.

These Benedikts XVI. entspricht dem „Schisma“ zwischen den Zeitschriften Concilium und Communio

Die These von Papst Benedikt XVI. ist nicht neu. Es ist der Grundgedanke jener Theologen, die 1972, nachdem sie gemeinsam mit Karl Rahner, Hans Küng und Edward Schillebeeckx an der Gründung der Zeitschrift Concilium mitgewirkt hatten, diese verließen, um die Zeitschrift Communio zu gründen. Pater Henri de Lubac prägte in einem berühmten Interview, das er dem damaligen Msgr. Angelo Scola gab (Reise durch das Nachkonzil) 3)Viaggio nel postconcilio, Edit, Mailand 1985, S. 32-47 den Ausdruck „Para-Konzil“, um jene organisierte Bewegung zu benennen, die die Lehre des Konzils durch eine tendenziöse Interpretation dieses Ereignisses deformiert habe. Andere Theologen gebrauchten den Ausdruck „Meta-Konzil“ und Kardinal Joseph Ratzinger, nahm in seinem berühmten Gesprächsbuch Zur Lage des Glaubens von 1985 die These vom virtuellen Konzil vorweg, die er dann während seines Pontifikats mehrfach formulierte.

Eingeständnis eines Scheiterns – Warum aber konnte sich Benedikt XVI. nicht durchsetzen?

Die Rede des Jahrs 2013 ist jedoch vor allem das betrübte Eingeständnis einer Krise der Hermeneutik der „Erneuerung in der Kontinuität“. Das Bewußtsein dieses Scheiterns hatte sicher maßgebliches Gewicht für seine Verzichtserklärung vom 11. Februar. Warum aber ist es der „benediktinischen“ Interpretationslinie nicht gelungen, sich durchzusetzen und warum wurde sie von den Thesen der „Schule von Bologna“ besiegt, die sich unaufhaltsam an den Universitäten und den katholischen Seminaren ausbreiten?

Der Hauptgrund liegt darin, daß die Geschichte weder von der theologischen Debatte gemacht wird und noch weniger von der hermeneutischen. Die hermeneutische Diskussion legt den Akzent mehr auf die Interpretation eines Ereignisses, als auf das Ereignis selbst. Aber in dem Moment, in dem verschiedene Hermeneutiken einander gegenübergestellt werden, entfernt man sich von der Objektivität des Faktums, indem diesem die subjektiven Interpretationen des Ereignisses übergestülpt werden, die zu bloßen Meinungen reduziert werden. Angesichts einer solchen Pluralität der Meinungen, könnte das entscheidende Wort von einer höchsten Autorität gesprochen werden, die ohne jeden Schatten eines Zweifels die zu glaubende Wahrheit definiert. Doch in seinen Reden wollte Benedikt XVI., wie auch die Päpste vor ihm, seiner Interpretationsthese keinen lehramtlichen Charakter verleihen. In der stattfindenden Hermeneutikdebatte bleibt das Letzturteil daher die Objektivität der Fakten. Und wenn es ein virtuelles Konzil gab, dann ist es eine unleugbare Tatsache, daß dieses nicht weniger real war, als jenes, das in den Dokumenten festgehalten ist. Die Texte des Zweiten Vatikanums wurden in eine Schublade gelegt, während das, was mit Präpotenz in die Geschichte einging, sein „Geist“ war. Ein wenig heiliger und sehr menschlicher Geist, durch den lobbyistisches Wirken, politischer Druck und mediale Einflußnahme zum Ausdruck kamen, die den Ablauf der Ereignisse lenkten. Und da die Sprache der Texte gewollt zweideutig und undefiniert war, bot das virtuelle Konzil die authentische Lesart der Schlußdokumente. Das Konzil der Texte kann nicht von jenem der Geschichte getrennt werden, weshalb die „Schule von Bologna“ nicht ganz Unrecht hat, wenn sie die revolutionäre Neuheit des Ereignisses betont. Sie liegt allerdings falsch, wenn sie daraus einen „theologischen“ Anspruch als höchstes Kriterium zur Beurteilung der Geschichte ableiten will.

Hermeneutik Benedikts XVI. gelang es nicht, historische Entwicklung seit 1965 zu begründen

Der Hermeneutik von Benedikt XVI. ist es nicht gelungen, die Geschichte zu begründen, das, was seit 1965 bis in unsere Tage geschehen ist. Die Konzilstexte wurden von der nachkonziliaren Praxis erdrückt, einer Realität die keine Widerrede erlaubt, wenn man ihr nur eine Hermeneutik entgegensetzen will. Zudem, wenn man das Zweite Vatikanum nicht kritisieren, sondern nur auf andere Weise interpretieren darf, worin besteht dann der Unterschied zwischen den Theoretikern der Diskontinuität und jenen der Erneuerung in der Kontinuität? Für beide ist das Konzil letztlich ein irreversibles und jeder Beurteilung entzogenes Ereignis, das selbst letztes Kriterium für Lehre und Verhalten ist. Jeder, der die Möglichkeit leugnet, eine Debatte über das Zweite Vatikanum zu beginnen, und dies im Namen des Heiligen Geistes tut, der dessen Garant sei, macht daraus ein unfehlbares Ereignis und ein Superdogma, das de facto geschichtsimmanent ist.

Die Geschichte ist für den Christen aber das Ergebnis einer Verwicklung von Ideen und Ereignissen, die ihre letzte Wurzel im Gewirr menschlicher Leidenschaften und im Wirken übernatürlicher und außernatürlicher Kräfte haben, die in ewigem Konflikt miteinander stehen. Die Theologie muß sich zur Geschichtstheologie machen, um die menschlichen Angelegenheiten zu verstehen und zu beherrschen, andernfalls wird sie von der Geschichte vereinnahmt, die zum höchsten Beurteilungsmaßstab der Dinge dieser Welt wird. Der Immanentismus ist nichts anderes als der Verlust eines transzendenten Prinzips, das über die Geschichte urteilt und nicht von ihr beurteilt wird. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet sind die Absichten der Konzilsväter und die Texte, die sie produziert haben, nichts anderes als ein Teil der Realität. Das Zweite Vatikanum ist wie die französische oder die protestantische Revolution ein Ereignis, das auf verschiedenen Ebenen analysiert werden kann, aber ein Unikum mit einer besonderen Eigentümlichkeit darstellt, und als solches stellt es zweifellos einen Moment und in gewisser Weise sogar apokalyptischer historischer Diskontinuität dar.

Papst Franziskus will als postmoderner Papst theologische Diskussion überwinden

Der Sieg der „Schule von Bologna“ wurde durch die Wahl von Papst Franziskus besiegelt, der kaum über das Konzil spricht, weil er nicht an der theologischen Diskussion interessiert ist, sondern an der Realität der Fakten. Es ist die Praxis, in der er beweisen will, der wirkliche Umsetzer des Zweiten Vatikanums zu sein. Unter diesem Gesichtspunkt könnte man sagen, verkörpert er die Essenz des Zweiten Vatikanums, die zur Doktrin wird, indem es seine pastorale Dimension verwirklicht. Die theologische Diskussion gehört zur Moderne und Papst Franziskus präsentiert sich wie ein post-hermeneutischer und damit postmoderner Papst. Der Kampf der Ideen gehört einer Phase der Kirchengeschichte an, die er überwinden will. Franziskus wird ein Konservativer oder ein Progressiver sein, je nach den historischen und politischen Notwendigkeiten des Augenblicks. Die „pastorale Revolution“ ist für Alberto Melloni von der „Schule von Bologna“ das wichtigste Wesensmerkmal des Pontifikats von Franziskus I.
Melloni schrieb bereits zwei Wochen nach der Papstwahl: „‘Pastoral‘ ist ein Schlüsselbegriff, um das Pontifikat von Papst Franziskus zu verstehen. Nicht weil er Pastoraltheologie gelehrt hätte, sondern weil Franziskus, wenn er sie interpretiert, mit erstaunlicher Natürlichkeit jenes pulsierende Herz des Evangeliums in der Zeit und der Annahme (oder Ablehnung) des Zweiten Vatikanums wachruft. ‚Pastoral‘ stammt aus der Sprache von Papst Johannes: so wollte er ‚sein‘ Konzil, als ‚pastorales‘ Konzil – und so war das Zweite Vatikanum“. 4)Alberto Melloni: L’estasi pastorale di papa Francesco disseminata di riferimenti teologici (Die von theologischen Bezügen durchdrungene pastorale Extase von Papst Franziskus), in: Corriere della Sera vom 29. März 2013

Papst Franziskus und das erste wirklich authentische Konzilspontifikat

Melloni biegt wie immer die Realität, aber er hat im Grunde nicht ganz Unrecht. Das Pontifikat von Papst Franziskus ist wohl am authentischsten ein konziliares Pontifikat, jenes, in dem sich die Praxis in Lehre verwandelt mit dem Versuch, Erscheinungsbild und Realität der Kirche zu ändern. Die Hermeneutik von Benedikt XVI. ist heute zu den Akten gelegt und von der Pastoral des neuen Papstes dürfen wir uns noch einige Überraschungen erwarten. Der Chefredakteur der Tageszeitung Il Foglio hat dies durch die Veröffentlichung der Artikel von Gnocchi und Palmaro mit journalistischem und in diesem Fall auch theologischem Spürsinn intuitiv erfaßt.

Es stellt sich aber eine letzte Frage. Warum kommen die verbissensten Verteidiger des Zweiten Vatikanums und auch strengsten Kritiker von Gnocchi und Palmaro heute unter anderem aus dem Bereich der Gemeinschaft Comunione e Liberazione (CL)? Die Antwort fällt nicht schwer, wenn man an die Wurzeln von CL und die Wurzeln des Denkens ihres Gründers, Don Luigi Giussani denkt. Der Horizont von CL war und blieb jener der progressiven Nouvelle theologie. In einem berühmten, 1946 erschienenen Artikel mit dem Titel La nouvelle théologie où va-t-elle bezeichnete der Domenikaner Reginald Garrigou-Lagrange, einer der großen Theologen des 20. Jahrhunderts als Wesensmerkmal der Nouvelle théologie, die Reduzierung der Wahrheit auf die „religiöse Erfahrung“. „Die Wahrheit ist nicht mehr die Übereinstimmung des Urteils mit der extramentalen (objektiven) Realität und ihren unveränderlichen Gesetzen, sondern die Übereinstimmung des Urteils mit den Notwendigkeiten des Handelns und des menschlichen Lebens, das sich ständig wandelt. Die Philosophie des Seins oder der Ontologie wird ersetzt durch die Philosophie des Handelns, die die Wahrheit nicht mehr in Funktion des Seins, sondern des Handelns definiert“, so Garrigou-Lagrange, der Doktorvater von Karol Wojtyla war.

Die Nouvelle theologie verhindert unvoreingenommenen Blick auf die Kirchenkrise und ihre Überwindung

Wir finden dieses von Garrigou-Lagrange beschriebene Wesensmerkmal in der Sprache und der Praxis vieler Vertreter von CL. Es genügt an die ständige Betonung des Glaubens als „Begegnung“ und „Erfahrung“ zu erinnern und der damit zusammenhängenden Reduzierung der Grundsätze auf bloße Instrumente. Wahr ist, daß es kein Christentum gibt, wenn es nicht gelebt ist. Wahr ist aber auch, daß man einen Glauben, den man nicht kennt, auch nicht leben kann. Außer man ist der Meinung, wie der Modernismus und die Nouvelle theologie, daß der Glauben aus der Lebenserfahrung des Subjekts hervorgeht. Eine „Erfahrung“, die in allen Religionen möglich sei und die das Christentum zu einem Pseudo-Mystizismus oder zu einer reinen Moralpraktik reduziert.
Die Historikerin Cristina Siccardi analysiert im empfehlenswerten neuen Buch Der Winter der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 5)L’inverno della Chiesa dopo il Concilio Vaticano II. I mutamenti e le cause, Sugarco, Mailand 2013 detailliert die Folgen dieser Pastoral der „Erfahrung“ und erinnert an die Worte eines anderen großen dominikanischen Theologen des 20. Jahrhunderts, Pater Roger-Thomas Calmel: „Lehren, Riten, geistliches Leben sind einem so radikalen und so perfektionierten Prozeß der Verflüssigung unterworfen, daß sie nicht mehr die Unterscheidung zwischen Katholiken und Nicht-Katholiken erlauben. Da das Ja und das Nein, das Definierte und das Definitive als überholt gelten, fragt man sich, was die nicht-christlichen Religionen eigentlich daran hindert, nicht auch Teil der neuen Weltkirche zu werden, die durch die ökumenischen Interpretationen ständig ‚aggiornata‘ wird“. 6)Roger-Thomas Calmel: Breve apologia della Chiesa di sempre (Kleine Apologetik der ewigen Kirche), Ichtys, Albano Laziale 2007, S. 10-11

Beweist der Gläubige durch seine „religiöse Erfahrung“ die Wahrheit seines Glaubens?

So wie Karl Marx sagte, daß der Philosoph in der Praxis die Wahrheit seiner Lehre beweist, können wir in der nachkonziliaren Theologie den Grundsatz erkennen, laut dem es die „religiöse Erfahrung“ ist, mit der der Glaubende die Wahrheit seines Glaubens beweist. Im Kern geht es um den Vorrang der Praxis in der modernen säkularisierten Philosophie. Diese Philosophie der religiösen Praxis wurde von den radikalsten Sekten des 16. und 17. Jahrhunderts wie den Wiedertäufern und Sozinianern theoretisiert. Für sie wird der Glauben durch seine Intensität gemessen: was zählt, ist nicht die Reinheit und Integrität der Wahrheit, an die man glaubt, sondern die Intensität des Aktes, mit dem man glaubt. Der Glauben hat also seinen Maßstab nicht in der geglaubten Lehre, sondern im „Leben“ und dem Handeln des Gläubigen. Der Glauben wird zur religiösen Erfahrung, losgelöst von jeder objektiven regula fidei. Wir finden diese Tendenzen auch in der progressiven Theologie, die das Zweite Vatikanische Konzil vorbereitete, lenkte und zum Teil auch umsetzte.

Die progressive Nouvelle théologie hatte ihre Hauptvertreter im Dominikaner Marie-Dominique Chenu und im Jesuiten Henri de Lubac. Nicht von ungefähr war Chenu der Lehrer von Giuseppe Alberigo und de Lubac der Bezugspunkt der Schüler von Don Giussani. Und nicht zufällig findet sich unter den ersten offiziellen Texten von Comunione e Liberazione Anfang der 70er Jahre die Arbeit des Theologen Giuseppe Ruggieri mit dem Titel Zur Frage von Christentum und Revolution. Ruggieri war damals für die theologische Schriftenreihe des Verlags Jaca Book zuständig und leitet heute die von Giuseppe Alberigo gegründete Vierteljahresschrift Cristianesimo nella Storia (Christentum in der Geschichte). Gemeinsam mit Alberto Melloni ist er heute der führende Vertreter der „Schule von Bologna“. In Ruggieris intellektuellem Werdegang, wie Melloni selbst im Buch Alles ist Gnade 7)Tutto è grazia, Jaca Book, Mailand 2010 darlegt, läßt sich keine Inkohärenz feststellen. Gemeinsam ist der Theologie von CL und jener der „Schule von Bologna“ die „Theorie des Ereignisses“, der Primat der Praxis vor der Lehre, der Erfahrung vor der Wahrheit, die CL in der Begegnung mit der Person Christi ansiedelt und die „Schule von Bologna“ in der Begegnung mit der Geschichte.

Giuseppe Ruggieri war der Theologe von Comunione e Liberazione und er ist heute der Theologe der „Schule von Bologna“. Und heute dämonisieren die Vertreter von CL und der „Schule von Bologna“ gemeinsam in Gnocchi und Palmaro nicht die Kritiker von Papst Franziskus oder des Zweiten Vatikanischen Konzils, sondern die „moralistischen“ Katholiken, die den Primat der Wahrheit und des Gesetzes einfordern. Dabei sagt Jesus: „Wer mich liebt, befolgt meine Gebote“ (Joh 14,15-21). Es gibt keine Liebe zu Gott ohne Befolgung des Naturrechts und des Gottesgesetzes. Die Befolgung dieser Wahrheit und dieses Gesetzes ist der Maßstab für die christliche Liebe.

Einleitung/Übersetzung:Giuseppe Nardi
Bild: Messa in Latino/Corrispondenza Romana

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Referenzen   [ + ]

1. La Bella addormentata. Perché dopo il Vaticano II la Chiesa è entrata in crisi. Perché si risveglierà, Fede & Cultura, Verona 2012
2. Cattolici in alto i cuori! Battiamoci senza paura per la rinascita della Chiesa, Fede & Cultura, Verona 2013
3. Viaggio nel postconcilio, Edit, Mailand 1985, S. 32-47
4. Alberto Melloni: L’estasi pastorale di papa Francesco disseminata di riferimenti teologici (Die von theologischen Bezügen durchdrungene pastorale Extase von Papst Franziskus), in: Corriere della Sera vom 29. März 2013
5. L’inverno della Chiesa dopo il Concilio Vaticano II. I mutamenti e le cause, Sugarco, Mailand 2013
6. Roger-Thomas Calmel: Breve apologia della Chiesa di sempre (Kleine Apologetik der ewigen Kirche), Ichtys, Albano Laziale 2007, S. 10-11
7. Tutto è grazia, Jaca Book, Mailand 2010

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